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„Zwischen Realität und Virtualität. Aktuelle Entwicklungen im Bilderbuch“

Oder: Das Bilderbuch – die Grundschule der ästhetischen Bildung

Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Wenn schon Kinderbücher die entscheidenden Bücher im Leben sind, wie der Baden-Badener Verleger Herbert Stuffer einst konstatierte, sind dann Bilderbücher nicht vielleicht noch wichtiger, da sie eine erste Berührung mit der Kunst ermöglichen? So sinnierte Carola Pohlmann, Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, in ihrer Einleitung zur Jubiläumsveranstaltung der Veranstaltungsreihe Kinderbuch im Gespräch. Friedrich C. Heller, als wesentlicher Mitinitiator dieser inzwischen 20 Veranstaltungen umfassenden Reihe, sekundierte, indem er darauf hinwies, dass er den guten Tipp befolge, jedes Jahr 5 bis 10 graphisch interessante Bilderbücher zu kaufen, um so im Laufe der Jahre eine interessante Sammlung zeitgenössischer Kunst zusammenzutragen. Dabei räumte er ein, dass er bis zum Spätherbst allerdings oft schon ca. 60 Titel zusammengetragen habe, dieses Jahr sei sogar bereits die Grenze von 100 Bänden überschritten. – Auf Erwachsene wirkten Bilderbücher eben auch sehr tröstlich in diesen oftmals doch dunklen Zeiten.

Auf dem Podium (v.l.): Edmund Jacoby, Mariela Nagle, ATAK, Isabel Pin, Henning Wagenbreth, Ada Bieber, Sabine Keune, Friedrich C. Heller. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Nach den eröffnenden Worten von Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf und Abteilungsleiterin Carola Pohlmann brachte Prof. Hellers Zitat “The world changes through poetry and art.“ die Podiumsteilnehmer ins Spiel. Henning Wagenbreth (Grafiker, Comic-Zeichner und Professor an der Universität der Künste Berlin) pflichtete Herrn Heller bei. Es gebe eine unglaubliche Fülle an Bilderbüchern, die einerseits wirklich die Welt überall hintrage, andererseits aber so überwältigend sei, dass vieles gar nicht wahrgenommen werde bzw. wahrgenommen werden könne. Immerhin, so merkte Mariela Nagle (Kinderbuchvermittlerin, Inhaberin der Buchhandlung Mundo Azul, Berlin, Jury-Mitglied beim Bologna Ragazzi Award und beim Deutschen Jugendliteraturpreis) an, könne man den Geschmack der Leute, den Humor z.B., noch immer ganz gut erkennen.

Andererseits, gab Carola Pohlmann zu bedenken, gebe es auch Fälle wie den Titel Viele Grüße, Deine Giraffe, dessen deutschsprachige Version eigens neu illustriert wurde (und 2018 den Deutschen Jugendliteraturpreis gewann) und daher mit einer völlig anderen Bildsprache daherkomme. [Die Bilder des Originals stammen von Jun Takabatake, einem der beliebtesten zeitgenössischen japanischen Kinderbuchillustratoren.] Edmund Jacoby (Verleger, Mitbegründer des Verlags Jacoby & Stuart, Berlin) erläuterte aus Verlegerperspektive, dass die britischen Verlage noch immer die größten Exporteure von Kinder- und Jugendliteratur – und eben auch von Bilderbüchern – seien, die Avantgarde sitze dagegen in Frankreich. Deutsche Verleger, die Lizenzen aus diesen Ländern einkaufen, tauschten zuweilen einzelne Seiten oder den Umschlag aus, um den deutschen Geschmack zu treffen. Eine Garantie sei das dennoch nicht dafür, dass aus einem Erfolgsbuch des Auslands zwangsläufig auch ein hierzulande erfolgreicher Titel werde.
Aus der Sicht der Berliner Illustratorin Isabel Pin ist der zuweilen mangelnde Wagemut deutscher Verlage und die Neigung zu Lizenzkäufen ein echtes Problem. Dabei, so schob Edmund Jacoby nach, gebe es auch einen Markt für deutsche Lizenzen: Korea und China nämlich. Es sei aber richtig, weder britische noch französische Verlage würden ihrerseits Buchrechte in Deutschland einkaufen. Letztere allenfalls in sehr geringem Umfang.

