Das besondere Objekt: „Die Berliner Volksküchen“ von Lina Morgenstern (1868)
Feed the World im Historismus – Lina Morgenstern hatte ihren eigenen Weg. Die Blog-Reihe „Das besondere Objekt“ stellt Ihnen in lockerer Folge besondere Titel aus den Beständen der Staatsbibliothek vor. Diesmal mit Rezept!
„Die Berliner Volksküchen“
von Lina Morgenstern (1868)
„Da aber Revolutionen und Kriege unmittelbar hemmend auf jeden Geschäftsverkehr wirken, wurden die Proletarier, die Brodlosen, stets unglücklicher nach bewegten Zeiten, denn ihre Frage ist keine politische – es ist eine Magenfrage, die nur durch sociale Hülfe gelöst werden kann.“ (aus der Einleitung)
Eine Frau tut das Richtige

Kochkessel, Seitenansicht (2)
1864 und 1866 konnte Preußen zwei Kriege gewinnen – doch zu einem hohen Preis (1). Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Kinderarmut, Prostitution und Kriminalität breiteten sich aus, Sozialsysteme gab es noch nicht. Die Menschen hungerten, hatten oft höchstens ein Bett für ein paar Stunden Schlaf, aber keine Kochgelegenheit. Um sie zu versorgen, ohne ihnen die Würde zu nehmen, gründete Lina Morgenstern 1866 gegen große Widerstände ihre sogenannten Volksküchen, wo jede Mahlzeit einen erschwinglichen Preis hatte, in normierten Speisenäpfen ausgegeben wurde und auf ein ausgewogene Nährstoffangebot ausgelegt war. Alle Arbeit dort wurde von ehrenamtlich von Frauen aus dem Bürgertum geleistet, die sich einer äußerst strengen Arbeitsdisziplin beugen mussten. Lina Morgenstern ließ sich ernährungswissenschaftlich von Ärzten der Charité auf den neuesten Stand bringen und konnte wirtschaftlich arbeiten, weil sie beispielsweise den Fleischanteil der Speisen zugunsten von Getreide und Hülsenfrüchte verringerte – eine ebenso gesunde wie kostengünstige Maßnahme.
Damit könnte bereits alles gesagt sein. 17 Volksküchen zu eröffnen und zu verwalten, ist eigentlich Lebenswerk genug. Aber Lina Morgenstern war aus anderem Holz geschnitzt.

