Eine anmutig zarte Welt aus Papier
Unsere ehemalige Kollegin Frau Dr. Renate Schipke entdeckte bei ihrer Arbeit im Bestand des Handschriftenreferats ein einzigartigen Zeugnis barocker Buchkultur, „eine anmutig zarte Welt aus Papier“, wie sie es in einem Aufsatz über Scherenschnitte in den Sammlungen der Staatsbibliothek bezeichnete. Es handelt sich um ein Sonderbares Kräuterbuch, das der aus Schlesien stammende Jurist Johann Christoph Ende um 1680 hergestellt hat. In alphabetischer Reihenfolge werden darin mehr als 200 Heilkräuter vorgestellt. Das Buch ist mit Scherenschnitten (Weißschnitten) illustriert, die so fein sind, daß man selbst feinste Wurzeln und Blattadern erkennen kann.
Die verzeichneten Pflanzen werden in kurzen Einträgen beschrieben, gegliedert nach Gestalt, Zeit, Ort, Pflanzung/Wartung, Temperament, Wirkung und Arznei-Gebrauch. So erfährt man über die Wirkung des Safran, daß “wenn einer 3. Quintl Saffran inn Wein trincke, mache er den Menschen sehr lustig“, daß er jedoch auch „bald truncken mache und das Haupt beschwere“, er „helfe aber dem Magen die Speise wohl dauen.“ Und noch ein weiteres Anwendungsfeld tut sich auf: „So jemand mit der Fallenden Sucht überfallen würde, sol man Saffran mit scharfem Eßig und Biergeil vermischen, eine Feder drein tuncken und inn die Nase stecken“.
Die geneigten Rezipientinnen und Rezipienten dieses Textes seien jedoch ermahnet, das Kräuterbüchlein aufmerksam zu lesen, da man ohne gründliches Studium dieses Buches schon beim Sammeln fatale Fehler machen kann. Beispielsweise bei der Alraune, denn deren Wurzel „müße unter einem Galgen ausgegraben werden, darzu gehöre ein Schwartzer Hund, der sie mit einem Strick ausreiße, da schreie die Wurtzel, darumb müße der Ausgraber die Ohren Verstopfen, das er es nicht höre, sonst stehe er in Gefahr seines Lebens.“
Nach ihrer Pensionierung hat Frau Dr. Schipke dieses Kompendium alter Heilkunde und handwerklicher Geschicklichkeit erforscht und eine Auswahl von 40 Kräutereinträgen in einem Inselbändchen mit dem Titel „Das Kräuterbuch des Johann Christoph Ende“ herausgegeben. Diese Lektüre sei Ihnen herzlich anempfohlen.







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