Erotische Illustrationen zu Voltaires „Pucelle“

 

[Ein Beitrag von Stefan Duhr, Abteilung Handschriften und Historische Drucke]

„Johanna war
ein Löwenherz, ihr könnt es sicher glauben,
sie that der Thaten viel, und wunderbar,
und was vielleicht das größte Wunder war,
und selbst des frömmsten Schwärmers blinden Glauben
weit übersteigt, in einem ganzen Jahr
ließ sie sich ihren Jungfernkranz nicht rauben.“

Neben einer größeren Sammlung von Drucken des französischen Schriftstellers und Philosophen Voltaire (1694-1778) und seiner Zeitgenossen hat die Staatsbibliothek zu Berlin vor Kurzem auch einzelne Drucke Voltaires auf dem Antiquariatsmarkt erwerben können. Dazu zählen mehrere Ausgaben der „Pucelle d’Orléans“.

Wenn ein König mit seiner Geliebten beschäftigt ist, während sein Land von Feinden belagert, im Begriff steht, seiner Hand ganz entwunden zu werden, dann kann nur noch eine Jungfrau die Rettung bringen. Und ihre größte Heldentat besteht darin, genau dies, obwohl umgeben von zahlreichen Männern, zu bleiben. Was der französische Schriftsteller Voltaire hier bietet, ist kein in Reimen gebrachtes Geschichts- oder Heldenepos, sondern ein in mehreren Gesängen verfasster satirischer Text mit zahlreichen erotischen Anspielungen, eine Parodie, die keinen der Beteiligten verschont, am wenigsten die Kirche und ihre Amtspersonen.

Ursprünglich nur für den Vortrag im Freundeskreis bestimmt, erfreute sich dieser Text recht bald großer Beliebtheit und wurde, auch gegen den Willen des Verfassers, abgeschrieben und erstmals 1755 in gedruckter Form veröffentlicht. Wegen des Spotts an der katholischen Kirche und ihren Mythen und der damit verbundenen Furcht vor Repressionen stritt er jedoch lange die Verfasserschaft ab und ließ den Text erst 1762 offiziell und in bearbeiteter Form in Genf drucken.

Einzelnen Exemplaren der diversen offiziellen und inoffiziellen Auflagen der „Pucelle“ wurden verschiedene Illustrationen beigegeben, die dem delikaten Inhalt in nichts nachstanden. Um 1765 erschienen so unter dem Titel „Recueil des estampes de la Pucelle D’Orleans qui pourront etre reliees dans toutes sortes d’editions“ 27 Kupfertafeln des darüber hinaus nicht weiter bekannten englischen Stechers L. Drake (vgl. ESTC T143016).

Der kleine, im 18°-Format vorliegende Band, den die Staatsbibliothek kürzlich erworben hat (Signatur: 50 MA 51798 : R), erschien mit der fingierten Veröffentlichungsangabe „A Londres. M.DCC.LXXX.“. Wirklicher Verleger war Hubert-Martin Cazin in Paris. Der Druck soll durch Jacques François Valade am gleichen Ort erfolgt sein. Der abgedruckte Text folgt der Fassung Londres [i.e. Amsterdam] 1756. Die darin enthaltenen 18 Illustrationen wurden vermutlich von Clément-Pierre Marillier (1740-1808) gezeichnet und von Pierre Duflos (1742-1816) gestochen. Roger Portalis schreibt dazu in „Les dessinateurs d’illustrations au dix-huitième siècle“ (Paris, 1877, Pt. 1, S. 372): „Ces compositions sont bien de lui et non de Borel à qui on les attribuait; sa manière, la gracilité, l’air de tête de ses personnages, le rire, qui éclate dans l’ensemble l’ont trahi, et l’on sait, du reste, que le graveur Duflos, qui en vendait des Suites, avouait les avoir gravées et désignait Marillier comme auteur des dessins.“ („Diese Kompositionen sind in der Tat von ihm und nicht von Borel, dem sie zugeschrieben wurden; seine Art, die Anmut, die Kopfhaltung seiner Figuren, das Lachen, das sich im Ganzen ausbreitet, verraten ihn, und es ist überdies bekannt, dass der Kupferstecher Duflos, der Folgen davon verkaufte, gestand, sie gestochen zu haben, und Marillier als Autor der Zeichnungen bezeichnete.“)

Laut der französischen Nationalbibliothek wurden sie 1780 in Genf gedruckt.

