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Kleine Formen – unsichtbare Überlieferungen? Bergsteigerinnen in der Sammlung Darmstaedter

12.10.2026/0 Kommentare/in Feuilleton, Foyer, Porträtsammlung, SNA/von Heinz-Juergen Bove

Gastbeitrag von Julia Steinmetz

„Seit meinem 10. Lebensjahr (1877) habe ich in Gesellschaft meiner unermüdlichen Mutter (Frau Aurora Herzberg) fast alljährlich größere oder kleinere Touren unternommen. In dieser langen Zeit haben weder sie noch ich auch nur den geringsten Schaden an unserer Gesundheit verspürt, trotzdem an die Festigkeit desselben zuweilen größere Anforderungen gestellt wurden, wie sie sich bei Wintertouren, Schneestürmen, heftigen Hochgebirgsgewittern, _____ an der Schneegrenze, Bewältigung an Höhendifferenzen bis zu 3000 m an einem Tag etc. ergeben“, schrieb die begeisterte Bergsteigerin Jenny Winkler im Frühjahr 1901. Und sie führt weiter aus: „Ohne eine Anhängerin der Frauenemanzipation zu sein, preise ich alle jene Frauen glücklich, denen es gegönnt ist, die Fesseln des Alltagslebens für Zeiten abzustreifen u. frei hinauszuziehen in die große, herrliche Gebirgswelt.“

Abb. 1 Jenny Winkler an Maud Wundt, o.D., SBB-PK, Abt. Handschriften u. Hist. Drucke, Slg. Darmstaedter Le 1887:

Diese Zeilen stammen aus einem Brief Jenny Winklers, in dem sie ausführlich von ihren Bergtouren, den damit verbundenen Anstrengungen und ihren Erfolgen berichtete. Es sind Einblicke in den Hochgebirgstourismus des späten 19. Jahrhunderts aus der Perspektive einer Frau, über deren Beteiligung an der Eroberung der Bergwelt die offiziellen Mitteilungshefte der Alpenvereine und die alpine Literatur schweigen.

Und doch gehört Winklers Brief zu einer Reihe von Selbstzeugnissen bergsteigender Frauen, die sich heute in der Sammlung Darmstaedter der Staatsbibliothek zu Berlin befinden. Dass diese Schriftstücke überliefert wurden, ist auf die Initiative von Maud Wundt zurückzuführen, deren Interesse an den alpinen Erfahrungen von Frauen den Grundstein für diese besondere Quellensammlung legte.

Die Ludwig Darmstaedter’sche Autographensammlung zur Geschichte der Wissenschaft und Technik

Die Sammlung Darmstaedter der Staatsbibliothek zu Berlin ist vor allem für ihre umfangreichen Bestände zur Geschichte der Wissenschaft und Technik bekannt und wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vom Chemiker und Sammler Ludwig Darmstaedter (1846–1927) aufgebaut. Trotz des ausgewiesenen Sammlungsprofils verfolgte Darmstaedter einen ausgesprochen breiten Sammelansatz. Er wollte möglichst viele Wissensfelder und Bereiche menschlicher Tätigkeiten dokumentieren, weit über naturwissenschaftliche Disziplinen und technische Wirkungsbereiche hinaus. Das zeigt bereits die Sammlungssystematik von 1909: Neben wissenschaftlichen Disziplinen finden sich dort ihre industriellen Anwendungsbereiche, das Bauwesen, aber auch Themen wie Lotterie oder die „Bestrebungen zur Verbesserung des Loses der Menschheit“ – und der Alpinismus.

Dabei zeichnet die Sammlung ihre Vielfalt an unterschiedlichen Dokumenten aus, wobei ‚kleine Formen‘ – also unscheinbare, häufig kurze oder fragmentarische Briefe, Berichte, Listen, Fotografien, Zeitungsausschnitte und Lebensläufe, wissenschaftliche Gutachten oder Zeichnungen – überwiegen. So kamen nicht nur Dokumente ganz unterschiedlicher Wissensbereiche zusammen, sondern gleichzeitig Material, dessen historische Relevanz häufig unterschätzt wurde. Darmstaedter indes erkannte ihr Potenzial und setzte bewusst auf kleine Formen, um ein historisches Gesamtbild der Wissenschaften und ihrer angrenzenden Bereiche zusammenzutragen.

Dazu zählten auch die Dokumente von Frauen, die in institutionellen Überlieferungen deutlich seltener zu finden sind. Denn Frauen waren in vielen Bereichen des politischen, gesellschaftlichen und akademischen Lebens lange von gleichberechtigter Teilhabe ausgeschlossen. Der Alpinsport bildete da keine Ausnahme, sondern zeigt vielmehr exemplarisch auf, wie sehr die Abwesenheit von Frauen in der historischen Erzählung durch das Fehlen oder die schlechte Sichtbarkeit weiblicher Zeugnisse in historischen Sammlungen und Archiven bedingt ist.

Eine Leerstelle in der Geschichte des Alpinismus

Abb. 2, Postkarte „836. Dauphiné. Massif du Pelvoux. – La Barre des Écrins (4.103 m.) et le glacier Blanc – E.R.“, SBB-PK Kartenabteilung, Kart. Y 92, 22.1912, Bl. 9b.

Abb. 3, Postkarte „Cervin vu du Gornergrat. Cliché Vautier – Dufour pris avec le Téléphot.“, SBB-PK Kartenabteilung, Kart. Y 92, 27b.1913, 112c.

Der Reiz des frühen Hochgebirgstourismus lag nicht zuletzt darin, unbekannte Landschaftsräume zu erschließen, die als weitgehend unberührt und der alltäglichen Lebenswelt entrückt galten. Ihr Erreichen erforderte körperliche Ausdauer, alpine Erfahrung und die Bereitschaft, sich auf beschwerliche und mitunter riskante Unternehmungen einzulassen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts fanden sich unter denjenigen, die sich auf solche Touren begaben, auch zahlreiche Frauen, wie Rosa Kirschbaum, Hedwig Neizert oder Elise Werner, obgleich ihre Aktivitäten weit weniger bekannt sind als die ihrer männlichen Zeitgenossen.

Die Gründe dafür lagen nicht allein in den zeitgenössischen Vorstellungen über die angemessenen Lebensbereiche von Frauen, die Bewegung und Betätigung außerhalb von Haushalt und Familie vielfach begrenzten. Auch die Strukturen, in denen sich der Alpinismus organisierte und öffentlich präsentierte, trugen dazu bei, Frauen an den Rand zu drängen. Die alpinen Vereine, ihre Kommunikationswege und Formen der Berichterstattung waren überwiegend auf männliche Teilnehmer ausgerichtet. Sowohl der 1857 gegründete British Alpine Club als auch der 1863 ins Leben gerufene Schweizer Alpenclub verwehrten Frauen zunächst die Mitgliedschaft. Auch dort, wo Alpenvereine ihnen die Teilnahme prinzipiell ermöglichten, war ihre Präsenz keineswegs eine Selbstverständlichkeit und in einzelnen Sektionen gar ausgeschlossen. Das Bergsteigen blieb ein exklusiver und leistungsorientierter „männliche[r] Sport“.

Abb. 4, Postkarte „Franz Senn-Hütte (2100m) gegen die Alpeinerferner“, SBB-PK Kartenabteilung, Kart. Y 92, 27a.1913, 75c.

Zugleich hing die Wahrnehmung alpinistischer Leistungen im Wesentlichen davon ab, ob und wie diese öffentlich dokumentiert wurden. Gipfelbesteigungen und neue Routen wurden in Vereinsmitteilungen und Tourenberichten festgehalten, Fotografien machten Bergsteiger und ihre Unternehmungen sichtbar. Diese Praktiken bestimmten, wer als Akteur des Alpinismus in Erscheinung trat – und wessen Leistungen aus dem Blick gerieten.

Und doch gab es Bergsteigerinnen, die allen gesellschaftlichen Konventionen zum Trotz in die Berge zogen und bis zur Jahrhundertwende ebenfalls alle namhaften Alpengipfel erklommen hatten. Mit dem Unterschied, dass ihre Leistungen in den Dokumentationsmedien nicht berücksichtigt wurden – der Alpinismus erschien männlicher, als er eigentlich war. Die Teilhabe von Frauen ist als doppelte Abwesenheit zu bezeichnen; beginnend mit den ausgrenzenden Strukturen der Vereine und bis in die Speicherorte unseres kulturellen Gedächtnisses hineinreichend.

Die Sicht der Frauen

Abb. 5, Wundt, Maude, „Berühmte Bergsteigerinnen“, in: Die Woche. Moderne illustrierte Zeitschrift 31/3 (1901), S. 1360–1369.

Abb. 6, Wundt, Maude, „Der Alpinismus und die Frauen“, in: Moderne Kunst XIX/63 (1905), S. 249–253.

Um dieser Abwesenheit weiblicher Stimmen etwas entgegenzusetzen, initiierte die Bergsteigerin und Journalistin Maud Wundt (1870–1960) zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Material- und Informationssammlung des weiblichen Alpinismus und publizierte in der illustrierten Presse über „Berühmte Bergsteigerinnen“ (1901) und „Der Alpinismus und die Frauen“ (1905). Um das Material zusammenzubringen, hatte sie zahlreiche Frauen kontaktiert, die ab den 1870er Jahren als Bergsteigerinnen aktiv gewesen waren und sie um Angaben zu ihren Touren, ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit sowie ihren Erfahrungen gebeten. Wundt erhielt zahlreiche Antworten, ausführliche Berichte, Tourenlisten und Porträtfotografien, die sie zu einer Materialsammlung zusammentrug.

So entstand eine ganz eigene Dokumentationsform, die aus Selbstzeugnissen und Informationen aus erster Hand aufgebaut war und den weiblichen Alpinismus anhand persönlicher Erfahrungen und Informationen belegte. In ihren Aufsätzen konnte sich Maud Wundt direkt auf die Zuschriften von Bergsteigerinnen wie Paula Magdalinski, Emilie Meurer-Blank, Rolanda von Eötvös oder Tony Santner beziehen und konkrete Touren und erklommene Berge der einzelnen Bergsteigerinnen anführen, die sie aus den Briefen zitierte. Damit setzte sie den vorherrschenden Vorurteilen über die unzureichende Konstitution von weiblichem Körper und Nervenkostüm für die Bergsteigerei sachliche Fakten entgegen und bezog in der (vornehmlich von Männern geführten) Debatte um den weiblichen Alpinismus eine deutliche Position.

Doch die Schriftstücke der Frauen berichten nicht nur über Touren und erklommene Berggipfel, sondern sind auch Zeitzeugnisse, in denen sie sich mit gesellschaftlichen Rollenbildern und Zuschreibungen auseinandersetzten. Sie verweisen vielfach auf die gesellschaftlichen Erwartungen und Grenzen, denen sie als Frauen unterworfen waren, stellten diese jedoch nur selten grundsätzlich infrage. Dabei zeigt sich ein Spannungsverhältnis zwischen der zeitgenössischen Vorstellung von ‚Weiblichkeit‘ und ihren eigenen körperlichen Erfahrungen: So beobachteten sie an sich kaum körperliche oder psychische Einschränkungen, die sie gegenüber männlichen Bergsteigern als nachteilig empfunden hätten, sprachen dem maskulinen Körper aber meist dennoch eine größere Ausdauer und Leistungsfähigkeit zu. In ihren Briefen begegnen sie uns nicht nur als Bergsteigerinnen, sondern auch als Frauen, die ihre eigenen Handlungsspielräume ausloteten und gegenüber ihrem Umfeld verteidigten.

Mit ihrer gezielten Befragung und dem Aufbau einer Materialsammlung hatte Maud Wundt die Stimmen und Gedanken von rund 30 Frauen zusammengebracht, deren Erfahrungsberichte und Perspektiven eine bis dahin kaum sichtbare Seite des Alpinismus offenlegten. Doch die Alpenvereine waren kaum an diesem Material interessiert. Wundt musste einen anderen Weg finden, um die Dokumente für die Nachwelt zu erhalten und ihre Überlieferung zu sichern.

Abb. 7 „Auswahl von Dokumenten“, SBB-PK, Abt. Handschriften u. Hist. Drucke, Slg. Darmstaedter, Le – Alpinistik.

