Unsere redaktionelle Auswahl für den Rückblick

“Nachhaltigkeit und Zugang” – Reinhard Altenhöner moderiert die Podiumsdiskussion

Die Digitalisierung des kulturellen Erbes hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Doch angesichts der rasanten technologischen Entwicklung der elektronischen Medien, der Projektorientierung von Kulturförderung und der Flüchtigkeit digitaler Kommunikation gewinnen Fragen nach der Nachhaltigkeit an Bedeutung. Auf der 6. internationalen “Zugang gestalten!”-Konferenz sollen am 17. und 18. November 2016 die damit zusammenhängenden Aspekte erörtert werden.

Veranstaltungsort:
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart
Invalidenstr. 50-51
10557 Berlin

Der Eintritt ist frei – Tagungsprogramm

Innerhalb der Konferenz moderiert Reinhard Altenhöner, Ständiger Vertreter der Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und Leiter der Zentralabteilung der Staatsbibliothek, am 17. November eine Podiumsdiskussion zum Thema

Nachhaltigkeit und Zugang

Wenn die Verantwortung für das kulturelle Erbe eine gesellschaftliche ist, wer trägt sie dann genau und wie?

Das Panel “Nachhaltigkeit und Zugang” ist ideal besetzt, um zu diskutieren, welche Rollen Institutionen und Bürger heute haben und in Zukunft haben sollten, wenn es um die Nachhaltigkeit des Zugangs zum kulturellen Erbe geht. Hier stellen sich weniger Fragen des Eigentums an Kulturobjekten, sondern der Berechtigung, den Zugang zu ihnen zu regeln. Gedächtnisinstitutionen bewegen sich hierbei in einem Spannungsfeld zwischen spürbarem Veränderungsdruck auf ihr Selbstverständnis auf der einen und öffentlichem Auftrag auf der anderen Seite. Dadurch entsteht die Notwendigkeit zu strategischen Weichenstellungen, die in ihrer Tragweite noch vor wenigen Jahren kaum vorhersehbar waren.

 

 

95 oder 87? Martin Luthers Disputationsthesen zur Klärung der Kraft der Ablässe

Nur in der Berliner Stabi: Alle drei Thesendrucke des Jahres 1517 in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“!

Am Abend vor Allerheiligen 1517 soll der Theologieprofessor Martin Luther 95 Thesen zu Ablass und Gnade an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen haben. Am 31.10., dem Reformationstag, gedenken deshalb die evangelischen Christen dieses folgenreichen Thesenanschlags, der im historischen Bewusstsein als Beginn der Reformation fest verankert ist. Die Vorbereitungen zum 500. Reformationsjubiläum treten auch an der Staatsbibliothek jetzt in die heiße Phase: Vom 3.2. bis 2.4.2017 präsentiert die Staatsbibliothek 95 herausragende Objekte zur Reformationsgeschichte aus ihren Sammlungen. Als kleine Appetizer stellen wir Ihnen in unserem Ausstellungsblog ab sofort jede Woche eines unserer Ausstellungsstücke vor. Den Anfang machen dabei – wie könnte es anders sein! – Martin Luthers Thesen.

Martin Luthers revolutionäres Verständnis der Rechtfertigung allein aus der Gnade Gottes, die sich nicht durch eine Eigenleistung des Menschen erzwingen lässt, empfand er selbst als große Befreiung. Der florierende Handel mit dem Ablass, der für einen Geldbetrag den Erlass der Sündenstrafen zu garantieren schien, widersprach Luthers Auffassung diametral, und so wurden die vom Mainzer Erzbischof Albrecht unterstützten Auftritte des Ablasspredigers Johann Tetzel zum Anlass für den Wittenberger Theologen, im Oktober 1517 seine fundamentale Kritik in 95 Thesen zusammenzufassen, die er dem Erzbischof zuschickte. Gleichzeitig kursierten die Thesen in Martin Luthers Umkreis, sie wurden bereits 1517 in drei lateinischen Ausgaben gedruckt und vom gelehrten Fachpublikum rezipiert. 1518 verfasste Luther dann den auch für die breite Masse verständlichen deutschen „Sermon von dem Ablass und Gnade“. Das noch junge Druckverfahren sorgte zusammen mit einer allgemeinen sozialen Unzufriedenheit und politischen Reformbereitschaft für eine rasante Verbreitung der neuen Lehre. Entgegen Luthers ursprünglicher Absicht kam es so schließlich zur Kirchenspaltung und zu langanhaltenden konfessionellen Auseinandersetzungen.

Wohl auf der Grundlage der rasch bis nach Erfurt, Nürnberg, Augsburg und Ingolstadt verbreiteten Abschriften der Disputationsthesen zur Klärung der Kraft der Ablässe entstanden im Jahre 1517 bzw. um die Jahreswende 1517/1518 drei gedruckte lateinische Ausgaben: Die Leipziger Offizin von Jakob Thanner und der Nürnberger Drucker Hieronymus Höltzel produzierten jeweils Plakatdrucke der Thesen mit zweispaltigem Druck. Von beiden Ausgaben sind heute nur noch insgesamt sieben Exemplare bekannt – die Überlieferungschance eines einzelnen Blattes war ohnehin eher gering, die über das aktuelle Geschehen hinausreichende weltgeschichtliche Bedeutung erst im Entstehen. Mit über zwanzig Exemplaren deutlich häufiger erhalten blieb dagegen die dritte 1517 erschienene lateinische Ausgabe der 95 Thesen, der auf vier Blättern im Quartformat produzierte Baseler Druck von Adam Petri, der nun auch erstmals ein eigenes Blatt mit dem Titel „Disputatio D. Martini Luther theologi, pro declaratione virtutis indulgentiarum“ voranstellt.

