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Online-Workshop-Reihe für Promovierende: 2. Juni bis 2. Juli 2020

Als Forschungsbibliothek begleitet die Staatsbibliothek zu Berlin akademische Veröffentlichungsprojekte nicht nur mit Literaturangeboten, sondern seit mehreren Jahren auch mit der modularen Veranstaltungsreihe Publish or Perish!? Wissenschaftliches Publizieren (nicht nur) für Promovierende.

Um Ihnen auch in Pandemiezeiten mit praxiserprobten Tipps u.a. bei der Gestaltung Ihres Verlagsvertrags, bei der Akquise von Druckkostenzuschüssen oder der Klärung von Bildrechten zur Seite stehen zu können, bieten wir dieses Veranstaltungsformat künftig auch als eigenständige, also frei kombinierbare Online-Worshops von jeweils einer Stunde an – und das nunmehr sogar häufiger. Unverändert geblieben ist dagegen der konzeptionelle Zuschnitt unserer Reihe, die wir mit Blick auf ihre neue technische Umsetzung jeweils um ein offenes Beratungsmodul zur gemeinsamen Diskussion Ihrer konkreten Fragen erweitern wollen:

  • Rahmenbedingungen des wissenschaftlichen Publizierens
  • Wissenschaftliches Publizieren im Open Access
  • Bildrechteklärung
  • Forschungsdatenmanagement

Melden Sie sich für die Veranstaltung(en) Ihrer Wahl gleich hier an. Alle Angemeldeten erhalten vor Beginn des Online-Worshops den Zugangslink per E-Mail. Informationen zu Inhalten, Dozent*innen und Procedere erhalten Sie per Klick auf die Veranstaltung.

Termine:

Rahmenbedingungen des wissenschaftlichen Publizierens
Dienstag, 2. Juni 2020, 17-18 Uhr

Fragestunde ‚Rahmenbedingungen des wissenschaftlichen Publizierens‘
Donnerstag, 4. Juni 2020, 17-18 Uhr

Wissenschaftliches Publizieren im Open Access
Dienstag, 9. Juni 2020, 17-18 Uhr

Fragestunde ‚Open Access‘
Donnerstag, 11. Juni 2020, 17-18 Uhr

Bildrechteklärung
Dienstag, 23. Juni 2020, 17-18 Uhr

Fragestunde ‚Bildrechteklärung‘
Donnerstag, 25. Juni 2020, 17-18 Uhr

Forschungsdatenmanagement
Dienstag, 30. Juni 2020, 17-18 Uhr

Fragestunde ‚Forschungsdatenmanagement‘
Donnerstag, 2. Juli 2020, 17-18 Uhr

Digitale Lektüretipps 53: Der Neue Pauly online – Enzyklopädie der Antike

Ein Beitrag aus unserer Reihe Sie fehlen uns – wir emp-fehlen Ihnen: Digitale Lektüretipps aus den Fachreferaten der SBB

Der neue Pauly mit dem Untertitel Enzyklopädie der Antike lässt, wie der Name schon sagt, einen Vorgängerwerk erwarten. In der Tat konzipierte bereits in den 1830er Jahren der württembergische Gymnasialprofessor August Friedrich Pauly (1796-1845) die Real-Encyclopädie der classischen Alterthumswissenschaft in alphabetischer Ordnung. In erster Linie sollte sich dieses Werk an Lehrer und Schüler wenden. Er gewann 17 Mitstreiter und den Stuttgarter Verlag J.B. Metzler für seine Vorhaben. Der erste Band erschein 1837, der sechste und letzte 1852 – also einige Jahre nach Paulys Tod.

Der Aufschwung der Wissenschaften in Preußen und dem jungen Deutschen Reich stellte dann ganz andere Anforderungen an eine altertumswissenschaftliche Fachenzyklopädie, die wiederum der Verlag Metzler gerne auf sich nehmen wollte. Mit dem Universitätsprofessor Georg Wissowa (1859-1931) fand sich ein geeigneter Organisator, der geeignete und hochkompetente Gelehrte akquirieren konnte. Es entstand nun das umfangreichste alphabetische Nachschlagewerk eines Wissenschaftsfachs überhaupt. Als der erste Band 1894 erschien, dachte der Herausgeber noch an einen Erscheinungsverlauf von rund 10 Jahren. Welch grandioser Irrtum! Tatsächlich sollten es – erschwert durch zwei Weltkriege und den Aderlass an Wissenschaftlern ab 1933 – mit dem letzten Registerband aus dem Jahr 1997 über 100 werden. Der letzte inhaltliche Band von insgesamt über 80 erschien 1978.

