Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen

von Raimund Waligora

Ein Anschaffungswunsch unserer langjährigen Leserin Ulrike Herrmann mit dem Titel: „Economic sentiments“ der US-amerikanischen Adam-Smith-Forscherin Emma Rothschild brachte uns zusammen. Der Fachreferent für Philosophie verband die Nachricht, dass die Staatsbibliothek den bei Harvard University Press erschienenen Band selbstverständlich beschaffen werde mit der Anfrage, ob sie bei einem Werkstattgespräch die Grundthesen ihres letzten  Buches einem interessierten Publikum vorstellen wolle. Die Zusage kam prompt und am 19. April 2016 fanden wir uns zu einem Podiumsgespräch.

Ulrike Herrmann, im Hauptberuf Wirtschaftskorrespondentin der Tageszeitung taz, ist in den letzten Jahren auch als erfolgreiche und sachkundige Buchautorin hervorgetreten. Ihr Buch „Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam“, zunächst bei Westend 2013 erschienen, wurde mehrfach neu aufgelegt, ins Finnische und Thai übersetzt und auch von der Bundeszentrale für politische Bildung ins Programm übernommen.

Vor über 100 Zuhörerinnen und Zuhörern erläuterte Ulrike Herrmann die Grundthesen ihres Werkes. Geld mache nicht reich, wir lebten nicht wirklich in einer Marktwirtschaft, die Globalisierung sei nicht neu und es sei zu klären, warum und wo der Kapitalismus zum welthistorischen Durchbruch gekommen sei.

„Ulrike Herrmann bürstet viele der weit verbreiteten wirtschaftspolitischen Mythen und der gängigen ökonomischen Allgemeinplätze gegen den Strich und öffnet Sichtweisen auf wirtschaftliche Zusammenhänge, die im Laufe der letzten Jahrzehnte durch die vorherrschende Glaubenslehre des sog. Neoliberalismus verstellt wurden.“  So in einer Rezension im Internetportal Nachdenkseiten.

Der interessante historische Ausgangspunkt war die Frage, was eigentlich Geld sei. An Beispielen von Kreditverschreibungen aus dem alten Mesopotamien  wurde anschaulich, dass Geld nichts mit Golddeckung zu tun hat und auch sonst kein Mysterium darstellt, sondern schlicht: Geld ist, was als Geld  akzeptiert wird.  Die Hauptrichtung ihres Vortrages wie auch der Kern Ihres Buches  ist die  differencia specifica  des Kapitalismus gegenüber anderen früheren Gesellschaftsformen, die sehr wohl auch den  Markt kannten. Es waren aber Gesellschaften der einfachen Reproduktion, ohne  wirkliches Wachstum.  Dass zum ersten Mal in der Geschichte Maschinen – also investiertes  Geld –  menschliche Arbeitskraft ersetzte, das ist für Ulrike Herrmann das Startsignal  für die industrielle Revolution. In ihren Worten: „Der Begriff Kapitalismus hat den Vorteil, daß er präzise beschreibt, was die heutige Wirtschaftsform auszeichnet:  Es geht um den Einsatz von Kapital mit dem Ziel, hinterher mehr Kapital zu besitzen, also einen Gewinn zu erzielen. Es handelt sich um einen Prozess, der exponentielles Wachstum erzeugt.“ (im Buch S. 9).  Die Folgerung, Wachstum könne es nur durch technischen Fortschritt geben und die Frage, ob der Kapitalismus  ohne ständiges Wachstum  an seine Grenzen stoße,  beherrschten die anschließende Diskussion.

Der Kapitalismus erzeuge nicht nur Wachstum, er benötige es auch, unendliches Wachstum sei aber in einer endlichen Welt nicht möglich. Was sei zu tun, wie sei das fundamentale Problem zu lösen?

Die drängende Frage, wie  denn die Transformation in eine nicht wachstumsfixierte Gesellschaft zu denken sei, fand leider keine befriedigende Antwort. Ulrike Herrmann teilte mit, keiner der im Wissenschaftsbetrieb tätigen  Ökonomen  hätte gegenwärtig das Thema Transformation auf der Agenda.  Für Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler/innen ein „weites Feld“.

Das neue Buch von Ulrike Herrmann, in dessen Entstehungsprozess der Anschaffungsvorschlag „Economic sentiments“ ausgelöst wurde, ist vorangekündigt unter dem Titel:  „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung:  Was wir heute von Adam Smith, Karl Marx und Maynard Keynes lernen können.“  Wir dürfen gespannt sein.

 

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