Aber waren es wirklich 95 Thesen? Vergleicht man die drei Ausgaben der 95 Thesen im Detail, so fallen die jeweils unterschiedlichen Zählweisen ins Auge. Der Leipziger Plakatdruck ist der einzige, bei dem eine fortlaufende arabische Zählung beabsichtigt war. Unklarheiten in der Vorlage und besondere Eile bei der Fertigstellung mögen der Grund für eklatante Fehler in der Zählung sein: 42 statt 24, nach 26 wird mit 17 weitergezählt und gleich zweimal erhielt der zweite Teil einer These eine eigene Zählung (These 55 gezählt als 45 und – am Beginn des zweiten Satzes – 46 sowie These 83 als 74 und – hier mitten im Satz – 75). So kommt der Druck am Ende auf 87 Thesen. Diesen Fallstricken geht der Nürnberger Drucker Höltzel aus dem Weg, indem hier dreimal bis 25 und einmal bis 20 gezählt wird – auch hier arabisch, zusätzlich ist der Beginn jeder These mit einer Absatzmarke bezeichnet. Adam Petri in Basel wählte ebenfalls diese Variante, allerdings benutzte er römische Zahlen: i-xxv, i-xxv, i-xxv, i-xx.

 

Die drei Ausgaben von Luthers Thesen mit dem Druckjahr 1517 stellen wir ins Zentrum unserer Jubiläumsausstellung: Das 2015 in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommene Exemplar des Nürnberger Plakatdruckes zusammen mit dem Exemplar des Leipziger Plakatdruckes aus dem Besitz des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz und auch den Baseler Quartdruck. So können Sie im Original selbst noch einmal nachzählen!

Nürnberger, Leipziger und Baseler Druck

Nürnberger, Leipziger und Baseler Druck

Philharmonieleuchten im Lesesaal Potsdamer Straße; Foto: Hagen Immel - Lizenz CC-BY-NC-SA

„Darunter sieht man gut aus!“ Ausstellung zu den Leuchten Günter Ssymmanks eröffnet

Vor genau 50 Jahren, im Februar 1966, wurde im Berliner Möbelhaus Modus eine Ausstellung eröffnet, die sich der ‚Philharmonieleuchte‘ Günter Ssymmanks widmete – einer Leuchte, die Ende der 1950er Jahre für das Foyer des gleichnamigen Konzerthauses entworfen und wenige Jahre später auch in der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße aufgehangen wurde.

Ausstellungsdetail Polyamid-Pilze, Foto: Hagen Immel - Lizenz CC-BY-NC-SA

Ausstellungsdetail Polyamid-Pilze, Foto: Hagen Immel, Staatsbibliothek zu Berlin – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Ein wesentliches Charakteristikum der Leuchte besteht in der Verwendung asymmetrischer Grundformen: Wie die Fünfecke, die sich im Grundriß des Scharounschen Konzertsaals übereinanderstaffeln, schieben sich die Polyamid-Pilze, aus denen die ‚Philharmonieleuchte‘ zusammengesetzt ist, ineinander.

Sie überlappen sich in ihren Ausläufern und erzeugen dadurch ein diffuses, blendfreies Licht, das Günter Ssymmank gern als „Sonnenuntergangslicht“ bezeichnete. „Darunter“, meinte er, „sieht man gut aus!

Die Ästhetik der Leuchte lässt sich jedoch nicht nur durch den Lichteffekt, den Ssymmank zu erzeugen suchte, erklären. Sie ist auch von den kulturellen, wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen ihrer Zeit geprägt. So mochte etwa die planetenkugelförmige Anmutung der Leuchte u.a. die Weltraumbegeisterung assoziieren, die durch die Erfolge der Raumfahrt in den späten 1950ern einen zunehmend großen Teil der Gesellschaft in ihren Bann zog.

Innenansicht Philharmonieleuchte, Foto: Hagen Immel, Staatsbibliothek zu Berlin – Lizenz CC-BY-NC-SA 3.0

Eine kürzlich eröffnete Vitrinenausstellung im Foyer der Staatsbibliothek (Haus Potsdamer Straße) geht diesen Entwicklungen nach. In Anlehnung an die Ausstellung im Berliner Möbelhaus Modus veranschaulicht sie den Aufbau und die Zusammensetzung der Leuchte und verortet sie im Kontext des deutschen Nachkriegsdesigns.

Die Ausstellung kann zu den Öffnungszeiten der Staatsbibliothek besucht werden.

10. November: Reinhard Altenhöner spricht über “Die Staatsbibliothek als digitale Bibliothek: Aktivitäten und Perspektiven”

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
wir möchten Sie herzlich zu folgender Veranstaltung des “BAK Information” einladen:

Reinhard Altenhöner

spricht zum Thema

Die Staatsbibliothek als digitale Bibliothek: Aktivitäten und Perspektiven”

 

Das traditionell geprägte Bibliothekswesen ist durch die „Digitale Transformation” stark in Bewegung geraten. Eine Herausforderung liegt darin, neue und agile Geschäftsmodelle auf Institutionen zu übertragen, die aufgrund der eigenen Geschichte in der Vermittlung von analogen Medien verankert sind, deren Benutzerinnen und Benutzer aber verstärkt in digitalen Kontexten agieren und dies selbstverständlich auch in eine Serviceerwartung gegenüber den Bibliotheken übertragen.

Aus dem Anspruch heraus, die “Kundschaft” dort abzuholen, wo sie steht, möchte die Staatsbibliothek, ihre Aktivitäten im Bereich der digitalen Bibliothek deutlich erweitern. Dies beinhaltet sowohl, dass Servicebereiche weiter ausgebaut werden, denen digitale Infrastrukturen zugrunde liegen, als auch neue Tätigkeitsfelder mit Zukunftspotential zu besetzen.

