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Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron! Mendelssohns römisches Weihnachtslied – ein Luther-Choral

Das Autograph von Mendelssohns Weihnachtslied in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Felix Mendelssohn Bartholdy um 1829. Aquarell von James Warren Childe. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Felix Mendelssohn Bartholdy um 1829. Aquarell von James Warren Childe. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Ein Beitrag von Roland Schmidt-Hensel.

Dem steten Strom deutscher Italienreisender des frühen 19. Jahrhunderts schloss sich 1830 auch Felix Mendelssohn Bartholdy an. Nach längeren Aufenthalten in München, Wien und Venedig erreichte er Anfang November schließlich Rom, wo er rund fünf Monate lang blieb. Kunst und Architektur der Ewigen Stadt beeindruckten den jungen Komponisten nachhaltig, wohingegen er sich von der dortigen Musikpflege eher enttäuscht zeigte.

Petersplatz und Petersdom, aus: Andrea Manazzale, Itinerario di Roma e Suoi Contorni […], Roma 1817. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Petersplatz und Petersdom, aus: Andrea Manazzale, Itinerario di Roma e Suoi Contorni […], Roma 1817. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Auf der Durchreise durch Wien hatte Mendelssohn von einem Freund eine Ausgabe von Luthers Chorälen zum Geschenk erhalten, die ihn offenbar gerade in der neuen, katholischen Umgebung nachhaltig inspirierten. So entstanden in den römischen Wintermonaten 1830/31 neben lateinischen Psalmvertonungen auch mehrere Kompositionen, die auf lutherischen Chorälen basieren. Das umfangreichste dieser Werke ist die von Mendelssohn schlicht als „Weihnachtslied“ überschriebene Kantate „Vom Himmel hoch da komm ich her“, die Mendelssohn wohl um Weihnachten 1830 begann und Ende Januar 1831 abschloss.

Die Kantate besteht aus sechs Sätzen, denen insgesamt acht Strophen aus Luthers Weihnachtslied von 1535 zugrunde liegen. Musikalisch stellen die drei Chorsätze unterschiedlich gestaltete Bearbeitungen der Choralmelodie dar, wohingegen die Solo-Sätze keine offensichtlichen musikalischen Bezugnahmen auf den Choral zeigen. Im Schlusschor zur Strophe „Lob, Ehr‘ sei Gott im höchsten Thron“ wird der Choral zunächst unisono vorgetragen und von Arpeggien in den Streichern umrahmt, bevor eine mächtige Schlusssteigerung die Kantate in festlichem Jubel ausklingen lässt.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur lutherischen Kirchenmusik – darunter eine eigenhändige Komposition Bachs zum Reformationsfest 1725 und einen eigenhändigen Kompositionsversuch Luthers – selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Felix Mendelssohn Bartholdy: Vom Himmel hoch da komm ich her MWV A 10. Autographe Partitur. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Felix Mendelssohn Bartholdy: Vom Himmel hoch da komm ich her MWV A 10. Autographe Partitur. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Felix Mendelssohn Bartholdy: Vom Himmel hoch da komm ich her MWV A 10. Autographe Partitur. Beginn des Schlusschors. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Felix Mendelssohn Bartholdy: Vom Himmel hoch da komm ich her MWV A 10. Autographe Partitur. Beginn des Schlusschors. Musikabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Erste Vertonung von Shakespeares „Romeo und Julia“ erworben

Die Musikabteilung konnte die sehr seltene Erstausgabe von Georg Anton Bendas Oper „Romeo und Julie“ erwerben. Damit wurde wieder einmal ein Kriegsverlust getilgt. Der sehr schöne, gut erhaltene Klavierauszug im Typendruck von 1778 ist zudem eine gelungene Ergänzung zum Autograph der späteren Mannheimer Fassung des Werks von 1784, das bei uns verwahrt wird (Signatur: Mus.ms. autogr. Benda, G. 9).

Georg Benda gilt als „markanter Repräsentant der stilistischen Wandlungen in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts“ (soweit das Musiklexikon „Musik in Geschichte und Gegenwart“) und wirkte seit 1742 in Potsdam als Violinist in der Hofkapelle. 1750 war er dann Hofkapellmeister in Gotha. In seinem Œuvre sind besonders seine Melodramen im Rousseauschen Geiste der Aufklärung hervorzuheben. Hierzu zählt auch „Romeo und Julie“ – die erste Vertonung dieses Shakespeare-Stoffes überhaupt!

Das zwei Jahre vor dem Erscheinen des Klavierauszugs am 25. September 1776 in Gotha uraufgeführte melodramatische Singspiel, das der Leipziger Verleger auf dem Titelblatt als „Oper“ bezeichnet, erreichte bis ins 19. Jahrhundert beispiellose Popularität. Dazu beigetragen haben wahrscheinlich auch die für ein Singspiel auffallenden virtuos-dankbaren Solopartien. Selbst Mozart soll „Romeo und Julie“ gelobt haben. Anders als bei Shakespeare schließt das Werk mit einem Happy-End, in dem die beiden Verliebten Terzen- und Sexten-selig ihr Liebesglück besingen. Mit dem Klavierauszug von „Romeo und Julie“ ist die Staatsbibliothek um ein bedeutendes Dokument der Entwicklung des Singspiels vor Mozart reicher geworden. Die Ausgabe wird in Kürze in unserer Digitalen Bibliothek verfügbar sein.

