Digitale Lektüretipps 5: Kuratierte Datensets aus den Digitalisierten Sammlungen: Coding Gender – Individual Lives

 Ein Beitrag aus unserer Reihe Sie fehlen uns – wir emp-fehlen Ihnen: Digitale Lektüretipps aus den Fachreferaten der SBB

Die Staatsbibliothek zu Berlin hat nicht nur Datenbanken und eBooks für Sie lizenziert, sondern auch zahlreiche Handschriften, frühe Drucke und weitere Materialien aus ihren historischen Beständen digitalisiert. Das gesamte Angebot von derzeit 167.600 Werken finden Sie in unseren Digitalisierten Sammlungen.

Für den Kulturhackathon „Coding Gender” haben wir im vergangenen Sommer aus den Digitalisierten Sammlungen zehn thematisch kuratierte Datensets zusammengestellt, die wir Ihnen hier nochmals vorstellen möchten. Wir freuen uns sehr, wenn unsere digitalen historischen Bestände zum Thema „Women in Cultural Data” Sie zu eigenen wissenschaftlichen oder kreativen Projekten inspirieren!

Datenset Individual Lives – Lebensdokumente ausgewählter Personen

Wenn Frauen in der Frühen Neuzeit – und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein – auf traditionell den Männern vorbehaltenen Gebieten wie Wissenschaft und Kunst tätig waren, wurden ihnen meist viele Steine in den Weg gelegt. Schaffte es eine Frau dennoch, in einem dieser Bereiche Erfolg zu haben, wusste man nicht so recht, wie dieser nicht vorgesehene Fall zu bewerten sei. Ein beliebter Ausweg bestand darin, der Künstlerin oder Wissenschaftlerin kurzerhand „männliche” Eigenschaften zuzuschreiben.

Beispiele für dieses Vorgehen finden sich im Coding Gender-Datenset „Individual Lives”, dessen Dokumente Schlaglichter auf den individuellen Umgang mit Geschlechterrollen und Kategorisierungen werfen und ihren historischen Kontext ausschnitthaft lebendig werden lassen.

Die Schriftstellerin Elisa von der Recke (1754-1833) hielt sich nach der Scheidung ihrer Ehe am Hof ihrer Halbschwester Dorothea von Kurland auf, unternahm Reisen durch ganz Europa und stand mit zahlreichen Intellektuellen und Künstler*innen ihrer Zeit in Kontakt. Zu ihren Werken zählen unter anderem pietistische Kirchenlieder, Tagebücher und Memoiren sowie eine ausgedehnte Korrespondenz.

Auf einem Portraitstich von 1792 aus dem Bestand der Staatsbibliothek  sind unter dem ovalen Brustbild der Schriftstellerin eine Lyra und zwei Bücher – Symbole ihres Schaffens – an einen Sockel gelehnt, und Elisa von der Recke wird folgendermaßen charakterisiert:

Femina fronte patet / vir pectore / diva decore.

(Dem Gesicht nach ist sie eine Frau, dem Geist nach ein Mann, dem Ruhm nach göttlich).

Das Klischee der „männlichen” Frau funktionierte auch hundert Jahre später noch bestens. Die Musikerin Luise Adolpha Le Beau (1850-1927) studierte in München bei Josef Gabriel Rheinberger und war zu ihren Lebzeiten als Komponistin und Konzertpianistin erfolgreich. In einer Besprechung zur Aufführung ihres Klaviertrios d-moll (op. 15) im Jahr 1919 wurde denn auch befunden, das Werk verrate „geradezu männliche Herbheit und Kraft” (Badeblatt: Fremdenliste und Mitteilungsblatt der Bäder- und Kurverwaltung Baden-Baden, 18.10.1919).

Der in der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrte Nachlass von Le Beau enthält neben Notenhandschriften und anderen Dokumenten auch zahlreiche Briefe, die die Probleme und Hürden thematisieren, mit denen sich die Komponistin aufgrund ihres Geschlechts konfrontiert sah. Besonderen Weitblick zeigt dabei der Brief von 1896, in dem Le Beau der Staatsbibliothek (damals: Königliche Bibliothek) ihren handschriftlichen Nachlass anbietet. Darin schreibt sie:

Es wurde mir – als einer der ersten Damen, welche mit größeren musikalischen Werken in die Öffentlichkeit trat – mitunter sehr erschwert, Gelegenheit zur Vorführung meiner Werke zu finden (…) Es werden neben und nach mir aber noch manche Komponistinnen (…) erscheinen und die Musikgeschichte wird später wohl auch einmal von dem Wirken der Damen auf diesem Gebiet Notiz nehmen wollen (…). [Daher] bitte ich, die Manuscripte meiner Werke als einen historischen Beitrag in das Archiv der Königlichen Bibliothek gütigst aufnehmen zu wollen.

Die Bibliothek hat den Nachlass angenommen und die Dokumente warten darauf, kreativ und wissenschaftlich von Ihnen genutzt zu werden!

Wenn Sie sich übrigens einen musikalischen Eindruck von Le Beaus Werken verschaffen möchten, können Sie dies über den von uns lizenzierten Streamingdienst Naxos Music Library tun.

Eine Übersicht aller Dokumente des Datensets “Individual Lives” finden Sie hier: https://blog.sbb.berlin/hackathonsbb/.

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