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Talkin’ ’bout a revolution

Vitrinenausstellung im Dietrich-Bonhoeffer-Saal. Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die bewährte Kooperation zwischen dem internationalen literaturfestival berlin (ilb), der Humboldt-Universität zu Berlin und der Staatsbibliothek zu Berlin erfuhr in diesem Jahr insofern eine revolutionäre Neuerung, als dass in den Räumen der Staatsbibliothek nicht nur die sonst übliche abendliche Vorstellung einer Kinderbuchautorin oder eines Kinderbuchillustrators stattfand, sondern darüber hinaus eine kleine Ausstellung gezeigt und eine Fachtagung mit Vorträgen zum Thema „Kinder- und Jugendliteratur in revolutionären Kontexten“ abgehalten wurde.

Frau Prof. Dr. Julia Benner, Inhaberin des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur, Kinder- und Jugendliteratur und -medien an der Humboldt-Universität, hatte sich im Rahmen eines Masterseminars mit ihren Studierenden dem Thema revolutionärer Kinder- und Jugendliteratur gewidmet. Daraus entstand eine Vitrinenausstellung, die aus den Beständen der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek bestückt und mit Exponatbeschreibungen der Studierenden versehen wurde. Die Buchauswahl reichte vom frühen 19. Jahrhundert bis hin zu aktuellen Titeln, darunter Isabel Minhós Martins’ Bilderbuch „Hier kommt keiner durch!“, mit Illustrationen von Bernardo P. Carvalho, das 2017 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde.

Carola Pohlmann und Prof. Dr. Julia Benner. Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ab 14 Uhr stand der zweite Teil der Fachtagung zu diesem Thema auf dem Programm. Wiebke Helm (Universität Leipzig) befasste sich mit der Französischen Revolution im Kinderbuch der DDR, einem Thema, das sowohl in der ost- als auch der westdeutschen Kinder- und Jugendliteratur erstaunlich selten aufgenommen wurde. Von den insgesamt fünf Titeln, die zu DDR-Zeiten im größten staatseigenen Verlag, dem Kinderbuchverlag Berlin, erschienen, kamen gleich zwei erst 1989 auf den Markt, als die Problematik, die bürgerliche Revolution der Franzosen als Vorbild für Arbeitersolidarität zu präsentieren, gerade an Bedeutung verlor.
Ebenso wie Frau Helm zeigte sich anschließend auch Frau Dr. Jana Mikota (Universität Siegen) in ihrem Vortrag „Das Jahr 1918 in der Kinder- und Jugendliteratur“ erstaunt über das ungewöhnlich hohe Maß an Brutalität, das dem jungen Publikum sowohl im Text als auch im Bild zugemutet wurde. Darüber hinaus berichtete sie von einer politisch motivierten Aschenbrödel-Adaption, die sie in einer Märchenanthologie der Übersetzerin und Autorin Hermynia zur Mühlen, einer überzeugten Kommunistin, fand. Zur Mühlen ließ Aschenbrödel als Arbeiterin in ihrer typischen Alltagskleidung zum Ball gehen. Der Prinz, der eine „echte“ Frau suchte, keine untätige, verwöhnte Prinzessin, verliebt sich in sie – zu seinem großen Glück. Als kurz darauf der Palast vom Proletariat gestürmt wird, verschont man ihn genau aufgrund dieser Haltung. Entscheidend ist dann nur noch, dass sich der Prinz der Arbeiterbewegung anschließt.
Als Angehörigen der etablierten Bourgeoisie, der seine Mitbürger jedoch mitunter gerne durch wenig standesgemäße, politisch aufmüpfige Taten und Schriften provozierte, führte Beate Zekorn-von Bebenburg anschließend Heinrich Hoffmann, den „Vater“ des Struwwelpeters, ein. Die Leiterin des Frankfurter Heinrich-Hoffmann- und Struwwelpeter-Museums widmete sich der Frage vom „Struwwelpeter als Symbolfigur für politischen Protest“. Der Struwwelpeter, 1845 erstmals im Druck erschienen, erfreute sich entgegen der damals sehr langsamen Verbreitung gedruckter Werke bereits zwei Jahre später eines solchen Bekanntheitsgrades, dass die Figur 1847 im Münchener Satiremagazin „Fliegende Blätter“ als Radikaler auftrat. Damit hatte das Bilderbuch die Zielgruppe gewechselt. Struwwelpetriaden wurden ab dem Herbst 1849, nach dem Scheitern der Revolution von 1848, zur Ausdrucksform politischer Kritik. Die Protagonisten rekrutierten sich insofern oftmals aus den obersten Etagen der Politik. Es sei daher erstaunlich, so Frau Zekorn-von Bebenburg, dass bislang niemand einen „Trumpelpeter“ produziert habe. Material gebe es ja schließlich genug. [Sämtliche Vorträge erscheinen in Heft 1.2019 der Fachzeitschrift kjl&m.]

