Luther und die Abrafaxe – die Reformation im „dienstältesten“ deutschen Comic

Aktuelle Comics zum Reformationsjubiläum in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Carola Pohlmann.

Mosaik: Mit den Abrafaxen durch die Zeit, Nr. 488. Kinder- und Jugenbuchabteilung. © MOSAIK – Die Abrafaxe 2016

Von den Digedags zu den Abrafaxen – das „Mosaik“

Das „Mosaik“ ist die älteste noch erscheinende Comiczeitschrift deutscher Produktion. Sie entstand 1955 in Ostberlin nach einer Idee von Hannes Hegen (d.i. Johannes Eduard Hegenbarth, 1925-2014).  Bis 1959 wurde das „Mosaik“ im Verlag Neues Leben herausgegeben, vom Jahrgang 1960 an erschien es im Verlag Junge Welt. Die Helden der Zeitschrift waren die drei koboldartigen Figuren Dig, Dag und Digedag, die sich frei in Raum und Zeit bewegen konnten und Abenteuer in unterschiedlichen Epochen der Menschheitsgeschichte erlebten.  Besonders berühmt wurden zwei Serien des „Mosaiks“ – die Ritter-Runkel-Serie und die Amerika-Serie. Die Geschichten um den ehrgeizigen und tollpatschigen Ritter umfassen 62 Hefte und erschienen von Mai 1964 bis Juni 1969, die Amerika-Serie wurde als sechste Hauptserie der Zeitschrift von Juli 1969 bis Juni 1974 veröffentlicht. Nach einem Streit mit dem Verlag Junge Welt kündigte Hannes Hegen Ende 1974 seinen Vertrag und schied aus dem Mosaik-Kollektiv aus. Der Textautor Lothar Dräger (1927-2016) schuf mit den Abrafaxen ein an den Digedags orientiertes neues Konzept, nach dem seit 1976 Comics veröffentlicht werden. Ein wichtiger Garant für die künstlerische Qualität war die Zeichnerin Lona Rietschel (geb. 1933), die seit 1960 fest beim „Mosaik“ angestellt war und bis 1999 regelmäßig für die Zeitschrift arbeitete. Die Abrafaxe haben selbst die durch die Wende verursachten Verwerfungen im DDR-Verlagswesen unbeschadet überstanden: Nachdem 1991 der Verlag Junge Welt durch die Treuhandanstalt liquidiert wurde, übernahm zunächst die Procom Gesellschaft für Kommunikation und Marketing die Herausgabe der Zeitschrift, seit 1992 wird sie im Mosaik Steinchen für Steinchen Verlag in Berlin verlegt.

Mosaik: Mit den Abrafaxen durch die Zeit, Nr. 486. Kinder- und Jugenbuchabteilung. © MOSAIK – Die Abrafaxe 2016

Dank Brabax werden Luthers geplante 478 Thesen auf 95 gekürzt

Die aktuelle Reihe, beginnend mit Heft 483 (März 2016), ist dem Thema Reformation gewidmet. Abrax, Brabax und Califax reisen im Jahr 1517 durch Kursachsen und treffen dort bedeutende historische Persönlichkeiten wie Martin Luther, Thomas Müntzer, Lucas Cranach und Philipp Melanchthon. Gemäß der Ausrichtung des „Mosaiks“ „Geschichte von unten“ zu erzählen, setzen sie sich für soziale Gerechtigkeit ein und werden zu wichtigen Inspiratoren reformatorischer Ideen. So hat Brabax als Adlatus von Martin Luther entscheidenden Anteil an der Abfassung der Thesen, indem er Luther davon überzeugt, statt der angeblich ursprünglich geplanten 478 Thesen lediglich 95 zu veröffentlichen. Abrax und Califax leben während ihres Aufenthalts in Wittenberg bei Lucas Cranach d. Ä. und machen sich im Haushalt der Familie nützlich, wo immer wieder die Spuren der Verwüstungen zu beseitigen sind, die der kleine, stets zu Streichen aufgelegte Lucas d. J. anrichtet. Bei Familie Cranach treffen sie auch auf den jungen Künstler Michael Drachstädt, der die Nonne Katharina von Krahwinckel liebt und sie aus dem Kloster befreien will. In Rom macht sich Papst Leo X., der gerade mit dem Bau des Petersdoms beschäftigt ist, Sorgen um die Einbußen bei den Einnahmen aus dem Ablasshandel wegen der Umtriebe im fernen Wittenberg. Trotz der comictypischen humoristischen Form der Darstellung folgt die Handlung zentralen Ereignissen der Reformationsgeschichte und macht Kinder mit dem Gedankengut der Lutherzeit bekannt.

Das aktuelle Heft 494 (Februar 2017) schildert Luthers Aufbruch zum Reichstag nach Augsburg im Jahr 1518, wo bereits der Erzbischof von Mainz, Kardinal Cajetan und die Fugger ihre Intrigen gegen ihn spinnen. Die Fülle historischer Fakten zur Reformationszeit aus der Comic-Handlung wird in der Mitte jedes Hefts durch kurze Sachtexte ergänzt, eine eigene Serie bildet dabei die Doppelseite „Malen wie ein Meister. Michaels kleine Malakademie“, in der Kinder unter anderem sachgerecht über Bildthemen der Kunst des 16. Jahrhunderts, zeitgenössische Maler, die Farbenlehre oder den Bildaufbau informiert werden.

In der Ausstellung Bibel – Thesen – Propaganda können Sie vom 3.2. bis 2.4.2017 neben den Abrafaxen weitere historische und aktuelle Kinderbücher in der Staatsbibliothek selbst in Augenschein nehmen und beispielsweise herausfinden, warum Luther zum Erfinder des Weihnachtsbaumes wurde, oder aber Sie zählen bei den 1517 gedruckten Ausgaben der Thesen zur Klärung der Kraft der Ablässe noch einmal selbst nach.

Doppelseite aus Mosaik: Mit den Abrafaxen durch die Zeit, Nr. 487. Kinder- und Jugenbuchabteilung. © MOSAIK – Die Abrafaxe 2016

 

Künstlerbiografien in Buch und Film

Künstlerbiografien boomen – ob Leonardo da Vinci, Pablo Picasso, Vincent van Gogh, Albrecht Dürer, Gustav Klimt, Marc Chagall oder Frida Kahlo: Unzählige biografische Darstellungen von Künstlerinnen und Künstlern sind in den letzten Jahren auf den Markt gekommen. Das Leben und Wirken von Kunstschaffenden weckt immer wieder aufs Neue großes Interesse bei einem breiten Lesepublikum. Denn die Biografie als eigenes Genre ist für den Interessierten ebenso attraktiv wie für den Spezialisten. Und so wundert es nicht, dass der Historiker Ulrich Herbert allgemein feststellt: „Biographien werden gelesen.“ (Aus: Die Biographie – Mode oder Universalie?: Zu Geschichte und Konzept einer Gattung in der Kunstgeschichte) Biografien in der Kunstgeschichte ermöglichen darüber hinaus immer auch einen alternativen Zugang zum künstlerischen Werk selbst.

Auch in den Beständen der Staatsbibliothek tummeln sich viele Künstlerbiografien, die entdeckt werden wollen. Allein in den letzten zwei Jahren haben Biografien von Peter Paul Rubens, Andy Warhol, Piet Mondriaan, Lucas Cranach der Jüngere, Franz Marc, Käthe Kollwitz, Paul Klee und vielen weiteren Künstlerinnen und Künstlern unsere Bestände bereichert. Und es kommen stets neue hinzu.