[Text von Jean Christophe Gero]

Sofort gestrichen – Luther komponiert zu einem seiner Choräle

Das Autograph des Vaterunser-Liedes von 1539 mit Melodie-Entwurf in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer

Luther im Studierzimmer mit Laute. Lithographie 19. Jh. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Luther im Studierzimmer mit Laute. Lithographie 19. Jh. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Gemeindegesang gehörte zu den wesentlichen Neuerungen des protestantischen Gottesdienstes. Während bisher die Gläubigen den Worten des Priesters während der Messe und der Eucharestiefeier lauschten und nur im Rahmen der Liturgie einmal respondierten, weist ihnen Martin Luther mit Gebet und Lobgesang eine aktive Rolle im Gottesdienst zu. Für ihn war der Gemeindegesang von großer Bedeutung für die religiöse Unterweisung der Gläubigen. Hier konnten sie sich ihrer selbst und ihres Glaubens versichern. So brachte Luther seine eigene Liebe zur Musik – er war ein begeisterter Sänger und Lautenspieler ‑ in die 1523 begonnene Reform des Gottesdienstes ein. Rund 40 Lieder schrieb er seit 1523/24, wobei er häufig an alte Hymnen und Antiphonstrophen anknüpfte.

Immer noch im Dunkeln aber liegt, inwieweit Luther seine Verse auch mit Melodien versah. Die oft zunächst auf Flugblättern verbreiteten Lieder haben immer wieder unterschiedliche Melodien, was vermuten lässt, dass sie aus der Feder von Musikern aus dem Umfeld der Drucker stammten. Daneben unterstützte auch der Hofmusiker und Kantor aus Torgau Johann Walter Luther in musikalischen Fragen.

Dennoch gibt es an der Staatsbibliothek ein Zeugnis, das Luther als Liedautor und Komponist zeigt: das Autograph seines Vaterunser-Liedes. Es stammt aus der privaten Sammlung des Mitinhabers des Musikverlags Breitkopf und Härtel, Hermann Härtel (1803-1875), die 1969 von der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz erworben wurde. Auf dem stark beschnittenen Blatt schrieb Luther sein Lied nieder und versuchte gleichzeitig eine Melodie zu skizzieren, die er aber bereits hier als für den Gesang untauglich erkannt und energisch durchgestrichen hat. Das heutige evangelische Kirchengesangbuch nennt neben Luther auch den Tischsegen des Mönchs von Salzburg und eine Melodie aus dem Gesangbuch der Böhmischen Brüder von 1531 als Quellen für die Musik, und ein Vergleich der Melodien bestätigt die Ähnlichkeit.

Die Niederschrift der Verse mag nicht der erste Entwurf Luthers sein, aber das Blatt zeigt, wie intensiv der Reformator am Text gearbeitet hat. Besonders die sechste Strophe hat er immer wieder neu formuliert und sie auf der zweiten Seite noch einmal in der neuen Fassung ins Reine geschrieben. In neun Strophen werden neben der Anrede und dem abschließenden „Amen“ die sieben Bitten des Vaterunser in einer je eigenen Strophe benannt und ausgelegt. Die Strophen sind mit ihren sechs paargereimten vierhebigen Jamben als Volksliedstrophen ausgewiesen, d.h. sie sind gut sangbar und leicht zu merken.

Das Vaterunser-Lied ist eines der acht Katechismus-Lieder Luthers, in denen Luther seine Christenlehre in Lieder und Musik übertrug und so die Glaubensinhalte memorierbar machte, so dass sie sich in das Gedächtnis der Gläubigen einschrieben. Damit ergänzt er lyrisch-musikalisch seine Arbeiten am Katechismus, der 1529 in Wittenberg als Deudsch Catechismus (Der große Katechismus) und Enchiridion (Der kleine Katechismus) erschien. Hier stellt er die zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, sowie die Taufe und das Abendmahl (mit Beichte) dar und legt sie im Sinne der evangelischen Glaubenslehre aus. Der Kleine Katechismus ist bis heute Teil der evangelischen Gesangbücher.

Luther verfasste die hier vorgestellten Verse zwischen 1538 und 1539. Sie wurden zunächst als Einblattdruck unter dem Titel „Das Vater vnser kurtz ausgelegt, vnd jnn Gesang weyse gebracht“ 1539 veröffentlicht wurden. Ein Exemplar des Liedflugblatts befindet sich noch in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Im gleichen Jahr erschien das Lied mit der heute noch gesungenen Melodie in dem von Valentin Schumann herausgegebenen und gedruckten Gesangbuch „Geistliche lieder, auffs new gebessert und gemehrt, zu Wittenberg. Leipzig: Valentin Schumann, 1539“.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zu Martin Luther als Liederdichter und zur lutherischen Kirchenmusik selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen – darunter auch Johann Sebastian Bachs Autograph zum Reformationsfest 1725.

 

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539. Autograph. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539.
Autograph. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539. Autograph, Rückseite. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539.
Autograph, Rückseite.
Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA