Gedichtanfang - welches Gedicht mag das nur sein?

Mehr als 2000 Varianten, ein Goethegedicht ins Schwedische zu übersetzen

Den heutigen Internationalen Übersetzertag  und Hieronymustag des VdÜ möchten wir, einer im vorigen Jahr begonnenen Tradition folgend, auch diesmal standesgemäß mit einem thematisch passenden Beitrag begehen.

Vermutlich haben Sie sich noch nie gefragt, welches das am häufigsten ins Schwedische übersetzte Gedicht ist. Antwort und Geschichte dazu mögen trotzdem interessant sein: Es handelt sich um J. W. von Goethes Wandrers Nachtlied von 1780 mit dem wohl bekannten Anfang „Über allen Gipfeln ist Ruh“, von dem über 2000 schwedische  Übersetzungen gedruckt existieren. Der Löwenanteil geht auf ein Preisausschreiben des Svenska Dagbladet von 1915 zurück, zu dem allein mehr als 2000 Beiträge eingesandt wurden. Anlass dafür war eine negative Übersetzungskritik, die in Stockholms Dagblad debattiert wurde. – Diese Angaben kann man im Svenskt översättarlexikon finden, das neben einem Hinweis auf die Quelle für diese Informationen in dem betreffenden Eintrag poetologische Betrachtungen zum Gedicht und obendrein das deutsche Original und 31 dieser Übersetzungsvarianten präsentiert.

Das als Datenbank angelegte online frei zugängliche Svenskt översättarlexikon wurde an der Södertörn Hochschulbibliothek entwickelt und ging 2009 an den Start, seit Mai 2018 ist es ein Angebot innerhalb von Litteraturbanken. Es soll die schwedische Übersetzungsgeschichte hauptsächlich anhand wichtiger übersetzender Akteure darstellen und dabei die Rolle literarischer Übersetzungen in den Blick rücken – schließlich machten sie, so heißt es in einführenden Texten, ungefähr die Hälfte der schwedischen Nationalliteratur aus.

Im Zentrum stehen also die Personeneinträge, die jeweils aus einem essayistischen Porträt und einer  Bibliographie bestehen. Während der biographische Teil vor allem die besondere Stellung der Porträtierten in der Übersetzungsgeschichte darstellt, wird für die Bibliographie Vollständigkeit hinsichtlich ihres übersetzerischen Œuvres angestrebt: Nach Hinweisen auf Darstellungen zur Person folgen Angaben zu deren eigenen translatologischen Arbeiten und anschließend die Übersetzungen selbst – sowohl selbständig als auch unselbständig erschienene werden möglichst vollständig aufgelistet, soweit ermittelt außerdem in Archiven zugängliche unveröffentlichte Manuskripte. Alternativ zu der rechts neben dem Essay angezeigten Bibliographie mit Kurztiteln gibt es eine detaillierte Anzeigeform, in der nicht nur die vollständigen bibliographischen Angaben zu finden sind (wann immer vorhanden, mit einem Link zur Titelaufnahme in LIBRIS, der schwedischen Nationalbibliographie), sondern auch Verlinkungen innerhalb der Datenbank: vom übersetzten Werk zu anderen Übersetzungen dieses Werkes wie auch zu Übersetzungen anderer Werke desselben Autors.

Hat man einmal Goethes Faust gefunden, ist der Weg also nicht weit zu anderen schwedischen Faust-Übersetzungen. Und auch Erlkönig, Zauberlehrling, Iphigenie lassen sich von hier aus einigermaßen gezielt heraussuchen. Doch wie erst einmal Goethe finden? – Der Einstieg über die Sprache, aus der übersetzt wurde, unter der Kategorie Språk macht die Sache im Falle von deutschen Originalen (Tyska) noch lange nicht übersichtlich, denn er führt zu einer Liste der Datenbankeinträge für alle Personen, die (auch) aus dem Deutschen übersetzt haben – und das sind ungefähr 300.

Eine gezielte Suche nach Originalwerken und -autoren ist nur über einen Suchschlitz oben rechts möglich.

Namen und Werktitel innerhalb aller Artikel und alle Lemmata können so gesucht werden. Lemma sind nicht nur Übersetzernamen, sondern auch Themen von Sachartikeln und Übersetzerpreise (Priser): 23 Einträge mit Listen der Preisträger gibt es derzeit für Preise, die teils ausschließlich, teils unter anderem für Übersetzungsleistungen vergeben werden bzw. wurden.

Unter den Sachartikeln (Tema) finden sich solche zu einzelnen übersetzten Werken – Bibel, Dantes Göttliche Komödie, Goethes „Über allen Gipfeln“ –, aber auch Überblicksartikel zu bestimmten Literatur-  und Übersetzungskategorie. Ebenfalls hier abgehandelt werden   Verlegerreihen, die sich der Publikation fremder Literatur (in schwedischer Übersetzung) verschrieben haben. Über 50 Themen sind bislang so ausgearbeitet. Dass hier kein fester Kanon der wichtigsten Werke und Fragen abgeschlossen vorliegt, erkennt man sofort, gerade auch an unserem Eingangsbeispiel: „Über allen Gipfeln“ ist der einzige Sachartikel zu einem Werk Goethes, doch so bekannt das Gedicht auch sein mag – sein Hauptwerk ist es nicht.

Das Svenskt översättarlexikon ist als Datenbank von vornherein nicht als dereinst abgeschlossenes, vollständiges Nachschlagewerk konzipiert, sondern quasi als immer währendes „work in progress“. Was jedoch nicht heißt, dass möglichst viele beliebige Personenartikel entstehen: Angestrebt ist nicht Vollständigkeit, sondern die Präsentation  bedeutender Vertreter der Übersetzerzunft. Die Auswahl basiert auf Vorschlägen von Experten, hat dabei ein besonderes Augenmerk auch auf wichtige Persönlichkeiten, über die bislang äußerst wenig bekannt ist – was besonders bei denjenigen der Fall ist, die nicht auch auf anderem Gebiet (etwa als Autoren, Herausgeber, Kritiker …) tätig waren.

Berücksichtigt werden zunächst bereits verstorbene Personen. Aufschluss über zeitliche Schwerpunkte gibt eine Chronologie (Kronologi), die alle einem beliebig wählbaren Zeitraum zugehörigen Namen aus der Datenbank herausfiltert. Ab 1800 ist die Datenbank gut bestückt; zwei Einträge für das 16. Jahrhundert und ein Eintrag für das 15. Jahrhundert stehen am Anfang der Chronologie.

Die auffälligen Gemeinsamkeiten, die das Svenskt översättarlexikon mit dem Germersheimer Übersetzerlexikon  (UeLEX) aufweist, sind keinesfalls zufällig – die Unterschiede im Übrigen vermutlich erst recht nicht. Das Svenskt översättarlexikon als erstes seiner Art diente dem Germersheimer Redaktionsteam als Vorbild und hat ähnliche Projekte in anderen Ländern inspiriert. Trotz – oder gerade wegen – seiner Vorreiterrolle kann es im Laufe der Zeit zu Veränderungen der Benutzeroberfläche kommen. Inhaltlich orientiert hat sich die Konzeption an gedruckten übersetzungsgeschichtlichen Überblickswerken, die für andere Nationalliteraturen erstellt wurden, so The Oxford History of Literary Translation in English und Suomennoskirjallisuuden historia.

Wie vorläufig das Werk auch sein mag, es füllt schon jetzt nicht nur eine Lücke in der schwedischen Kulturgeschichte des Übersetzens, sondern leistet auch einen Beitrag zur Rezeptionsgeschichte der Weltliteratur. Mögen die finanziellen und personellen Ressourcen einen weiteren raschen Fortgang des Projekts garantieren!

 

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