10 Jahre DDR-Presseportal – eine Erfolgsgeschichte!

Ein Gastbeitrag von Christoph Albers (Staatsbibliothek zu Berlin) in unserer vierteiligen Blogserie ‚… und der Geschichte zugewandt‘ – 10 Jahre DDR-Presseportal in persönlichen Rückblicken.

Als am 27. Juni 2013 das DDR-Presseportal mit den drei überregionalen Zeitungen Neues Deutschland, Berliner Zeitung und Neue Zeit für die Zeit der deutsch-deutschen Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung mit über 433.000 Seiten freigeschaltet wurde, war dies ein Meilenstein in der Präsentation retrodigitalisierter Zeitungen der Staatsbibliothek zu Berlin. Zum ersten Mal wurden in einem großen Umfang Zeitungen der jüngeren deutschen Geschichte vollumfänglich mit Volltextsuche und weiteren inhaltlichen Erschließungen im Faksimile-Layout kostenfrei öffentlich zugänglich gemacht.

Das Interesse der allgemeinen und der Fachöffentlichkeit war entsprechend riesig: nicht nur Historiker und alle historisch arbeitenden Wissenschaftler, Journalisten, Mitarbeiter:innen in Gedenkstätteneinrichtungen und Museen, auch viele Orts- und Heimatchronisten und Privatpersonen zeigten sich erfreut über diese große und bequem zu recherchierende Zeitungsdatenbank. Auch zehn Jahre nach der Freischaltung hat das Portal nichts von seiner Popularität eingebüßt und zählt beständig zu den am stärksten genutzten elektronischen Ressourcen, die die Bibliothek vom eigenen Bestand im Netz anbietet.

Die vielen täglichen Recherchen von Nutzenden beziehen sich vor allem auf Personen, Ereignisse und Themen. Häufig gesucht werden zum Beispiel Ereignisse, die mit bestimmten Personen in Verbindung stehen, wie die „Rede Nikita Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956“ oder die „Deutsche Berichterstattung über den Prozess gegen Erzbischof Alojzije Stepinac im Jahr 1946“, oder zur „Berichterstattung in der DDR-Presse über den Eichmann-Prozess 1961 im Spiegel des Kalten Krieges“.

Eher ungewöhnlich sind Recherchethemen wie die „Medienrepräsentationen von Menschen mit Behinderungen in der Tagespresse der DDR“ oder das „Auftreten von lokalen Tornados (Windhosen) auf dem Gebiet der früheren DDR“, für die es in westdeutschen Wetterstationen weder Aufzeichnungen noch Presseberichte gibt. Auch die in den jeweiligen Zeitungen enthaltenen Beilagen sind von großem wissenschaftlichen Interesse: So ist die Beilage Die gebildete Nation des Neuen Deutschlands eine ausgesprochen wichtige Quelle für verschiedenste Themen der DDR-Kulturpolitik.

Mit dem Essen kommt bekanntlich der Appetit. Und so ist es nicht verwunderlich, dass über das Angebot der drei DDR-Tageszeitungen hinaus, einerseits sowohl weitere DDR-Zeitungen als auch andererseits dazu passende Zeitungen aus Westdeutschland in digitaler Form mit Volltextsuche von Nutzenden gewünscht werden:

„Ich bin ein Doktorand an der University of California und ich schreibe ein Projekt über 1954 Fussball-Weltmeisterschaft und der DDR. Ist es möglich, ostdeutsche Zeitungen über Ihren Service zu digitalisieren? Ich würde nur Juni – Juli (1954) brauchen. Ich habe bereits Neues Deutschland, Neue Zeit und Berliner Zeitung benutzt. Es sind also die anderen Zeitungen auf Mikrofilm, die ich gerne sehen würde, wenn möglich.“

Und ein Germanistik-Student von der Universität Liverpool schreibt:

„…ich recherchiere das Ende der DDR mit Schwerpunkt auf die Stasi für meine Bachelorarbeit. Die Arbeit sollte sich auf die unterschiedliche Reaktionen der Tageszeitungen beziehen, die über die Stürmung der ehemaligen MfS Zentrale in Berlin Lichtenberg 1990 geschrieben hatten. Mittlerweile habe ich durch das DDR-Zeitungsportal viele Artikel dazu aus Neues Deutschland, Berliner Zeitung usw. aber um die Perspektiven vergleichen zu können, bräuchte ich auch eben die von den westlichen Zeitungen geschriebenen Reaktionen und sie kann ich leider nicht finden.“

Als Bibliothek würden wir diese Nachfrage nach Digitalisierung weiterer deutscher Zeitungen ab 1945 gerne erfüllen, doch nicht nur die fehlenden personellen und finanziellen Ressourcen, sondern vor allem die juristischen Hürden verhindern letztlich derartig sinnvolle Projekte. Denn die Beschränkungen des deutschen Urheberrechts, die für die Digitalisierung historischer Zeitungen durch Bibliotheken gelten, sind gravierend. Auch wenn Wissenschaft und Forschung seit längerem auf diesen Missstand hinweisen und von der Politik entsprechende Anpassungen fordern, ist ihre Stimme im Gesetzgebungsverfahren zum neuen Urheberrecht in der Wissensgesellschaft bislang nicht stark genug, um sich gegen die Lobby der Zeitungsverlage durchsetzen zu können (siehe hierzu auch mein Beitrag in o-bib, Heft 4/2022 mit dem Titel: Alles online – alles easy – oder doch nicht?).

Vor diesem Hintergrund kann aus heutiger Sicht die damalige Kooperationsbereitschaft und das Engagement der drei beteiligten Zeitungsverlage Neues Deutschland, Berliner Verlag und Frankfurter Allgemeine GmbH als Rechteinhaber, der beiden Verwertungsgesellschaften VG Wort und VG Bild/Kunst, dem Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam und der Deutschen Forschungsgemeinschaft als Förderinstitution nicht hoch genug wertgeschätzt werden.

So werden wir wohl noch lange Zeit auf ein vergleichbares Digitalisierungsprojekt für Zeitungen in Deutschland warten müssen. Nutzende werden – wie schon vor hunderten von Jahren – zu privaten Bibliotheksreisen aufbrechen müssen, um in Zeitungen recherchieren zu können, die die jeweilige Heimatbibliothek entweder nie gesammelt oder aus Kostengründen bereits wieder ausgesondert hat.

 

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