V.l.: Klaus Ensikat, ATAK, Edmund Jacoby. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

„Und wie bereitet man Studierende auf so eine Situation vor?“, wollte Carola Pohlmann wissen. ATAK (Illustrator, Comiczeichner und Professor an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle) hält vor allem eine eigene Sprache der jungen Künstler*innen für entscheidend. Abgesehen davon gebe er ihnen mit auf den Weg, dass sie sich ihre Verlage je nach Projekt, an dem sie arbeiten, aussuchen und ansprechen sollen. Die Symbiose Verlag <-> Künstler, diese „alte Schule“, nach der ein Verlag sich für einen bestimmten Künstler zuständig fühlte, die gebe es heute nicht mehr. Isabel Pin bestätigte das, gewann diesem Umstand aber auch eine positive Seite ab: Da kein Verlag pro Jahr vier Bücher von ihr herausbringen könne, sie aber andererseits auch keine Serien produzieren wolle, suche sie sich, genau wie von ATAK beschrieben, jeweils den passenden Verlag als Partner. Dadurch komme sie in den Genuss, immer wieder mit unterschiedlichen Menschen zusammenzuarbeiten. Das Phänomen des „untreuen Künstlers“ sei ja auch nicht wirklich neu, merkte die auf Kinderbücher spezialisierte Aachener Antiquarin Sabine Keune schmunzelnd an. Das habe sich schon zum Ende des 19. Jahrhunderts angedeutet.
Auch Messen können ein guter erster Schritt sein, mit seinen Werken an die Öffentlichkeit zu treten. So besucht Carola Pohlmann zu beiden Terminen der Buchmesse regelmäßig die Stände der deutschen Kunsthochschulen, um sich zu informieren und ggf. auch einzelne Werke, die meist in Kleinstauflage entstanden sind, zu kaufen. Henning Wagenbreth weist seine Studierenden wiederum auf jene Messen hin, auf denen gezielt Handpressenerzeugnisse angeboten werden, wie z.B. die Berliner Messe für Künstlerbücher und Editionen: artbook.

V.l.: Friedrich C. Heller, Isabel Pin, Ada Bieber. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Grundsätzlich müsse aber von institutioneller Seite mehr für die jungen Illustrator*innen getan werden. Isabel Pin berichtete, dass in ihrem Heimatland Frankreich das Centre national du livre in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spiele, indem es Stipendien vergebe und die Studierenden somit finanziell darin unterstütze, ihr erstes Buch zu veröffentlichen. Und mit dem ersten veröffentlichten Buch, ergänzte Ada Bieber (Kinderbuchforscherin, Dozentin an der Humboldt-Universität zu Berlin), sei ja auch eine bestimmte Wertschätzung verbunden.
Genau an dieser Wertschätzung scheint es in Deutschland jedoch auf den unterschiedlichsten Ebenen zu mangeln. Ada Bieber berichtete beispielsweise von einer 8. Klasse, mit der sie im Kunstunterricht die Illustration von Texten ausprobiert habe. Den Schülerinnen und Schülern musste sie zunächst einmal klarmachen, dass es auch für Bücher, die man im Alter von 13 / 14 Jahren liest, völlig „okay und cool“ sei, wenn sie üppig bebildert sind. Genau für diese Zielgruppe, ältere Kinder und Jugendliche, bemüht sich auch Edmund Jacoby, Bilderbücher anzubieten. In aller Regel müsse er die Lizenzen für solche Titel, die der ästhetischen Bildung dienen, jedoch in Frankreich einkaufen. ATAK erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass es in der DDR Tradition gewesen sei, Bücher opulent und qualitativ hochwertig zu bebildern. Dagegen stehe der Umstand, dass das Volkacher Buch des Monats in der Sparte “Bilderbuch” aufgrund seines Textes – nicht etwa der Illustrationen(!) halber – ausgezeichnet werde, im krassen Gegensatz, warf Friedrich C. Heller ein. Vergleichbares berichtete Sabine Keune aus der Juryarbeit für den ANTIQUARIA-Preis. Es scheine bislang einfach nicht das nötige Bewusstsein für die Illustrator*innen und deren Arbeit zu geben, denn in der Geschichte des Preises [seit 1995] sei bis heute niemand aus diesem Bereich ausgezeichnet worden. Die nötige Wertschätzung der künstlerischen Arbeit beklagt ATAK auch in den Reihen der Lektor*innen. Oftmals können diese mit dem Verhältnis Text-Bild wenig anfangen. Die zeitintensive kleinteilige Arbeit, die zum Beispiel in einer Graphic Novel stecke, wüssten nur wenige zu honorieren. Gerade in diesem Bereich sei eine Förderung des Nachwuchses über Auszeichnungen und Stipendien unbedingt nötig.

