Unsere Beiträge zu den Wissenschaften und Forschung

Mind the gap! – Wir digitalisieren die Rechtslücke

Seit geraumer Zeit arbeiten immer mehr Bibliotheken in Deutschland daran, ihre urheberrechtsfreien Bestandssegmente – darunter keineswegs nur Bücher, sondern auch Handschriften und Zeitungen – zu digitalisieren und im Open Access zugänglich zu machen. Mit Blick auf die Vielfalt der deutschen Bibliothekslandschaft – auch diese mutet zuweilen als „monstro simile“ an – und bedingt durch die Ungleichzeitigkeit, mit der die einzelnen Häuser in das Digitalisierungsgeschäft eingetreten sind, verwundert es kaum, dass das Gesamtbild der digital verfügbaren Buchinhalte momentan noch eher an ein unvollständiges und vor allem ungleichmäßig zusammengesetztes Puzzle erinnert als an monochrome Farbfeldmalerei. Denn in einigen Bundesländern wie z.B. in Sachsen, Niedersachsen oder Berlin stehen Sondermittel für Digitalisierungsvorhaben mit regionalem Bezug zur Verfügung, während die Deutsche Forschungsgemeinschaft als mit Abstand dynamischste Akteurin auf diesem Feld nicht nur forschungsgetriebene Digitalisierungsprojekte fördert, sondern auch systematische Massenvorhaben auf nationaler Ebene – allen voran die Digitalisierung der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16., 17. und 18. Jahrhunderts. Und natürlich tragen auch die europäischen bzw. internationalen Initiativen wie Europeana, HathiTrust Digital Library und Google Books ganz erheblich dazu bei, die Regale der deutschen Bibliotheken virtuell zugänglich zu machen.

Zwar ist im Handpressendruck hergestellten Büchern – wie in den unlängst veröffentlichten Bundesweiten Handlungsempfehlungen zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in Archiven und Bibliotheken ausdrücklich betont wird – aufgrund ihrer historischen Gebrauchsspuren und individuellen Sammlungsmerkmale prinzipiell besonderer intrinsischer Wert zuzuschreiben. Dennoch aber dürfte selbst die momentane Hochkonjunktur der Forschungen zur materialen Dimension von schrifttragenden Artefakten die Digitalisierung aller verfügbaren Exemplare eines Werks in seinen verschiedenen Expressionen und Manifestationen kaum rechtfertigen. Um auf dem Boden des eingangs beschriebenen, aus verschiedenen Richtungen sowie mit unterschiedlicher Geschwindigkeit gewebten Flickenteppichs Mehrfachdigitalisierungen zu vermeiden, hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft in ihren Praxisregeln Digitalisierung für geförderte Projekte daher konkrete Prüfverfahren verbindlich gemacht. Im Zuge der kooperativen Digitalisierung der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 18. Jahrhunderts erbringt sogar eine eigens entwickelte Koordinierungsdatenbank die angesprochene Steuerungsleistung, während im Kontext des entsprechenden nationalen Vorhabens für das 17. Jahrhundert ein Masterplan mit differenzierten Kriterien zur Identifikation der zu berücksichtigenden Bände gilt.

Selbstverständlich ist auch das Korpus der urheberrechtsfreien rechtswissenschaftlichen Quellenliteratur noch nicht lückenlos digitalisiert. Angesichts der Vielfalt und des schieren Umfangs unserer historischen Rechtssammlung – die Staatsbibliothek zu Berlin war schließlich nicht nur Medium monarchischer Repräsentation, sondern auch praktisches Instrument für die Verwaltung des Preußischen Staats – fühlen wir uns diesem Ziel aber in besonderer Weise verpflichtet. Hiervon zeugen etwa unsere Projekte zur Digitalisierung der zwischen 1703 und 1830 erschienen juristischen Zeitschriften des deutschen Sprachgebiets – eine Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte – oder auch zur Online-Verfügbarmachung unseres Bestands an Druckwerken zu den in deutschen Territorien geltenden Partikularrechten des 19. Jahrhunderts.

Gerade auch vor dem Hintergrund der Transformation des seit 1975 an der Staatsbibliothek zu Berlin angesiedelten Sondersammelgebiets Recht in einen strikt nachfrageorientierten Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung haben wir uns für den Lückenschluss zwischen den angesprochenen Massendigitalisierungsvorhaben etwas Neues einfallen lassen – nämlich <intR>²DoD, einen disziplinspezifischen On Demand-Digitalisierungsservice für urheberrechtsfreies Quellenmaterial aus dem Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin. Aber damit nicht genug: Dank der Unterstützung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft kann dieses Dienstleistungsangebot dem wissenschaftlichen Personal universitärer wie außeruniversitärer Forschungseinrichtungen in Deutschland kostenlos angeboten werden – mit dem Ziel, auf diese Weise Impulse zur Anbahnung neuer rechtshistorischer Forschungsprojekte zu geben. Zur Finanzierung der forschungsseitig geäußerten Digitalisierungswünsche steht dabei ein Fonds zur Verfügung, der – unbeschadet einiger Restriktionen zur Gewährleistung eines Mindestmaßes an Verteilungsgerechtigkeit – im Wesentlichen nach dem Windhund-Prinzip des first come, first served ausgeschüttet wird. Und was die Geschwindigkeit angeht, mit der wir den digitalen Lückenschluss auf dem Feld der Rechtsgeschichte vorantreiben, so seien Sie bitte versichert: Schneller als die Arbeiten an der so genannten Berliner Kanzler-U-Bahn-Linie U5 sind wir allemal. Denn bereits innerhalb von 14 Tagen steht Ihnen in der Regel Ihr Wunschdigitalisat auf der Plattform Digitalisierte Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin zur Verfügung – und damit natürlich auch allen anderen daran Interessierten.

 

 

“Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin …” – Weitere Vorträge zur Materialität von Schriftlichkeit

Mit einem geradezu faustischen Programm startete in dieser Woche eine Serie von Vorträgen, mit denen unsere etablierte Veranstaltungsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog in loser Folge flankiert werden soll. Selbstverständlich ist damit keinesfalls auf eine wie auch immer geartete Beteiligung Mephistos an der Konzeption dieses neuen Formats angespielt, sondern vielmehr auf dessen Themenprofil, denn von der Philosophie ging es stracks auf das Feld der Rechtswissenschaften. Ob es uns freilich gelingen wird, die frisch begründete Reihe mit Beiträgen zu medizinischen und theologischen Inhalten fortzusetzen? Ein Blick in das „geheimnisvolle Buch, von Nostradamus’ eigner Hand“ würde vermutlich die Antwort verraten. Aber lassen Sie sich doch lieber überraschen, denn der nächste Termin ist bereits für Mitte Februar 2016 geplant!

Den Auftakt jedenfalls markierte am vergangenen Dienstag der Berliner Kunst- und Medientheoretiker Stefan Heidenreich mit einer Analyse der Dissertation als Format akademischer Datenverarbeitung. Auf Quellenbasis von an der Philosophischen Fakultät der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin verteidigten Doktorarbeiten aus den Jahren 1817 bis 1883 rekonstruierte der Referent unter Einsatz von Verfahren des distant reading den Wandel der Dissertation von einer lateinisch verfassten Ritualschrift zur wissenschaftlichen Textsorte, wie wir sie heute kennen. Dabei nahm die im Vortrag vorgestellte quantitativ-statistisch angelegte Untersuchung, die im Übrigen selbst im Rahmen eines an der Leuphana Universität Lüneburg angesiedelten Promotionsvorhabens durchgeführt wird, vor allem die Materialität der Dissertationsschriften in den Fokus – konkret etwa deren Format, Seitenzahl und Kapitellänge.

Bereits zwei Tage später – also am gestrigen Donnerstag – widmeten Dr. Patrizia Carmassi (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel) und Prof. Dr. Gisela Drossbach (Ludwig-Maximilians-Universität München/Universität Augsburg) den zweiten Themenabend der Materialität kanonistischer Rechtshandschriften des deutschen Mittelalters. Anlass für diesen Dialog zwischen den Perspektiven von Kodikologie und rechtshistorischer Forschung gab das Erscheinen der Akten der von den beiden Referentinnen an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel veranstalteten Tagung Rechtshandschriften des deutschen Mittelalters: Produktionsorte und Importwege. Eingeladen hatten der Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung gemeinsam mit der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin.

Neben dem unmittelbaren wissenschaftlichen Ertrag für die Vermessung von historischen Sammlungskontexten und Transferprozessen mittelalterlicher Rechtscodices gab der Gemeinschaftsvortrag zugleich anregende Impulse, das Potential der Forschung zu materialen (Text)Kulturen in interdisziplinärer Perspektive weiter auszuloten – zumal mit Blick auf zwei aktuelle wissenschaftspolitische Debatten. Denn zum einen sollte die “Wiederentdeckung” der Objekte  im Zuge des material turn der Geistes- und Kulturwissenschaften eminent dazu beitragen können, die Position der – wie der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands warnt – von ihrer Marginalisierung bedrohten Historischen Grundwissenschaften zu stärken. Zum anderen aber dürfte das Paradigma des new materialism gerade auch die von Seiten des Wissenschaftsrats geforderte Aufwertung der juristischen Grundlagenfächer und transdisziplinäre Öffnung der Rechtswissenschaften rasant befördern. Die anbrechende Epoche der “Neuen alten Sachlichkeit” hat insofern also die Chance, zu einem veritablen Goldenen Zeitalter etwa der Rechtsarchäologie und -ikonographie zu werden. Und vielleicht wird man schon in wenigen Jahren von den Angehörigen der juristischen Fakultäten sagen: “Hier ist das Wohlbehagen erblich, Die Wange heitert wie der Mund, Ein jeder ist an seinem Platz unsterblich, Sie sind zufrieden und gesund.

 

 

 

MLA – kein Geheimnis für Philologen?

Fachfremde mögen ihrer Phantasie freien Lauf lassen:

Marxistisch-leninistische Alternative? – Ist hier bestimmt nicht gemeint.

Multimediale Langzeit-Archivierung? – Wohl auch nicht. Wenngleich ein wichtiges Thema.

Moderierter Leseabend? – Wäre mal eine nette Idee.

Diejenigen, die bei „Philologen“ in erster Linie an hartgesottene Sprachwissenschaftler denken, vermuten eher etwas sehr Spezielles, etwa wie „morphologisch-lexikalische Axionomie” – was auch immer das sein mag.

Alle, die sich wissenschaftlich mit Sprachen oder Literaturen beschäftigen, wissen natürlich, worum es geht. Doch wissen sie auch, wofür die drei Buchstaben stehen? Die Abkürzung heißt aufgelöst „Modern Language Association of America“. Dabei ist zweierlei bemerkenswert: Weiterlesen