Reiselust – Ein Blick in die historische Reiseliteratur

Weil nun kein Land zu finden, das alle Vollkommenheiten zugleich besitzet; so sind wir genöthiget, solche ausser unserm Vaterlande mehr und mehr zu verbessern, und zu dem Ende in fremde Länder zu reisen (Peter Ambrosius Lehmann: „Die vornehmsten Europäischen Reisen, wie solche durch Deutschland, Frankreich, Italien, Holl- u. Engeland, Dännemark und Schweden“  in 10. Auflage 1749 erschienen).

Ein Beitrag von Friederike Willasch.

Mit dem Sommer und sinkender Inzidenz hält auch die Hoffnung auf die nächste Urlaubsreise Einzug. Auf einen kurzen Streifzug durch den historischen Bestand an Reiseliteratur in der Staatsbibliothek können wir Sie schon heute mitnehmen. Das weite Spektrum der Reiseliteratur reicht dabei von Reisebeschreibungen über die Wiedergabe persönlicher Reiseerlebnisse bis zur im 19. Jahrhundert neu aufkommenden Gattung des Reiseführers. Eine kleine Auswahl an Letzteren wird im Folgenden im Fokus stehen.

Der lesende Reisende

Niemand kann sich weniger mit Büchern belästigen, als ein Reisender; es muss ihm also angenehm seyn, wenn er sich die Mühe erspart findet, aus einigen hundert Schriften auszuziehn, was zu seinem Unterricht taugt, oder ihm Aufklärung über dieses oder jenes Land geben kann, wohin ihn sein Weg führt.

So schrieb es der Schriftsteller und Bibliothekar Heinrich August Ottokar Reichard (1751-1828) aus Gotha in seinem ersten Handbuch für Reisende aus allen Ständen von 1784. Seine Absicht wird klar: dem Reisenden eine Kompilation der wichtigsten Informationen zusammenzustellen, damit er für seine Reise bestens informiert ist. Reichard liefert in dem 600 Seiten umfassenden Band neben Informationen zu Postwesen, Klima, Währung, und Gewicht- und Maßeinheiten einzelner europäischer Länder auch eine Bibliographie der „vorzüglichsten, sonderlich neuesten, Reisebeschreibungen in den meisten europäischen Sprachen“ mit. Da er die französische Sprache ausgezeichnet beherrschte und als Übersetzer tätig war, drängte Reichard auch auf den französischen Markt für Reiseliteratur. Sein wohl bekanntestes Werk Der Passagier auf der Reise in Deutschland und einigen angränzenden Ländern brachte er 1801 schließlich bei den Gebrüdern Gädicke in Weimar heraus. Noch nach Reichard’s Tod wurde das Reisehandbuch wieder und wieder aufgelegt und erlebte – später beim Verlag Herbig in Berlin – an die 20 Auflagen.

Badereisen

Reichard’s Passagier auf der Reise in der 12. Auflage aus dem Jahr 1843 gibt zum Beispiel Tipps für die nächste Badereise. Schon seit dem 16. Jahrhundert erlebten Badereisen einen Aufschwung, waren aber häufig mit dem Besuch von Heilquellen verbunden. 1793 entstand in Heiligendamm bei Doberan das erste deutsche Seebad. Im Reichard’s wird Mitte des 19. Jahrhunderts nun zum Beispiel von der Stadt Cuxhaven und dem Zugang zur offenen See berichtet. Damals nahm man „zweirädrige[…] Karren, die durch 2 Pferde bis zur Tiefe von 3 Fuss in die See gezogen“ wurden zur Hilfe, die „ein kleines zum Aus- und Ankleiden bestimmtes Cabinet“ trugen.

Die Reiseroute von Berlin nach Dresden in Reichard’s, Passagier auf der Reise von 1843, in 12. Auflage.

Bahnreisen

Lange Zeit war das Reisen dem adligen Stand vorbehalten und noch im 19. Jahrhundert nicht jedem uneingeschränkt möglich, denn „Geld und Zeit sind die Haupt-Requisiten zu einer Reise“ wie es im Reichard’s heißt. Im 19. Jahrhundert griff die Reisefreudigkeit auf das Bürgertum über. Das lag nicht zuletzt an neuen Verkehrsmitteln wie der Eisenbahn und der Weiterentwicklung von Fluss- und Seeschifffahrt. Die Eisenbahn versprach schnelleres und günstigeres Reisen, denn erstmals konnten größere Menschenmengen befördert werden. Während also in „Die vornehmsten Europäischen Reisen“ 1749 noch für eine Reise von Hamburg über Berlin, nach Breslau und weiter nach Wien auf die Postkutsche verwiesen wurde, lieferte „Reichard’s“ detaillierte Fahrpläne der Eisenbahnstrecken und lobte das schnelle Fortkommen. So ließ sich 1843 die Strecke von Berlin nach Dresden mit der Eisenbahn innerhalb von 10 bis 12 Stunden zurücklegen.

Auszug aus dem Reise-Album 1839-1840 von Fanny Hensel.