Reinhard Altenhöner wird in diesem Vortrag aufzeigen, wo die SBB-PK hier Erfahrungen hat, wo die zukünftigen digitalen Betätigungsfelder liegen und welcher Organisationstrukturen sich die Bibliothek bedient, um diese zu erschließen.

Reinhard Altenhöner ist seit 2015 Ständiger Vertreter der Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und Leiter der dortigen Zentralabteilung. Zuvor war er 12 Jahre an der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt/Main Leiter der Abteilung Informationstechnik und ab 2014 Fachbereichsleiter der Abteilung Informationsinfrastruktur und Bestandserhaltung.

Vortrag und Diskussion finden am Donnerstag, den 10. November 2016 um 17:30 Uhr im Simon-Bolivar-Saal in der Staatsbibliothek zu Berlin-Preußischer Kulturbesitz, Potsdamer Straße 33, 10785 Berlin-Tiergarten (S/U Potsdamer Platz) statt.

Im Anschluss gibt es die Möglichkeit, die sich ergebenden Fragen bei einem Snack und Getränken mit dem Vortragenden zu diskutieren.

Die Veranstaltung ist kostenlos. Bitte melden Sie sich trotzdem telefonisch (030-755 183 66) oder per Mail (bak[at]ub.tu-berlin.de) an.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen.

Mit freundlichen Grüßen

Tania Estler-Ziegler
(Vorstandsvorsitzende)

Berliner Arbeitskreis Information (BAK)
c/o Universitätsbibliothek der TU Berlin
Fasanenstr. 88
10623 Berlin

Präsentation historischer Bücher für das schwedische Königspaar

Aus schwedischem Privatbesitz erwerben die Staatsbibliothek zu Berlin und die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten in diesen Tagen eine in ihrer Art einzigartige Bibliothek, die in enger Verbindung zu Friedrich dem Großen steht. Es handelt sich um die Privatbibliothek seiner Nichte Sophie Albertine (1753-1829), Prinzessin von Schweden und Äbtissin des Reichsstifts Quedlinburg, deren Sammlung wiederum die Privatbibliotheken seiner Schwester Luise Ulrike von Preußen (1720-1782) – als Lovisa Ulrika Königin von Schweden – und seiner Mutter Sophia Dorothea von Hannover (1687-1757) – Königin in Preußen – umfasst.

Im Rahmen ihres Staatsbesuchs in Deutschland hatten Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf und der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann, Parzinger, am Nachmittag des 6. Oktober im Schloß Charlottenburg die Gelegenheit, dem König und der Königin von Schweden einige Bücher mit schwedischer Provenienz persönlich vorzustellen. – v.l.n.r.: Dr. Samuel Wittwer, Direktor der Schlösser und Sammlungen bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten; Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh, Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten; I.M. Silvia, Königin von Schweden; S.M. Carl XVI Gustav, König von Schweden; Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin; Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Der goldene Käfig. Prächtiges Federvieh von Carll Cneut

Ein Rückblick auf die Ausstellung vom 7. bis 17. September sowie den Gesprächsabend am 13. September 2016

Ankunft der Illustrationen Carll Cneuts in der Staatsbibliothek. - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Müller CC NC-BY-SA

Ankunft der Illustrationen Carll Cneuts in der Staatsbibliothek. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Müller CC NC-BY-SA

Der Besuch des vielfach ausgezeichneten flämischen Illustrators Carll Cneut und seiner Werke, insbesondere zu dem Bilderbuch „Der goldene Käfig“, sorgten im „goldenen Bücherschiff“ am Potsdamer Platz für zahlreiche erfreuliche Überraschungen.

Es begann mit der Zusendung der Originalillustrationen für die Ausstellung im Foyer. Die Auswahl des Künstlers war sehr großzügig. Und da Carll Cneut seine Buchillustrationen nicht als eine Sammlung von Gebrauchsgrafiken, sondern jede einzelne als individuelles Kunstwerk versteht, ging jedes Bild in seinem in Stil und Farbe individuellen Rahmen auf die Reise. Um allerdings möglichst viele von ihnen in den Vitrinen im Foyer zeigen zu können, mussten einige Werke vorsichtig ausgerahmt werden.

Diese wurden tagsüber, da es sich um eine Veranstaltung in Kooperation mit dem internationalen literaturfestival berlin (ilb) handelte, von einigen Volontärinnen des ilb beaufsichtigt. Sehr freundlich und mit großem Enthusiasmus gingen sie auf die Besucher zu und informierten über die Ausstellung – ein Luxus, den wir uns sonst leider nicht leisten können.

Aufbau der Ausstellung. - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/J. Lausch CC NC-BY-SA

Aufbau der Ausstellung. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/J. Lausch CC NC-BY-SA

Am Abend des 13. September blieb der Dietrich-Bonhoeffer-Saal zunächst denn auch erstaunlich leer. Die Besucher des Gesprächsabends mit Carll Cneut standen im Foyer, erfreuten sich an der Ausstellung und vertieften sich ins Gespräch. Die opulenten Bilder des „bibliophilen Gesamtkunstwerks“, wie Carola Pohlmann, Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung,  kurz darauf vor den gut gefüllten Reihen des Vortragssaals aus der Jurybegründung für die Nominierung zum Deutschen Jugendliteraturpreis zitierte, hatte alle in den Bann gezogen.

Dieser Sog verstärkte sich noch, als Carll Cneut – auf Flämisch – und Carola Pohlmann – auf Deutsch – die ersten Seiten des Bilderbuchs zur entsprechenden Beamer-Präsentation vorlasen. (Der Künstler wäre auch ein hervorragender Hörbuchsprecher!)