Christoph Rieger. Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Ortswechsel – vom Dietrich-Bonhoeffer-Saal, in dem bis zum Ende der Öffnungszeit der Staatsbibliothek die interessante Vitrinenausstellung zur Besichtigung einlud, hinunter in den Simon-Bolivar-Saal – erwies sich in diesem besonderen Fall als sehr angemessen, um den Bilderbuchautor und -Illustrator Duncan Tonatiuh willkommen zu heißen. Tonatiuh, in Mexiko geboren und aufgewachsen, in den USA ausgebildet und mit Familienhintergrund in beiden Ländern, lehnt sich stilistisch an die Formensprache der Mixteken an, bearbeitet aber Themen, die in beiden Ländern zuhause sind, bzw. Bedeutung haben. Carola Pohlmann, Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung, hob in ihrer Begrüßung hervor, dass der Ton von Tonatiuhs Bilderbüchern nicht etwa beschwichtigend und friedlich, sondern vielmehr kämpferisch sei. Tonatiuh spreche Konflikte an.
Im Anschluss an das Grußwort Christoph Riegers, Programmleiter „Internationale Kinder- und Jugendliteratur“ des ilb, erfuhr das altersmäßig bunt gemischte Publikum sowohl im Gespräch mit Carola Pohlmann als auch im Rahmen einer eigenen Präsentation des Künstlers mehr über dessen Motivation und Arbeitsweise – alles perfekt übersetzt von Milena Adam.

Carola Pohlmann, Duncan Tonatiuh und Milena Adam auf dem Podium. Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Er sei in Mexiko geboren und aufgewachsen, erzählte Duncan Tonatiuh, sei dann aber als Oberschüler in die Heimat seines Vaters nach Massachusetts gezogen, da ihm die High School in Mexiko nicht gefallen habe. Im Laufe der Zeit wurde ihm jedoch klar, welche ganz alltäglichen, wohlvertrauten Dinge ihm in den USA fehlten, z.B. die mexikanischen Feiertage, die Musik und das Essen. In den Hausarbeiten, die er während seines Kunststudiums anzufertigen hatte, versuchte er deshalb, einen Bezug zu seiner mütterlichen Heimat herzustellen. Allerdings sei er bis kurz vor seinem Studienabschluss davon ausgegangen, dass er später Kunst für ein erwachsenes Publikum schaffen würde.
Während der Themensuche für das Kunstprojekt zur Zwischenprüfung fiel ihm auf, dass es in den USA zwar einerseits einen erheblichen Bevölkerungsanteil mit mittel- und südamerikanischen Wurzeln gibt, aber nur sehr wenige Bücher, die diese Bevölkerungsgruppe repräsentieren. Er beschloss daher, ein Bilderbuch über die Lebensgeschichte seines Freundes Juan aus New York City zu gestalten, einem illegalen Einwanderer, der sich tausende Meilen von seiner südmexikanischen Heimat und mixtekischen Kultur entfernt in der größten Stadt der USA als Busfahrer durchschlägt. Tonatiuh begab sich für dieses Projekt zunächst in die Bibliothek und recherchierte nach typischen Stilformen mixtekischer Kunst. Die mixtekische Bilderschrift war ihm durchaus bekannt, wenn er sich bis dahin auch nie bewusst mit ihr auseinandergesetzt hatte. Allein ihre Nähe zu den von ihm sehr geschätzten Comics übte aber eine gewisse Anziehungskraft aus. Und so entstand “Undocumented“ in genau dieser Tradition. Das Werk wurde bis zur Prüfung nicht ganz fertig, die betreuende Professorin war aber derartig angetan, dass sie Tonatiuh einem Kinderbuchverleger vorstellte, der ihm wiederum „die Welt der Kinderbücher eröffnete“. Sieben Bilderbücher des Künstlers erschienen daraufhin im Verlag Abrams Books for Young Readers. Am 7. August 2018 folgte schließlich die vollendete Geschichte des um seinen Mindestlohn betrogenen, illegalen Arbeiters Juan.

Jedes einzelne Buch sei ein “team effort“ (eine Gemeinschaftsarbeit), bekannte Tonatiuh. So habe der Verleger ihn auf die Idee gebracht, den einzelnen Büchern Glossare sowie ein Nachwort des Autors beizugeben, in dem zusätzliche Informationen zur Geschichte, die im eigentlichen Text keinen Platz finden, untergebracht werden können. Im Zuge seiner Lesungen in unterschiedlichen Schulen sei ihm beispielsweise aufgefallen, erzählte Tonatiuh, dass es, obgleich die Rassentrennung in den USA vor über 50 Jahren abgeschafft wurde, im Schulwesen noch immer zu einer solchen Separation komme: In wohlhabenden Stadtbezirken würden die Schulen hauptsächlich von weißen Kindern besucht, in den ärmeren Bezirken seien dann die Kinder mit mexikanischem oder afroamerikanischem Familienhintergrund anzutreffen. Diesen Sachverhalt habe er beispielsweise in einer Anmerkung in “Separate is Never Equal“, der Geschichte um den rassistisch motivierten Schulausschluss von Sylvia Mendez in den 1940er Jahren, erläutert.