Das Mammutwerk wird als Pauly-Wissowa zitiert oder einfach nur die RE. Der ausführliche Titel lautet Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Die Artikel wurden im Laufe der Zeit immer länger, einige erreichten gar einen monographischen Umfang. Aber von Anfang an wurden die – beim Erstellungszeitpunkt bekannten – Quellenbelege zu einem Lexikonartikel vollständig erfasst. Vergessenes wurde in Supplementbänden nachgetragen, stark Veraltetes mitunter neu bearbeitet. Als sich das Publikationsende immer mehr dem St. Nimmerleinstag näherte, wurde 1914 mit dem Beginn des Buchstabens R eine zweite Reihe aufgemacht.

Im Gegensatz zu anderen wissenschaftlichen Großunternehmen in Deutschland erhielt die RE nie eine institutionelle Unterstützung, z.B. durch eine Akademie der Wissenschaften. Sie blieb stets unternehmerisches Risiko. Auch wenn die Realenzyklopädie in vielem veraltet ist, so ist sie als Nachschlagewerk bis heute unverzichtbar. So wartete der klassische Philologe Bernhard Kytzler (geb. 1929) mit folgender Eloge auf: „Sie bietet ein Zeugnis deutscher Gelehrsamkeit, das als ein vielleicht unwiederholbares Denkmal des Zusammenwirkens von Akribie und Ausdauer, Scharfsinn und Wissensfülle, Zähigkeit und Zielstrebigkeit auch von späteren Generationen zu bewundern sein wird.“ (Die Zeit Nr. 23, 28.05.1976)

Benutzungsfreundlich ist das Werk allerdings nicht. Die Gestaltung vor allem der längeren Artikel ist ziemlich unübersichtlich. Man muss schon wissen, dass Caesar unter Iulius zu suchen ist. Die Kenntnis des Griechischen und Lateinischen wird vorausgesetzt. Alle diese Erschwernisse wie die partielle Veraltung des Gesamtwerks ließen den vorletzten Herausgeber Konrat Ziegler (1884-1974) zu der Überzeugung kommen, eine aktualisierte Kurzausgabe der RE aufzubereiten. Dafür gewann er zahlreiche Fachleute. Die Kurzausgabe erschien bei gleichbleibend sehr hohem Niveau zwischen 1964 und 1975 in fünf Bänden unter dem Titel Der kleine Pauly. Eine Taschenbuchausgabe machte es sogar einem Studenten mit beschränktem Platz und schmalen Budget möglich, das Werk zu erstehen.

Ab 1996 erstand, erneut verlegerisch von J.B. Metzler betreut, Der Neue Pauly, Enzyklopädie der Antike. In diesem von versierten Spezialisten verfassten Fachlexikon wurden gegenüber den Vorgängern nicht nur die geographischen (gesamter Mittelmeerraum) und chronologischen (ca. 1500 v.d.Z. – ca. 600/800) Grenzen ausgeweitet, sondern mehrere Bände wurden eigens der Rezeption der Antike weit über deren Ende hinaus gewidmet. Zitate sind übersetzt, auf Überlänge einzelner Artikel wird verzichtet, selbst bei den sehr hilfreichen Übersichtsdarstellungen. Im Zentrum der Enzyklopädie steht die Kultur der Griechen und Römer mit all ihren lebensweltlichen Bezügen wie Sprache, Literatur, Recht, Geschichte, Kunst, Philosophie, Medizin usw. Entstanden sind in der erstaunlich kurzen Zeit bis 2003 insgesamt 19 Lexikonbände. Aber auch dieses Werk kommt ohne Supplementbände nicht aus. Es sind jedoch nicht wie bei der RE nachgetragene oder überarbeitete Lexikonartikel, sondern eigenständige Monographien, die eine sinnvolle Ergänzung darstellen, z.B. Herrscherchronologien der alten Welt, ein historischer Atlas der antiken Welt oder ein Handbuch zur Frühgeschichte des Mittelmeerraums. Diese Reihe ist noch nicht abgeschlossen. Angekündigt ist als 14. Band ein historisch-archäologisches Lexikon zu den Germanen.