Wandspruch in einer Berliner Volksküche
Nehmen wir an, Sie sind eine gutbürgerliche Hausfrau, Mutter von vier Kindern, und Ihr Mann geht bankrott. Seufzen Sie dann kurz in Ihr Küchentuch, setzen sich an den Tisch und schreiben binnen vier Wochen einen Bestseller, der die Familie über Wasser hält? Dies war eine der vielen pragmatischen Lösungen von Lina Morgenstern, um eine schwierige Lage zu bewältigen. Welch ein Selbstvertrauen! Wobei es in den meisten Fällen nicht um sie selbst, sondern um gesellschaftliche Missstände ging. Ihr Denken könnte man so zusammenfassen: Jeder Mensch sollte in die Lage versetzt werden, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, durch Nahrung für Körper und Geist. Was kann man da tun? 
Lina Morgenstern, geboren 1830 in Berlin, entstammte der wohlhabenden Familie Bauer (2). Mit 17 verliebte sie sich in einen mittellosen jungen Mann, der vor den Judenverfolgungen in Polen nach Berlin geflohen war. Schon mit 18 Jahren gründete sie den ersten Verein, den „Pfennigverein“, um bedürftigen Kindern die Basisausstattung für den Schulbesuch zu finanzieren – winzige Beträge, die den Gebenden nicht wehtaten, doch die Zukunft von Kindern entscheidend verändern konnten. Der junge Mann war nicht vergessen, und weil die Eltern nicht mit dieser Verbindung einverstanden waren, wartete Lina sechs Jahre auf ihre Zustimmung. Ihr Mann Theodor hatte inzwischen ein Modegeschäft eröffnet und machte es zu einem aufsehenerregenden, modernen Ort – doch trotz allen Renommés warf es nicht genug Gewinn ab. 1860 folgte: siehe oben.
Lina Morgenstern schrieb von nun an Artikel, Fachbücher, Lehrbücher, Biografien, Kochbücher und zahllose Artikel, nicht nur um ihre Familie zu ernähren, sondern um Frauen zu informieren. Heute würden wir von Bildungsteilhabe sprechen. Sie „übersetzte“ 1861 Friedrich Fröbels „Paradies der Kindheit“, einen pädagogischen Leitfaden für kindgerechte Erziehung, denn das ursprüngliche Werk des Autors ist für ein nichtakademisches Publikum schwer zugänglich. Folgerichtig gründete sie auch Kindergärten (was seit 1851 in Berlin verboten war – man vermutete wohl, dort ziehe man künftige Revoluzzer heran), dann eine Schule zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen, und natürlich unterrichtete sie auch dort. Der Kinderschutzverein, ein Fortbildungsverein für Frauen folgten sowie
eine Schule für Hauswirtschaftslehrerinnen. Und gleichzeitig speiste Berlin in ihren Volksküchen.
Ab 1870 konnte man Lina Morgenstern nicht mehr übersehen, denn durch ihr Engagement für verletzt heimgekehrte Soldaten – der nächste Krieg, der deutsch-französische von 1870/71, war gewonnen worden – trug ihr heftige Kritik ein. Sie hatte – als Frau! jüdischer Herkunft! und ohne Auftrag! – die Verwundeten noch in den Zugwaggons versorgt und provisorische Lazarette aus ihren Volksküchen gemacht. Die Heeresleitung fühlte sich nicht zuständig (3), aber das Schlimmste war: Sie hatte sich auch um die Kriegsgefangenen gekümmert!
Lina Morgenstern gründete 1874 eine Zeitung, die weit über Mode, Rezepte, Handarbeiten und Unterhaltung hinausging. Lina Morgenstern schrieb über aktuelle Ereignisse, gesellschaftliche Probleme und alles, wovon Männer bis dahin geglaubt hatte, Frauen seien solchen Themen intellektuell nicht gewachsen. Offiziell durfte die Deutsche Hausfrauen-Zeitung nur als Organ des Hausfrauen-Vereins veröffentlicht werden. So war Lina Morgenstern nun auch Verlegerin.
Möglich wurde ihr Arbeitspensum durch die geradezu revolutionär moderne Ehe der Morgensterns: Er wurde Hausmann, sie setzte ihre Projekte in die Tat um, und gemeinsam diskutierten und planten sie Möglichkeiten, Notwendigkeiten, Risiken und Chancen. Ein Hausmann zu sein in einer Zeit, in der für das Wohl des Mannes zu sorgen die eigentliche Bestimmung jeder Frau sein sollte! Eine Zeit, in der eine Frau unter beständiger Vormundschaft durch Väter, Brüder, Ehemänner stand. Es ist wohl immer wieder ein höchst diffiziler diplomatischer Akt gewesen, männliche Vereinsvorstände zu gewinnen, die die rechtliche Seite der Gründung absicherten. Die Arbeit wurde in Lina Morgensterns Vereinen natürlich von Frauen geleistet. An den Wänden der Volksküchen rief sie zu verantwortungsvollem Handeln auf und handelte selbst danach:

Die Industrialisierung fraß vor allem junge Mädchen und Frauen, die geächtet auf der Straße landeten, wenn Missbrauch oder Arbeitslosigkeit sie in die Prostitution getrieben hatten. Der „Frauenverein zur Rettung und Erziehung strafentlassener und verwahrloster Frauen und Mädchen“ war 1887 die Folge. Sechs Jahre hatte die Gründung gedauert… Dabei hatte Lina Morgenstern durchaus keine Revolution im Sinn, was ihr beispielsweise von Clara Zetkin verübelt wurde. Doch es war Lina Morgenstern, die 1896 den Internationalen Frauenkongress nach Berlin holte – weil es nun einmal sein musste, dass Frauen sich Gehör verschafften. Sich den Umständen anpassen, die Möglichkeiten maximal ausreizen, Mitstreitende suchen – das war der mühsame, aber von Lina Morgenstern beharrlich verfolgte Weg. Von ihrer Zielorientierung wich sie ganz unaufgeregt einfach nicht ab. Der stete Tropfen eben! Es gäbe noch so viel zu erzählen… Wenn Sie nun Lust haben, Ihre eigene Volksküche zu eröffnen, lesen Sie „Die Berliner Volksküchen“, und am besten auch alle anderen von Lina Morgenstern.