Nur ungern kehrte man, gerade nachdem die Erzählung sich dem Höhepunkt der Spannungskurve näherte, in die Realität zurück, wurde jedoch gleich in der Folge von den bunten Lebensgeschichten Carll Cneuts, genial übersetzt von Rosalie Förster, mitgerissen. Ein Künstler, der als Kind vor allem Märchenbücher liebte, die er sich mit Sammelpunkten zusammensparte. Dessen Liebe zu Spaghetti schließlich zur frühen künstlerischen Prägung durch Kunstdrucke James Ensors führte, eine Sammelpunkt-Werbeaktion der Nudelfirma Soubry. Ein Illustrator, der nie Illustrator werden wollte und schon an der Hochschule, dem Sint-Lucas-Institut in Gent, regelmäßig durch die entsprechenden Fachprüfungen fiel. Ein begeisterter Werbegraphiker, der als Berufsanfänger mit Vorliebe Tiefkühlnahrung für den russischen Markt bewarb. Spezialität: Primavera – Frühlingssalat.

Die Podiumsrunde: Carll Cneut, Rosalie Förster, Carola Pohlmann. - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Die Podiumsrunde: Carll Cneut, Rosalie Förster, Carola Pohlmann. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Am Einstieg in die Illustration waren eine verzweifelte Nachbarin und ein weißer Fleck in dem von ihr betreuten Magazin „Flair“ schuld. Nach einiger Überredung füllte Cneut die leere Stelle mit einer Illustration. Das Prozedere wiederholte sich gleich in der nächsten Woche – und in der übernächsten. Es stellte sich heraus, dass der eigentlich zuständige Illustrator sich das Handgelenk gebrochen hatte. Nach drei Wochen lud der Herausgeber der „Flair“ Carll Cneut nach Antwerpen ein. Er warf ihm angesichts seiner realistischen Darstellungsweise von Frauenfiguren (groß/klein, dick/dünn) Frauenfeindlichkeit vor und verbat sich jegliche weitere Mitarbeit. Am nächsten Tag, als hätte das Schicksal diese ungerechtfertigte Kritik und das undankbare Verhalten strafen wollen, war er tot. „Ein Herzinfarkt beim Fahrradfahren, hätte jederzeit passieren können“, beteuerte Cneut, dessen Illustratorenkarriere damit zunächst einmal beendet war.

Ein weiterer Zufall bescherte ihm dann die erste Zusammenarbeit mit Geert de Kockere, zu dem Zeitpunkt bereits ein bekannter belgischer Kinderbuchautor und –lyriker. Bei der Besprechung einer neuen Werbekampagne war Cneut eine alte Illustration aus der Mappe gerutscht, die er seinerzeit für die „Flair“ gezeichnet hatte. Die Marketingspezialistin vermittelte ihn daraufhin an ihren Bruder, der Kinderbücher verlegte. Allerdings stießen die ersten beiden Illustrationen, die Cneut für Gedichte de Kockeres anfertigte, nicht auf die Gegenliebe des Lyrikers. Er beschwerte sich jeweils prompt per Fax, obgleich sich Cneut Mühe gegeben hatte, lustige Gesichter zu zeichnen, wie er sie für ein junges Publikum für passend hielt. Dem Künstler wurde eine dritte und definitiv letzte Chance eingeräumt. Diese nutzte er, indem er zwei Varianten einreichte: eine, von der er vermutete, dass man sie in dieser Form für Kinder erwarten würde, und eine, die er so gestaltete, wie es ihm persönlich am besten gefiel. De Kockere meldete sich wiederum postwendend per Fax. Er freute sich über die zweite Variante und schlug die Zusammenarbeit für ein Kinderbuch vor.

Inzwischen illustriert Carll Cneut seit zwei Jahrzehnten höchst erfolgreich vornehmlich Kinderbücher. Dabei hat sich eine relativ feste Vorgehensweise etabliert:

Carll Cneut. - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Carll Cneut. – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Der Illustrator liest zunächst den Text. Dabei ist es ihm wichtig, dass er den Autor oder die Autorin kennt und mag und dass die Urheber des Textes ihm vertrauen und ihr Werk „loslassen“ können. Schließlich übernimmt Cneut auch die Aufteilung des Textes und entscheidet über graphische Hervorhebungen.

Danach müssen die Ideen reifen. Das könne mehrere Monate, ein Jahr – oder auch mal fünf Jahre dauern, schmunzelte Cneut. Er beginne dann herumzuprobieren, und an dem Punkt packe ihn immer wieder die Panik, nicht rechtzeitig fertigzuwerden. Innerhalb von drei bis vier Monaten fertigt er die Skizzen sehr exakt und präzise mit Bleistift an. Letztlich entsteht ein Dummy des zukünftigen Buches.

Der Illustrator zeigt dem Autor die Skizzen, für den Fall, dass es massive Einwände geben sollte. Allerdings, überlegte Cneut, komme das eigentlich nie vor. Er habe sich von Anfang an eine sehr eigenständige Arbeitsweise angewöhnt.

Auf der Grundlage dieser Skizzen fertigt er anschließend die eigentlichen Illustrationen auf dickem Zeichenpapier („Steinbach, 300g!“) an. Lage für Lage arbeitet sich Cneut von den dunkleren zu den helleren Farben vor. Auch die handschriftlichen Passagen des Textes gehören dazu, auch für die Textfassungen von Übersetzungen, sofern es sich nicht um eine spanische oder polnische Ausgabe handelt. Das sei ihm dann doch zu kompliziert.

Wenn der Künstler im Verlauf des Entstehungsprozesses einen Punkt erreicht, an dem er selbst einigermaßen zufrieden ist, ruft er seine Verlegerin an. Diese wohnt nur 200 Meter entfernt. Sie weiß, dass eine solche Einladung, eben einmal gucken zu kommen, ihre einzige Chance sein wird, vor der Fertigstellung des Buches etwas zu sehen zu bekommen. Das weitere Ritual, das sich in stillschweigendem Einverständnis in den letzten zwanzig Jahren herausgebildet hat, sieht vor, dass sie lobt: „Das ist SEHR schön!“ – und er dann beflügelt weitermalt. Schließlich schickt er seine Gemälde an den Verlag. Dort werden sie gescannt, eine weitere Bearbeitung findet danach nicht mehr statt.