Duncan Tonatiuh signiert. Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Anhand eines Videoclips erklärte Duncan Tonatiuh anschaulich, wie seine Bücher üblicherweise entstehen: Die ersten Schritte seiner Arbeit führen den Künstler auch heute noch in die Bibliothek, da er dort in Ruhe recherchieren und ohne große Ablenkungen schreiben und zeichnen kann. Wenn die Arbeit an einer Geschichte fast beendet ist, sucht er den Kontakt zum Verleger und ein reger Austausch beginnt. Gleichzeitig fertigt Tonatiuh erste Skizzen an, und sobald nach etwa vier bis fünf Überarbeitungen der Text im Wesentlichen feststeht, beginnt die ernsthafte Phase des Zeichnens. Die ersten Bilder entstehen als Bleistiftzeichnung, um problemlos Korrekturen vornehmen zu können. Es folgt ein Nachzeichnen der Konturen mit Tusche. Dann werden die Bilder eingescannt und am Rechner weiterbearbeitet, d.h. die einzelnen kleinen Bildbereiche werden selektiert und mit Texturen und Farben gefüllt. Der allerletzte Arbeitsschritt besteht darin, einen attraktiven Titel zu finden. Alles in allem, schätzt Tonatiuh, dauert die Produktion eines Buches ungefähr ein Jahr.

Wichtig sei ihm, seiner Leserschaft Geschichten über Menschen oder Sachverhalte zu präsentieren, die noch nicht weithin bekannt sind. Den Fall „Brown vs. Board of Education“ (diverse Klagen in den frühen 1950er Jahren gegen die Rassentrennung an öffentlichen Schulen) kenne in den USA jeder, der Fall der Sylvia Mendez dagegen, deren Eltern bereits knapp zehn Jahre zuvor in Kalifornien erfolgreich gegen den Schulausschluss ihrer Tochter klagten, habe keinen hohen Bekanntheitsgrad, obgleich er den späteren Klagen den Weg ebnete. Grundsätzlich möchte Tonatiuh sowohl mit seinen Geschichten als auch seiner Kunst ein breites Publikum erreichen. Dass gerade Kinder in diesem Zusammenhang besonders anspruchsvoll und konsequent sind, ist ihm durchaus bewusst. “If they’re not entertained, you won’t get their attention!“

Vom frühen Umwelt- und Denkmalschutz über giftige Pflanzen, ein bestricktes Nashorn und eine Schlossmaus bis hin zum einzahnigen Löwen

Die Geschichten hinter den Illustrationen von Ursula Kirchberg

Trotz hochsommerlicher Temperaturen fanden sich am Freitagabend, den 8. Juni 2018, über 50 Kinderbuchinteressierte sowie Freunde und Familienangehörige der Hamburger Illustratorin Ursula Kirchberg im Dietrich-Bonhoeffer-Saal der Staatsbibliothek zu Berlin ein, um die Übergabe des Vorlasses von Frau Kirchberg an die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu feiern.

Carola Pohlmann, die als Abteilungsleiterin auch für die einzigartige Sammlung von Originalwerken von 200 Illustratorinnen und Illustratoren zuständig ist, freute sich, die „temperamentvolle, spontane, lebensfrohe“ Künstlerin willkommen heißen zu können und stellte sie dem Publikum kurz vor:

Auf dem Podium: Ursula Kirchberg und Carola Pohlmann. Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ursula Kirchberg, am 6. Mai 1938 in Hamburg geboren und im nahen Ahrensburg aufgewachsen, studierte von 1957 bis 1961 Zeichnen, Malen, Schrift und Typographie an der Werkkunstschule Hamburg, dem heutigen Department Design der HAW Hamburg. Erste veröffentlichte Illustrationen folgten unmittelbar im Anschluss an das Studium. Die Richtung „Kinder- und Jugendbuch“ schlug Frau Kirchberg über die Reihe Mein erster Reiseführer des Hamburger Marion von Schröder Verlags ein. Mit dem Bilderbuch Die alte Linde Gundula gelang ihr 1967 der Durchbruch. Die Geschichte Lore Lehers über die Umleitung des Verkehrs zur Rettung des imposanten Straßenbaums, der Linde „Gundula“, ist bis heute eines von Kirchbergs bekanntesten Büchern. Dass die Künstlerin wenige Jahre später für den zeitlos attraktiven Band Onkel Ede hat einen Schnurrbart (1971) keinen Jugendliteraturpreis erhalten habe, so bedauerte Carola Pohlmann, lag nur daran, dass der Autor der Texte, Bertolt Brecht, längst verstorben war, und damit die in den Statuten festgelegten nötigen Voraussetzungen nicht erfüllt wurden.

In den folgenden beiden Jahrzehnten schuf Ursula Kirchberg darüber hinaus auch eigene Bilderbücher, geprägt von großflächigen Illustrationen und geringen Textanteilen, um auch Kindern im Kindergartenalter das selbständige „Lesen“ einer Geschichte durch Interpretation der Bildfolgen zu ermöglichen. Beeindruckend ist die Vielfalt der Techniken, welche die Künstlerin beherrscht. Je nach Buch und Stimmung kamen Malerei, Zeichnung oder Collage, gerne aus gerissenen Papieren, zur Anwendung.

Vor der Behandlung schwieriger Themen schreckte Ursula Kirchberg nie zurück – im Gegenteil. Einfühlsam berichten ihre Bilder vom menschlichen Altern (Opa gehört zu uns, 1992) oder über die Gefahr von Kindesentführungen (Geh nie mit einem Fremden mit, 1985). Schon früh setzte sie sich auch für die Integration ausländischer Kinder (Selim und Susanne, 1978) ein. Der Titel stand 1979 auf der Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis, wurde 1984 als erster Titel mit dem im selben Jahr neu ausgelobten Kinderbuchpreis der Ausländerbeauftragten der Stadt Berlin ausgezeichnet und ist thematisch bis heute aktuell.

Begleitende Vitrinenausstellung mit einer Auswahl von Ursula Kirchbergs Werken. Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Zur Illustration klassischer Werke lud der Gerstenberg-Verlag die Künstlerin gegen Ende des Jahres 1987 ein. Es entstanden beeindruckende Umsetzungen u.a. verschiedener Werke Theodor Storms, so z.B. Der Schimmelreiter und Pole Poppenspäler, sowie Theodor Fontanes Grete Minde – angesichts der weitgehend unbebilderten Werke Theodor Fontanes eine Seltenheit! Danach kehrte Ursula Kirchberg zu farbintensiven, großflächig gestalteten Bilderbüchern zurück.

Heute befinden sich die Originale zu insgesamt 14 Bilderbüchern aus der Zeit zwischen 1967 und 2003 im Bilderbuchmuseum Burg Wissem in Troisdorf und die Originalarbeiten zu den vier im Verlag Gerstenberg erschienenen Bänden mit Texten Theodor Storms im Literaturmuseum Theodor Storm in Heiligenstadt. Die Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin freut sich über die großzügige Schenkung des Vorlasses von Ursula Kirchberg, darunter u.a. die Skizzen und Illustrationen zu Opa gehört zu uns, Geh nie mit einem Fremden mit und Selim und Susanne sowie die Skizzen zu Isidor und Adebar und die Illustrationen für Fridolin, die beide, 1969 bzw. 1977, auf der Auswahlliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis standen. Eine besonders glückliche Fügung, so erläuterte Carola Pohlmann, sei auch die Übereignung sowohl der Skizzen sowie der Illustrationen zu dem Titel Brot für Myra, da sich der Nachlass Otfried Preußlers, aus dessen Feder der Text stammt, ebenfalls in den Beständen der Staatsbibliothek zu Berlin befindet.

Ursula Kirchberg. Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die Vorstellung ihres Œuvres übernahm Ursula Kirchberg anschließend selbst, und das Publikum staunte über die Geschichten hinter den Bildern und Büchern.
Darüber zum Beispiel, dass der Künstlerin das Querformat des Bandes Die Wolkenfähre missfällt, da die Bilder folglich von einem weißen Rand umgeben sind, dessen Sinn sich einfach nicht erschließe. Oder über die zögerliche Haltung des Verlages, das Bilderbuch Die alte Linde Gundula trotz anhaltender Nachfrage nicht nachzudrucken, so dass sich schließlich die Künstlerin und die Kinder der Textautorin darauf verständigten, es dann eben anderweitig selbst zu probieren. Eine Anfrage bei der Deutschen Stiftung für Denkmalschutz – denn auch Bäume können unter Denkmalschutz stehen – brachte die erhoffte positive Resonanz. Seit 2010 ist Die alte Linde Gundula im Programm des stiftungseigenen Verlags Monumente Publikationen vertreten.

Mit der Neuillustration der beliebten Erzählung Der kleine Häwelmann erfüllte Ursula Kirchberg 1970 einen Verlegerwunsch. Dieser war aus dem Hause Bertelsmann an sie herangetragen worden. Es handelte sich, „natürlich in der klassischen Ausgabe“ mit den Illustrationen Else Wenz-Viёtors, um das Lieblingsbuch aus der Kindheit des Verlegers, der es jedoch gerne in der Art der Linde Gundula illustriert sehen wollte. [Der Text Theodor Storms in Kombination mit den typischen farbenfrohen Collagen aus gerissenem Papier von Ursula Kirchberg erschien bei Bertelsmann zuletzt 1996 in der 11. Auflage!]

Auch die Vorgeschichte des bereits von Carola Pohlmann angesprochenen Bandes Onkel Ede hat einen Schnurrbart erfuhren die Zuhörer: Die Anregung dazu, so erzählte die Künstlerin, erhielt sie über die Bühnenbilder einer Brecht-Aufführung am Schiffbauerdamm. Die Collagen aus Packpapier finden sich in den Illustrationen zu zwölf Kinderliedern Bertold Brechts unverkennbar wieder. Allerdings, berichtete die Künstlerin, sei es sehr schwierig gewesen, Siegfried Unseld, als Inhaber der Urheberrechte an Bertold Brechts Werk, für dieses Projekt zu gewinnen. Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse schaffte es Ursula Kirchberg, den erfolgreichen Verleger, u.a. des Suhrkamp- und des Insel-Verlages, zu sprechen. Bild für Bild blätterte Unseld durch die Illustrationen. Bis zum letzten Blatt war keinerlei Gemütsregung abzulesen. Am Ende sagte er: „Das machen wir selbst!“ Der Band erschien 1971 im Insel-Verlag, gefolgt von einer Ausgabe der Büchergilde Gutenberg nur ein Jahr später.

Originalillustration aus: “Selim und Susanne” von Ursula Kirchberg. © Ursula Kirchberg

Das preisgekrönte Bilderbuch Selim und Susanne hat seine Entstehung einer Begegnung Ursula Kirchbergs mit einem kleinen, einsamen Jungen in Hamburg-Altona zu verdanken. Die großen, dunklen Augen, in die sie im Vorübereilen auf ihrem Heimweg blickte, rührten sie an. Sie erfand die Geschichte des türkischen Jungen Selim, der sich in seinem neuen österreichischen Zuhause fremd und einsam fühlt, und des Mädchens Susanne, die durch einen Italienurlaub lernt, wie schwierig es ist, in einem Land, dessen Sprache man nicht beherrscht, Freunde zu finden. Gefreut hat sich Frau Kirchberg vor allem über die positiven Reaktionen von LehrerInnen, die mit dieser Geschichte in ihren Klassen einen empathischen Umgang mit ausländischen Kindern hervorrufen konnten. „Viel wichtiger als die Rezensenten!“ resümierte die Künstlerin und schob schmunzelnd hinterher: „Wobei ich deren Reaktionen auch immer sehr geschätzt habe.“

Ihr Ruf, der Behandlung schwieriger Themen offen gegenüberzustehen, war damit etabliert. Und so sprach sie eines Tages Klaus Kordon an: „Du illustrierst doch immer so Problembücher. Kannst Du nicht diese Geschichte, die ich mit meiner Tochter erlebt habe, illustrieren?“ Es entstand Knuddel und Eddi (1985), ein Bilderbuch, das von den Schwierigkeiten eines Kindergartenwechsels und endlos langer Fahrten durch die Großstadt berichtet.

Ihr eigener Sohn, Jan, wurde ebenfalls in eine ihrer Geschichten einbezogen. Er saß für Franz im Apfelbaum (1984) Modell, und nur der Regen habe ihn davor bewahrt, noch länger für sie im Baum auszuharren zu müssen, schmunzelte Ursula Kirchberg rückblickend.

Ende der 1980er Jahre bot ihr der Gerstenberg Verlag, eines der ältesten Verlagshäuser Deutschlands, die Zusammenarbeit an. Eigentlich hatte die Künstlerin mit dem Münchener Ellermann Verlag längst ihren Hausverlag gefunden, sie begriff das Angebot jedoch bewusst als Chance, „in diesem hohen Alter – ich war gerade 50 geworden!“ noch einmal etwas ganz anderes zu machen. Die hochklassigen Illustrationen in vielen Büchern der DDR hatte sie stets bewundert, und so reifte die Idee, einmal Klassiker der deutschen Literatur zu illustrieren. Danach musste plötzlich alles sehr schnell gehen, denn Theodor Storms 100. Todestag stand kurz bevor. Der Schimmelreiter musste 1988 also zügig auf den Markt kommen. Ebenso flott folgte Theodor Fontanes Grete Minde (1991) nach. Der Verlagsleiter sah den größeren Absatzmarkt nach der Wiedervereinigung und handelte dementsprechend – eine Denkweise, die ihr, der Künstlerin, wie sie bekundete, gänzlich fremd war. „Aber er hatte ja völlig recht!“

Im selben Jahr erschien zudem im Deutschen Taschenbuch-Verlag der liebevoll und aufwändig illustrierte Titel Unterm Schwarzen Holunder, dessen Bilder eigentlich eine Herkulesstaude (oder auch Riesen-Bärenklau) zeigen sollten. Doch leider, so Frau Kirchberg, sei die Pflanze zwar optisch sehr apart, aber eben auch in allen Teilen sehr giftig: „Um Gottes Willen, dann kriegen alle Kinder Ausschlag!“ sei die Reaktion der Lektorin gewesen. So wurde eben Holunder daraus. (Vgl. Beitragsbild ganz oben.)