Büchertisch von Mundo Azul, von allen Generationen umschwärmt. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Die Vorteile des Bilderbuches lägen dabei klar auf der Hand, resümierten die Podiumsteilnehmer. Es sei als Objekt, allein aufgrund der vielfältigen Papiersorten, nicht durch Digitales zu ersetzen, schwärmte Mariela Nagle, die selbst einen repräsentativ bestückten Büchertisch aus ihrer Buchhandlung zum Gelingen des Abends beigesteuert hatte. Es sei auch nicht von irgendeinem Betriebssystem abhängig, flachste Ada Bieber zur allgemeinen Belustigung. Und es führe stets zu einer engen Verbindung mit einem Erwachsenen, der die Geschichte vorlese, fügte Isabel Pin hinzu. Kinder wüssten das zu schätzen, es sei für sie noch wichtiger als einen Film zu sehen. Der Vorlesende werde zum Schauspieler, das Kind sei sein Publikum. Das schaffe nur ein Buch!
Die abschließend vorgetragenen Ideen, was man selbst zur Imageförderung des Bilderbuchs beitragen könne, waren so vielfältig wie kreativ. Mariela Nagle, die bereits im Rahmen von Fortbildungen Erzieher*innen ein möglichst vielfältiges Repertoire an Büchern zu unterbreiten versucht, das der Vielfalt der unterschiedlichen Kinder entspricht, plant, nächstes Jahr eine kleine mobile Bibliothek auf eine Reise durch Deutschland zu schicken, um auch Kindern auf dem Lande, die vielleicht nur einen eingeschränkten Zugriff auf umfängliche Bilderbuchbestände haben, eine möglichst große, facettenreiche Perspektive auf die Welt zu bieten. Isabel Pin warb dafür, Flüchtlingskindern ein Paket mit Bilderbüchern zu schenken, damit sie die deutsche Sprache leichter erlernen. In diesem Kontext steht auch das Projekt, das Edmund Jacoby derzeit mit einem schwedischen Partner vorantreibt: Ein Kinderbuch soll in möglichst viele Sprachen übersetzt und das E-Book mit entsprechenden Tonspuren versehen werden, damit alle Kinder einer Kindergartengruppe, unabhängig von ihrer Herkunft und Muttersprache, dieselbe Geschichte einmal in der eigenen Sprache anhören können. Das fördere die Integration und den Spracherwerb.

Vitrinenausstellung. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Die Staatsbibliothek möchte den Kunsthochschulen zukünftig ein Forum bieten, damit sich junge Künstler*innen präsentieren können. Eine gute Gelegenheit dazu böte sich gleich im nächsten Jahr, freute sich Carola Pohlmann. Im Rahmen der geplanten Ausstellung zu Märchen aus 1001 Nacht sei zum Beispiel eine Präsentation von Arbeiten Studierender sehr gut denkbar.
Aus dem Publikum kam u.a. noch die Anregung, eine Schirmherrschaft für das Kinderbuch einzurichten und in die Hände einer angesehenen Person des öffentlichen Lebens zu legen. Sehr viel mehr war an Publikumsbeteiligung aus zeitlichen Gründen leider kaum möglich. Der Abend hätte noch viel länger weitergehen können. Doch die immer näher rückende abendliche Schließung der Bibliothek erforderte letztlich ein Ende, damit auch noch die Vitrinenausstellung mit Werken der auf dem Podium vertretenen Künstler besichtigt und bei einem Glas Wasser oder Wein einige Worte gewechselt werden konnten.