Die Eisenbahn machte das Reisen auch zum Erlebnis. Als Fanny und Walter Hensel – wie schon andere Mitglieder der Familie Mendelssohn – 1839 nach Italien aufbrachen, legten sie die ersten paar Meilen bis Potsdam mit der Eisenbahn zurück. Die Euphorie über das neue Verkehrsmittel zeigt sich in dem Reise-Album von Fanny Hensel, in dem die Reise nach der Rückkehr künstlerisch verarbeitet wurde und dessen erstes Lied „Nach Süden“ von Wilhelm Hensel mit einer Vignette versehen wurde, die eine Eisenbahn zeigt.

Baedeker’s Österreich-Ungarn Handbuch für Reisende, 25. Auflage, Leipzig 1898. SBB-PK/Abteilung Historische Drucke. CC-BY-NC-SA

Während der Fokus der Reisehandbücher im 18. Jahrhundert noch auf der Routenplanung lag, kamen im 19. Jahrhundert die praktischen Reiseführer mit Hinweisen auf Verkehrsmittel, Unterkünfte und Gaststätten in Mode und erläuterten sachlich und in Kürze die Sehenswürdigkeiten. Im handlichen Format vermittelten die Reisebegleiter dem Leser oder der Leserin (Verhaltens-)Sicherheit und erleichterten den Aufbruch in fremde Gefilde. Im Laufe des Jahrhunderts wurden immer weitere Regionen und Länder durch Reiseführer abgedeckt. Vorreiter im deutschen Sprachbereich waren dabei die Reisehandbücher von Karl Baedeker (1801-1859). Ab 1846 war der charakteristische rote Einband allgegenwärtig.

Einer der ersten Reisehandbücher aus dem Verlag Baedekers war der Reiseführer für die Rheinlande: „Die beste Reisezeit für den Rhein ist […] der Sommer und Herbst“. Die Rheinlande war im 19. Jahrhundert ein sehr beliebtes Reiseziel, sodass der Reiseführer im Jahr 1881 die 21. Auflage erreichte. Charakteristisch war nicht nur der rote Einband, sondern auch das umfangreiche kartografische Material.

Fernreisen

Ein eher narrativer Stil findet sich hingegen in „Stangen’s Reise-Büchern“. Dabei war Carl Stangen vor allem Reiseunternehmer und gründete 1868 das „Carl-Stangen’s Reise-Bureau“. Als im Bereich der Fernreisen noch wenige Reiseführer auf dem Markt waren, brachte er diese basierend auf seinen eigenen Reiseerfahrungen eben selbst heraus und machte damit gleichzeitig Werbung für das eigene Angebot an Gesellschaftsreisen. Carl Stangen selbst verfasste zwei Reisebücher zu „Palästina und Syrien“ (erstmals 1874, hier eine spätere Auflage von 1893) und „Ägypten“ (1882, hier eine spätere Auflage von 1893), während sein Sohn Ernst Stangen 1893 einen Reisebericht zur Reise durch die Vereinigten Staaten von Nord-America herausbrachte.  Als „kurzes übersichtliches Reisehandbuch“ erschien dieser 100-seitige Band passend zur Weltausstellung in Chicago im Jahr 1893. Fakten zu Sehenswürdigkeiten fließen nach eigener Auswahl des Verfassers in die Erzählung ein und praktische Informationen durften auch in diesem Reisebericht nicht fehlen. So werden die neuen Transportmittel gelobt, da mit der Einführung der Schnelldampfer längere Strecken schneller zurückgelegt werden konnten. Auf dem Schiff gab es auch „gut ausgestattete Bibliotheken“, sodass für den Zeitvertreib auf der Überfahrt gesorgt war.

Reise durch die Vereinigten Staaten von Nord-America von Ernst Stangen, Berlin 1893. SBB-PK/Abteilung Historische Drucke. CC-BY-NC-SA

Von Interesse für die Forschung ist, dass die historische Reiseliteratur eine zeitgenössische Betrachtung fremder Kulturen und Gesellschaften (aber auch Vorurteilen) widerspiegelt. Gleichzeitig waren die Inhalte und Empfehlungen dadurch geprägt, was die Zeitgenossen bewegte und welche Themen die Gesellschaft beschäftigten, aber auch wie sie sich selbst wahrnahmen.

Armeeaufstellung in der Schlacht von Waterloo im Belgien-Reisehandbuch von Baedeker in 2. Auflage von 1843.

So liefert beispielsweise der Baedecker-Reiseführer für Belgien aus dem Jahr 1843 noch einen detaillierten Bericht der dreißig Jahre zurückliegenden Schlacht bei Waterloo und thematisiert die preußische Rolle am Ausgang der Schlacht.

Trotz neuer Verkehrsmittel und bester Vorbereitung durch Handbüchern konnten die Reisemöglichkeiten jedoch eingeschränkt sein – zum Beispiel durch politische Konflikte. So erkannte die preußische Armee im preußisch-österreichischen Krieg 1866 den strategischen Vorteil wichtiger Eisenbahnlinien. Züge wurden requiriert, Brücken und Schienen sogar vorsätzlich unfahrbar gemacht. Die sächsischen Dampflokomotiven und Züge versuchten sich rechtzeitig nach Bayern und Böhmen zu flüchten (siehe dazu den Bericht in der Gartenlaube). Fahrplan und Reisende wurden nebensächlich.

 

Ist Ihr Interesse geweckt? Dann nutzen Sie doch gerne die Systematik des Alten Realkatalogs für die Online-Recherche nach Reiseliteratur im historischen Druckschriftenbestand.

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