Das besondere Objekt: „Briefe der Nach Amerika Ausgewanderten Familie Steines“ (1835)
Die Blog-Reihe „Das besondere Objekt“ stellt Ihnen in lockerer Folge besondere Titel aus den Beständen der Staatsbibliothek vor. Diesmal ein ganz aktuelles Thema: Wie findet man in der Ferne sein Glück?
„Briefe der Nach Amerika Ausgewanderten Familie Steines“ von 1835
„Ich sage das, und bleibe dabei, daß ich es einem jeden Handwerker abrathe hieher zu kommen, wenn er nicht mit hinreichendem Gelde versehen ist, um Land anzukaufen.“ (S. 61)
Auswanderung im Biedermeier
Ein junger Deutscher schreibt an daheim. Er ist der erste der Familie, der sein Glück in der Neuen Welt versuchen will. Wir schreiben das Jahr 1833 und befinden uns damit mitten in der Epoche des Biedermeier. Woran denken Sie bei diesem Begriff? An beschauliche, naturverbundene Literatur, schlichte, formschöne Möbel aus hellem Holz, gefällige Kleidung und eine unpolitische innere Haltung? Oder an enttäuschte Hoffnung auf Reformen und Demokratie, an Arbeiterelend durch technischen Fortschritt? Zwischen diesen Extremen bewegten sich die Menschen um 1830, und einige schickten sich an, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Im Gepäck hatten sie oft ein Buch: Gotthilf Dudens Bericht über eine Reise nach den westlichen Staaten Nordamerikas von 1829. Diese Reisebeschreibung mit Hinweisen für Auswanderungswillige traf in der Alten Welt einen Nerv. Die deutschen Länder seien überbevölkert und könnten deshalb nicht prosperieren. Man solle Landwirt in Amerika werden, das sei ganz einfach und gar nicht teuer. Tausende Menschen wollten daran glauben und folgten Dudens Ratschlägen.
Hermann Steines, ein junger Apotheker aus Moers, und seine Verwandten warten nach einer langen Anreise mit zahlreichen Zollstationen darauf, von Bremen zum neuen Bremer Hafen überzusetzen, wo sie in See stechen werden: „Es sind sehr viele Auswanderer jetzt hier anwesend, vor etwa 8-14 Tagen bei 2000 an einem Tage, im Durchschnitt doch 1000 und einige Hunderte, so daß die Häuser, wo die Auswanderer logiren, sehr überfüllt sind.“ (S. 12). „Hier baut man ein Dorf an, aus dem einmal eine Stadt werden könnte.“
Die Überfahrt auf den Segelschiffen ist unterschiedlich teuer. Man muss Matratzen oder Strohsäcke und Bettzeug mitbringen, für die Verpflegung soll gesorgt sein. „Greef bezahlt jetzt nur 195 Thlr. in Gold [statt 235 Taler bei einem anderen Schiffsmakler, Anm. d. Verf.], und ich nach dem Tarif 40 Thlr.“ Kinder ab 13 Jahren zahlen den Erwachsenentarif. „Es ist Raum genug da, und das Zwischendeck ist so hoch, daß ich ohne Kappe genau hineinpasse. 28 Bettstellen sind in demselben, 2 und 2 übereinander, für 140 Menschen.“ (S. 17)
Flauten und Stürme wechseln sich ab. Die Kleidung ist fast immer nass, und Krätze und Flöhe verbreiten sich. Außer den Kindern sind alle seekrank. Die Passagiere müssen selbst kochen – davon stand nichts in den „Bedingungen“; und der 24jährige Hermann Steines hat nur Glück, dass er ein freundlicher, unterhaltsamer Mann ist, sodass der Kapitän ihn oft in seiner Kajüte empfängt und verköstigt. Denn das Essen und sogar der Kaffee sind schlecht: „Für 136 Passagiere, groß und klein, wurden nur 37 Loth, oder noch weniger, Bohnen gegeben.“ (S. 30). Ein Lot entspricht etwa 15 Gramm…
Vom 19. Mai bis 12. Juli geht die Seereise, und die Familie Steines betritt in Baltimore amerikanischen Boden. Hermanns Kisten sind im Lagerraum feucht geworden: „Als ich sie am Samstage herausholte, fand ich sie ganz schmutzig, alles Eisen rostbraun, und beim Oefnmen zwar Alles noch unverdorben, aber doch die unten liegenden Hemde feucht und fleckig, die Einbände der Bücher weiß angelaufen, und die Kragen der Röcke, so wie die Stiefel und Schuhe etwas schimmlicht.“ (S. 34)
Hermann Steines hat wiederum Glück. Im September erreicht er St. Louis. Er spricht gut Englisch und findet im November eine Stelle als Apotheker bei einem Arzt. In diesem Self-made-Land begründet er sich damit eine solide Zukunft: „Ich bleibe bis zum 31. Dezember 1834 bei ihm, erhalte bis dahin 100 thlr. Spanisch in baarem Gelde, 20 Thlr. An Werth in Bücher, Kost, Logis und Wäsche. Dafür bin ich verbunden, Arzeneien zu bereiten, und im ärztlichen Fache zu assistieren. Das ist mir von großem Werthe. Ich lerne jetzt die Art und Weise der amerikanischen Aerzte und die amerikaischen Arzneimittel kennen. Nach Verlauf dieser Zeit bin ich Doktor der Medizin…“ (S. 46).