Im Dietrich-Bonhoeffer-Saal der Staatsbibliothek zu Berlin (Standort Potsdamer Platz). Foto: SBB-PK, Lizenz: CC-BY-NC-SA

Hinsichtlich des bereits eingangs erwähnten Bilderbuchs Brot für Myra (2004) erinnerte sich die Künstlerin eines Fehlers, der ihr in der ersten Auflage unterlaufen sei. So habe sie der Stadt Myra zu Zeiten des Heiligen Nikolaus, also in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts, eine Moschee ins Bild gezeichnet, obgleich das Fundament des Islam mit der Erleuchtung Mohammeds doch erst zu Beginn des 7. Jahrhunderts gelegt wurde. Ein Leserbrief machte sie auf diesen Lapsus aufmerksam. Frau Kirchberg informierte den Verlag und gestaltete die Seite für die zweite Auflage neu. Die Anregungen ihrer Leserinnen und Leser habe sie immer gerne angenommen, bekannte sie, und war erstaunt, dass die Forschung, wie Carola Pohlmann bekräftigte, stets sehr an diesen Quellen interessiert sei: „Ach, da entlasten Sie mich ja vielleicht um etliche Kisten aus dem Keller?! Davon habe ich noch Einiges!“ – Das Publikum, egal ob forschend tätig oder nicht, war begeistert!

Zu Ursula Kirchbergs jüngsten Werken zählt Clara – das Nashorn mit den rosa Socken (2012). Die Geschichte des Nashorns, das aus seinem Gemälde heraustritt, mit der Schlossmaus das Schweriner Schloss besichtigt und von der Mäusefamilie wärmende, rutschfeste Socken gestrickt bekommt, basiert auf den Erfahrungen, die die Autorin, Sylvia Völzer, während ihrer Arbeit im Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern sammelte. Die Nashorndame Clara gab es im 18. Jahrhundert tatsächlich, berichtete Frau Kirchberg. Zwischen 1741 und 1758 wurde Clara als Attraktion in zahlreichen europäischen Städten gezeigt und von etlichen Künstlern abgebildet, darunter auch der französische Hofmaler Jean-Baptiste Oudry. Zu den Bewunderern der Werke Oudrys zählte wiederum Christian Ludwig II., Herzog von Schwerin. Er schickte seinen Sohn nach Paris, um das große Gemälde des berühmten Tiermalers zu kaufen. Irgendwann Mitte des 19. Jahrhunderts sei das Bild jedoch verschwunden und erst in der jüngeren Vergangenheit  – zusammengerollt in einem Schrank – wieder aufgefunden worden. Als für die Restaurierung ein Sponsor gesucht wurde, sprang das „J. Paul Getty“-Museum in Los Angeles ein – und übernahm die Arbeiten höchstselbst in L.A. Danach (2008) kehrte das monumentale Gemälde der Clara wieder heim ins Schweriner Schloss – und das Bilderbuch der rosafarben bestrickten Clara entstand.

Vier Bilderbücher, so beschloss Frau Kirchberg ihre Werkschau, lägen jetzt noch fertig in ihrer Schublade. Ihre alten Verleger seien jedoch nicht mehr im Dienst, die neuen gingen von neuen Sehgewohnheiten aus. „Jetzt sind eben die Jüngeren dran!“ Als sie anfing, als Illustratorin zu arbeiten, habe sie sich beim Anblick „alter Tanten“, so wie sie selbst jetzt eine sei, immer gefragt: „Muss die Konkurrenz jetzt auch noch sein?!“

Es schien, als habe sich die Künstlerin vom Kopf her zwar mit der Situation arrangiert, das Herz hängt jedoch noch immer an den Geschichten, die bislang nicht das Licht nach der Druckerpresse erblicken durften, vor allem an der Erzählung über einen alten Löwen. Der Löwe im Handwagen stammt von Henning Pawel, was angesichts der nicht abschließend geklärten Aktivitäten Pawels für das Ministerium für Staatssicherheit möglicherweise zur verlegerischen Zurückhaltung geführt haben könnte. Begeistert fasste Ursula Kirchberg die Geschichte des Löwen zusammen, der von zwei alten Damen aus dem Zoo geholt wird, als eine der beiden zum 80. Geburtstag bekennt, dass sie eigentlich gern Dompteurin geworden wäre. „Ist toll, dass Ihr mich hier rausholt, Mädels! Das Gebrüll der jungen Löwen geht mir ja so auf den Geist!“ rezitierte die Künstlerin voller Elan. Der Löwe passe als alterndes männliches Gegenstück perfekt in den Haushalt der couragierten Seniorinnen. Allerdings sei er ein Löwe. Und so melde sich irgendwann das Ordnungsamt an … „Es geht aber alles gut aus!“ versicherte Frau Kirchberg – und man wünscht ihr (und sich selbst), dass das Buch doch noch einen Verleger finden möge.

