Titelblatt der Partitur von Luigi Nono, Il canto sospeso, 1955/56, Signatur: 55 Nachl 100/A, 256,1

Luigi Nonos Kantate Il canto sospeso – Ein Mahnmal in unruhigen Zeiten

In einer Welt, die von Kriegen, politischen Spannungen und gesellschaftlicher Spaltung geprägt ist, erhält Luigi Nonos Werk Il canto sospeso („Unterbrochener Gesang“) eine bedrückende Aktualität. Die Staatsbibliothek zu Berlin zeigt das Autograph dieses bedeutenden Werks für drei Monate im Stabi Kulturwerk – eine Gelegenheit, sich mit der Botschaft von Nonos Musik auseinanderzusetzen.

1. Notenseite der Partitur von Luigi Nono, Il canto sospeso, 1955/56, Signatur: 55 Nachl 100/A, 256,1

1. Notenseite der Partitur von Luigi Nono, Il canto sospeso, 1955/56, Signatur: 55 Nachl 100/A, 256,1

Ursprünglich entstand das Werk des damals 32-jährigen Komponisten im Auftrag der Stadt Darmstadt für das Kranichsteiner Musikfest. Da sich die Fertigstellung verzögerte, wurde es 1956 in der Reihe „Musik der Zeit“ unter Hermann Scherchen im Großen Saal des WDR in Köln uraufgeführt. Die Komposition basiert auf letzten Briefen zum Tod verurteilter Menschen aus dem europäischen Widerstand. Nono gibt diesen Menschen mit seiner Komposition ihre Stimme zurück. Die Besetzung ist für Sopran-, Alt- und Tenor-Solo, Chor und großes Orchester. Nono komponierte Il canto sospeso vor sieben Jahrzehnten, in den Jahren 1955 und 1956, als eine Art musikalisches Mahnmal für Widerstandskämpferinnen und -kämpfer, die im Zweiten Weltkrieg von den Nazis ermordet wurden. Es sind Zeugnisse des Mutes und der Entschlossenheit, aber auch der Grausamkeit, zu der Menschen fähig sind.

Der erste vertonte Text des insgesamt halbstündigen Werks stammt von Anton Popov, einem 26 Jahre alten Lehrer und Journalisten, der 1943 in Sofia durch Erschießung ermordet wurde. In seinem Abschiedsbrief ist zu lesen [hier in deutscher Übersetzung:]

„Sofia, Zentralgefängnis 22. Juli 1942 Liebe Mama, lieber Bruder, liebe Schwester! Ich sterbe für eine Welt, die mit so starkem Licht, solcher Schönheit strahlen wird, dass mein eigenes Opfer nichts ist. Tröstet Euch im Gedanken, dass für sie Millionen von Menschen in Tausenden von Kämpfen auf den Barrikaden und an den Kriegsfronten gestorben sind. Tröstet Euch im Gedanken, dass ich für die Gerechtigkeit sterbe. Tröstet Euch im Gedanken, dass unsere Ideen siegen werden. Anton“

Nonos Musik verwendet moderne Kompostionstechniken mit Zahlenreihen, die die Tonfolge, Lautstärke und Tondauer bestimmen. Der Prozess der Arbeit des Komponisten wird in der Partitur sichtbar. Die zerbrochenen Gesangslinien spiegeln die Verstörung und das Unaussprechliche der Abschiedsbriefe wider. Gleich bei der Entstehung rief das Werk ein starkes Echo hervor. So schrieb Helmut Lachenmann, der später Schüler von Nono wurde, in einem Brief an ihn: „Jene beiden Tonbandvorführungen [des Il Canto sospeso in [Karlheinz] Stockhausens Analyseseminar] haben mir mehr gegeben als all die vielen Ur- und Erstaufführungen, mehr als alles in Darmstadt Erlebte, und ich verspreche Ihnen, daß ich nicht übertreibe. Ich sage dies vom „Canto sospeso“ und sollte es doch aber um der Ehrlichkeit willen vom Autor des Werkes sagen“ (in: Rainer Nonnenmann (Hrsg.), Der Gang durch die Klippen, Helmut Lachenmanns Begegnungen mit Luigi Nono anhand ihres Briefwechsels und anderer Quellen 1957-1990, Wiesbaden 2013, S. 51)

Luigi Nono glaubte daran, dass ein Komponist Verantwortung gegenüber der Geschichte und der Gegenwart habe. Gerade sein Werk Il canto sospeso wird dieser Verantwortung in besonderer Weise gerecht: Das Nonoprojekt für Schulen greift den Gedanken auf und gibt pädagogische Materialien zur Beschäftigung mit allgemeinen menschlichen Werten, mit Toleranz und Menschenrechten an die Hand.