Seine Reisebeschreibung bringt das Schiff auf der Rückreise nach Deutschland mit. Monatelang sind die Briefe unterwegs. Sollen die Daheimgebliebenen dem Ausgesandten folgen? Die Verantwortung drückt Hermann Steines schwer, und so schreibt er gewissenhaft alles auf, was er erlebt hat, und welche Ratschläge er daraus für Auswanderungen generell zieht. Die Beförderungsbedingungen genau studieren! Aber vor allem: Realistisch prüfen, ob man mit seinen Fähigkeiten in der Neuen Welt ein Auskommen finden wird. Denn: „Wer kein gutes hier flott gehendes Geschäft versteht, und dabei kein Geld hat, um sich ankaufen zu können, der hat keine Ursache zu prahlen.“ (S. 48) „Das Möbel- und Bauschreinerfach geht jetzt sehr gut; ebenso Schuhmacherei und Schneiderei. Bäcker, Sattler, Gerber, Brauer, Schleifer und viele Andere sehen sich vergebens nach Arbeit um.“ Eine Hoffnung allerdings erfüllt sich für den Auswanderer: Die persönliche Freiheit ist eine ganz andere. „Kein Beamter quält ihn hier, kein Landesherr fordert seine Kinder, keine Steuerlast drückt ihn“. (S. 52).
Der junge Steines ist also durchaus zufrieden mit seinem Schicksal – nur die Eltern und Geschwister fehlen ihm. Seine Briefe sollten allerdings nicht nur im Familienkreis gelesen werden: Sein Schwager Friedrich Dellmann, Lehrer in Moers, gab sie 1835 unter dem ausführlichen Titel Briefe der nach Amerika ausgewanderten Familie Steines heraus. Die Sammlung richtete sich ausdrücklich an Verwandte, Freunde und Bekannte der Ausgewanderten, aber auch an alle, die sich für Auswanderung interessierten oder selbst eine Reise in die Vereinigten Staaten von Nordamerika erwogen. Enthalten sind Briefe aus Bremen, Baltimore und St. Louis sowie ein Anhang. Erschienen ist die Ausgabe 1835 in Wesel bei Becker.
Wie geht es weiter mit Hermann Steines und seiner Familie? Hermann hat noch viel zu erzählen – lesen Sie doch einfach selbst! Dies ist der direkte Weg zum Digitalisat.
Sollten Sie nun Lust bekommen haben, weitere Beiträge dieser Reihe über historische Bücher zu lesen, z. B. zu preußischem Obst, Frauen in den 1920er Jahren, Motorradpflege, historischen Spielvergnügen oder Verhaltensforschung, würde ich mich sehr freuen!
Anmerkungen
Alle Zitate entstammen den Briefen von Hermann Steines.
Dellmann, Johann Friedrich Georg. Briefe Der Nach Amerika Ausgewanderten Familie Steines: Für Die Verwandten, Freunde Und Bekannten Der Ausgewanderten; Für Alle Diejenigen, Welche Sich Für Auswanderungen Interessiren; Besonders Aber Für Diejenigen, Welche Selbst Nach Den Vereinigten Staaten Nordamerika’s Auszuwandern Gedenken ; Briefe Aus Bremen, Baltimore Und St. Louis Nebst Anhang. Wesel: Becker, 1835.
Digitalisat
Druckausgabe
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Literatur
Duden, Gottfried. Bericht über Eine Reise Nach Den Westlichen Staaten Nordamerikas U. E. Mehrjährigen Aufenthalt Am Missouri <in Den Jahren 1824, 25, 26 U. 1827> in Bezug Auf Auswanderung U. Uebervölkerung, Oder: Das Leben Im Innern Der Vereinigten Staaten … Dargestellt .. Elberfeld: Lucas, 1829.
Iwonsky, C. G., und Lithographische Kunstanstalt J. G. Bach. Neu-Braunfels: Deutsche Colonie in West Texas. Leipzig: Lith. Anst. v. J. G. Bach, 1855. Unter den Linden, Lesesaal Karthago – spannend in Zusammenhang mit dem Bericht von Alwin Sörgel (s.u.). Carl G. von Iwonsky war 15jährig mit seinen Eltern aus Schlesien nach Texas gekommen und wurde später Fotograf und Kunstmaler.
Sörgel, Alwin H., Karl Biedermann, und Friedrich Andrä. Für Auswanderungslustige!: Briefe Eines Unter Dem Schutze Des Mainzer Vereins Nach Texas Ausgewanderten. Leipzig: Biedermann, 1847. – Alwin Sörgel schildert empört einen Vorfall in Neu-Braunfels, bei dem o.g. Iwonsky eine bedeutende Rolle spielte. Interessant, wie aus diesem Hitzkopf ein respektabler Künstler werden konnte! Der Mainzer Verein oder auch Adelsverein hatte eine gutgemeinte, aber letztlich unrühmliche Unternehmung gestartet, um Auswanderungswillige nach Amerika zu bringen und deutsche Kolonien zu begründen.
Kinder- und Jugendliteratur zu Auswanderung, meist warnend, aber schön illustriert
Gumpert, Thekla von, und Ferdinand Koska. Die Kinder Des Auswanderers, Oder: Bleibe Im Lande Und Nähre Dich Redlich!: Eine Erzählung. Breslau: Ferdinand Hirt’s Verlag, 1849.
Hoffmann, Franz. Die Auswanderer: Eine Erzählung Für Meine Jungen Freunde ; Mit 4 Stahlstichen. Stuttgart: Verlag von Schmidt & Spring, 1864.
Klumpp, Otto. Kinder-Lieder Alter Und Neuer Zeit: Ein Gedicht-Buch Für Schule Und Haus ; Ohne Abb. 2. Aufl. Stuttgart: Chelius, 1853.
Sedgwick, Susan Anne Livingston Ridley, und August Härtel. Die Jungen Auswanderer. Leipzig: Haendel, 1853.


















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