Schön und konsequent geschmückt: Ein Stundenbuch in niederländischer Sprache

Stundenbücher – im Spätmittelalter die Besteller für Laien – wurden gewöhnlich auf Latein verfasst (vgl. die Blogs zum Stundenbuch des Niklas Firmian, Hschr. 241). Es kann bezweifelt werden, dass viele Menschen Latein verstanden haben. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass der Theologe Geert Groote (1340–1384) sich zum Ende seines Lebens damit beschäftigte, das Gebetbuch ins Niederländische zu übersetzen. Geert Groote war der führende Kopf einer religiösen Erneuerungsbewegung, der Devotio moderna. Dabei ging es eben um eine zeitgemäße Frömmigkeit, die auch von Laien praktiziert werden konnte und die Glauben und Alltag verband. Der Theologe predigte auch – sehr zum Unwillen seines Bischofs – in der Volkssprache. Die Gebetbücher waren in den Niederlanden und Nordwestdeutschland verbreitet.

Abb. 1: Vorderer Einbanddeckel, Ms. germ. oct. 6

Abb. 2: Kalender, Ms. germ. oct. 6, fol. 1

Um ein solches handelt es sich bei Ms. germ. oct. 6 der Stabi. Wohl noch in seinem originalen Einband mit kleinteiliger Blindstempelverzierung (und einem restaurierten Rücken – Abb. 1) zeigt es den ältesten Besitzstempel der Stabi (Abb. 2), der in den Jahren 1795–1840 verwendet wurde.

Auf diesem – heute ersten, zum ursprünglichen Bestand gehörenden Blatt ist auch oben die Signatur vermerkt. Unten am Rand kann man erkennen, dass der Band praktisch nicht beschnitten wurde, denn die Löchlein, die unten als Markierungspunkte für die vertikalen Linien gestochen wurden, sind noch gut zu erkennen (auf fol. 125 [Abb. 7] erkennt man die Löcher für die Zeilenhöhe am rechten Rand).

Gleichzeitig sieht man wieder einmal, dass der Besitz des Buches wichtiger war als seine Benutzung, denn am Anfang sind zwar in der rechten Ecke ein paar Flecken vom Umblättern zu erkennen, die werden aber auf den nächsten Seiten rasant weniger (z. B. fol. 125, Abb. 7) und das Manuskript erscheint in fast neuem Glanz.

Wie bei jedem Stundenbuch steht am Beginn der Kalender, dessen Heiligenauswahl auf die Diözese Utrecht weist. Zugleich erkennt man schon hier, dass die Ausstattung prächtig, aber nicht zu üppig ist: KL erscheint zwar in hoch poliertem Gold, die Heiligenfeste aber sind nur in Rot gehalten. Federwerk besetzt die KL-Initialen, strahlt nicht weit in die Ränder hinaus, ist aber zweifarbig.

Die großen und besonders gestalteten Initialen übernehmen in handgeschriebenen Büchern die Gliederungsfunktion. Denn es gab ja noch keine Inhaltsverzeichnisse, die auf Seitenzahlen verweisen. In dieser Dekorationshierarchie der Handschrift nimmt der Kalender eine Sonderstellung ein, einmal vom Layout her mit den Spalten für die Goldene Zahl, Sonntagsbuchstabe und Tageszählung (siehe auch: Das Stundenbuch des Niklas Firmian II). Dann besteht der Text nur aus wenigen Wörtern. In diesem Stundenbuch ist das nicht anders.

Abb. 3: Lektion aus der Totenvigil, Ms. germ. oct. 6, fol. 194v

Abb. 4: Litanei, Ms. germ. oct. 6, fol. 112v

Er steht von der Dekoration her über einfachen Textanfängen mit einzeiliger Initiale und Fleuronnée (z. B. fol. 194v, Abb. 3). Diese Seite mit der achten Lektion der Totenvigil zeigt dazu noch, wie man damit umging, wenn es mit dem Platz doch eng wurde: Damit die M-Initiale am Zeilenanfang steht (wo sie ja auch hingehört), musste hel/le(n) getrennt werden und die letzte Silbe in der Zeile der Rubrik untergebracht werden. Um klarzustellen, dass sie dort nicht hingehört, ist sie mit Rot vom Rest abgetrennt. Dann sieht man unten am Rand die Kustoden, die ersten Wörter der nächsten Seite. Sie dienten Buchbindern dazu die einzelnen Blattlagen des Manuskripts in der richtigen Reihenfolge anzuordnen.

Die Konsequenz, mit der die Wichtigkeit der Textanfänge gestaltet wird, ist beeindruckend, wenn man bedenkt, dass Überlegungen, wieviel Platz für besondere Initialen frei bleiben soll, vor dem Schreiben des Texts gemacht werden mussten und wie man sich in Zweifelsfällen zu helfen wusste.

Unter den weniger wichtigen Textanfängen sticht die Litanei hervor. Der eigentliche Textbeginn auf fol. 112 bekommt eine Initiale mit Gold und Deckfarben, die Nennung der Heiligen aber erfolgt mit einzeiligen Anfangsbuchstaben abwechselnd in Rot und Blau und einer durchgehenden Federwerkleiste ebenfalls in Rot und Blau am Rand (Abb. 4). So ist der Text auf einzigartige Weise geschmückt und deshalb schnell aufzufinden.

Abb. 5: Gebet an Gottvater, Ms. germ. oct. 6, fol. 139

Abb. 6: Suffragium an den hl. Michael, Ms. germ. oct. 6, fol.163

Auch die Bordüren übernehmen eine wichtige Aufgabe beim Gliedern und leichteren Auffinden der Texte. Haben wir mit dem Federwerkdekor die niedrigste Stufe kennengelernt, folgt nun der Dekor mit Buntfarben. Das beginnt in diesem Manuskript mit dreizeiligen Goldinitialen, von denen eine halbseitige Bordüre ausgeht, die von Akanthus in Blau und Ocker sowie auf einem Netz aus kurvigen Tintenlinien mit Goldpunkten und stilisierten Blüten bestimmt wird (Abb. 5). Wie konsequent die einmal gefundene Dekorationshierarchie durchgehalten wurde, sieht man an der zweizeiligen Initiale darunter, die in Gold mit blauem Federwerk geschmückt ist und die – trotz der Akanthusbordüre – ausstrahlend rotes und blaues Fleuronnée erhielt.

Die Heiligengebete sind beispielsweise mit der nächsten Stufe hervorgehoben (Abb. 6):  Eine große fünfzeilige Initiale mit goldenem Initialfeld erhält außen einen dünnen goldenen Stab und oben und unten textbreite Bordürenstreifen. Weil von der fünfzeiligen Initiale auch ein goldener Stab am Rand ausgeht, der dann in den Bordürenstreifen oben und unten mündet, ist bei der zweizeiligen Initiale kein Platz für ausstrahlendes Fleuronnée.

Abb. 7: Gebet während des Empfangs des Sakraments, Ms. germ. oct. 6, fol. 125

Abb. 8: Stunden der Ewigen Weisheit, Ms. germ. oct. 6, fol. 43

Fast gleich, aber doch ein bisschen wichtiger sind die Gebete, die während der Messe zu sprechen sind (Abb. 7). Sie werden durch eine sechszeilige Initiale auf Gold mit einer Darstellung im Inneren betont. Im Fall des Gebets zum Empfang des heiligen Sakraments ist es die Darstellung eines Tabernakels, auf fol. 132 die der Passionswerkzeuge und auf fol. 138 die der Vera Icon, also des wahren Antlitzes Christi. Sie alle sind mit Goldfarbe auf den weinroten Grund gemalt.

Die wichtigsten Texte in diesem Manuskript sind dann durch ihre Dekoration nicht zu übersehen. Sie erhalten eine riesige 10 Zeilen hohe Initiale, die fast den gesamten Textspiegel einnimmt, eine zweiseitige Leiste am Rand und eine vierseitige Bordüre aus Akanthus, Blüten und Tieren und/oder Menschen, die auf den Text Bezug nehmen (Abb. 8). Weitere so geschmückte Textanfänge sind die Geisthoren (fol. 124) und das Toten-Offizium (fol. 174).