Illustration aus "Der goldene Käfig" von Carll Cneut. - Mit frdl. Genehmigung des Bohem Verlags

Illustration aus “Der goldene Käfig” von Carll Cneut. – Mit frdl. Genehmigung des Bohem Verlags

An dem Bilderbuch „Der goldene Käfig“ arbeitete Carll Cneut ein Jahr und vier Monate. Das Buch wurde 2015 mit dem flämischen Culturrprijs voor de Letteren ausgezeichnet („Den Preis bekommen sonst nur große Romanautoren. Ich hielt den Anruf also zunächst für einen Scherz und legte wieder auf.“), und es befindet sich aktuell auf der Liste der Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016. Dass ein solcher Titel, der sich mit einem schwierigen, dunklen Thema der Kindheit (Grausamkeit eines vernachlässigten Kindes) beschäftigt, zuerst von einem flämischen Verlag herausgebracht wurde, ist nicht ungewöhnlich. Flandern umfasst zwar ein recht kleines Sprachgebiet, durch eine intensive staatliche Förderung von Buchprojekten sind jedoch auch wirtschaftlich riskantere Verlagsaktivitäten möglich. Insofern verfügt Flandern, wie u.a. auch Schweden, über ein sehr vielfältiges Kinder- und Jugendliteraturangebot. Deutsche Verlage übernehmen häufig solche innovativen Bücher aus skandinavischen Ländern, bzw. aus Belgien und den Niederlanden in ihre Programme.

Die Frage aus dem Publikum, warum denn in „Der goldene Käfig“ nur Gelb-, Rot- und Orangetöne sowie Schwarz und Weiß vorherrschen, aber z.B. kein Blau, parierte Cneut spontan flämisch: „Ik heb mijn gele fase!“ Tatsächlich, erläuterte er anschließend, habe jede Geschichte für ihn eine Hauptfarbe, um die er dann alles andere herumgruppiere.

Eine weitere Publikumsfrage verdeutlichte die Begeisterung für Cneuts Illustrationen quer durch alle Altersschichten: „Gibt es schon jemanden, der eine Ihrer Illustrationen als Tattoo trägt?“ Carll Cneut lachte: „Ja, und ich sollte es sogar selber stechen!“ Das habe er dann aber doch abgelehnt, sowohl für den gewünschten Totenschädel als auch für den Vogel.

Carll Cneut signiert - auf Papier, nicht als Tattoo! - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Carll Cneut signiert – auf Papier, nicht als Tattoo! – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Die Pläne für die nächsten Jahre sind vielfältig und anspruchsvoll. Für 2017 hat Carll Cneut einer Galerie eine Ausstellung freier Arbeiten versprochen. (Eine Ausstellung von Illustrationen begeisterte in Flandern jüngst 50.000 Besucher, gerechnet hatte der Künstler mit „vielleicht 5.000“. Tatsächlich zählte aber rein rechnerisch fast jeder hundertste Einwohner Flanderns zu den Besuchern!) Außerdem will Cneut bis 2021 sämtliche Märchen der Brüder Grimm und Andersens illustrieren! Dazu soll eine große Ausstellung stattfinden. Alle diese Vorhaben sind bereits vertraglich festgehalten und verursachen bei den Rezipienten bereits große Vorfreude, beim Künstler selbst jedoch immer wieder Panikanflüge unterschiedlicher Intensität. Eins steht für Carll Cneut jedoch unverrückbar fest: Das Buch mit seinen Bildern muss seine Leser finden, nicht umgekehrt. Auf die Frage, ob er je noch einmal etwas speziell für Kinder illustrieren wolle, lautete die Antwort: „Nein, das letzte Mal gab’s ja immerhin einen Toten!“

Christoph Rieger (ilb). - Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Christoph Rieger (ilb). – Staatsbibliothek zu Berlin-PK/S. Putjenter CC NC-BY-SA

Am Ende dieses ebenso informativen wie unterhaltsamen Abends bleibt zu hoffen, dass es sich um den Auftakt zu einer langen Reihe gemeinsamer Veranstaltungen der Staatsbibliothek mit dem ilb gehandelt haben möge; eine Absicht, die bereits eingangs von Christoph Rieger, dem Programmleiter Internationale Kinder- und Jugendliteratur des ilb, als auch von Carola Pohlmann formuliert wurde.

Moses-Mendelssohn-Medaille an Ulla Unseld-Berkéwicz übergeben

„Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen und das Beste tun: Das ist die Bestimmung des Menschen.“ Dieses Lebensmotto des großen Philosophen Moses Mendelssohn (1729 – 1786) könnte auch über dem 6. September 2016 in der Staatsbibliothek gestanden haben. An diesem wunderbar warmen Sommerabend übergaben Professor Julius Schoeps vom Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrum und die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, Barbara Schneider-Kempf, gemeinsam im gut gekühlten Otto-Braun-Saal die Moses-Mendelssohn-Medaille an Ulla Unseld-Berkéwicz. Die Schriftstellerin, Schauspielerin und Verlegerin wurde geehrt für ihr Handeln „im Sinne und in der Tradition des Denkens von Moses Mendelssohn für Toleranz und Völkerverständigung und gegen Fremdenfeindlichkeit“.

Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf begrüßt die Gäste. Foto: Margrit Schmidt, MMZ

Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf begrüßt die Gäste. Foto: Margrit Schmidt, MMZ

Barbara Schneider-Kempf und der frühere Kulturstaatssekretär André Schmitz – in einer Doppelrolle als Vorsitzender des Vereins der Freunde der Staatsbibliothek wie auch als Vorsitzender der Mendelssohn-Gesellschaft – begrüßten die Gäste zur erstmaligen Verleihung der Medaille in den Räumen der Staatsbibliothek. Professor Schoeps erläuterte die Hintergründe der Medaillenvergabe.

