Unsere Beiträge zu den Wissenschaften und Forschung

Candide und Wilhelmine: Spektakuläre Neuerwerbungen der Abteilung Historische Drucke

Als Voltaire den satirisch-philosophischen Roman Candide, Ou L’Optimisme schrieb, war er 64 Jahre alt. Aus Paris verbannt und schweren Konflikten mit kirchlichen und staatlichen Autoritäten ausgesetzt, war er zugleich der populärste Autor der französischen Aufklärung und ein wohlhabender Mann. In der turbulenten Handlung des Romans, einer Parodie damals beliebter Abenteuerromane, wird mit drastischem Realismus, sarkastischem Spott und weitherziger Anteilnahme “die beste aller Welten” in Frage gestellt. Das Werk ist voller Bezüge auf aktuelle Konflikte und Katastrophen: den Siebenjährigen Krieg, das Erdbeben von Lissabon, kirchliche Inquisition, Feudalherrschaft, Folter, Sklaverei … Entstanden während der Auseinandersetzungen um das Verbot der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert wurde es selbst Gegenstand der Zensur: Mit seinem Erscheinen war der Candide ein verbotenes Buch. Es stand im katholischen Frankreich ebenso auf dem Index wie im protestantischen Genf, eine Ausnahme bildete nur England. Trotzdem, besser gesagt: gerade deswegen, hatte der Candide in kürzester Zeit einen beispiellosen Erfolg.

1759 erschienen an mehreren Orten in Europa mindestens 17 verschiedene französische Drucke des umstrittenen Werks. Einige waren zweifellos Raubdrucke, andere jedoch wurden bewusst vom Verfasser und seinen Verlegern lanciert, um die Zensur zu unterlaufen und den Roman zu verbreiten.

Mit großzügiger Unterstützung des Vereins der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e.V. konnte die Abteilung Historische Drucke kürzlich 5 der 17 originalsprachlichen Ausgaben erwerben, darunter die tatsächliche Erstausgabe. Zusammen mit einem Band aus der Bibliothek Bruno Kaisers besitzt sie damit 6 französische Candide-Ausgaben von 1759: 4 mit 299 Seiten aus Genf, London und Frankreich, und 2 aus Paris mit 237 Seiten. 2 Ausgaben sind Kriegsverlust: ein französischer Druck mit 315 [i.e. 215] und ein Basler Druck mit 301 Seiten, beide mit den vorhandenen 6 also nicht identisch.

In keiner Ausgabe ist der Verfasser genannt, vielmehr wird das Werk als vermeintliche Übersetzung aus dem Deutschen eines “Mr. Le Docteur Ralph” ausgegeben. Ebenso wenig sind die (wirklichen) Erscheinungsorte, Drucker oder Verleger erwähnt.

Die rechtmäßigen Verleger des Candide waren die Frères Cramer in Genf, mit denen Voltaire eng zusammenarbeitete. Ihre Ausgabe ist in der Werk-Edition der Voltaire Foundation nach Seitenzahl und Erscheinungsort als 299 G (299 S., Genf) verzeichnet (OCV = Œuvres complètes de Voltaire, 48.1980, S. 86), Signatur in der SBB-PK: 50 MA 50944, Exemplar aus der Provenienz des englischen Malers George Clausen (1852-1944).

 

Voltaire war ein Autor, der seine Werke immer wieder überarbeitete. Dabei suchte der den Austausch mit Bekannten und Freunden und ließ handschriftliche Abschriften erstellen, die sich oft in Details unterschieden. Eine solche Kopie des Candide-Textes ist erhalten, das sogenannte “La Vallière Manuskript” aus dem Nachlass des Duc de La Vallière (1708-1780).

Und sogar nachdem der eigentliche Druckprozess schon abgeschlossen war, wünschte Voltaire noch Änderungen: In einigen Exemplaren der Erstausgabe 299 G – auch in unserem – ist am Schluss ein “Avis Au Relieur” enthalten, eine Anweisung an den Buchbinder, 8 Seiten bzw. 4 Blätter durch beigefügte “Cartons” (Austauschblätter) zu ersetzen.

Voltaire Avis

 

Besonders große Ähnlichkeit mit der Genfer Erstausgabe hat die erste englische Edition von John Nourse, zu dem die Cramers enge Geschäftsbeziehungen unterhielten: 299 L (299 Seiten, London).

 

Sogar die Titelvignette wurde kopiert:                                                                              

 

Candide_Vignetten_1

Das Verhältnis zwischen den Ausgaben gibt jedoch Rätsel auf: Denn Vergleiche mit dem La Vallière Manuskript und den Cartons ergeben, dass die Londoner Ausgaben (auch die 2. Edition, 299 La) frühere Versionen des Textes enthalten als die Erstausgabe der Cramers. (So steht auf S. 242 (Kapitel 25) noch der Abschnitt “Candide était affligé de ces discours, il respectait Homere, il aimait Milton. …” mit einer Anspielung auf die deutsche Poesie, den Voltaire offenbar im letzten Moment aus 299 G entfernen ließ, wahrscheinlich aus Rücksicht auf den dichtenden König in Sanssouci. In spätere Ausgaben hat Voltaire die Passage leicht abgemildert wieder aufgenommen.) Andererseits sind die Drucke im Satz nahezu identisch, sie können also nur nach einer gedruckten, 299 G sehr ähnlichen Vorlage gesetzt worden sein. (Dazu s. Barber, G.: Some early English editions of Voltaire. In: The British library journal. 4.1978,2, S. 106.)

 

Wie ist das zu erklären? Vieles spricht dafür, dass Voltaire und die Frères Cramer bereits Ende 1758 einen Probedruck an Nourse geschickt haben, nach dem dieser seine Ausgaben setzen ließ. Grund: die Zensur. Verfasser und Verleger expedierten die gefährliche Fracht vorab schon mal ins liberalere England, um die Veröffentlichung sicherzustellen, noch ehe ihre eigene Ausgabe ganz fertig war.

 

Ode Sur La Mort De Son Altesse Royale Madame La Markgrave De Bareith

Angebunden an die Erstausgabe des Candide ist ein besonders seltenes Stück: die Ode zum Tod von Wilhelmine Markgräfin von Brandenburg-Bayreuth, ebenfalls aus dem Jahr 1759. Wilhelmine war die Lieblingsschwester des preußischen Königs Friedrichs II. Sie war auch mit Voltaire gut befreundet. Auch die Ode auf Wilhelmine überarbeitete Voltaire mehrmals grundlegend. Als Reaktion auf das Verbot der Encyclopédie fügte er einen Epilog bei: Lettre à quelques Gens de Lettres, in späteren Ausgaben unter dem Titel Notes de Monsieur de Morza. Sogar Voltaire selbst hatte Bedenken, der Text mit heftigen Angriffen u.a. auf die Jesuiten könne zu scharf sein: “Der Epilog der Ode wird ordentlich Lärm machen. […] Es könnte eventuell nötig sein einige Stellen zu versüßen. Ich habe Sorge, zu viel Essig an den Salat gegeben zu haben.” (“J’ay peur d’avoir trop vinaigré la salade.” Brief an Gabriel Cramer vom 3.4.1759. In: OCV 104.1971, D8247)

Auch bei der Ode handelt es sich um die Erstausgabe. Hier sind Verfasser und (vermeintliche) Verleger auf der Titelseite genannt:

Voltaire Titel Ode

Bei einem Vergleich mit den Candide-Ausgaben aber kommt Erstaunliches zutage: Typen, Wasserzeichen und Vignetten stimmen nicht mit der Ausgabe der Frères Cramer, sondern mit 299 L, der ersten Londoner Candide-Ausgabe von Nourse überein.

Vignetten:

Candide_Ode_Vignetten

 

Wasserzeichen:

Ode …                                                                                      Candide, 299 L

 

Voltaire Wasserzeichen 1                                                       Voltaire Wasserzeichen 2

 

Tatsächlich dürfte es sich auch bei der Ode um einen Londoner Druck von Nourse handeln, der ihn nach Vorabdrucken der Cramers hergestellt hat. (Das hat erstmals Nicholas Marlowe entdeckt, vgl. Nicholas Marlowe Rare Books. List 3: The Candide conspiracy. London & Montpellier, 2015.) Dafür spricht auch, dass Exemplare dieser äußerst seltenen Ausgabe bisher ausschließlich in Großbritannien nachweisbar waren. Wahrscheinlicher Grund auch in diesem Fall: der “Essig” in Voltaires Text.

 

Ein eigenes Thema wäre die “Seconde Partie” zum Candide, ein apokryphes, ebenso klandestin wie sein Vorbild erschienenes Werk, das – in unterschiedlichen Editionen – an die 2. Londoner und  die 1. Pariser Ausgabe des Candide (299 La und 237 P) angebunden ist.

Dass das komplette “Set” der Candide-Drucke von 1759 mit 299 Seiten, dazu die erste in Frankreich gedruckte Ausgabe, die vermeintliche Fortsetzung, und als besonderes Rarissimum die Ode auf Friedrichs Schwester zusammen im Original erworben werden konnten, ist – auch in Hinblick auf das preußische Erbe – ein unschätzbarer Glücksfall für die Bibliothek und ihre Benutzer.

 

[Text von Ruth Weiß.]

5 Mio. Begriffe aus dem DDR-Presseportal der SBB für die Digital Humanities

Im Rahmen eines DFG-Projekts wurden an der SBB die drei DDR-Tageszeitungen „Neues Deutschland“, „Berliner Zeitung“ und „ Neue Zeit“ von 1945/46 bis 1990/94, also für einen Erscheinungszeitraum von fast 50 Jahren, digitalisiert. Seit Juni 2013 können im Portal „DDR-Presse“ ca. 4 Millionen Artikel nach Anmeldung weltweit und kostenfrei recherchiert werden.

Die Textkorpora dieser Tageszeitungen werden jetzt in einem weiteren Projekt als Datenbasis für computerlinguistische Untersuchungen genutzt. Kooperationspartner sind die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW), das Institut für Geschichtswissenschaften – Bereich Historische Fachinformatik der Humboldt-Universität zu Berlin und das Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam (ZZF). Das an der BBAW angesiedelte CLARIN-D-Zentrum wird die Zeitungsdaten als CLARIN-Ressource aufwerten und in die entsprechende Infrastruktur integrieren. CLARIN-D (Common Language Resources and Technology Infrastructure in Deutschland)  ist die deutsche Sektion des europaweiten CLARIN-Netzwerks, dessen Ziel der Aufbau einer nachhaltigen webbasierten Forschungsinfrastruktur insbesondere für die Geistes- und Sozialwissenschaften ist.

Die drei Zeitungen werden als erste Zeitungskorpora der DDR und als erste deutsche Tageszeitungen für den Zeitraum 1945 – 1994 überhaupt in die Korpora des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache (DWDS) eingehen. Mit dem computerlinguistischen Tool von CLARIN-D werden Analysen zur Charakteristik des Sprachgebrauchs und zum Sprachwandel in der DDR-Presse durchgeführt, so z.B. zum Wertewandel in der Sprache und zu Sprache als Kampfmittel. Ziel des neuen Projektes ist es, dieses Tool in seiner Anwendung auf zeitgeschichtliche Korpora zu evaluieren.

 

 

 

 

Mendelssohn Bartholdy-Autograph erworben

Zum Ende des Jahres 2015 gelang es der Staatsbibliothek zu Berlin, unterstützt durch die Rudolf-August-Oetker-Stiftung, ein Autograph von Felix Mendelssohn Bartholdy zu erwerben, das der Wissenschaft bislang unbekannt ist: Es handelt sich um ein Autograph mit 4 Skizzenblättern, also 8 beschriebenen Seiten, mit der Niederschrift eines Partiturfragments zum Klavierkonzert Nr. 1 g-Moll (MWV O 7) und zur Kantate „Die erste Walpurgisnacht“ (MWV D 3).

Die Skizzen waren der Forschung bisher noch nie zugänglich, weil sie sich in Privatbesitz befanden. Sie passen ausgezeichnet in den Sammlungszusammenhang des Mendelssohn-Archivs der Staatsbibliothek zu Berlin, das den größten Kompositionsschatz Felix Mendelssohn Bartholdys und seiner Familie weltweit verwahrt.

Die bislang nicht bekannten Fragmente sowohl des Klavierkonzerts als auch der Walpurgisnacht sind für die Forschung von größtem Wert, da sie den Entstehungsprozess der Werke sowie die Arbeit des Komponisten erhellen. Die Skizzen stammen aus den Jahren 1830 bis 1832, sie gehören zu weiteren Skizzen eines in der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrten Konvolutes und enthalten völlig unbekannte Musik.

Die Quellen bilden für die in Leipzig angesiedelte Mendelssohn-Arbeitsstelle, die die Gesamtausgabe des Komponisten verantwortet, Primärquellen ersten Ranges, um das erste Klavierkonzert und die Walpurgisnacht als kompositorische Werke umfassend erforschen und würdigen zu können.

Das Autograph befindet sich in einem sehr guten Erhaltungszustand, der der bisherigen Verwahrung in Privatbesitz zu verdanken ist. Papier und Tinte sind von ausgezeichneter Qualität und lassen auch für die Zukunft keine konservatorischen Probleme erkennen. Der Zustand ist altersentsprechend und wird sich bei Lagerung unter den üblichen konservatorischen Bedingungen (im Tresor bei 50% Luftfeuchtigkeit und einer Temperatur von 18-20 Grad Celsius) nicht verändern.

Pressebild: erste Seite der Skizze zur Walpurgisnacht