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Wiedererwerbung der Druckausgabe der Dayak-Bibel von 1858

Ein Beitrag von Thoralf Hanstein.

Im Februar 2017 konnte die Staatsbibliothek einen Kriegsverlust ersetzen, der auch in anderer Hinsicht den Bestand der Bibliothek bereichert.

Alles begann 1840 mit der Reise von August Hardeland zu der bis dahin nur wenig erschlossenen „Ausseninsel“ Borneo, genauer zu den indigenen Stämmen der Ngaju-Dayak in Zentral-/Süd-Borneo. Niederländisch-Indien konzentrierte sich zu dieser Zeit hauptsächlich auf die Insel Java, und erst langsam wurden weitere Inseln des Archipels dem Kolonialreich einverleibt.

Der in Kirchenkreisen nicht unumstrittene Hardeland (s. „Hardelandkonflikt“) war für die Rheinische Mission als Missionar tätig. Einem neuen Ansatz seiner Missionsgesellschaft folgend, sollte er sich auf Borneo u.a. um die Ausbildung von „Nationalgehülfen“, also von einheimischen Hilfslehrern, kümmern. Zusammen mit Friedrich Becker fertigte er eine Übersetzung des Neuen Testaments in die dortige Lokalsprache an, und nach Beckers Tod im Jahre 1849 im Alleingang eine Übersetzung des Alten Testaments (Surat brasi Djandji idjä solake). Da die Ngaju-Dayak keine Schrift hatten, benutzte Hardeland das lateinische Alphabet. Er fertigte auf die Drucklegung ausgerichtete, eigenhändige Manuskripte an. Nach seiner Rückkehr nach Europa wurde anhand dieser Vorlage eine Druckfassung des Alten und Neuen Testaments 1858 in Amsterdam besorgt. Ein Jahr später reiste Hardeland erneut als Missionar nach Südafrika – und nahm dabei seine Manuskripte mit, wie man dem Autograph entnehmen kann:

Auf dem Schmutzblatt der Handschrift ist folgender Vermerk eingeklebt: „Het eigenhandig Handschrift van Aug. Hardeland. Zijne vertaling van het Oude testament in de taal der Dajaks van Zuid-Borneo. Bij zijn vertrek van Z.O. Afrika ten geschenk gegeven aan Millies“.

Auf Seite 1 dann folgender Eintrag: „This translation was given by Hardeland to Prof. Millies, and in 1858 was printed at Amsterdam. From Prof. Millies … , Utrecht. May 1870…Brugge“.

Dieser 309seitige Autograph des Alten Testaments fand seinen Weg in die Bestände der Staatsbibliothek und wird unter der Signatur Ms. or. fol. 4319 im Handschriftenmagazin der Orientabteilung aufbewahrt.

Besitzt eine Bibliothek einen solchen Autograph, der auch noch als Basis zur Drucklegung diente, so ist es nur verständlich, dass auch dieser Druck zu den Beständen gehören sollte. Bis zum 2. Weltkrieg waren zwei Exemplare des zweibändigen Druckwerks des Alten Testaments in der damals noch Preußischen Staatsbibliothek verzeichnet – danach werden sie als Kriegsverlust geführt. Der Autograf selbst kam erst zu DDR-Zeiten in den Bestand der Deutschen Staatsbibliothek (Berlin-Ost), und erhielt daher nach der Wiedervereinigung die Akzessionsnummer acc.ms.or.1991.38. Jetzt ist es gelungen, diese Druckausgaben antiquarisch in den Niederlanden zu erwerben, sodass Autograph und Druck (Signatur 4 A 55114-1 und -2) wieder unter einem „Bibliotheksdach“ vereint sind.

Ms. or. fol. 4319, S. 1

Quellen und weiterführende Literatur:

Karl Böhmer: Beobachtungen zu den ersten Hermannsburger Missionarskursen im Hardelandkonflikt. in: Jobst Reller: Ausbildung für Mission: Das Missionsseminar Hermannsburg von 1849 bis 2012. LIT Verlag Münster 2016, S. 149-164;

Jan Lodewyk Swellengrebel: In Leijdeckers voetspoor : anderhalve eeuw bijbelvertaling en taalkunde in de indonesische talen. in: Verhandelingen van het Koninklijk Instituut voor Taal-, Land- en Volkenkunde. Teil I: 1820-1900. Leiden: Brill, 1974, 68.