Seit langem ist die Staatsbibliothek zu Berlin der Familie Mendelssohn besonders verbunden. 1878 erhielt die Bibliothek von den Erben Felix Mendelssohn Bartholdys den kompositorischen Nachlass des Künstlers. Weitere Gaben folgten. Und 1964 wurde der Staatsbibliothek (West) das Familienarchiv der Mendelssohns übereignet  – ein Archiv, das wichtige Geschäftspapiere, Korrespondenzen, Familienbriefe und weitere Dokumente enthält. Die Sammlung wird in der Musikabteilung der Staatsbibliothek gehütet, die diesen Schatz als Teil ihres Namens – Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv – trägt. Ein eigens für das Haus an der Potsdamer Straße entworfener Raum präsentiert Gemälde, Dokumente und Informationen zu dieser für Berlin so bedeutsamen Familie. – Kaum etwas liegt also näher, als eine Ehrung, die sich auf den großen Philosophen und Aufklärer des 18. Jahrhunderts beruft, in eben dieser Staatsbibliothek zu Berlin zu veranstalten. Man möchte höchstens fragen: Warum erst jetzt? – Wird doch die Medaille bereits seit 1993 vergeben. Doch beteuerten sowohl Barbara Schneider-Kempf als auch Julius Schoeps, mit der diesjährigen Preisverleihung eine neue Tradition begründen und die Medaille auch künftig gemeinsam in den Räumen der Staatsbibliothek verleihen zu wollen.

Rachel Salamander verfolgte anschließend in ihrer detailreichen Laudatio höchst anschaulich den Lebensweg der Geehrten. Ulla Unseld-Berkéwicz zog in ihren Dankesworten immer wieder eine Verbindung zwischen dem Lebenswerk Moses Mendelssohns und ihrem eigenen Schaffen und begeisterte die Gäste mit ihren klug formulierten Gedanken. Einen würdigen Rahmen erhielt die Veranstaltung durch die Pianistin Maria Baranova, die neben Werken von Mendelssohn Bartholdy und Bach auch eine seelenwärmende Eigenkomposition spielte.

Die Geehrte und ihre Laudatorin: Ulla Unseld-Berkéwicz und Rachel Salamander. Foto: Margrit Schmidt (MMZ)

Die Geehrte und ihre Laudatorin: Ulla Unseld-Berkéwicz und Rachel Salamander. Foto: Margrit Schmidt (MMZ)

Beim anschließenden Empfang ergaben sich zahlreiche günstige Gelegenheiten für Autogrammjäger, waren neben der Gewürdigten doch zahlreiche weitere Schriftstellerinnen und Autoren zugegen. Nur Selfies wurden so gut wie gar nicht geschossen – Literaten sind eben doch keine „Celebrities“.

Möge der gelungene Abend der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit sein!

14.9. : Max-Herrmann-Preis an Wim Wenders

Mittwoch, 14. September : 15 Uhr Film „Der Himmel über Berlin“, 18 Uhr Preisverleihung an Wim Wenders

In diesem Jahr erhält Wim Wenders die wichtigste Auszeichnung, die in Deutschland für Verdienste um das Bibliothekswesen vergeben wird, den Max-Herrmann-Preis der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e.V.

Der Filmregisseur, Autor und Produzent Wim Wenders hat in seinem Film „Der Himmel über Berlin“ (1987) die Staatsbibliothek zu Berlin zu einem der zentralen, magischen Schauplätzen erwählt und ihr so „ein ebenso schönes wie bleibendes filmisches Denkmal von internationalem Rang gesetzt“, erklärt André Schmitz, Vorsitzender der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V. zur Preisverleihung 2016. Der Lesesaal im Haus an der Potsdamer Straße, von dem Architekten Hans Scharoun konzipiert und von seinem Partner Edgar Wisniewski fertiggestellt, gleicht einer fließenden Landschaft mit seinen Ebenen und Emporen. Im Film wird er zum Treffpunkt wie Rückzugsort der Engel. So wie sie jungen wie alten Menschen in ihren Gedankenwelten beistehen, fügen sich diese zu einem vielstimmigen Kosmos zusammen. „Bibliotheken sind Herzkammern der Bildung, Begegnungsorte mit Büchern, mit Menschen, mit Gedanken, mit sich selbst. Wim Wenders hat der Magie, dem Wesen einer Bibliothek ein unvergessliches Gesicht gegeben“, erklärt, André Schmitz weiter.

Seit dem Jahr 2000 verleihen die Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e.V. mindestens alle zwei Jahre den Max-Herrmann-Preis an eine Persönlichkeit, die sich in besonderer Weise um das Bibliothekswesen und die Staatsbibliothek zu Berlin verdient gemacht hat. Zu den von einer Jury ausgewählten Preisträgern gehörten bislang neben anderen der langjährige Direktor der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel und Retter der Franckeschen Stiftungen in Halle (Saale), Paul Raabe, Dr. Ekaterina Genieva, Generaldirektorin der Gesamtrussischen Staatlichen Rudomino-Bibliothek für Ausländische Literatur in Moskau, der Schriftsteller Günter de Bruyn sowie der israelische Künstler Micha Ullman.

Der Preis ist nach dem bedeutenden Literaturwissenschaftler Max Hermann benannt, der 1923 an der Humboldt-Universität zu Berlin das weltweit erste Theaterwissenschaftliche Institut gründete. 1933 verlor Max Herrmann seine Professur an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. In der Staatsbibliothek durfte er keine Bücher mehr ausleihen, durfte diese lediglich – über siebzigjährig – am Stehpult einsehen. Im Jahr 1942 wurde er nach KZ Theresienstadt deportiert und starb dort nach wenigen Wochen.


Mittwoch, 14. September 2016
Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Potsdamer Straße 33, 10785 Berlin
Otto Braun-Saal

15 Uhr : Filmvorführung „Der Himmel über Berlin“
Offen für alle –Eintritt frei

18 Uhr : Verleihung des Max-Herrmann-Preises 2016 an Wim Wenders
Teilnahme nur nach Anmeldung bei freunde@sbb.spk-berlin.de

Es sprechen
Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin
André Schmitz, Vorsitzender des Vorstandes der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V.
Laudatio: Dieter Kosslick, Festivaldirektor der Internationalen Filmfestspiele Berlin
Preisträger Wim Wenders


Ihr Pressekontakt
Gwendolyn Mertz 030 / 266 43 8000
freunde@sbb.spk-berlin.de

13.9.: Bilderbuchkünstler Carll Cneut zu Gast, zehn Tage Ausstellung

In der Veranstaltungsreihe „Kinderbuch im Gespräch“ wird am 13. September um 18 Uhr der flämische Bilderbuchkünstler Carll Cneut begrüßt. Er gehört gegenwärtig zu den bedeutendsten Illustratoren in Europa.

Außerdem wird ab dem 7. September an neun Tagen im Foyer unseres Hauses Potsdamer Straße 33 / Kulturforum ein Teil seines Werkes vorgestellt: “Der goldende Käfig. Prächtiges Federvieh”.


Veranstaltung “Carll Cneut im Gespräch”
13. September 2016, 18 Uhr
Haus Potsdamer Straße 33 / Kulturforum
Dietrich-Bonhoeffer-Saal
Voranmeldung gern unter kinderbuchabt@sbb.spk-berlin.de, telefonisch 030 266 436401

Präsentation “Der goldende Käfig. Prächtiges Federvieh”
Werke des flämischen Bilderbuchkünstlers Carll Cneut
7. – 17. September 2016
Mo-Fr 9-21 Uhr, Sa 10-19 Uhr, am 8.9. und sonntags geschlossen
Foyer, Haus Potsdamer Straße 33 / Kulturforum

jeweils freier Eintritt


„Meine Bilder setzen sich im Unsichtbaren fort. Meine Leser haben die Freiheit, sie in ihrem Kopf zu vervollständigen. Das bringt die Erwachsenen oft durcheinander, aber niemals die Kinder.“ So beschreibt Carll Cneut seine Arbeit, die mit den höchsten Preisen für Bilderbuchkünstler ausgezeichnet ist.

Der flämische Künstler Carll Cneut gehört gegenwärtig zu den bedeutendsten Illustratoren in Europa. Schon mehrere seiner Bücher sind auch in deutscher Sprache verlegt, darunter Hexenfee, Rotgelbschwarzweiß und Die wundersame Liebesgeschichte des Mister Morf. Dem deutschen Publikum wurde Carll Cneut vor allem durch die Nominierung seines Bilderbuchs Der goldene Käfig für die Auswahlliste zum  Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 in der Sparte Bilderbuch bekannt.

Cneuts Variantenreichtum demonstriert das Ausschreiten vielfältiger gestalterischer Möglichkeiten. Zu seinen Vorbildern zählt er die  belgischen Expressionisten Gustave Van de Woestijne und James Ensor, seine Illustrationskunst erinnert zugleich an die Altmeister flämischer und niederländischer Malerei, an Jan van Eyck und Pieter Bruegel. Mit dem Buch Dulle Griet  hat Cneut sich sogar dem direkten Vergleich mit Bruegel ausgesetzt, die von Geert De Kockere verfasste und von Cneut illustrierte Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Gemälde des niederländischen Malers.

Die Ausstellung in der Staatsbibliothek zu Berlin, die in Zusammenarbeit mit dem internationalen literaturfestival berlin und der BOHEM PRESS GmbH vorbereitet wurde, zeigt Originalillustrationen aus Der goldene Käfig und aus dem dazugehörigen Malbuch, des Weiten Originale aus dem Buch Der blaue Vogel nach dem gleichnamigen Märchenspiel von Maurice Maeterlinck. Cneuts Anspruch, keine „Gebrauchsarbeiten“ sondern eigenständige Kunstwerke zu schaffen, zeigt sich u. a. daran, dass er seine Bilder in historische Rahmen fassen lässt, einige Bilder sind in dieser Kombination ausgestellt.

Über das Buch “Der goldene Käfig”

Das Buch, nach dem die Ausstellung benannt ist, erzählt die poetische und zugleich düstere Geschichte der einsamen kindlichen Prinzessin Valentina, deren Lebensinhalt das Sammeln seltener Vögel ist. Wenn es ihren Dienern nicht gelingt, die seltenen Tiere in aller Welt zu fangen, werden ihnen die Köpfe abschlagen. Die philosophische Geschichte von Anna Castagnoli über ein mit allzu großer Macht ausgestattetes, zugleich verlassenes und emotional verwahrlostes Kind wurde von Carll Cneut in prachtvolle, farbgewaltige Bilder umgesetzt. Er kombinierte aus mehreren Farbschichten aufgebaute Illustrationsgemälde mit kritzeligen Kinderzeichnungen, setzt in der Typographie eine klare Antiqua gegen krakelige Schreibschrift und macht so das Ungleichgewicht aus märchenhaftem Reichtum und der zur Grausamkeit verkommenen kindlichen Hilflosigkeit deutlich. Der harte Kontrast zwischen subtil ausgeführten Bildkompositionen und kompromissloser Simplizität macht den besonderen Reiz dieses Buchs aus, das in der Nominierungsbegründung für den Deutschen Jugendliteraturpreis als „bibliophiles Gesamtkunstwerk“ bezeichnet wird.

Das 18. Jahrhundert wird lebendig!

Welche Vorstellungen haben wir vom Leben im 18. Jahrhundert und wodurch werden sie geprägt? Neben musealen Gegenständen, Gebäuden, Parks und anderen Hinterlassenschaften (denken wir nur an die Musik) sind es vor allem die papiernen Kulturgüter, die Einblicke in das damalige Leben gewähren. Die Staatsbibliothek besitzt nicht nur herausragende Musikalien, Handschriften und Karten aus dieser Zeit, sondern auch eine der umfangreichsten und bedeutendsten Sammlungen Historischer Drucke dieser Zeit. Aus diesem Grund nimmt sie seit 2009 an dem kooperativen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt VD 18 teil. Gemeinsam mit anderen Bibliotheken Deutschlands entsteht ein „Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 18. Jahrhunderts“, das zugleich als Nationalbibliographie und digitale Bibliothek firmiert. Wer bibliographische Recherchen über den bereits redigierten und digitalisierten Projektbestand (150.000 Titel) der beteiligten Bibliotheken durchführen möchte, dem sei die VD18-Datenbank empfohlen. Möchte man sich durch die digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek bewegen und digitalisierte Drucke des 18. Jahrhunderts erkunden, dann ist man hier an der richtigen Adresse. Über 20.000 Werke können hier bereits durchsucht und gelesen werden. Rasch fällt auf, dass unsere Schwerpunkte bei Sprachen / Literaturen, der Theologie und der Rechtswissenschaft liegen.

Ein Blick auf die unterschiedlichen Gattungen der digitalisierten verzeichneten Drucke ergibt folgendes Bild:

Gelegenheitsschrift (davon 1/3 Funeralschriften) 26 %
Universitätsschrift, Dissertation, Schulschrift 19 %
Verordnung, Edikt, Amtsdruckschrift 8 %
Lied oder Liedersammlung, Lyrik 15 %
Roman, Schauspiel, Komödie, Tragödie, Traktakt 7 %
Flugschrift, Streitschrift, Kolportageliteratur 13 %

Diese und andere Gattungsbegriffe kann man auch für die Suche heranziehen. Beispielsweise erhält man nach Eingabe der Suchanfrage “genre_aad:verordnung” 1.345 Treffer im SBB-VD18-Bestand, darunter auch die Verordnung wegen besserer Einrichtung der Backöfen in den Dörfern der Churmark : De Dato den 16ten April 1794 oder auch Anweisung wie gute Maulbeer-Baum-Hecken mit dem besten Fortgang anzulegen, und nützlich zu gebrauchen sind von 1768.

Titelblatt von: Verordnung wegen besserer Einrichtung der Backöfen in den Dörfern der Churmark. Berlin : Decker, 1794. SBB-PK: 56 in: 2"An 8630-10 R

Titelblatt von: Verordnung wegen besserer Einrichtung der Backöfen in den Dörfern der Churmark. Berlin : Decker, 1794. SBB-PK: 56 in: 2″An 8630-10 R

Buchstabe D. In: Mitelli, Giuseppe Maria: Des Berühmbten Italiaenischen Kunst Mahlers Josephi Mariae Mitelli von Bologna Curioses Grosses Bilder-Alphabet$dvon der Sinnreichesten Erfindung mit eingemengter ZeichnungsKunst. Augsburg : Göbel, [um 1720]. SBB-PK: 4" 3 N 597 R

Buchstabe D. In: Mitelli, Giuseppe Maria: Des Berühmbten Italiaenischen Kunst Mahlers Josephi Mariae Mitelli von Bologna Curioses Grosses Bilder-Alphabet von der Sinnreichesten Erfindung mit eingemengter ZeichnungsKunst. Augsburg : Göbel, [um 1720]. SBB-PK: 4″ 3 N 597 R

Der Gimpel. In: Müller, Johannes: Die vorzüglichsten Sing-Vögel Teutschlands mit ihren Nestern und Eyern nach der Natur abgebildet und aus eigener Erfahrung beschrieben. Nürnberg : Schneider und Weigel, 1800. SBB-PK: 4" Lo 4747 R

Der Gimpel. In: Müller, Johannes: Die vorzüglichsten Sing-Vögel Teutschlands mit ihren Nestern und Eyern nach der Natur abgebildet und aus eigener Erfahrung beschrieben. Nürnberg : Schneider und Weigel, 1800. SBB-PK: 4″ Lo 4747 R

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neben der Imagedigitalisierung werden ebenso Strukturdaten erfasst, die die Suche nach Kapitelüberschriften oder speziellen buchkundlichen Gesichtspunkten (Kupfertitel, Druckermarke u.a. – z.B. type:bookplate) gestatten. Auch die Suche nach illustrierten Werken ist möglich (type:illustration). Derzeit sind 1.741 Werke im VD18-Segment der Staatsbibliothek illustriert, beispielsweise auch Des Berühmbten Italiaenischen Kunst Mahlers Josephi Mariae Mitelli von Bologna Curioses Grosses Bilder-Alphabet oder Die vorzüglichsten Sing-Vögel Teutschlands mit ihren Nestern und Eyern nach der Natur abgebildet und aus eigener Erfahrung beschrieben.

Die Staatsbibliothek zu Berlin ist vor kurzem in den zweiten Abschnitt der Projekthauptphase eingetreten und beabsichtigt, in den kommenden zwei Jahren weitere 10.000 Titel zu digitalisieren.

Wer mehr über das Projekt und seine bibliothekarischen Hintergründe erfahren möchte, sei auf den Artikel Das VD 18 – Aufklärung gefällig? im Bibliotheksmagazin 2/2016, S. 53ff. verwiesen.

 

[Text von Maria Federbusch.]