 

Warum dieses Werk gerade jetzt so wichtig ist

Die Welt von heute steht erneut an einem kritischen Punkt. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die Eskalation im Nahen Osten, wachsende politische Radikalisierung in vielen Ländern – es gibt viele Parallelen zu der Zeit, die Nono zu seinem Werk inspirierte. Seine Musik ist eine Mahnung für uns und ein Aufruf, dass Menschenrechte und Freiheit nie selbstverständlich sind. Nonos Werk fordert uns auf, hinzusehen und hinzuhören. Es zeigt, wie Kunst politische Verantwortung übernehmen kann – nicht als bloße Dokumentation, sondern als emotionaler Weckruf. Und so stellt er uns in seiner Kantate Il canto sospeso auch heute noch vor die Frage: Wie gehen wir in unserer Gesellschaft, in unserem Umfeld mit Ungerechtigkeit und Gewalt um?

L. Nono, Il canto sospeso, Notenseite 20, Beginn des ersten vertonten Textes von Anton Popov. Im Jahr 1957 wurde dieses Blatt der Partitur entnommen, um es auszustellen. Daher heute extra gelagert; Signatur 55 Nachl 100/A, 266

L. Nono, Il canto sospeso, Notenseite 20, Beginn des ersten vertonten Textes von Anton Popov. Im Jahr 1957 wurde dieses Blatt der Partitur entnommen, um es auszustellen. Daher heute extra gelagert; Signatur 55 Nachl 100/A, 266

Das Autograph als historisches Dokument

Dass die Staatsbibliothek zu Berlin nun das Autograph ausstellt, ist von besonderer Bedeutung: Es ermöglicht uns, Nonos Kompositionsprozess nachzuvollziehen, seine Hinweise, Korrekturen und Erläuterungen zur Aufführung zu sehen und damit dem Entstehungsprozess ein Stück näher zu kommen. In einer Zeit, in der Geschichte oft instrumentalisiert oder umgedeutet wird, erinnert uns die Partitur daran, dass auch die Musik, gerade in ihrer schriftlich fixierten Form, als Dokument ein Zeugnis und eine Mahnung ist.

Das Autograph umfasst 98 Seiten, der Notentext wurde vom Komponisten in schwarzer Tinte, der Vokaltext in roter Tinte geschrieben. Die Partitur befindet sich seit 2014 in der Musikabteilung der Staatsbibliothek, sie konnte zusammen mit weiteren wertvollen Beständen des historischen Verlagsarchivs Schott in Mainz erworben werden. Für die Forschung steht die Partitur vollständig digitalisiert zur Verfügung. Im Jahr 2022 hat der Verlag Schott auch ein großformatiges Faksimile hergestellt, das gegenüber dem Digitalisat auch die Haptik der aufgeschriebenen Musik nachempfinden lässt. Und in der Schatzkammer des Kulturwerks können nun für drei Monate einige Seiten des Originals betrachtet werden. Nonos Werk ist ein Ruf nach Gerechtigkeit, ein Ruf, der auch heute laut erklingt. Wer das Autograph von Il canto sospeso betrachtet, blickt auf ein Stück Musik- und Menschheitsgeschichte.

Eine der zahlreichen Anmerkungen von Nono zur Aufführung (auf der Rückseite des Titelblatts)

Eine der zahlreichen Anmerkungen von Nono zur Aufführung (auf der Rückseite des Titelblatts)

 


Weiterführende Informationen:

Internetseite des Nonoprojekts für Schulen in Europa

Eine Aufnahme des Werks 

Faksimile 

Digitalisat
Digitalisat (Fragmente; V (3), Coro, orch)

Wikipedia-Artikel

 

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