Aktuelle Berichte über das Projekt zu E.T.A. Hoffmann

E.T.A. Hoffmann Portal

Digitale Lektüretipps 22: Medizingeschichte, Terminator und E.T.A. Hoffmann

Ein Beitrag aus unserer Reihe Sie fehlen uns – wir emp-fehlen Ihnen: Digitale Lektüretipps aus den Fachreferaten der SBB

Ein Beitrag von Marion Manns und Christina Schmitz

Mit dem E.T.A. Hoffmann Portal stellen wir Ihnen heute eine digitale Materialsammlung vor, die viel mehr enthält als es auf den ersten Blick scheint. Vor allem gehen die Inhalte weit über E.T.A. Hoffmann selbst hinaus. So finden auch Musikwissenschaftler und Medizinhistorikerinnen, Freud-Forscher und Sekundarschul-Lehrkräfte, Weltentdeckerinnen und Operngenießer Interessantes – um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen.

Traumdeutung und Mesmerismus

Die ständig wachsende Sammlung Hoffmann digital enthält inzwischen mehr als 1.200 Digitalisate zu Werken Hoffmanns und Literaten aus seinem Umfeld, aber auch zu den Wissenschaften in der Zeit der Romantik. So können Sie sich beispielsweise in Johann Christian Reils Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Kurmethode auf Geisteszerrüttungen (1818) oder in Carl Alexander Ferdinand Kluges Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel (1811) einlesen oder erfahren, was Forscher wie Gotthilf Heinrich Schubert schon ein knappes Jahrhundert vor Sigmund Freud über Die Symbolik des Traumes (1821) herausgefunden hatten. Für juristisch Interessierte seien die Abhandlungen aus dem Gebiete der gerichtlichen Medicin (1820) in fünf Bänden von Adolph Henke zu empfehlen.

C.A.F. Kluge: Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel. Berlin 1811. SBB-PK Sign. 26 ZZ 51. Public Domain.

C.A.F. Kluge: Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel. Berlin 1811. SBB-PK Sign. 26 ZZ 51. Public Domain.

Digitale Lehre

Auch für den Schulunterricht von zu Hause hat das Portal einiges zu bieten. Damit die denkwürdigen Abiturprüfungen in diesem Jahr erfolgreich werden, empfehlen wir vor allem Schülerinnen und Schülern aus NRW, wo Hoffmann zum Abistoff gehört, einen Blick in die Lehreinheiten zu E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann. Hier können sie alleine für sich oder gemeinsam im virtuellen Klassenzimmer ihr Wissen zum Motiv des Auges oder zu Automatenmenschen auffrischen und lernen den Zusammenhang zwischen König Pygmalion, Arnold Schwarzenegger im Terminator und dem mit Künstlicher Intelligenz gesteuerten SONY-Roboterhund Aibo kennen. Ein Quiz für zwischendurch lockert die Lernpausen auf und verbindet die Synapsen neu.

Opernvergnügen und mehr

Das Beste von und zu E.T.A. Hoffmann im Netz – diese Empfehlungsreihe präsentiert das Team vom E.T.A. Hoffmann Portal seit den vergangenen zwei Wochen regelmäßig im Newsblog des Portals, um den Nutzer*innen ein wenig über die Zeit ausfallender Veranstaltungen hinwegzuhelfen. So vielfältig wie Hoffmann selbst, der Literat, Musiker, Zeichner und Jurist war, sind auch die Empfehlungen für frei verfügbares Online-Material im Portal und weit darüber hinaus. Ein kleiner Vorgeschmack sei Ihnen schon hier gewährt: Der erste Beitrag richtete sich an die Opernfans unter Ihnen, die sich – zeitlich befristet – die Aufführung Hoffmann’s Erzählungen von Jacques Offenbach im Brüsseler Opernhaus La Monnaie vom heimischen Sofa aus anschauen können. Die Neuinszenierung von Krzysztof Warlikowski wurde am 20. Dezember 2019 aufgezeichnet und wird von arte.tv bis zum 18. Mai 2020 kostenfrei zur Verfügung gestellt. Unter musikalischer Leitung von Alain Altinoglu führen das Sinfonieorchester und der Chor des Opernhauses sowie Eric Cutler in der Rolle des Hoffmann in 185 Minuten durch die dreigeteilte Handlung, die Hoffmanns Geschichte(n) fantasievoll im Kostüm der 1960er Jahre verwebt. Und wer dann erst so richtig auf den Geschmack gekommen ist, kann sogleich zur Inszenierung von Liebe und Eifersucht der Free Opera Company wechseln. In dieser versetzt der Regisseur Bruno Rauch das Hoffmannsche Singspiel in drei Akten nach der Komödie La banda y la flor von Pedro Calderón de la Barca in die heutige Zeit. Die Inszenierung ist dauerhaft auf dem E.T.A. Hoffmann Portal zu sehen. Neben der Videoaufzeichnung finden Sie dort weitere Informationen zur Inszenierung, ein Interview mit dem Intendanten Bruno Rauch, Hörproben und eine Bildergalerie.

Szene aus "Liebe und Eifersucht". Copyright: Free Opera Company.

Szene aus “Liebe und Eifersucht”. Copyright: Free Opera Company.

Wissenschaftlich vertiefen lässt sich das Opernvergnügen beispielsweise mit der Lektüre von Portalbeiträgen zu Hoffmann als Musiker, zu Hoffmann als Komponist der romantischen Oper und zu seiner Zauberoper Undine, aber auch über das Musikalien-Werkverzeichnis oder Hoffmanns Besprechung der 5. Sinfonie Beethovens. Den Musikern unter unseren Leser*innen empfehlen wir einmal mehr Hoffmann digital, wo sie das Notenmaterial fürs nächste Balkonkonzert finden.

Auch die Mediathek des Bayerischen Rundfunks bietet zahlreiche frei verfügbare Medien rund um E.T.A. Hoffmann (und die Musik) – so etwa den Podcast Do Re Mikro – Klassik für Kinder, der neben einer Einführung und Geschichten zu Antonio Vivaldi und Franz Liszt auch einen Abschnitt zu Hoffmann enthält. Außerdem gibt es in der Podcast-Rubrik Klassik aktuell einen Interpretationsvergleich zu Offenbachs Hoffmanns Erzählungen, eine Audio-Rezension von Sylvia Schreiber zur Ballettpremiere von Leo Delibes Coppélia an der Bayerischen Staatsoper und ein Gespräch mit dem Filmkomponisten James Newton Howard zum Filmstart von Disneys Nussknacker. Beim WDR kann zudem in den Podcast WDR3-Meisterstücke: Schumann Kreisleriana reinhören. Was das jetzt alles noch mit E.T.A. Hoffmann zu tun hat? Lesen Sie doch mal den Beitrag zur musikalischen Rezeption Hoffmanns auf der Bühne und durch Komponisten.

Bücher fürs Ohr

Wer lieber Literatur hört, findet einige verlesene Werke Hoffmanns bei LibriVox. In dieser digitalen Bibliothek mit gemeinfreien Hörbüchern, eingesprochen von Freiwilligen, gibt es bisher etwa 15 Lesungen von Hoffmanns Werken – hauptsächlich in Deutsch und Englisch – u.a. „Die Abenteuer der Sylvester-Nacht“, „Die Elixiere des Teufels“, „Das Fräulein von Scuderi“, „Der goldne Topf“, „Klein Zaches, genannt Zinnober“, „Meister Floh“, „Nachtstücke“, „Prinzessin Brambilla“, „Ritter Gluck“ oder „Der Sandmann“. Im BR-Podcast-Hörspielpool gibt es zudem Teile der Erzählsammlung Die Serapionsbrüder sowie einen Art-Mix-Essay von Carl-Ludwig Reichert, der Entstehung, Wirkung und Nachleben der Serapionsbrüder beleuchtet und dabei (hör)spielerisch einen Kurz-Einblick in Hoffmanns Werk gibt. Die Erzählungen des romantischen Autors lassen die Leser*innen gerne mal mit einigen Fragezeichen auf der Stirn zurück. Wenn es Ihnen auch so geht, hilft vielleicht die eine oder andere der inzwischen 19 Werkinterpretationen im Portal, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

Stadtbummel gefällig?

Und wenn Sie sich nach all dem Sofavergnügen doch noch nach der großen weiten Welt sehnen, können wir Sie zumindest virtuell auf einen Bummel durch Berlin und Bamberg schicken – auf Hoffmanns Spuren versteht sich!

Kupferstich von Johann Nepomuk Passini (1798-1874) nach einem Bildnis von Wilhelm Hensel (1794-1861). Das Porträt stammt aus dem Besitz des Autographensammlers Aloys Fuchs. SBB, Musikabteilung, Signatur: Mus.P. Hoffmann, E. T. A. I,1 ; Public domain https://creativecommons.org/publicdomain/mark/1.0/deed.de

E.T.A. Hoffmann über Beethovens Fünfte

Zu den wohl bekanntesten Beethoven-Werken und im Beethovenjahr viel gespielten Lieblingsstücken gehört zweifelsohne Beethovens 5. Sinfonie mit ihrem markanten Anfangsmotiv, das sogar selbst der Unmusikalischste nachsummen kann. Das Werk war aber keinesfalls immer der „Hit“, sondern wurde kurz nach seinem Neuerscheinen von einigen Zeitgenossen argwöhnisch als verworren und unverständlich kritisiert, sprengt es doch alle bisherigen Konventionen.

Einer der großen Bewunderer Beethovens, der einfühlsames Verständnis für seine Musik entgegenbrachte, war der Dichter, Musikschriftsteller und musizierende Komponist Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776-1822). Seine Rezension über Beethovens fünfte Sinfonie ist berühmt geworden. In poetischen Worten, aber auch zugleich in einer scharfsinnigen Musikanalyse wird Hoffmann als Vermittler zwischen Hörer und Komposition zu einem „Anwalt des Komponisten“. Für den von der Musik Beethovens tief ergriffenen Hoffmann ist diese Sinfonie der Inbegriff reiner Instrumentalmusik, Beethoven der romantischste aller Komponisten und Gipfelpunkt noch vor den damals anerkannten Komponisten Haydn und Mozart. Beethovens Musik sei romantisch, weil sie quasi als Medium etwas „öffnete“ so wie „Orpheus‘ Lyra […] die Tore des Orkus“. Es ist die Ahnung des Absoluten, tönendes Symbol „unendlicher Sehnsucht“.

E.T.A. Hoffmann hatte in seiner Rezension erkannt, das durch das Werk Beethovens eine neue Epoche begonnen hatte, denn der ästhetische Idealtypus des 18. Jahrhunderts über die „romantische“ Sinfonie fand erstmals im Werk seine Entsprechung. Von nun an konnten Ästhetik und Musik miteinander gleichberechtigt und vor allem auf gleichem Niveau den musikgeschichtlichen Weg gehen. Ob Beethoven, von dem nur ein höflicher Brief vom 23. März 1820 an Hoffmann vorliegt, selbst seine Musik so „gefühlt“ haben muss wie der Rezensent, ist nicht bekannt. Beethoven war aber anscheinend dankbar für seinen Fürsprecher, der die Kunst besaß, das Unaussprechliche seiner Musik im Herzen der Leser zum Klingen zu bringen.

Weiterführender Hinweis: Eine ausführlichere Darstellung und viele weitere Beiträge über Beethoven finden Sie im umfangreichen Hardcover-Sammelband „ ‚Diesen Kuß der ganzen Welt!‘ Die Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin“, den Sie über den Imhof-Verlag für 29,95 Euro und über das Referat Öffentlichkeitsarbeit über die Mailadresse publikationen@sbb.spk-berlin.de für 25 Euro erwerben können.

Die Staatsbibliothek verwaltet ein Hoffmann-Archiv. Zu E.T.A. Hoffmann existiert ein ausführliches Hoffmann-Portal.

Von Steampunk über Graphic Novel zu Disney – Bericht über die Abschlusskonferenz zum Projekt E.T.A. Hoffmann Portal 2

E.T.A. Hoffmann: Karikatur der hochschwangeren Schauspielerin Auguste Stich in ihrer Glanzrolle als Donna Diana (Berlin, November 1819). In: Handzeichnungen E.T.A. Hoffmanns in Faksimilelichtdruck. Herausgegeben von Walter Steffen und Hans von Müller. Berlin 1925.

Berlin, November 1819: Ein halbes Jahr nach dem Mord an August von Kotzebue durch den Heidelberger Studenten Sand arbeitet vor allem das Königreich Preußen hart an der Überwachung und Bekämpfung liberaler und nationaler Tendenzen. Zahlreiche Studenten stehen auch in Berlin unter dem Verdacht „revolutionärer Umtriebe“ und werden seit dem Vormonat durch die „Immediat-Untersuchungs-Kommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen“ befragt. Eines ihrer prominenten Mitglieder ist E.T.A. Hoffmann, der im November 1819 alle Hände voll damit zu tun hat, Studenten zu verhören und Gutachten zu schreiben, in denen er sich vehement für die Unbestechlichkeit der Justiz unter anderem im Falle des bekannten Turnvaters Jahn einsetzt – sehr zum Missfallen des Polizeidirektors Kamptz. Die langwierigen und anstrengenden Verhöre verlangen nach Ausgleich, also setzt sich Hoffmann nach getaner Arbeit ans Klavier und komponiert einen heute nicht mehr erhaltenen Nachtgesang. Bevor er tags darauf zur nächsten Vernehmung eilt, schaut er noch schnell in der Königlich Preußischen Kalender Deputation vorbei, denn dort erscheint diese Tage der Berlinische Taschenkalender auf das Jahr 1820 mit seiner Erzählung „Die Brautwahl“, einem Text mit reichlich Berliner Lokalkolorit und Figuren, die an reale Vorbilder wie Wilhelm Hensel und die Familie Mendelssohn erinnern. Am Abend bietet das Nationaltheater die nötige Erholung, doch auch hier bleibt E.T.A. Hoffmann produktiv, setzt sich nach der Aufführung in die Weinstube Lutter & Wegner und zeichnet aus seinem Gedächtnis eine Karikatur der hochschwangeren Schauspielerin Auguste Stich in ihrer Glanzrolle als Donna Diana, die er im Lokal aufhängen lässt, wo sie bis zum Zweiten Weltkrieg an den unermüdlichen malenden und musizierenden Dichterjuristen erinnert.

 

Untersuchung gegen Professor Friedrich Ludwig Jahn – Akte der Ministerial-Untersuchungskommission: 14. Juli 1819 - 29. September 1819. Geheimes Staatsarchiv – Preußischer Kulturbesitz: I. HA Rep. 77 Ministerium des Innern, Tit. 22 Lit. J Nr. 2.

So ungefähr kann man sich Hoffmanns Leben im November 1819 vorstellen. Genau zweihundert Jahre später, im November 2019, werden die Akten der Immediat-Untersuchungs-Kommission digitalisiert und im E.T.A. Hoffmann Portal der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (SBB-PK) online gestellt. Interessierte können sich seitdem komfortabel selbst ein Bild von diesen und anderen juristischen Geschehnissen um E.T.A. Hoffmann machen – und zwar ohne einen persönlichen Besuch im Geheimen Staatsarchiv – Preußischer Kulturbesitz (GStA), das die Originalakten bewahrt.

Untersuchung gegen Professor Friedrich Ludwig Jahn – Akte der Ministerial-Untersuchungskommission: 14. Juli 1819 – 29. September 1819. Geheimes Staatsarchiv – Preußischer Kulturbesitz: I. HA Rep. 77 Ministerium des Innern, Tit. 22 Lit. J Nr. 2.

Die Digitalisierung der Akten ist Teil des dreijährigen Projekts E.T.A. Hoffmann Portal 2, das auf ein erstes einjähriges Projekt zum Aufbau der Infrastruktur und zur Entwicklung der ersten Portalinhalte folgte, und dessen erfolgreicher Abschluss nun am 28. November 2019 mit einer Konferenz in der Staatsbibliothek gefeiert wurde.

Dr. Ulrich Kober vom GStA erläuterte dem Publikum in seinem Tagungsbeitrag die Aufgaben dieses überwiegend historischen Archivs des Brandenburg-Preußischen Staates und stellte die insgesamt 19 Akten vor, in denen Schriftstücke von und über E.T.A. Hoffmann enthalten sind. Neben den Unterlagen der Immediat-Untersuchungskommission finden sich hier auch Entwurf und Reinschrift der Urkunde zur Bestallung Hoffmanns zum Regierungsrat im südpreußischen Posen von 1802 und Akten zur Beschlagnahmung seiner späten Erzählung „Meister Floh“ (1822), in der er den Polizeidirektor Kamptz verunglimpfend darstellt. Auch ein achtseitiger Probeabdruck und die zensierten Manuskriptseiten haben sich in den Akten erhalten.

 

Dr. Ulrich Kober, Geheimes Staatsarchiv – Preußischer Kulturbesitz

Dr. Ulrich Kober, Geheimes Staatsarchiv – Preußischer Kulturbesitz

 

Ziel des Projektes war es aber nicht nur, die juristische Karriere Hoffmanns zu beleuchten, sondern die ganze Vielfalt seiner Begabungen und Aktivitäten für Forschung und Kultur zu bewahren und zugänglich zu machen, wie sie sich beispielsweise auch im November 1819 zeigten und in unzähligen Rezeptionsformen weiterlebten. Im Rahmen des Projekts wurden deshalb alle rechtefreien Materialien von und über E.T.A. Hoffmann sowie zu seinen Einflüssen und seiner Rezeption aus dem Bestand der Staatsbibliothek und darüber hinaus digitalisiert. Dafür konnte neben dem GStA auch die Wienbibliothek für eine Kooperation gewonnen werden, die eine der drei erhaltenen Erstausgaben der erotischen Erzählung „Schwester Monika“ (1815) besitzt.

Anonymus: Schwester Monika erzählt und erfährt: eine erotisch-psychisch-physisch-philantropisch-philantropinische Urkunde des säkularisierten Klosters X. in S... [Posen]: [Kühn] 1815. Wienbibliothek im Rathaus: Secr-A 108.Längere Zeit wurde sie von der Forschung fälschlicherweise E.T.A. Hoffmann zugeschrieben. Prof. Dr. Markus Bernauer von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften untersucht das Werk im Rahmen seines Forschungsprojekts zum Libertinismus in der deutschen Literatur um 1800 und berichtete über seine Erkenntnisse zur Autorschaft, nach denen er eher ein Verfasserkollektiv aus dem böhmischen Raum vermutet, das im Stile Jean Pauls schreibt. Klare Vorbilder der augenscheinlich belesenen Verfasser lassen sich in der libertinen Literatur Frankreichs aus dem 18. Jahrhundert finden.

 

Prof. Dr. Markus Bernauer, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Prof. Dr. Markus Bernauer, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

 

E.T.A. Hoffmann Portal: Startseite Hoffmann digitalEtwa die Hälfte der insgesamt rund 2.500 geplanten Objekte ist inzwischen bereits in Hoffmann digital verfügbar, die zweite Hälfte folgt sukzessive in den nächsten Monaten. Neben Hoffmanns eigenen Werken wurden auch seine Lesestoffe aufgenommen, d.h. Werke und Autoren, von denen man weiß oder mit größerer Sicherheit annehmen kann, dass Hoffmann sie kannte und gelesen hat. Ergänzt wurden diese Materialien noch möglichst umfänglich um Verlagsproduktionen von Carl Friedrich Kunz und Julius Eduard Hitzig, zwei befreundeten Verlegern Hoffmanns, an deren Lektürestoffen er sich gerne bedient hat, sowie um  alle wesentlichen Publikationen von Personen aus seinem Umfeld, darunter zum Beispiel Carl Wilhelm Salice-Contessa oder Karl August Varnhagen von Ense.

Einen weiteren Baustein bilden biografische Arbeiten und frühe Forschungsliteratur, zum Teil auch Werke bis zum Erscheinungsjahr 1965, wenn sie im Buchhandel vergriffen sind und entsprechende Lizenzen erworben werden konnten. Und schließlich wurde auch die literarische, künstlerische, musikalische und naturwissenschaftliche Rezeption berücksichtigt, so finden sich im E.T.A. Hoffmann Portal beispielsweise auch digitalisierte Werke von Guy de Maupassant, Edgar Allan Poe, Gustav Meyrink, Walter Scott, Charles Nodier, Nikolai Gogol, Heinrich von Kleist und Angela Carter.