Bleibt zu hoffen, dass die erwachsenen Wegbegleiter (Eltern, Pädagogen, Verleger, …) der jungen Bilderbuchleser*innen zukünftig zur Aufgeschlossenheit und Experimentierfreudigkeit der eigentlichen Zielgruppe aufschließen können.

Das Podium noch einmal im Überblick:

ATAK. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Ada Bieber. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Edmund Jacoby. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Sabine Keune. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Mariela Nagle. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Isabel Pin. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Henning Wagenbreth. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Friedrich C. Heller & Carola Pohlmann. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Carola Seifert – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Superheldencomics als mobiles Archiv

Huch, ein Batman-Heftchen neben Kants ledergebundenen Schriften oder einer Musikhandschrift? Gar nicht so abwegig: Seit 2015 sammelt die Staatsbibliothek zu Berlin erstmals auch systematisch Comics und Graphic Novels für Erwachsene. Dass Comics ein relevanter Forschungsgegenstand sind, zeigen regelmäßige Vorträge von Comicexperten. Anlässlich der Schenkung einer Sammlung amerikanischer Comics sprach Prof. Dr. Daniel Stein von der Universität Siegen über Superheldencomics als mobiles Archiv.

Vitrinenpräsentation ‘SuperheldInnen’ – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Lizenz: CC BY-SA-NC 3.0

70.000 Hefte – so groß ist die Sammlung, die Johannes Ruscheinski der Staatsbibliothek zu Berlin überlässt. „Dadurch vervielfacht sich unser Comic-Bestand“, sagt Carola Pohlmann, Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung in der Staatsbibliothek. „Die Sammlung, die im Wesentlichen den Zeitraum von Mitte der 1980er Jahre bis 2014 umfasst, ist in ihrer Vollständigkeit so überzeugend, dass wir dieses Geschenk selbstverständlich gerne angenommen haben.“ Ein Schwerpunkt der Sammlung liegt auf weiblichen Figuren – Superheldinnen wie Wonder Woman, Ms. Marvel, Batwoman oder Red Sonja.

Daniel Stein zeigte sich im Werkstattgespräch begeistert über das Sammlungsinteresse der Staatsbibliothek im Bereich der Comics. Dies sei keineswegs eine Selbstverständlichkeit: Zwar seien etwa Graphic Novels sehr beliebt und schon länger Gegenstand institutioneller Sammlungsbemühungen, doch würden gerade Superheldencomics oft noch als sammlungsunwürdige „Trivialliteratur“ betrachtet und vernachlässigt. Dabei seien letztere wegen ihrer Präsenz in der Populärkultur, etwa im Blockbusterkino und in Fernsehserien, aber auch als Werbeträger, von gesellschaftlicher Bedeutung. Es sei daher interessant, die Entwicklungs- und Entstehungsgeschichte dieser breiten Präsenz zu untersuchen, um den Erfolg solcher narrativen Formate zu verstehen.

Prof. Dr. Daniel Stein. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Lizenz: CC BY-SA-NC 3.0

In seinem Vortrag stellte Daniel Stein seinen Ansatz vor, Superheldencomics als mobile Archive zu betrachten. Zwei Fragen standen dabei im Vordergrund: Wie werden sie archiviert? Und wie tragen sie selbst zu ihrer Archivierung bei? Dabei versteht Stein „Archiv“ nicht als statische Struktur, sondern als gesellschaftliche Praxis der Auswahl, Ordnung und Bewahrung von Vergangenem.

Dies hängt erstens damit zusammen, dass Comics in der Regel serielle Erzählungen sind. Bis in die 1950er Jahre hinein kommen Comics als abgeschlossene Episoden vor: Mit jedem Kapitel fängt die Handlung wieder beim Ursprungszustand an, vorausgegangene Geschehnisse sind irrelevant. Doch dann setzt sich eine neue Form des episodenübergreifenden Erzählens durch, mit der eine wachsende Relevanz der Serienvergangenheit einhergeht. Bereits Erzähltes kann nun nicht mehr ignoriert werden. Jede neue Folge baut auf einer Seriengeschichte auf, die schon feststeht und nur noch variiert, nicht aber negiert werden kann. Die Kenntnis der Vergangenheit wird für die Autoren notwendig – im Zweifel muss das Serienarchiv konsultiert werden.

Zweitens spielt bei Comics die Fankultur eine große Rolle. Schon früh bringen sich die Fans mit Leserbriefen und eigenen Fanzines ein. Darüber hinaus sorgen sie mit ihren Serienkollektionen und Tauschbörsen für eine Systematisierung der Seriengeschichten: Comics werden auf diese Weise Teil eines Archivs.

Vortrag von Prof. Dr. Stein “Superheldencomics als mobiles Archiv” – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Lizenz: CC BY-SA-NC 3.0

Neben dieser aktiven Leserschaft tragen, so Daniel Stein, aber auch die Comics selbst mit bestimmten Mechanismen zu ihrer eigenen Archivierung bei. Beispiele hierfür sind etwa die bei Marvel vorkommenden Fußnoten, die mit Verweisen auf ältere Hefte der Kontextualisierung laufender Handlungen dienen, und explizite Verweise auf die Serienvergangenheit durch die Figuren selbst. Auch narrative Formate wie Metaerzählungen, Parodien und Metalepsen führen laut Stein zur Selbstarchivierung von Comics, da hier die Kenntnis der Serienvergangenheit vorausgesetzt wird.

Verlage nutzen diese Mechanismen der Selbstarchivierung der Comics kommerziell: Reprints machen die Serienvergangenheit auch für Neulinge verfügbar, die nicht über eine langjährig aufgebaute eigene Sammlung verfügen. Gleichzeitig werden die Verlage durch die unvermeidbare Selektion bei den Reprints (nach kommerziellen Kriterien) zu Akteuren in einem Kanonisierungsprozess, der wiederum ständig neu verhandelbar ist: Was kommt in den Kanon? Was gilt als so wichtig, dass es überliefert werden soll? Und wer hat die Autorität, dies zu entscheiden?

Außer Frage steht, dass Sammler im Archivierungsprozess der Comics eine essentielle Rolle spielen. Comics sind als Teil der Populärkultur a priori nur zum Einmalgebrauch konzipiert, was sich vor allem in der Anfangsphase in der billigen Produktion niederschlägt: Durch die archivarische Aktivität von Amateuren wird zu archivieren versucht, was nicht für die Aufbewahrung bestimmt ist.

Vitrinenpräsentation ‘SuperheldInnen’ – Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Lizenz: CC BY-SA-NC 3.0

Abschließend wollte Carola Pohlmann von Daniel Stein noch wissen, was er sich als Comic-Forscher von der Staatsbibliothek wünsche. Seine Antwort: Neben der Sicherung existierender Bestände sei insbesondere ein ständiger Dialog zwischen Forschern, Sammlern und Bibliothekaren wesentlich. Nur so könne in stetem Austausch immer wieder neu gefragt werden: Was ist wichtig? Was brauchen wir?

In der Staatsbibliothek geht es nun erst einmal an die Katalogisierung der neu hinzugekommenen Comics, damit nach und nach die gesamte Sammlung zugänglich gemacht werden kann. Die kostbaren Hefte stecken – verstärkt durch passgenaue Pappen – einzeln in speziellen Magazinhüllen, die wiederum zu jeweils 100–150 Heften in säurefreien Boxen gelagert werden. Interessierten Nutzerinnen und Nutzern wird dieses empfindliche Material nach der Einarbeitung im Lesesaal der Kinder- und Jugendbuchabteilung zur Verfügung gestellt.

 

Ein Beitrag von Jonas Dehn, wissenschaftlicher Assistent (in Fortbildung) in der  Stiftung Preußischer Kulturbesitz