Bildausschnitt einer Seminararbeit von Ursula Kirchberg im 1. Semester. © Ursula Kirchberg

„Irgendwas stimmt immer nicht“

Klaus Ensikat (nachträglich) zum 80. Geburtstag

Im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe “Kinderbuch im Gespräch” feierte die Kinder- und Jugendbuchabteilung am 3. November nachträglich den 80. Geburtstag des herausragenden Graphikers und Illustrators Klaus Ensikat.

Frau Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Als erste Gratulantin begrüßte Frau Schneider-Kempf, die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, den Jubilar und seine Familie sowie die gut 100 Gäste. Die Leistungen Klaus Ensikats flößten sowohl hinsichtlich des Umfangs seines Schaffens, als auch der höchst anspruchsvollen künstlerischen Ausführung Ehrfurcht ein, bekannte sie. So weise der Katalog der Staatsbibliothek über 200 Bücher nach, die von ihm illustriert wurden, und das Goethe-Institut stelle Ensikat der Welt völlig zu recht als “Bilderzauberer” vor. An anderer Stelle, so schob Frau Schneider-Kempf ein, werde der hier Gefeierte als der “ungekrönte König der Buchillustratoren” bezeichnet. Allein in den letzten zehn Jahren, also im achten Lebensjahrzehnt, seien mehr als 20 Bücher entstanden, darunter so gewichtige Arbeiten wie die von ihm illustrierte Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen und die zweibändige Bibel-Edition im Tulipan Verlag, das Sachbuch „Das Rätsel der Varusschlacht“, für das Ensikat gemeinsam mit dem Verfasser Klaus Korn 2009 den deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Sachbuch erhielt, darüber hinaus fünf literarische Bilderbücher im Kindermann Verlag, zu Texten von Wilhelm Busch, Theodor Storm,  zu Schillers „Räubern“ und Goethes „Osterspaziergang“ sowie der Band „Von Martin Luthers Wittenberger Thesen“.

Carola Pohlmann, die Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung, führte die Laudatio fort und rühmte die altmeisterliche Zeichenkunst und handwerkliche Perfektion Klaus Ensikats. Jeder Strich seiner akribischen Federzeichnungen sitze perfekt. Jedes Projekt werde sorgfältig recherchiert, und dieses Wissen bringe Ensikat detailfreudig und immer wieder mit dem typischen verschmitzten Humor in die Darstellungen ein. „Intelligente Akribie“ habe der Bilderbuchexperte Hans ten Doornkaat diese Arbeitsweise genannt. Insgesamt, so resümierte Frau Pohlmann, verwahre die Kinder- und Jugendbuchabteilung etwa 150 Originale seiner Arbeiten als Depositum. Diese stünden der Forschung im Sonderlesesaal der Abteilung zur Verfügung, erfreuten sich aber auch für Ausstellungen weit über das Bundesgebiet hinaus großer Nachfrage.

Dr. Barbara Kindermann. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Über den Zauber, der von den Originalzeichnungen Klaus Ensikats ausgeht, berichtete im Folgenden die Verlegerin Barbara Kindermann. Die Germanistin hatte 1994 einen eigenen Verlag gegründet und im Sommer 2001 den berühmten Illustrator angesprochen, ob sie ihn für ein gemeinsames Projekt – die Illustration des “Faust” in einer Nacherzählung für Kinder – gewinnen könne. Damit, so Frau Kindermann, wurde der Grundstein für eine inzwischen bereits 16 Jahre und sieben Bände umfassende Zusammenarbeit gelegt, und noch immer sei es für sie ein magischer Moment, wenn Herr Ensikat seine fertigen Zeichnungen persönlich vorbeibringe (niemals per Boten!). Sein unverwechselbarer Stil – unzählige feine, akkurate Striche, gleich einem Kupferstich, Schraffuren, gedämpfte Kolorierung – sei aus der Notwendigkeit der anfangs eher unzuverlässigen Drucktechnik der DDR heraus entstanden und habe sie von Beginn an tief beeindruckt. Bei Goethes Osterspaziergang (aus dem wir die Illustration für die Einladung benutzen durften, Anm. d. Verf.) im typischen Aprilwetter “sitzt jedes Hagelkorn an seinem Platz!”, so Frau Kindermann. Auch auf ein schönes Beispiel für Ensikats leisen Humor wies sie hin: In dem bislang jüngsten Produkt ihrer Zusammenarbeit, dem Band Knecht Ruprecht (Text: Theodor Storm), finde sich an einer kahlen Hauswand ein unscheinbares Schild “Nepom. Klein – Grosshandel”. “Na ja,” habe Klaus Ensikat geschmunzelt, “ich dachte, wenn der arme Kerl schon Nepomuk Klein heißt, muss er wenigstens einen Großhandel haben.” Einen Auftrag rundheraus abgelehnt habe Herr Ensikat nie, überlegte die Verlegerin, wohl aber Bedenken geäußert, ob sich Luthers Thesen überhaupt illustrieren ließen – und sie dann mit den fertigen Zeichnungen überrascht. (Ensikat sei niemand, der Illustrationen im Skizzenstadium zeige!) Sie freue sich, dass mit dem Sachbuch Johannes Gutenberg und das Werk der Bücher im Januar 2018 ein weiterer von Klaus Ensikat illustrierter Band in ihrem Verlag erscheine, und hoffe sehr, dass er noch lange weiter mit Freude “stricheln” möge.