Ein zweiter Schwerpunkt des Projekts war der Ausbau der Textbeiträge und interaktiven Elemente im Portal. Inzwischen zählen mehr als fünfzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu den ehrenamtlichen Autoren des Portals. Ihre einführenden Forschungsartikel zu unterschiedlichsten Themen werden besonders intensiv genutzt und tragen deshalb wesentlich zur Attraktivität des Webangebots bei. Im vergangenen Jahr bereicherten beispielsweise der Neurologe Roland Schiffter mit seinen Beiträgen  zur romantischen Medizin und zu Hoffmanns Krankheit und die Literaturwissenschaftlerin Polly Dickson mit einem Artikel zur Hoffmann-Rezeption in Großbritannien das Portal. In Kooperation mit Cinegraph und mit freundlicher Unterstützung von Hans-Michael Bock konnte zudem eine umfassende Filmografie mit Daten zu rund fünfzig internationalen filmischen Adaptionen online gestellt werden.

Unveröffentlichter Entwurf zur Graphic Novel "Das Fräulein von Scuderie : Erzählung aus dem Zeitalter Ludwig des Vierzehnten" von E.T.A. Hoffmann. Nouvelliert und illuminiert von Alexandra Kardinar & Volker Schlecht. © Prof. Volker Schlecht

Unveröffentlichter Entwurf © Prof. Volker Schlecht

 

E.T.A. Hoffmann Portal: Filmografie

 

Prof. Volker Schlecht, University of Applied Sciences Europe

Prof. Volker Schlecht, University of Applied Sciences Europe

Besonders vielfältig ist die moderne Hoffmann-Rezeption, denn E.T.A. Hoffmann erlebt eine ungebrochene internationale Aufmerksamkeit, die gerade in den letzten Jahren über verschiedene Kultur- und Wissenschaftsbereiche hinweg beobachtet werden kann. Einen sehr kleinen Ausschnitt dieser aktuellen Beschäftigung mit E.T.A. Hoffmann zeigten drei Konferenzbeiträge aus den Bereichen Comic, Oper und Film. Prof. Volker Schlecht von der University of Applied Sciences Europe stellte einige aktuelle Comicadaptionen von Hoffmanns Erzählungen vor und gab Einblicke in den assoziativen Entstehungsprozess seiner in Zusammenarbeit mit Alexandra Kardinar entstandenen Graphic Novel zu „Das Fräulein von Scuderi“. Unter dem Label Drushba Pankow erschaffen sie Illustrationen und Buchgestaltungen, die sich durch Verbindungen von analogen Zeichnungen und Computergrafiken auszeichnen. Hoffmannianer erkennen im unverwechselbaren Stil der beiden Künstler Verfremdungen und Groteskes, kurz: das Hoffmanneske.

 

Dr. Stefanie Junges, Ruhr-Universität Bochum

Dr. Stefanie Junges, Ruhr-Universität Bochum

Ähnlich viel Groteskes zeigte auch der Vortrag von Dr. Stefanie Junges von der Ruhr-Universität Bochum, die das musikalische Oeuvre der Berliner Rockband Coppelius analysierte. Nicht nur der Bandname, auch Auftritt und inhaltliche Motive sowie ganze Konzeptalben weisen ausdrücklich auf E.T.A. Hoffmann als Vorbild. Höhepunkt der konsequenten Beschäftigung mit Hoffmann ist die Steampunk-Oper Klein Zaches genannt Zinnober, die in Kooperation mit der Neuen Philharmonie Westfalen entstand und am 14. November 2014 im Musiktheater im Revier (MiR) in Gelsenkirchen uraufgeführt wurde. Zudem gab Junges einen kurzen Einblick in Robert Wilsons Inszenierung des Sandmanns, die aktuell am Schauspielhaus Düsseldorf zu sehen ist: Auch der Lichtkünstler Wilson schafft durch Ton-, Farb- und Lichtgestaltung und die Musik der britischen Rocksängerin Anna Calvi ein völlig neues Hoffmann-Erlebnis.