Sollten Sie nun Lust bekommen haben, weitere Beiträge dieser Reihe über historische Bücher zu lesen, z.B. zu preußischem Obst, Frauen in den 1920er Jahren, Motorradpflege, historische Spielvergnügen oder Verhaltensforschung, würde ich mich sehr freuen!
Anmerkungen
(1) Das Biografische über Lina Morgenstern und die historische Einbettung ihres Lebens in die Berliner Geschichte hat Gerhard Rekels Buch als Grundlage für diesen Beitrag geliefert.
(2) Alle Abbildungen sowie die abgebildeten Zitate entstammen Lina Morgensterns „Hülfsbuch“ von 1892.
(3) vgl. Morgenstern 1882, Kapitel „Der Durchzug der Truppen“, S. 93
Literatur
Morgenstern, L. (1892). Zuverlässiges Hülfsbuch zur Gründung, Leitung und Controle von Volksküchen u. anderen gemeinnütz. Massen-Speiseanstalten: M. 15 Formularen z. Buchhalterei u. 66 Koch-Recepten ; Nach 26j. Erfahrg. Verl. d. Deutschen Hausfrauen-Ztg. Signatur: Fb 6738. Nur im Lesesaal – Mit diesem Leitfaden können Sie eigentlich sofort loslegen. Rezepte sind auch dabei.
Rekel, G. (2025). Lina Morgenstern. Die Geschichte einer Rebellin. Kremayr und Scheriau, Wien. – Fesselnd geschrieben und umfassend recherchiert. In den Berliner Stadtbibliotheken entleihbar.
Alle in der Staatsbibliothek Berlin verfügbaren Werke von Lina Morgenstern finden Sie hier im Stabikat
Sie hat über Galileo Galilei ebenso geschrieben wie über das Medizinstudium für Frauen oder die Kartoffelküche. Stöbern lohnt sich!
Weitere Digitalisate von Lina Morgenstern
Morgenstern, L., & Thalheim, L. (1861). Die Storchstrasse: Hundert Bilder aus der Kinderwelt in Erzählungen und Liedern für erzählende Mütter, Kindergärtnerinnen und kleine Leser. Trewendt. – Der besagte Bestseller.
Morgenstern, L. (1861). Das Paradies der Kindheit durch Spiel, Gesang und Beschäftigung: Friedrich Fröbel’s Spielbeschäftigungen als ein zusammenhängendes Ganzes nebst Erzählungen und Lieder zur Spielanwendung ; ein praktisches Handbuch für alle Freunde der Kinderwelt. Verlag von Ernst Schotte & Comp. – Besonders toll ist das Basteln mit eingeweichten Erbsen!
Morgenstern, L. (1868). Die Berliner Volksküchen: Eine cultur-historische, statistische Darstellung nebst Organisationsplan. Selbstverlag der Verfasserin.
Morgenstern, L. (1882). Die Volksküchen: Wirthschaftliche Anstalten für billige, gesunde, nährende und schmackhafte Massenspeisung im Krieg und Frieden : Motive, Bedeutung, Organisation und cultur-historische, statistische Darstellung (Vierte vermehrte und gänzlich umgearbeitete Auflage.). Stuhr’sche Buch- und Kunsthandlung. – Hier zieht Morgenstern eine Bilanz aus 16 Jahren Volksküche.
Morgenstern, L. (1889). Der häusliche Beruf und wirtschaftliche Erfahrungen: Die Grundlagen des häuslichen Glücks : Anleitung zur Einrichtung und Führung des Haushalts : häusliche Erziehung, Gesundheits- und Krankenpflege : Studien für Frauen und Mädchen : Handbuch für Haushaltungs- und Frauenberufsschulen (Dritte durchaus umgearbeitete und erweiterte Auflage der „Praktischen Studien über Hauswirtschaft“.). Verlag der Deutschen Hausfrauen-Zeitung. – Hier konnte ich feststellen, dass schon meine Großeltern dieses Buch gekannt haben müssen, denn die dort beschriebenen Tischsitten wurden auch mir beigebracht.



Public Domain



© Historische Bildpostkarten - Universität Osnabrück cc (Namensnennung - Nicht kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International)
Carsten Jung

Ihr Kommentar
An Diskussion beteiligen?Hinterlassen Sie uns einen Kommentar!