Sie sind explizit erotischer Natur und allgemein unter dem Namen „Suite anglaise“ bekannt, weil die Stiche von L. Drake ihnen als Vorbild dienten. Vermutlich waren sie für den englischen Buchmarkt bestimmt.

Beispielhaft soll hier nur auf zwei der enthaltenen Illustrationen eingegangen werden. Der jeweils zitierte Text stammt aus der mutmaßlich von Ernst Christoph Bindemann (1766-1845) angefertigten Übersetzung, die 1787 erstmalig erschien. Sie findet sich im Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 18. Jahrhunderts unter der Nummer VD18 11803967.

Kupferstich zum 8. Gesang (in der Übersetzung der 9. Gesang):

„Der böse Mönch nutzt die Gelegenheit,
Agneschen muß, so heftig sie auch schreit,
zuletzt sich doch in seinen Willen fügen,
welch‘ Mädchen kann die arge Lüsternheit
von einem Bettelmönch besiegen?
Zwar wird kein wackrer Biedermann
bei einem Weib auf weichen Kissen liegen,
die seine Gluth nicht heiß erwiedern kann,
und ängstlich weint, – ein echter Biedermann
nimmt gern und giebt auch gern Vergnügen,
doch alles dies geht keinem Mönche an.
Was kümmert’s ihn, ob sich bei seinen Küssen
des Mädchens Mund verächtlich abwerts dreht,
ob Thränen auf das weiße Laken fließen,
ob sie sogar von bittern Schmerz zerrissen,
um Schonung und um Nachsicht fleht;
kann er nur feurig seine Lüste büßen.

Der Page kömmt, doch ach! zu spät zurück,
er öffnet kaum die festverschloßne Thüre
mit kühner Faust, so sieht sein starrer Blick
Agneschen, ach der Liebe Meisterstück
im geilen Arm von einem wilden Thiere,
Agneschen ach, die sich ermattet sträubt,
und dann den Mönch, der ausgestreckt auf allen Vieren
in ihrem Arm die Zeit sich froh vertreibt.“

Hier wird Voltaires Kritik an der Scheinheiligkeit der Kirche deutlich. Der Mönch, Beichtvater des englischen Ritters John Chandos, dem aufgrund seines Gelübtes der Verkehr mit den Frauen verboten ist, kann der Verlockung nicht widerstehen und zwingt Agnes Sorel, die Mätresse des französischen Königs Karls VII., eben dazu. Die Betreffende wendet sich angewidert ab, lässt jedoch die Penetration selbst geschehen. Marillier zeigt dies mit schonungsloser Offenheit, wie im Stich gut zu erkennen ist. Der Mönch selbst hat die Faust erhoben und blickt wütend zur Seite, da er von Montros, dem Pagen des englischen Ritters John Chandos, überrascht wird, der, gerade hereingeeilt, zur Verteidigung von Agnes den Säbel ziehen will. Auffällig ist noch das Hündchen, das sich auf einen umgestürzten Hocker stützt, neben dem ein Hut liegt. Beim Vergleich mit der Vorlage von Drake fällt auf, dass dies ein Detail ist, das Marillier ergänzt hat. Und anders als in der Vorlage steht neben dem Bett kein Stuhl, auf dem das Gewand der nun zum Teil entkleideten Agnes liegt, sondern ein Schränkchen mit einem Krug und einem Becher.

Der Mönch wird später durch die Hand Montros sterbend und dessen Aufforderung zur Buße ablehnend sagen:

„Nein, ruft der Mönch in ohnmachtsvollen Grimme,
mit kreischender doch halb erstickter Stimme:
nein, Lebe wohl, ich muss des Teufels sein,
ich will und mag mich weiter nicht bekehren,
ich bin bestimmt zur ew’gen Höllenpein,
das große Reich des Satans zu vermehren!“

Kupferstich zum 18. Gesang (in der Übersetzung der 16. Gesang):

 

Natürlich haben sich etliche Feinde gegen die Jungfrau verschworen. Allen voran der Teufel, der in Johannas geflügelten Esel, ihren treuen Begleiter, fährt und durch diesen der Jungfrau Schmeichelworte macht, um sie ihrer Jungfräulichkeit zu berauben. Diese, nicht bereit den Ruhm ihrer Heldentaten nur ihrem Schutzpatron St. Dionys anheimfallen zu lassen, ist durchaus für diese offen. Jedoch widersteht sie ihrem Esel dieses Mal.