Eine Dokumentation des weiblichen Alpinismus

1911 übergab Wundt schließlich ihre Materialsammlung der Sammlung Darmstaedter, wo die Schriftstücke der Frauen in die Kategorie „Le – Alpinismus“ eingingen. Dass die handschriftlichen Zeugnisse von Bergsteigerinnen und Bergsteigern in dieser Sammlung neben den Zeugnissen von Physikern, Medizinern oder Philologen Berücksichtigung fanden, ist auf den Initiator Ludwig Darmstaedter zurückzuführen. Denn dieser war nicht nur Sammler außergewöhnlicher Schriftstücke und Mäzen der Berliner Staatsbibliothek, sondern auch selbst begeisterter Bergsteiger und Mitglied der Berliner Section des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins. Zwischen 1866 und 1900 hatte er zahlreiche Bergtouren unternommen und war mit einer Vielzahl von Persönlichkeiten des Alpinismus bekannt; darunter auch Maud und Theodor Wundt, mit denen er ein freundschaftliches Verhältnis pflegte.

Darmstaedters Interesse für den Alpinismus fand also seinen direkten Niederschlag in der Sammlung von alpinen Selbstzeugnissen und ermöglichte den Übergang von Maud Wundts Materialsammlung in die Sammlung Darmstaedter. Die Schriftstücke der Bergsteigerinnen sind jedoch keineswegs die einzigen Dokumente von Frauen in der Sammlung. Auch von Akteurinnen der sogenannten ‚ersten Frauenbewegung‘ und sozial engagierten Frauen – darunter Gertrud Bäumer, Alice Salomon und Minna Cauer – befinden sich Schriftstücke in der Sammlung Darmstaedter. Auch diese Dokumente wurden zum Teil auf Initiative von Frauen zusammengetragen und anschließend der Sammlung übergeben. Es waren also die Frauen selbst, die für die Überlieferung ihrer Dokumente sorgten und ‚kleine Formen‘ zusammentrugen, um ihre Teilhabe am Alpinismus oder ihr politisches Engagement zu dokumentieren.

Die Dokumente sind ‚klein‘, aber keineswegs bedeutungslos: Ein persönlicher Brief kann mitunter mehr über die Handlungsspielräume einer Frau verraten als eine umfangreiche offizielle Akte; eine Liste kann sichtbar machen, wer an einer Unternehmung beteiligt war oder welche Berggipfel bestiegen wurden; eine Fotografie kann eine Person an einem Ort zeigen, an dem die schriftliche Überlieferung sie nicht nennt – kurz: Die kleine Form führt zu einem größeren Zusammenhang, dessen Spuren in der Vielschichtigkeit der historischen Überlieferung erst wieder sichtbar werden müssen.

Abb. 8, Postkarte „Langkofel v. d. Regensburger-Hütte“, SBB-PK Kartenabteilung, Kart. 2°Y 92, 27a.1913, S. 117a.

Wie sichtbar Frauen und ihre Leistungen in der Geschichte sind, hängt auch davon ab, ob und wie ihre Dokumente gesammelt, bewahrt und überliefert wurden. Lohnend ist daher der Blick auf die ‚kleinen Formen‘, die Hinweise auf die Handlungsräume marginalisierter Gruppen geben können und Perspektiven sichtbar machen, die in den großen und etablierten Überlieferungszusammenhängen fehlen. Im Fall der Bergsteigerinnen zeigen sie nicht zuletzt, dass ihre Abwesenheit in der Geschichte weniger mit ihrer Untätigkeit zu tun hat als durch die strukturellen Bedingungen historischer Materialsammlungen bedingt ist.

 

Dr. des. Julia Steinmetz, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2026 als Stipendiatin an der Staatsbibliothek zu Berlin.
Forschungsprojekt: Kleine Formen – unsichtbare Überlieferungen? Frauen in der Sammlung Darmstaedter.

Schlagworte: Alpinismus, Bergsteigen, Bergsteigerin, Frauen, Maud Wundt, Sammlung Darmstaedter, Stipendien, Stipendienprogramm
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