Obwohl die ersten Bände von der Kritik nicht gerade mit Lob überschüttet wurden, steht das Werk international konkurrenzlos da. Dies bewog den niederländischen Verlag Brill, eine englische Übersetzung herauszugeben – zugleich ein symptomatischer Beleg für den Abstieg des Deutschen als Wissenschaftssprache. Vor vier Jahrzehnten wurde noch kolportiert, die amerikanischen Althistoriker müssten Deutsch lernen, um die RE benutzen zu können.

Die zweite große Leistung des Verlages Brill besteht darin, dass er unter dem Titel Brill’s New Pauly eine digitale Ausgabe des Werks, und zwar in englischer wie in deutscher Sprache zur Verfügung stellt. Gut lesbar ist der elektronische Text durch große Abstände zwischen den einzelnen Absätzen. Die serifenbetonte Schrifttype empfindet das Auge als sehr angenehm. Die eingebauten Verlinkungen – auch von den Supplementbänden zum Grundwerk – ermöglichen einen schnellen Zugriff auf Hintergrundinformationen. Als Leserin oder Leser der Staatsbibliothek besitzen Sie zu dieser elektronischen Ressource einen Zugang auch im Fernzugriff:

Grundwerk (deutsch)

Grundwerk (englisch)

Supplementbände (nur englisch)

Nicht lizenziert hat die Staatsbibliothek die deutsche Version der Supplementbände. Natürlich finden Sie alle Bände im Handbestand der beiden Lesesäle – wenn sie wieder zugänglich sind (Unter den Linden: HA 5 Ga 7160; Potsdamer Straße: HB 5 GA 7270).

Obwohl sicher lohnenswert, fand sich erstaunlicherweise bislang noch niemand, der das Grundwerk, die RE, hätte digitalisieren wollen. Immerhin werden die gemeinfreien Artikel seit 2012 in stetig wachsender Zahl über Wikisource angeboten.

Digitale Lektüretipps 52: Max Weber – wenn Großes einen Abschluss findet

Ein Beitrag aus unserer Reihe Sie fehlen uns – wir emp-fehlen Ihnen: Digitale Lektüretipps aus den Fachreferaten der SBB

Selten hinterlassen einzelne Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler tiefere Spuren in ihren Disziplinen, zu ihren Lebzeiten und darüber hinaus, wie Max Weber es tat. Über den Juristen, Soziologen und Nationalökonomen kann dies mit Fug und Recht behauptet werden:
Neben Georg Simmel und Ferdinand Tönnies gilt er als Gründervater der deutschen Soziologie, als der bürgerliche Intellektuelle des ausgehenden Wilhelminismus, überzeugter (national-)liberaler Politiker ohne politisches Amt, er ist Namensgeber für die Stiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland, eine charismatisch-faszinierende Persönlichkeit, dessen Begrifflichkeiten, Theorien und Prinzipien Generationen von Studierenden und Forschenden begleiteten. Auch Fachfremden sind „Politik als das Bohren dicker Bretter“, „charismatische Herrschaft“, „Gesinnungs- und Verantwortungsethik“ oder „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ nicht unbekannt.
Kein Licht ohne Schatten! Für eine Gesamtsicht auf seine Person seien auch die dunklen und kritischen Aspekte seiner Persönlichkeit hier angedeutet: ausgeprägte Streitlust mit Zeitgenossen, selbstzerstörerische Arbeitswut und Lebensstil, politische (Ver-)Irrungen, ambivalente Beziehungen zu Frauen.

Warum nun ein digitaler Lektüretipp einer einzelnen Person zu Ehren und Gedenken? Aus mehreren Gründen:

1. Am 14. Juni 2020 jährt sich der Webersche Todestag zum 100. Mal. Anfang Juni erkrankte der damals 56-jährige an einer Lungenentzündung im Zuge der Spanischen Grippe, der ersten weltweiten Influenza-Pandemie des 20. Jahrhunderts. