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Unter dem Motto POP hat sich vom 02. bis 04. Mai in Berlin die digitale Welt getroffen und die Referendarinnen des Jahrgangs 2017 haben sich für die SBB umgesehen. Mit POP nahm die re:publica 18 nicht nur Bezug auf die Filterbubbles, in denen wir uns alle bewegen und auf die Popkultur, die uns alle umgibt: POP steht auch für Power of People und für die Frage, wer die Entwicklung von Digitalisierung und Virtualisierung bestimmt und wem die Veränderungen zu Gute kommen.

Eröffnung der re:publica 18. Foto: Larissa Schmid.

Gleich die Opening Keynote von Danah Boyd, die in New York das Institut für Data & Society mitbegründet hat, hat sich deshalb mit der Frage beschäftigt, wie die Algorithmen der großen Plattformen wie Google unseren Alltag beeinflussen: Den meisten User_innen ist bewusst, dass die Plattformen mit den Daten der Besucher_innen Geld verdienen und wer kennt nicht die personalisierten Werbeanzeigen, die ohne guten Adblocker auf jeder Website und bei jedem neuen Klick anzutreffen sind? Aber auch politische Meinungsbildung funktioniert mehr und mehr über diese Plattformen, wobei politische Kräfte die Algorithmen gezielt ausnutzen können und so die Aufmerksamkeit im Netz steuern. In diesem umfangreichen Problemfeld ist es aber zu kurz gedacht, wenn der schwarze Peter den digitalen Technologien zugeschoben wird: Im Kern geht es nämlich um Probleme, die längst aus der analogen Welt bekannt sind und digital nur sichtbarer und somit verstärkt werden.

Peter Frase vom Jacobin Magazine betonte entsprechend, dass auch die in Presse und Politik allgegenwärtige „automation anxiety“ kein neues Phänomen ist. Schon seit der Industrialisierung ist die Angst vor Automatisierung und Jobverlust fester Bestandteil der modernen Arbeitswelt geworden. Trotz dieser Entwicklung hat sich die Arbeitszeit aber nicht relevant verringert, so dass sich auch hier die Frage stellt: Wer profitiert von Digitalisierung und Automatisierung?

Im Innenhof der re:publica 18. Foto: Larissa Schmid.

Eine Alternative zu den sogenannten Big Five im Internet (Apple, Google, Microsoft, Amazon und Facebook) zeigte der Kultur- und Medienwissenschaftler Trebor Scholz von der New School in New York auf: Auf Plattformen, die den Nutzer_innen selbst gehören, können sich verschiedenste Gruppen organisieren und kooperativ bzw. genossenschaftlich zusammen arbeiten: Es gibt also keine Firma, der die Plattform gehört und die ein eigenes ökonomisches Interesse hat, sondern die Nutzer_innen designen und konfigurieren eine Plattform nach Ihren Bedürfnissen. Der Fotoanbieter Stocksy oder die auf Absicherung von Selbstständigen ausgerichtete Seite SMart sind nur zwei der Vorreiter auf diesem Gebiet. Ab Herbst 2018 soll beispielsweise auch fairbnb als kooperative Alternative zu airbnb in Betrieb gehen.

Dass derartige Initiativen nicht nur für Medien und Wirtschaft interessant sind, berichtete Jim Groom: Um die Daten von Studierenden zu schützen, wurde an der University of Mary Washington die Initiative Domain of One’s Own entwickelt. Ziel ist es, an Universitäten und ihre Studierenden eigenen Webspace inkl. eigener Domains zu vergeben, so dass die Nutzer_innen selbst entscheiden können, wer wann wofür Zugriff auf persönliche Daten erhält.

Aber wo sind in dieser  Vielzahl von Akteur_innen, die sich im Netz und der digitalen Welt im Bereich der Informationsvermittlung bewegen, die Bibliotheken zu verorten? Im Gegensatz zu kommerziellen Plattformen, Anbietern und Suchmaschinen garantieren Bibliotheken einen sicheren Umgang mit persönlichen Nutzerdaten und schließen eine Weitergabe an Dritte aus. Die Bibliotheken haben kein ökonomisches Interesse an den persönlichen Daten, sondern erfüllen stattdessen als öffentliche Einrichtungen den Auftrag, Wissen möglichst offen und barrierefrei zugänglich zu machen. Während Katherine Maher von Wikimedia also freies Wissen noch als radikalen Akt anpreist, sind Bibliotheken eigentlich längst soweit und wären deshalb prädestiniert für eine aktivere Rolle in der Entwicklung von Retrieval-Systemen, bei denen die Privatsphäre der NutzerInnen bewahrt wird und die trotzdem individuell hervorragende Ergebnisse liefern.

Im Ausstellungsbereich der re:publica 18. Foto: Larissa Schmid.

Dabei haben aber auch die Bibliotheken noch einen weiten Weg vor sich: Die Kritik zahlreicher Panels, z.B. von Safiya Umoja Noble zeigte nämlich, dass die meisten Suchmöglichkeiten nicht repräsentativ sind. Stattdessen spiegeln sich gesellschaftliche Vorurteile und Rasissmen in den Suchergebnissen wider und werden im Netz wieder und wieder reproduziert. Demnach werden große Teile der Bevölkerung systematisch diskriminiert oder gar vom Zugang zu Informationen ausgeschlossen. Aus diesen Forschungen gilt es für Bibliotheken zu lernen, um die Themen Diversity und gendergerechte Sprache im Bibliotheksangebot weiter zu verankern.

Bibliotheken könnten sich zudem weitaus stärker als offene Kreativräume, sogenannte Makerspaces, begreifen. Ziel dieser Makerspaces ist, wie das Panel der Stadtbibliothek Köln mit dem MIT Media Lab gezeigt hat, zum einen die Vermittlung von neuen technischen Geräten (Roboter, 3D-Drucker), zum anderen aber auch die Wissensvermittlung in neuen Formaten (Lerngruppen, peer-to-peer-learning), um die zentrale Rolle von Bibliotheken als Ort der Wissensvermittlung weiter auszubauen. Oft sind Bibliotheken ideale Orte, um interaktives Lernen in heterogenen Teams auszuprobieren. In diesem Kontext wird in Berlin vom 12. bis 15. September die Next Library Conference an der ZLB stattfinden, welche sich zum Ziel gesetzt hat, neue Potentiale von öffentlichen Bibliotheken in der digitalen Gesellschaft zu diskutieren. Aber auch wissenschaftliche Bibliotheken können mit Angeboten wie Digital Humanities Labs punkten und sind vor allem als Vermittler von Informationskompetenz und Recherchefähigkeiten von unschätzbarem Wert.

Alle Panels der re:publica wurden aufgezeichnet und können im Youtube-Kanal der re:publica angesehen werden. Viel Spaß dabei!

Blogbeitrag von Larissa Schmid und Barbara Heindl

Die von Deutschland ausgehenden (Welt)reisen um 1800 stehen im Fokus der 3. Internationalen Chamissokonferenz

Weltreisen.
Aufzeichnen, aufheben, weitergeben – Forster, Humboldt, Chamisso

25. – 27.2. 2016, Staatsbibliothek zu Berlin
Haus Potsdamer Straße 33, 10785 Berlin

Programm sowie Online-Anmeldung zur Konferenz:
http://humboldt.staatsbibliothek-berlin.de/online-anmeldung-zur-konferenz-weltreisen


Mit Reinhold und Georg Forster, Alexander von Humboldt und Adelbert von Chamisso verbindet sich eine Horizonterweiterung des intellektuellen Feldes im deutschsprachigen Raum, die den Eintritt in die Moderne nicht nur markiert, sondern wesentlich mitbestimmt. Der Rückgriff auf die Genannten ist daher auch nicht nur hinsichtlich der Genese moderner Wissensordnungen relevant, sondern kann auch als Ansatz für Schwerpunktverschiebungen im Verständnis unserer eigenen Gegenwart und Zukunft nutzbar gemacht werden. So kommen beispielsweise im Nachdenken über ein postnationales Europa nicht nur die Mehrsprachigkeit der Schriftsteller Forster, Humboldt und Chamisso, sondern auch deren Erfahrungen als ‚Reisende‘, als ‚Fremde‘, als ‚Nomaden‘ und als ‚Migranten‘ in den Blick. In der Reflexion des Anthropozäns wird die selbstverständliche Engführung natur- und kulturwissenschaftlicher Fragestellungen bei den Forschungsreisenden epistemologisch relevant. Die Beschäftigung mit ihnen zeigt, statt bewegter Subjekte, die eine starre Topographie durchqueren, vielmehr die Beweglichkeit und Relationalität von Konzepten wie „Preußen“, „Europa“, „Empirie“ „Welt“ oder eben „Moderne“.

Neben den bekannten Publikationen haben die genannten Reisenden auch Texte, Skizzen, Zeichnungen sowie Proben von Artefakten und Naturalien in Sammlungen hinterlassen, die in den letzten Jahren verstärkt zu Gegenständen der Forschung geworden sind. In diesen Hinterlassenschaften manifestieren sich Themenkomplexe zwischen den Begriffs- und Bestimmungspolen von Natur und Kultur – Tier- und Pflanzenwelt der Reise, Landschaften, Kartographien, Menschenbilder um 1800 –, die nicht zu trennen sind von den medialen Formaten ihres Erscheinens wie dem Tage- und Notizbuch, dem Skizzenheft, dem Gemälde, dem Briefwechsel oder der Sammlung. Diese stellen nicht nur hermeneutische Aufgaben, sondern erfordern eine Konservierungs- und Editionspraxis, die als zeitgemäße Grundlagenforschung zunehmend Mittel, Methoden und Perspektiven der digitalen Geisteswissenschaften aufnimmt und in die historische Erschließung integriert.

Die Konferenz wird veranstaltet von der Staatsbibliothek zu Berlin, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Universität Potsdam und der Chamisso-Gesellschaft e.V. Sie findet zum Abschluss der von der Staatsbibliothek zu Berlin zusammen mit der Filmemacherin Ulrike Ottinger präsentierten Ausstellung WELTREISE. Forster – Humboldt – Chamisso – Ottinger statt.