Dass ausgerechnet ein geflügelter Esel zum Begleiter der Jungfrau wird, ist wiederum ein Stilmittel Voltaires, mit dem er Kritik an der Kirche übt. Der Esel selbst steht einerseits als Symbol für die Schlichtheit der Gläubigen, andererseits für die Wollust. Der geflügelte Esel, der Pegasinus, bezeichnet nicht den passiven, willenlosen Christen, sondern den aktiven, selbstbestimmten Menschen.

Am Ende der Geschichte, als die Engländer besiegt und Karl VII. und Agnes Sorel wieder glücklich vereint sind, da gibt Johanna dem erneuten Werben des Esels nach:

„Der Esel aber lief? – Ei, welch‘ ein Fragen,
zum Stall! – o nein, in Hanchens Cabinett,
um noch einmal vor ihre Lagerstätt‘
ihr seiner Liebe Schmerz zu klagen,
und noch einmal zum Kampf sich anzutragen.
Er kniet auf’s neu vor ihrem keuschen Bett,
mit Liebesgluth in allen seinen Mienen,
zupft mit dem Maul an beiden Bettgardinen,
bis Hannchen Arc von dem Geräusch erwacht,
und, selbst entflammt von Amors heil’gem Feuer,
dem zärtlichsten der Esel fragt:
‚O, sprecht, Musge, bin ich euch wirklich theuer,
sprecht, liebt Ihr mich?‘ – ‚Was, fragt Ihr, theures Weib,
ich bet‘ euch an, mein ganzer ganzer Leib
verzehrt die Lieb‘ mit ihrem Götterfeuer …“

Was dann geschieht, hat Marillier wieder nach der Vorlage von Drake bildhaft dargestellt: Johannas Rüstung liegt neben dem Bett. Sie selbst ist unbekleidet. Der Esel besteigt Johanna und nicht umgekehrt. Beide werden von der frommen Dorothea, der Verloben des französischen Ritters Trimouille, überrascht, die gerade den Raum betritt und sich aus Scham die Augen zuhält. Indessen bittet Johanna diese zu schweigen, um nicht die Sicherheit Frankreichs zu gefährden. Als diese fragt, wieso Johanna den Esel dem Ritter Jean de Dunois, ihrem Kampfgefährten gegen die Engländer, vorgezogen habe, der ihr ebenfalls Avancen macht, antwortet sie:

„‚Ach!‘, seufzet Hannchen laut: ‚du würdest anders denken,
hätst du’s ein einzigmal probirt!‘“

So amüsant dies klingen mag, diese Szene findet sich jedoch nicht im offiziell von Voltaire 1762 veröffentlichten Text. Sie ist zuerst in der 1756 in London [i.e. Amsterdam] erschienenen Auflage enthalten und gelangte über diese auch in Bindemanns Übersetzung. Voltaire erwähnt diese Szene, den „chant de l’âne“, also das sogenannte Eselslied, in einem Brief an den Comte d’Argental am 7. November 1754 als frühere Fassung und fürchtete, dass dieses in den Druck gehen könnte. Manche vermuten Maubert de Gouvest als Verursacher. Offensichtlich erschien es selbst Voltaire im vorgerücktem Alter zu pikant, so dass er den Text nicht veröffentlicht sehen wollte. Da unser Druck, obwohl erst 1780 erschienen, der früheren Fassung folgt, stimmen die Abbildung und der Text überein.

In der Textfassung in 21 Gesängen von 1762 widersteht Johanna erneut dem Esel und landet nach dem Sieg gegen die Engländer stattdessen in Dunois Armen. So kann man es dort im 20. und 21. Gesang nachlesen. In der neueren, erstmals 1920 erschienenen Prosaübersetzung von Konrad Haemmerling (1888-1957), bekannt unter dem Pseudonym Curt Moreck, heißt es deshalb:

„Und in der gleichen Nacht hielt stolz und zärtlich Johanna d’Arc, nachdem sie ihren schönen Esel wieder himmelwärts gesandt, das Wort, das sie dem Freund Dunois gegeben. Während Lurdin inmitten der getreuen Schar unter den Wällen immer weiter ausrief: ‚Engländer, hört es nur; sie ist eine Jungfrau und sie bleibt es!‘“

Wer den Text in deutscher Sprache lesen möchte hat zwei Möglichkeiten:

Die Übersetzung der Fassung in 16 Gesängen durch Ernst Christoph Bindemann erschien in bearbeiteter Form zuletzt 1970 bei Wilhelm Goldmann in München als Taschenbuch. Die Übersetzung der Fassung in 21 Gesängen durch Konrad Haemmerling erschien zuletzt 1994 im Verlag Werner Dausien in Hanau.

 

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