Bildquelle: Carl Schwaner: Borneo. Beschrijving van het stroomgebied van den Barito en reizen langs eenige voorname rivieren van het zuid-oostelijk gedeelte van dat eiland door Dr. C. A. L. M. Schwaner. Amsterdam, 1854. Titelbild von Band 2. (nach Auguste van Pers und Heinrich von Gaffron, lithographiert bei C. W. Mieling).

Wer übersetzte „Die Dämonen“ für Dostojewskis Sämtliche Werke beim R.-Piper-Verlag?

Gastbeitrag von Dr. Galina Potapova

Ein kleiner Fund in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin wirft ein neues Licht auf die frühe Phase der Arbeit an den Sämtlichen Werken von Fjodor Dostojewski , die unter der Herausgeberschaft von Arthur Moeller van den Bruck ab 1906 beim R.-Piper-Verlag in München erschienen und das Dostojewski-Bild im Deutschland des 20. Jahrhunderts weitgehend prägten.

In der Forschung wurde bisher angenommen, frühe Manuskripte der Übersetzungen für die Pipersche Ausgabe existieren nicht mehr. Der Nachlass von Moeller van den Bruck in der Staatsbibliothek ist nämlich nur ein Teilnachlass. Der größere Teil wurde wahrscheinlich durch die Luftangriffe in Berlin am Ende des 2. Weltkriegs vernichtet. Was heute in der als „Notizen zur Herausgabe der Werke Dostojewskis“ betitelten Mappe des Teilnachlasses in der SBB liegt, sind nur wenige Blätter mit chronologischen Verzeichnissen und weiteren begleitenden Materialien. Für ewig verloren sind auch die meisten frühen Materialien zur Dostojewski-Ausgabe im historischen Archiv des Piper-Verlags  (heute im Deutschen Literaturarchiv Marbach, DLA): Ein Bombentreffer zerstörte während der Luftangriffe auf München das ganze Verlagsgebäude.

Um so wertvoller sind einige Fragmente der Übersetzung, die im Berliner Teilnachlass Moellers doch erhalten sind. Sie liegen aber nicht in der Mappe „Notizen zur Herausgabe der Werke Dostojewskis“, sondern verstecken sich unter den „Gedichtentwürfen“ und „Notizen zu Verschiedenem“ der zweiten Ehefrau Moellers, Lucy Moeller van den Bruck (geborene Kaerrick; geb. 1877 in Pernau, damals Livland, eine der ostseeischen Provinzen des Russischen Reiches; gest. 1965 in Berlin-Wilmersdorf).

Auf den Vorderseiten dieser fünf Blätter stehen Lucys Notizen, die den im Nachlassverzeichnis benannten Rubriken entsprechen. Die durchgekreuzten Rückseiten gehörten ursprünglich zum Manuskript der „Dämonen“. Das ist ebenfalls die Hand von Lucy Moeller van den Bruck. Alle fünf Seiten, die mit den Zahlen 681, 683, 685, 688 und 689 paginiert sind, stammen aus dem 3. Kapitel des 3. Teils des Romans.

Handschriftenabteilung der SBB, Nachlass Moeller van den Bruck, Arthur. Kasten 12, Mappe 11

Lucys Sofortkorrekturen treten in großer Menge auf. Stilistische Korrekturen von Arthur Moeller van den Bruck bilden die zweite Handschriftenschicht. Die Textgestalt, die im Endeffekt entsteht, entspricht dem Text der „Dämonen“-Ausgabe von 1906. „Die Dämonen“ erschienen damals als erstes Werk in der ganzen Piperschen Ausgabe. Mit dem Fund in der Handschriftenabteilung haben wir nun also ein kleines handschriftliches Fragment dieses Erstlings-Bandes.

Der Wert dieses Fundes ist nicht nur museal. Die entdeckten fünf Blätter tragen auch zur literarhistorischen Forschung bei. Sie helfen bei der Klärung der Frage, von wem in der frühen Phase der Arbeit an der Piperschen Ausgabe die Übersetzung eigentlich geleistet wurde, die unter dem Pseudonym „E. K. Rahsin“ erschien. Für gewöhnlich setzt man diesen erfundenen Namen mit der jüngeren Schwester von Lucy Moeller van den Bruck gleich: Elisabeth (Less) Kaerrick (1886-1966). Christoph Garstka wies in seiner Monographie „Arthur Moeller van den Bruck und die erste deutsche Gesamtausgabe der Werke Dostojewskijs im Piper-Verlag“ (Frankfurt am Main [u. a.], 1998) darauf hin, dass man mit solcher Gleichsetzung vorsichtig sein muss, wenn man von den Erstausgaben der Dostojewski-Bände redet. Garstka äußerte eine Hypothese, dass am Prozess der Übersetzung neben Less Kaerrick verschiedene Personen teilnahmen, u. a. Lucy Moeller van den Bruck.

Mit dem Fund in der Handschriftenabteilung der SBB kann die Mitarbeit (d. h.  z u m i n d e s t  die Mitarbeit) Lucys an der Übersetzung der „Dämonen“  als bewiesen gelten. Wenn man diesen Fund gleichzeitig mit einigen anderen, biographischen Zeugnissen analysiert, kann man weiter gehen und sich fragen: Ist die bisher als selbstverständlich angenommene These, dass auch die jüngere Schwester, Less Kaerrick, von Anfang an für die Pipersche Dostojewski-Ausgabe als Übersetzerin tätig war, wirklich gültig?

Eine definitive Antwort auf diese Frage zu geben, ist anhand der fünf Handschriftenblätter nicht möglich. Letztlich gehören sie alle zu einem einzigen Kapitel des Romans. Unzweifelhaft steht dennoch fest: Uns liegen die Seiten aus dem 3. Kapitel des 3. Teils vor, und dies bedeutet, dass drei Viertel des Romans bereits übersetzt sind. Inwieweit ist es glaubwürdig anzunehmen, dass Lucys jüngere Schwester zu diesem Zeitpunkt eventuell frühere Kapitel übersetzt haben konnte? Daran muss man zweifeln, wenn wir einen weiteren Fund in Berliner Archiven in Betracht ziehen, und zwar: im Bundesarchiv  Berlin-Lichterfelde.

Aus der dort erhaltenen Autobiographie von Less Kaerrick, die sie 1938 für die Reichsschrifttumskammer verfasste, lässt sich schließen, dass ihr „Mitarbeit an Übersetzungen“ (d. h. an den Dostojewski-Übersetzungen) nicht früher als Mitte des Jahres 1906 angeboten wurde (BArch, ehem. BDC, RKK, Akte „Kaerrick, Elisabeth“). Kaerrick berichtet in diesem Dokument, dass ihr Vater, der reiche Kaufmann August Georg Kaerrick, 1906 bankrott wurde (der genaue Monat ist nicht genannt), und dass sie selbst in der ersten Zeit nach dem finanziellen Schicksalsschlag mit Sprachunterricht ihr Geld verdiente. „Bald darauf“, setzt Kaerrick fort, „wurde mir Mitarbeit an Übersetzungen angeboten“ (ibid.). Selbst wenn wir annehmen, die Pleite des Vaters geschah am Anfang des Jahres – auch in diesem Fall müssen wir für Kaerricks Tätigkeit als Sprachlehrerin einige Monate einkalkulieren. Allerdings sind „Die Dämonen“, ein ca. 1000 Seiten dicker Roman, bereits Ende Juli 1906 erschienen. Angesichts dieser Tatsachen muss man den Schluss ziehen: Die Teilnahme an Dostojewski-Übersetzungen wurde Less Kearrick nicht am Anfang des ganzen editorischen Unternehmens angeboten, sondern zu einem Zeitpunkt, als das erste Werk in der Piperschen Ausgabe, „Die Dämonen“, vollständig übersetzt bzw. nahe dem Schluss war.

Dostojewski F. M.: Die Dämonen. München: Piper, 1906. (Hardcover); Signatur: Zn 12182-1,6

Dostojewski F. M.: Die Dämonen. München: Piper, 1906. (Hardcover); Signatur: Zn 12182-1,6

Auch einige Textproben aus den „Dämonen“ in der Erstausgabe und aus den anderen Piperschen Dostojewski-Bänden lassen ernsthaft die Hypothese erwägen, dass „Die Dämonen“ für die Pipersche Erstausgabe n i c h t von Less Kaerrick übersetzt wurden.

Die translatorische Vorgehensweise ist in der Erstausgabe der „Dämonen“ wesentlich anders als z. B. in der Übersetzung des „Idioten“  , die 1909 erschien und definitiv von Less Kaerrick stammte (dazu s. den Brief von Less Kaerrick an Reinhard Piper vom 31.10.1915, DLA). Es genügt, nur die Anfänge der „Dämonen“ und des „Idioten“ mit den russischen Originalen zu vergleichen, um festzustellen: Im Unterschied zur Übersetzung des „Idioten“, in der grundsätzlich keine Informationen des Originaltextes verlorengehen (als Makel kann man, im Gegenteil, mehrere zu stark erläuternde und interpretierende Wendungen anmerken), trifft man in der Übersetzung der „Dämonen“ immer wieder auf Verluste kleiner, aber wesentlicher Inhalte des Originaltextes. Vgl. dazu Less Kaerricks eigene Äußerung im oben erwähnten Brief an R. Piper: „ In meinen Übersetzungen aber wüsste ich kein Wort, das ich absichtlich weggelassen hätte, außer in den Politischen und Literarischen Schriften, doch da war es etwas ganz anderes“ (DLA).

Ein indirektes Indiz dafür, dass der Roman „Die Dämonen“ noch nicht von Less Kaerrick übersetzt wurde, sind enorme Mengen an Korrekturen jeder Art, die sie später ausgerechnet bei den Revisionen der „Dämonen“ vornahm. Diese Revisionen wurden bereits für die Neuauflagen von 1918, 1919,  1921 und 1922  durchgeführt, und später dann noch einmal, bei der neuen Überarbeitung der Dostojewski-Ausgabe nach dem 2. Weltkrieg. Auch andere Bände wurden von Less Kaerrick für die Neuauflagen korrigiert; mit den „Dämonen“ geschieht dies jedoch viel radikaler als sonst. Beim Vergleich der neuüberarbeiteten Ausgabe des Romans von 1956  mit der Erstausgabe von 1906 entsteht der Eindruck: Die Übersetzungen unterscheiden sich so stark, als ob sie von zwei verschiedenen Menschen geleistet wurden. Es kann sein, der Eindruck täuscht nicht: Es war auch wirklich ein anderer Mensch, der „Die Dämonen“ für die Erstausgabe übersetzte, und Less Kaerrick korrigierte dann später nicht ihre eigenen, sondern die fremden Fehler.

In diesem Zusammenhang muss zum Schluss auf eine ungewollte Ungerechtigkeit gegenüber der Übersetzerin „E. K. Rahsin“ hingewiesen werden, die in der translationswissenschaftlichen Studie von Marina Kogut geschieht (Marina Kogut: Dostojevskij auf Deutsch. Vergleichende Analyse fünf deutscher Übersetzungen des Romans „Besy“. Frankfurt a. M. 2009). Die Autorin nahm zum Vergleich mit vier anderen deutschen „Dämonen“-Übersetzungen ausgerechnet die Pipersche Erstausgabe von 1906; die späteren massiven Überarbeitungen in mehreren Neuauflagen (von 1918 bis 1956) blieben unerwähnt. Die Vorgehensweise von Kogut ist einerseits legitim: Die Übersetzung von 1906 ist eine literarische Tatsache, und es mag scheinen, sich um den Fragenkomplex zu kümmern, wer und wann was übersetzt oder überarbeitet hat, sei eine ausschließlich biographische Fragestellung. Andererseits ist der Umstand, dass der Text der Piperschen „Dämonen“-Übersetzung mehrmals revidiert wurde und immer näher an den Wortlaut des russischen Originals kam, ebenfalls eine literarische und keineswegs nur eine biographische Tatsache. Und es ist mit Sicherheit ungerecht, das Verdienst der Piperschen Dostojewski-Ausgabe in der Geschichte der deutschen Dostojewski-Übersetzungen nur an der ersten, am leichtesten angreifbaren Probe, der Ausgabe der „Dämonen“ von 1906, zu messen, und die ganze weitere, lange und qualvolle Geschichte ihrer allmählichen Perfektionierung ganz aus dem Auge zu verlieren.

 

Frau Dr. Galina Potapova, Russische Akademie der Wissenschaften St. Petersburg, war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2016 als Stipendiatin an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt: „Arthur Moeller van den Bruck als Herausgeber der ersten deutschen Gesamtausgabe der Werke Dostoevskijs“

Werkstattgespräch zur Piperschen Dostojewski-Ausgabe am 26. 5. 2016

Cervantes war (sozusagen) ein Engländer

„There liued not long since, in a certaine vilage of the Mancha, the name whereof I purposely omit, a Yeoman of their calling that use to pile up in their hals olde Launces, Halbards, Morrions, and such other armours and weapons. “ Mit diesen Worten beginnt die erste englische Übersetzung von Cervantes‘ Hauptwerk El ingenioso hidalgo don Quijote de la Mancha (1605, zweiter Teil 1615) von Thomas Shelton, publiziert 1612, also noch zu Lebzeiten Cervantes‘,  bzw. 1620 (zweiter Teil). Die Quijote-Übersetzung blieb auffälligerweise Sheltons einziges literarisches Vermächtnis und ist, glaubt man Spezialisten, von recht dubioser Qualität: Der wohl wichtigste neuere Cervantes-Übersetzer John Ormsby (The Ingenious Gentleman of Don Quixote de la Mancha, 1885) zeigte sich jedenfalls verwundert darüber, dass Shelton einen Teil von Cervantes‘ Vokabular schlicht unübersetzt ließ und schloss daraus, dass Shelton wohl nur über recht rudimentäre Spanischkenntnisse verfügte. Das konnte, bei einem Werk, das im breiten Konsens der Literaturwissenschaft als der erste (Apuleius und Petronius lassen wir jetzt mal weg) und vielleicht auch größte und wichtigste europäische Roman gilt, durchaus auch schon vor rund 400 Jahren zum Problem werden.

Der zeitgenössischen Popularität des Quijote in England tat Sheltons nicht völlig geglücktes Opus freilich keinen Abbruch. Cervantes erreichte mit seinem pikaresken Meisterwerk von Anfang an breite Leserschichten auf der Insel, und dementsprechend feierten über die Jahrhunderte immer neue Übersetzungen fröhliche Urständ. Bis heute bedeutend und, ja, auch gelesen, sind die als „Jarvis Translation“ bekannte Version des Iren Charles Jervas (1742) und diejenige von Tobias Smollett (1755). Erwähnenswert außer der klassischen viktorianischen Ormsby-Übersetzung sind – auch wenn das jetzt ein großer Sprung ist –  in der Gegenwart unbedingt die anlässlich des 400. Jubiläums des Romans erschienene Version von Tom Lathrop (2005) und die bislang jüngste Übersetzung von James H Montgomery (2006). Montgomery war übrigens, ob Sie es glauben oder nicht, Bibliothekar. Universitätsbibliothekar noch dazu. In Texas.

Um erahnen zu können, was für ein kreativer Kraftakt es war und ist, Cervantes überhaupt zu übersetzen, muss man sich gewahr machen, dass der Quijote, ähnlich wie die Dramen Shakespeares, die Erfahrung der Welt in ihrer ganzen Fülle und Vielfalt verarbeitet, es wimmelt von Witz, Zoten, Tragik, Absurditäten und Pathos. Zudem ist Cervantes‘ Sprache voll von neu geschaffenen Bonmots, Wortspielen, Anspielungen und Malapropismen, also von durch die Figuren falsch verwendeten Wörtern. Wenn Sancho Pansa etwa sagt „yo tengo relucida a mi mujer“ – wenig sinnvoll „ich habe meine Frau ’scheinen‘ lassen“ – und Quijote ihn korrigiert „reducida has de decir, Sancho“ – „überzeugt musst du sagen, Sancho“ –, ist das für den Übersetzer schon nicht so ganz einfach. Montgomery dreht den Malapropismus schlicht und einfach um und macht „reduced“ (was keinen Sinn ergibt) und „induced“ („dazu gebracht“) daraus (vgl. Michael J McGrath, Review of Don Quixote, transl. James H Montgomery, in: Cervantes: Bulletin of the Cervantes Society of America 30 (2010): 193-199). Ungewollt hat Cervantes übrigens auch die englische Sprache ein wenig reicher gemacht: „quixotic“ definiert das Oxford English Dictionary u.a. als „naively idealistic; unrealistic, impracticable; (also) unpredictable, capricious, whimsical“ – das Deutsche hat bezeichnenderweise das eher übellaunig konnotierte „kafkaesk“ zu bieten.

Der weiter oben erwähnte Tobias Smollett ist noch aus einem anderen Grund für die englische Cervantes-Rezeption von Bedeutung: Smollett ist neben Samuel Richardson, Henry Fielding und Laurence Sterne der bedeutendste englische Romancier des 18. Jahrhunderts; seine pikaresken Romane wie The Adventures of Peregrine Pickle (1751) und vor allem The Expedition of Humphrey Clinker (1771) stehen in der direkten Tradition Cervantes‘ und trugen zu dessen Popularisierung in England beträchtlich bei. Die Romane selbst lesen sich übrigens wesentlich launiger als die Titel. Noch deutlicher wird der Quijote-Bezug bei Henry Fielding, dessen ebenfalls sehr munterer, noch heute gut lesbarer Roman Joseph Andrews (1742) den folgenden Titelzusatz trägt: „Written in Imitation of the Manner of Cervantes, Author of Don Quixote.“ Wenn Sie sich an den Abenteuern von Parson Adams, Lady Booby, Peter Pounce und Mrs. Slipslop ergötzen, denken Sie also bitte an Windmühlen. Nicht nur aus heutiger Perspektive ungemein interessante Varianten bieten auch Cervantes-inspirierte Werke wie The Female Quixote (1755) von Charlotte Lennox (übrigens wie Smollett aus Schottland stammend), die religiöse Satire The Spiritual Quixote (1773) von Richard Graves und, jenseits des Atlantiks, Tabitha Gilman Tenneys Female Quixotism (1801), der populärste amerikanische Roman bis zu Harriet Beecher Stowes Uncle Tom’s Cabin (1852). Der Topos vom schrulligen Dünnen und bauernschlauen Dicken, gerne kombiniert mit einem Road-Trip, findet sich später, nebst vielen anderen, auch bei Dickens, Mark Twain, Conan Doyle, Tolkien (ja: Frodo ist Quijote, Samwise ist Sancho Pansa!), T. Coraghessan Boyle und vielen anderen wieder. Cervantes hat sich in England und Amerika in vielerlei Hinsicht also bis heute als unsterblich erwiesen.

Großbritannien und Irland sind nun aber, ebenso wie Spanien, Länder mit mehr als einer Sprache. Wie sieht es also mit Cervantes-Übersetzungen in den anderen Sprachen der britischen Inseln aus? Eher dünn, man muss es leider so sagen. Zumindest Teile des Quijote ins Irische übersetzt hat der Priester Peadar Ua Laoghaire (vulgo: Peter O’Leary), die Übersetzung erschien als Don Cíchóté im Jahr 1921, also während der Hochzeit des Revivals der irischen Sprache und kurz vor Gründung des irischen Freistaats. Eine kymrische (walisische) Übersetzung wurde 1955 von J. T. Jones unter dem Titel Anturiaethau Don Cwicsot: Wedi eu trosi a’u cyfaddasu veröffentlicht. Mit Schottisch-Gälisch, Manx und Kornisch fangen wir lieber nicht an: Diese Sprachen sind – Vorsicht, steile These – per se quixotisch, so dass sich eine Übersetzung seit jeher anscheinend erübrigt hat.

Cervantes ist heute vor 400 Jahren gestorben, Shakespeare auch. Shakespeare ist noch dazu auf den Tag genau heute vor 452 Jahren geboren worden. Außerdem ist heute, nicht ohne Grund, der Welttag des Buches. Anlass genug, ein wenig zu recherchieren und zu lesen. Außer den Links im Text empfehlen wir als Einstieg den English Short Title Catalogue, der so gut wie alles listet, was von Beginn des Buchdrucks bis 1800 in England erschienen ist, also auch die frühen Cervantes-Übersetzungen. Wenn’s der digitale Volltext sein soll (und das soll er ja wohl), sind die Adressen der Wahl die Datenbanken Early English Books Online und Eighteenth Century Collections Online, die insgesamt einen sehr großen Teil der englischen Buchproduktion bis 1800 als Digitalisate enthalten, von Cervantes-Übersetzungen bis hin zu Fielding, Smollett und Charlotte Lennox. Das amerikanische Pendant heißt Early American Imprints (als Serie 1 und Serie 2 publiziert) und ist ebenfalls eine Fundgrube. Englische Cervantes-Übersetzungen finden Sie im Stabikat, Literatur von und zu Cervantes zuhauf im Ibero-Amerikanischen Institut, außerdem im Stabikat und Stabikat+ sowie in Auswahl im Lesesaal in der Staatsbibliothek Unter den Linden. Literatur zur Cervantes-Rezeption gibt es reichlich im IAI und in der Stabi. Soll’s direkt an die digitale Quelle gehen, lohnt ein Blick in die digitalen Sammlungen der spanischen Nationalbibliothek. Enjoy! – ¡Que os divirtáis!

 

23.4.1616 – da war doch noch was anderes… zu Shakespeare in Spanien geht’s hier.

Ser o no ser: Shakespeare in den Sprachen Spaniens

Gastbeitrag von Dr. Ulrike Mühlschlegel, Ibero-Amerikanisches Institut

Ser o no ser, ésa es la cuestión: diese Worte erkennen Sie – egal ob Shakespeare-Experte oder nicht – natürlich sofort. Aber hätten Sie auch Izan ala ez izan, hor dago arloa erkannt? Im Staate Spanien gibt viele Sprachen, dazu gehören größere wie Katalanisch, Galicisch und das hier zitierte Baskisch, aber auch kleinere wie Asturisch. Übersetzungen in diese Sprachen liegen für Shakespeares Gesamtwerk oder für einzelne Teile vor. Dabei übten die Texte des englischen Dichters nicht nur einen großen Einfluss auf die hispanischen Literaturen und die Philosophie aus, hier sind vor allem der nicaraguanische Schriftsteller Rubén Darío und der uruguayische Philosoph José Enrique Rodó zu nennen, in dessen wegweisendem Essay Ariel (1900) drei Figuren aus Shakespeares Stück The Tempest die Hauptrolle spielen: Prospero, Ariel und Caliban. Shakespeare-Übersetzungen, die Übertragung von Weltliteratur in die eigene Sprache und die Suche nach Form und Reim spielen auch für den Sprachausbau eine wichtige Rolle.

Die spanischen Shakespeare-Übersetzungen des 18. und 19. Jahrhunderts entstehen zunächst auf Basis der französischen Versionen, so z.B. der Hamlet des Dramatikers Moratín. Eine erste spanische Ausgabe, aus dem Englischen übersetzt, entsteht beeinflusst durch den hohen Stellenwert Shakespeares für die Romantiker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert: Die Obras de William Shakspeare trad. fielmente del… inglés con presencia de las primeras ediciones y de los textos dados á luz por los más célebres comentadores del inmortal poeta, Madrid, 1872-1877, erreichen allerdings nur drei Bände  (Gedichte und Sonnette, Der Kaufmann von Venedig und Romeo und Julia). Es folgen rasch weitere Ausgaben, darunter die grundlegende, stark an Schlegel angelegte Übersetzung von 23 Theaterstücken in Versen durch Guillermo Macpherson, Sohn eines schottischen Einwanderers.

Die Verbreitung von Shakespeares Dramen zeigt sich auch in populären, oft gekürzten Versionen, die in den zur damaligen Zeit an Kiosken verkauften Theaterzeitschriften, einer Art „Heftchenliteratur“, publiziert wurden. Beispiele aus der argentinischen Zeitschrift En el mundo de la cultura (1928) finden sich hier und hier in den Digitalen Sammlungen des IAI. In bürgerlichen Haushalten waren ebenfalls gekürzte Ausgaben verbreitet, die alle Werke Shakespeares in einem Band vereinten, wie die Werbung in der Zeitschrift Cervantes zeigt.

Ein geheimnisvoller Autor und ein Plagiat prägen das frühe 20. Jahrhundert: zwischen 1917 und 1918, publiziert „R. Martínez Lafuente“ seine vermeintlich neue Übersetzung von 35 Dramen und Komödien. Nachdem über diesen Übersetzer und Autor nie weitere Daten bekannt wurden, entdeckte eine Forscherin im Jahre 2009 schließlich, dass es sich dabei um ein Pseudonym des Publizisten Vicente Blasco Ibáñez handelt, der bereits vorhandene Übersetzungen des ausgehenden 19. Jh. aus dem Französischen erneut kopiert hatte.

Wie sieht es mit den anderen Sprachen aus? Wussten Sie, dass die Sonette z.B. in über 70 verschiedenen deutschen Übersetzungen vorliegen und sogar ins Lateinische, aber auch ins Klingonische (eine konstruierte Sprache aus dem Film Star Trek) übertragen wurden? Auch das Galicische, eine Sprache, die im Nordwesten der Iberischen Halbinsel gesprochen wird, verfügt seit 2011 über seine Version von Sonetos (übersetzt von Ramón Gutiérrez Izquierdo). Den Anfang der Shakespeare-Übersetzungen macht hier Macbeth (1972, von Fernando Pérez-Barreiro Nolla), es folgen zwischen 1989 und 2006 Soño de una noite de San Xoán, O mercader de Venecia, Romeo e Xulieta, O rei Lear, Noite de reis, A tempestade, Otelo sowie erneut Macbeth in der Übertragung von Miguel Pérez Romero. Wenn Sie sich übrigens wundern, wie spät diese Versionen entstehen: Galicisch unterlag wie auch Katalanisch und Baskisch während der bis 1974 dauernden Franco-Diktatur einer starken Unterdrückung.

Katalonien, das im Unterschied zum lange Zeit eher ländlich geprägten Galizien mit Barcelona über eine vibrierendes Kulturmetropole verfügte, sieht 1898 die Entstehung der ersten Übersetzung eines kompletten Shakespeare-Textes: Hamlet, von Artur Masriera. Bürgerliche Bildung zu erschwinglichen Preisen will die Buchreihe Biblioteca Popular dels Grans Mestres vermitteln, in der von 1907 bis 1910 insgesamt 16 Theaterstücke erscheinen. Es folgen wichtige Übersetzungen durch Magí Morera y Galícia wie XXIV Sonets (1912), Venus i Adonis (1917), Coriolà (1918), Hàmlet (1920), Romeu i Julieta (1923) und El marxant de Venècia (1924). Einen guten Überblick über die Geschichte, aber auch die Bedeutung der katalanischen Shakespeare-Übersetzungen bietet der Artikel von Dídac Pujol (2010) in der Zeitschrift des katalischen PEN-Clubs.

Auch für das Baskenland mit seiner regen Theaterszene spielen Shakespeare-Übersetzungen eine wichtige Rolle. So liegen Macbeth, Hamlet: Danimarkako Printzea und Lear Erregea bereits seit den 1950er Jahren komplett vor, in Auszügen auch schon früher. Inzwischen können baskische Leser über alle Werke verfügen bis hin zur gelobten Übersetzung der Sonnette durch Juan Garzia Garmendia von 2015.

Asturisch, ebenfalls im Nordwesten der Iberischen Halbinsel, wird von etwa 400.000 bis 500.000 Menschen gesprochen. Die SprecherInnen können Shakespeares Dramen seit 20 Jahren in ihrer eigenen Sprache lesen: El Rei Ricardo’l Terceru und El rei Enrique’l quintu wurden in den Jahren 1994 und 1995 von Milio Rodríguez Cueto übertragen, inzwischen liegen in der Version von Jon Bilbao auch Titus Andronicus und Coriolan vor.

 

23.4.1616… da war doch noch was anderes: zu Cervantes in Großbritannien, Irland und den USA geht’s hier.

Und für Kurzentschlossene: Am 26.4.2016 um 17 Uhr ist Shakespeare in der Staatsbibliothek.