 

Dr. Annett Werner-Burgmann, Humboldt-Universität zu Berlin

Dr. Annett Werner-Burgmann, Humboldt-Universität zu Berlin

Für harmonischere Bilder sorgte schließlich Dr. Annett Werner-Burgmann in ihrem Beitrag zu aktuellen Filmadaptionen von „Nussknacker und Mausekönig“. Die sehr unterschiedlichen Umsetzungen eines Barbie-Animationsfilms, einer ARD-Fernsehproduktion und einer Disney-Kinobearbeitung zeigten einerseits die Bandbreite der Interpretationsmöglichkeiten, andererseits die verbindenden Elemente einer zeitgemäßen Adaption: So ist die Protagonistin Marie/Clara in allen drei Bearbeitungen kein siebenjähriges Mädchen mehr, das auf ihre Rolle als umsorgende Frau und Mutter vorbereitet wird, sondern eine selbstbewusste junge Erwachsene ohne ein festgelegtes Rollenbild. Sie soll sich daran messen, was eine anständige „Person“ und eben nicht eine anständige „Frau“ ist, einige männliche Figuren werden durch weibliche Charaktere ersetzt und die Besetzung erfolgt international mit Schauspielern unterschiedlicher Hautfarben. Freilich folgen die Bearbeitungen nur lose der Vorlage, die häufig eher Tschaikowskis Ballett als Hoffmanns Erzählung ist. Trotzdem zeigen die vorgestellten Filme die steigende Attraktivität des Hoffmannschen Stoffs.

 

Dass diese Attraktivität bis in die Schulbildung reicht, zeigt die regelmäßige Wahl von Werken E.T.A. Hoffmanns zum Abiturprüfungsstoff und zur Lektüreempfehlung in der Mittelstufe. Um dieser Nachfrage mit einem passenden Angebot zu begegnen, entwickelte das Team E.T.A. Hoffmann Portal im Rahmen des Projekts in Kooperation mit dem Albert Einstein-Gymnasium Berlin-Neukölln drei neue Lehreinheiten zur Erzählung „Der Sandmann“. So wurden Unterrichtsbausteine für die Themenkomplexe „Augenmotiv“, „Automatenmotiv“ und „Sandmann-Ausgaben“ erstellt, die entweder als komplette Lehreinheiten in jeweils einer Doppelstunde umgesetzt oder als einzelne Module in den Unterricht integriert werden können. Je nach technischer Ausstattung der Klasse können die Lehreinheiten unter Einbeziehung des E.T.A. Hoffmann Portals am Smartboard/per Beamer oder an einzelnen Schüler-PCs durchgeführt werden oder auch ganz ohne technische Unterstützung. Für die komfortable Offline-Nutzung stehen übersichtliche Arbeitsblätter zum Download bereit. Mit diesem Angebot soll einerseits ausgelotet werden, wie bibliothekarische Sammlungen in den schulischen Unterricht integriert und somit schon früh eine Bindung zur Institution Bibliothek geschaffen werden können, und andererseits die auch bei Schülern bereits vorherrschende digitale Informationsbeschaffung sinnvoll im Unterricht angewendet werden, um Lehrkräfte und Lernende an die Arbeit mit qualitativ hochwertigen digitalen Inhalten im Internet heranzuführen.

 

Studierende des Hoffmann-Seminars vom Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität

In Kooperationen mit der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin hat das Projektteam im Sommersemester 2019 zudem zwei Seminare angeboten, um den Studierenden zum einen den Künstler E.T.A. Hoffmann und seine Rezeption bzw. das romantische Berlin und die romantischen Wissenschaften näherzubringen, und sie zum anderen an das recht neue Format von Onlinepublikationen in wissenschaftlichen Kulturportalen heranzuführen. So lernten die Studierenden, wie man Texte fürs Web formuliert und gestaltet, welche speziellen Anforderungen wie Visualisierungen, Lesehilfen und Verlinkungen zu berücksichtigen sind und wie man mit der entsprechenden Software umgeht. Die besten Beiträge der Studierenden wurden inzwischen im E.T.A. Hoffmann Portal veröffentlicht.

 

Folgeprojekt E.T.A. Hoffmann Portal 3 startet im Januar

Mit dem Ende des Jahres 2019 endet nun auch offiziell das Projekt E.T.A. Hoffmann Portal 2. Aber dieses Ende ist zugleich ein neuer Anfang: Im Januar 2020 startet bereits ein drittes, wiederum dreijähriges Projekt mit zwei ganz unterschiedlichen Schwerpunkten: der Erstellung einer Online-Bibliografie und der Organisation einer großen Ausstellung zum 200. Todestag E.T.A. Hoffmanns im Jahr 2022. Aktuelle Informationen zu diesem Projekt erhalten Sie auf etahoffmann.net.