Roswitha Budeus-Budde. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Angesichts dieser enormen künstlerischen Arbeitsleistung scheint es kaum vorstellbar, dass Klaus Ensikat möglicherweise noch mehr geschaffen haben könnte, was uns nicht im Druck bekannt ist. Doch mit genau dieser Überraschung wartete die vierte Laudatorin des Abends, die Kinder- und Jugendbuchrezensentin der Süddeutschen Zeitung, Roswitha Budeus-Budde, auf. Tatsächlich fertigte der Künstler Zeichnungen für eine Erzählung über Juri Gagarin an, die am 12. April 2011 zum 50. Jahrestag des ersten bemannten Weltraumflugs erscheinen sollte. Als der in Leipzig ansässige Verlag jedoch merkte, dass der Publikationstermin nicht pünktlich zum Jubiläum zu halten sein würde, sei das Projekt gestrichen worden. Seitdem verwahrt Klaus Ensikat die zehn Illustrationen, von denen drei am Tag nach dieser Veranstaltung in der Süddeutschen Zeitung der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Insbesondere aufgrund der Allegorie des Kalten Krieges, für die Ensikat die Ikonen der russischen Propaganda (Marx, Lenin, Stalin, Sputnik, Leika) den Insignien der amerikanischen Lebensart (Freiheitsstatue, Coca Cola, Mickey Mouse) gegenüberstellte, verorte sie, so Frau Budeus-Budde, den Illustrator durchaus an der Grenze zur Pop-Art. Seine bestechend detaillierten, in ihrer Anmutung geradezu einem Kupferstich gleichen und zuweilen nahezu biedermeierlich wirkenden Zeichnungen kontrastiere Klaus Ensikat stets mit ironischen Zitaten, die das klassische Ambiente der Illustration durchbrächen.

Silva Finger. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Der solchermaßen Geehrte, als zurückhaltender Mensch bekannt, der lieber seine Illustrationen als seine eigene Person im Mittelpunkt des Interesses sieht, schien unter der Last der Lobes immer mehr in sich zusammenzusinken. Die virtuosen Einlagen der Violinistin Silva Finger boten da willkommene Abwechslung und Ablenkung. Frau Finger hatte die Stücke im Vorfeld mit Frau Röder-Ensikat abgestimmt, sie rangierten zwischen der anspruchsvollen für die Geige transponierten Suite für Violoncello Nr. G-Dur von Johann Sebastian Bach bis hin zur fröhlichen Volksweise “Kanârek”, deren Interpretation einen Humor durchblitzen ließ, wie man ihn auch in den Zeichnungen Ensikats findet.

In einem abschließenden Podiumsgespräch gingen Klaus Ensikat und Carola Pohlmann u.a. noch einmal auf die im Zeitungsdruck verwendete Drucktechnik der 50er bis 70er Jahre ein. In diesem Bereich hatte die Laufbahn des Künstlers als Illustrator begonnen, zu einer Zeit, in der die Darstellung von Halbtönen ein großes technisches Problem darstellte, in der gerasterte Schwarz-Weiß-Bilder Usus waren und für farbige Abbildungen für jede der vier Farben (die drei Grundfarben sowie Schwarz) zunächst eine eigene Vorlage erarbeitet werden musste. In dieser Zeit entwickelte Klaus Ensikat seinen unverwechselbaren Stil, um sicherzustellen, dass als Druckbild am Ende eine klare Illustration vorliegen würde – nicht etwa Farbbrei. Hinsichtlich der von ihm illustrierten Themen sei bislang eigentlich kein Wunsch offen geblieben. Auf die Texte Theodor Fontanes angesprochen seufzte Herr Ensikat, Fontane habe doch alles so stimmungsvoll und ausführlich formuliert, dem gebe es als Illustrator nichts hinzuzufügen. “Was vermissen Sie denn bei Fontane?” gab er die Frage geschickt zurück, und Carola Pohlmann, die in Klaus Ensikat einen kongenialen künstlerischen Partner des preußischen Dichters sieht, bekannte: “Mir fehlt bei Fontane eigentlich nichts – nur ab und zu ein Ensikat. Aber: Irgendwas stimmt immer nicht.”

Auftaktfolie der Bildschirmpräsentation
am 3. November 2017