Künstlerbiografien werden aber nicht nur gelesen, sie werden insbesondere zu Zeiten der Berliner Filmfestspiele auch gesehen. Auf der diesjährigen Berlinale sind nämlich eine ganze Reihe von Künstlerfilmen vertreten. Gleich drei stehen im Wettbewerb: Der Eröffnungsfilm „Django“ (Regie: Étienne Comar) über den Jazzmusiker Django Reinhardt, der Film „Beuys“ über den gleichnamigen Künstler (Regie: Andres Veiel) und „Final Portrait“ über den Schweizer Bildhauer Alberto Giacometti (Regie: Stanley Tucci – außer Konkurrenz). Veiel verwendet für seinen Film Bilder und Tondokumente, die bisher noch nicht erschlossen wurden, und eröffnet so völlig neue Perspektiven auf einen der wichtigsten Nachkriegskünstler Deutschlands. Auch wenn Filme nicht zum Sammelschwerpunkt der Staatsbibliothek gehören, können Sie sich bei uns umfassend zu Joseph Beuys und seinem Werk informieren. Eine Grundlage für Tuccis Film über Giacometti bildet die Biografie von James Lord. Und wenn Sie selbst diese Inspirationsquelle lesen möchten, sind Sie an der Staatsbibliothek zu Berlin bestens bedient: Lords Darstellung ist bei uns in zweifacher Ausführung vorhanden.

Veiel und Tucci stehen mit ihren Werken in einer reichen Tradition. Filme über bildende Künstlerinnen und Künstler flimmern – ob als Dokumentation oder Spielfilm – immer wieder über die Kinoleinwände: Mr. Turner (2014), Renoir (2012), Goya’s Ghosts (2006), Girl with a Pearl Earring (2003), Frida (2002), Surviving Picasso (1996), Caravaggio (1986) – und diese Aufzählung ließe sich noch nach Belieben fortsetzen.

Informationen zu diesen und anderen Filmen finden Sie in der wichtigsten Anlaufstelle für Filminformationen im Internet: Der Internet Movie Database. Hätten Sie gewusst, dass es darüber hinaus auch eine eigene Datenbank zu älteren Künstlerfilmen gibt? Die Künstlerfilm-Datenbank ermöglicht online eine freie Suche nach Auseinandersetzungen mit dem Thema Kunst in Film und Fernsehen. Wenn Sie also schauen möchten, welche Filme und TV-Aufzeichnungen es früher schon über Beuys und Giacometti gegeben hat, dann werden Sie hier fündig.

Es bleibt abzuwarten, ob sich ein Künstlerfilm beim Rennen um den Goldenen Bären am Ende durchsetzen wird.

Wissenswerkstatt-Workshop Haus Potsdamer Straße | SBB-PK CC NC-BY-SA

Wissenswerkstatt im März

In unserer Wissenswerkstatt vermitteln wir Ihnen elektronische Ressourcen oder Internetquellen zu Ihrem Fach, zeigen Ihnen Wege auf, wie Sie schnell und treffsicher zu den gewünschten Suchergebnissen kommen, elektronische Texte oder Digitalisate finden und diese weiter verarbeiten können. Im März möchten wir Sie zu folgenden Workshops einladen:

 

Workshop
Zahlen, Daten, Fakten – wo finde ich was? (Sozial- und Wirtschaftswissenschaften)
Dienstag, 14. März, 14.00 Uhr

 

Workshops Publish or Perish:

Teil 1: Konventionelles Publizieren in Wissenschaftsverlagen
Dienstag, 21. März, 16.00 Uhr

Teil 2: Wissenschaftliches Publizieren im Open Access
Donnerstag, 23. März, 16.00 Uhr

Teil 3: Klärung von Bildrechten
Dienstag, 28. März, 16.00 Uhr

Teil 4: Management und Veröffentlichung von Forschungsdaten
Donnerstag, 30. März, 16.00 Uhr

 

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Ein Angebot der Staatsbibliothek zu Berlin und ihrer Kooperationspartner.