Abb. 9: Mondsichelmadonna, Ms. germ. oct. 6, fol. 65

Abb. 10: Mondsichelmadonna, New Haven, Beinecke Library, Ms.434, fol. 15

Die höchste Dekorationsstufe enthält dann eine buntfarbige Darstellung im Binnenfeld der großen Initiale, wie beim Beginn der Marien-Stunden auf fol. 65 mit einer Mondsichelmadonna (Abb. 9). Von diesen, am üppigsten gestalteten Seiten gibt es das Kreuz-Offizium fol. 13 mit dem auferstandenen Christus im Grab mit Passionswerkzeugen und die Bußpsalmen fol. 100 mit Christus als Weltenrichter mit Maria und Johannes als Fürbitter. Doch ging noch mehr: Man konnte auch ganzseitige Miniaturen dazu bestellen, wie das beispielsweise bei einem recht ähnlichen Stundenbuch in der Übersetzung von Geert Groote im Utrechter Catharijneconvent der Fall war (ABM h 20). Beim Berliner Stundenbuch blieb man bei der einfacheren Lösung ohne zusätzliche Miniaturen.

Abb. 11: Textseite, New Haven, Beinecke Library, Ms. 434, fol. 34v

Abb. 12: Marien-Offizium, Privatbesitz, Wodhull-Haberton-Stundenbuch, fol. 87 © Die goldene Zeit der holländischen Buchmalerei, Stuttgart 1990

Gerard Achten (1987) war bereits aufgefallen, dass es zu einem Stundenbuch in Yale Übereinstimmungen gibt. Es ist ebenfalls mit einem Kalender für Utrecht eingerichtet und in der niederländischen Version von Geert Groote gehalten. Allerdings ist das Manuskript zu einem späteren Zeitpunkt (um/nach 1500) mit einer Streublumenbordüre versehen worden. Die Mondsichelmadonna folgt derselben Vorlage (Abb. 10), doch wenn man die noch sichtbaren Partien der ursprünglichen Bordüre betrachtet, wird man nicht auf dieselbe Werkstatt kommen. Ein Blick auf eine Textseite dieses Stundenbuchs in Yale (Abb. 11) zeigt jedoch, dass die Akanthus-Bordüren nach demselben Muster konstruiert sind wie die im Berliner Manuskript. Also wird man eine Entstehung am selben Ort annehmen können; Achten vermutete Delft. Die Handschrift in Yale wird zwischen 1475 und 1500 datiert; da möchte man das Berliner eher vor diesem entstanden sehen.

Ein weiteres Mal ist das Berliner Stundenbuch im Ausstellungskatalog „Die goldene Zeit der holländischen Buchmalerei“ erwähnt. Hier diente es zum Vergleich mit einem um 1475 entstandenen Stundenbuch in Darmstadt (Hessische Landes- und Hochschulbibliothek, Ms. 1964); die Bordüren und historisierten Initialen sollen vom selben Buchmaler ausgeführt worden sein.  Am überzeugendsten ist der Vergleich mit den Bordüren des Wodhull-Haberton-Stundenbuchs (Abb. 12). Auch die Schwarzweiß-Aufnahme gibt die Ähnlichkeiten beim Akanthus zu Beginn des Marien-Offiziums wieder, die goldenen Kreise wie den Farbwechsel. Insbesondere der betende Engel in Halbfigur überzeugt, der hier wie dort aus einer goldenen gewellten Wolke hervorkommt. Er verbindet sich prima mit dem ebenfalls zum Marien-Offizium erscheinenden im Berliner Manuskript (Abb. 9). Das Wodhull-Haberton-Stundenbuch wird um 1490 datiert und in Delft verortet, ebenso wie das im Catharijneconvent (ABM h 20). Dorthin gehört also auch das schöne Berliner Stundenbuch, wohl eher in die zeitliche Nähe zum Wodhull-Haberton-Stundenbuch.

 

Im Juli 2021 war die Handschrift ein Gegenstand des TranskribatonsFaithful Transcriptions“. Man kann die Handschrift auch online blättern oder bis 22. Juni 2026 im Stabi Kulturwerk betrachten.

 

Literatur: Gerard Achten, Das christliche Gebetbuch im Mittelalter. Andachts- und Stundenbücher in Handschrift und Frühdruck, 2. verbesserte und vermehrte Auflage (Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Ausstellungskataloge 13), Berlin 1987, S. 102 (Nr. 67).

Die goldene Zeit der holländischen Buchmalerei, Stuttgart 1990, S. 266.

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