Stabi goes Shellac – historische Tondokumente online
Es folgt die Fortsetzung des Beitrags zum Komponisten Walter Kollo in unserer Schellack-Blogreihe.
Der endgültige Durchbruch am Berliner Theater
Nachdem Walter Kollo bereits mehrere Operetteneinakter für verschiedene Berliner Bühnen komponiert hatte, wurde er 1910 als Hauskomponist angestellt am Berliner Theater in der Charlottenstraße, welches von Rudolf Bernauer (1880-1953) und Carl Meinhard (1875-1949) betrieben wurde.
Nach der Posse „Große Rosinen“ (1911) und der Operette „Filmzauber“ (1912) gelang Walter Kollo mit „Wie einst im Mai“ der endgültige internationale Durchbruch als Operettenkomponist. Das Bühnenwerk war derart beliebt, dass es allein am Berliner Theater ein knappes Jahr auf dem Spielplan stand.
„Wie einst im Mai“ ist eine Posse in vier Bildern, die vier verschiedenen Zeitabschnitten entsprechen: 1838, 1858, 1888 und 1913. Vor dem Hintergrund dieser unterschiedlichen Epochen verleben verschiedene Personen des Bühnenstücks mehrere Jahrzehnte ihres Daseins vor den Augen des Publikums, wobei das letzte Bild in der Jetzt-Zeit angesiedelt ist.
Das Libretto stammt aus der Feder des Librettisten-Duos Rudolf Bernauer und Rudolph Schanzer (1875-1944), die Musik ist von Walter Kollo und Willy Bredschneider (1889-1937), welcher zu der Zeit Kapellmeister des Apollotheaters war.
Hören Sie zunächst zwei Lieder in der Originalbesetzung der Uraufführung am Berliner Theater.

Platte Gramophone, 1913
Audio anhören: aus „Wie einst im Mai“
Auf der Vorderseite der Schallplatte das Auftrittslied des Lebemanns Stanislaus von Methusalem, gesungen vom Direktor Carl Meinhard:
Das ist Herr von Methusalem,
der hat’s herausgebracht
wie man sich’s Leben angenehm mit wenig Arbeit macht.
Und der nur Eines schwer nimmt,
wo er das Klaaingeld hernimmt.
Auf der Rückseite der Platte „Das war in Schöneberg“, gesungen im Duett von Oscar Sabo und Lisa Weise in der Rolle der unglücklich Verliebten Fritz Jüterbog und Ottilie v. Henkeshoven:
Das war in Schöneberg im Monat Mai,
ein kleines Mädelchen war auch dabei,
das hat den Buben oft und gern geküsst,
wie das in Schöneberg so üblich ist.
Zum Vergleich nun eine andere Version – vermutlich etwas später aufgenommen – von „Das war in Schöneberg im Monat Mai“ in der Besetzung mit Orchester und Gesang, in der der Marsch-Charakter des Tanzliedes deutlicher zum Ausdruck kommt.

Platte Polyphon
Auf der Vorderseite der Platte eine Aufnahme des Marschliedes „Die Männer sind alle Verbrecher“, ebenfalls ein Schlager aus „Wie einst im Mai“.
Audio: „Die Männer sind alle Verbrecher“ und „Das war in Schöneberg“
Das Textbuch zu dieser vergnüglichen Operette können Sie über den StabiKat zur Benutzung im im Lesesaal ‚Venedig‘ bestellen über die Signatur Mus. Tk 642, wie auch den Klavierauszug mit Text über die Signatur DMS 164878.
Die Jahre des 1. Weltkrieges: Kollo als Auftragskomponist
In den Kriegsjahren war Walter Kollo als Auftragskomponist viel beschäftigt. Auf Grund seines phänomenalen Erfolgs mit „Wie einst im Mai“ war Walter Kollo nun in der komfortablen Situation, sich die besten Libretti als Vorlage für seine Musik aussuchen zu können – die Librettisten Bernauer/Schanzer und Herman Haller (1871-1943), Direktor des Theaters am Nollendorfplatz, konkurrierten um ihn als Komponist.
So schuf Walter Kollo zwischen 1914 und 1918 jedes Jahr mindestens eine neue Operette: „Immer feste druff“ (1915), „Die Gulaschkanone“ (1917), „Drei alte Schachteln“ (1917) in Zusammenarbeit mit Herman Haller sowie die Operetten „Extrablätter“ (1914), „Wenn zwei Hochzeit machen“ (1915), „Auf Flügeln des Gesangs“ (1916), „Die tolle Komtess“ (1917), „Blitzblaues Blut“ (1918) und „Sterne, die wieder leuchten“ (1918) mit dem Duo Bernauer/Schanzer.
Inhaltlich galt es in den Kriegsjahren zum einen, das Publikum von den Nöten und Schwierigkeiten der Gegenwart abzulenken. Zum anderen galt es, das aktuelle weltpolitische Geschehen auf die Bühne zu bringen und die vielerorts herrschende Kriegsbegeisterung, Abenteuerlust und Opferfreudigkeit in neuen Stücken zu inszenieren.
Insbesondere Herman Haller schrieb Stücke mit patriotischem Stoff. Sein Werk „Immer feste druff“ trägt den Titelzusatz „vaterländisches Volksstück“. In vier Bildern wird die politische Entwicklung von August bis Oktober 1914 nachgezeichnet: von der Mobilmachung und der Vorbereitung auf den Abmarsch bis zum Einfall in Belgien und den ersten Verwundeten im Lazarett, die selbstredend sofort wieder zurück an die Front wollen.
In der folgenden Grammophon-Aufnahme besingen Lotte Werkmeister und Paul Heidemann ihren Abschiedsschmerz von der Geliebten („Die Augen einer schönen Frau“) und von der Heimat („Das Vergissmeinnicht“).
Audio anhören: aus „Immer feste druff“

Platte Grammophon, 1915
Mit „Immer feste druff!“ schuf Herman Haller das erfolgreichste Bühnenstück der ganzen Kriegszeit. Im Theater am Nollendorfplatz wurde das Volksstück über zwei Jahre jeden Tag aufgeführt. Bis Ende Oktober 1918 zeigte Haller die Inszenierung unverändert in seinem Theater und auch in vielen anderen deutschen Städten wurde das Werk als Long-run-Produktion ins Programm genommen.
Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass das Publikum bis kurz vor Kriegsende auch auf den Theaterbrettern verblendet wurde.
Nachkriegszeit: Revuen, weitere Operetten und Nonsens-Schlager
Nach dem Krieg setzte Walter Kollo seine Zusammenarbeit mit dem Librettisten und Theaterunternehmer Herman Haller fort, der inzwischen Direktor des Admiralspalastes am Bahnhof Friedrichstraße war. Von 1923 bis 1927 komponierte Kollo jedes Jahr die Musik zu dessen Ausstattungsrevuen: „Drunter und drüber“ (1923), „Noch und noch“ (1924), „Achtung! Welle 505“ (1925), „An und aus“ (1926) und schließlich „Wann und wo“ (1927).
Hier zwei Instrumentalstücke aus der Haller-Revue „Wann und wo“, interpretiert vom Künstler-Orchester Dajos Béla. Es handelt sich hier bereits um eine elektrische Aufnahme von 1927.
Audio anhören: Valse boston und Marschlied aus „Wann und wo“

Platte Odeon, 1927
Daneben komponierte Kollo weitere Operetten für verschiedene Berliner Spielstätten, wobei nun häufiger sein Sohn Willi Kollo (1904-1988) die Gesangstexte für seine Lieder verfasste. Genannt seien hier die Operette „Marietta“ (1923), das Lustspiel „Die Frau ohne Kuss“ (1927) und das Bühnenwerk „Drei arme kleine Mädels“ (1927), um nur einige zu nennen.
Im Jahr 1928 wurden dadaistische Lieder populär – ein Zeitgeist, der aus den USA herüberwehte. Hermann Frey und Walter Kollo schufen in diesem Jahr gleich drei solcher Quatsch-Lieder: „Mein Papagei frisst keine harten Eier“, „So lang nicht die Hose am Kronleuchter hängt“ sowie „Tante Paula liegt im Bett und isst Tomaten“.
Audio anhören: „Mein Papagei frisst keine harten Eier“
Die 1930er Jahre
Die Zusammenarbeit mit seinen Operettenautoren Haller und Bernauer/Schanzer endete für Kollo mit dem Einzug des Nationalsozialismus. Bernauer und Schanzer flohen 1935 vor der nationalsozialistischen Rassenpolitik aus Berlin. Haller emigrierte bereits zwei Jahre zuvor zunächst nach Wien, später nach London. Es ist bezeichnend, dass Kollos letzte Operette „Das Schiff der schönen Frauen“ nicht mehr in Berlin uraufgeführt wurde, sondern 1938 am Apollo-Theater in Köln.
Nach jahrelanger Krankheit starb Walter Kollo am 30. September 1940 in seiner Wohnung in Berlin-Wilmersdorf. Er fand seine letzte Ruhestätte auf dem Sophienfriedhof, in der Nähe der Grabstätte des Komponisten Albert Lortzing.
Haben wir Ihr Interesse geweckt? In unserem StabiKat können Sie sich 36 weitere Audioaufnahmen aus dem Schellackplattenbestand der Staatsbibliothek zu Berlin mit Musik von Walter Kollo anhören.









SBB-PK CC NC-BY-SA 3.0 (erstellt C. Murawski Verzicht auf Namensnennung)
Ihr Kommentar
An Diskussion beteiligen?Hinterlassen Sie uns einen Kommentar!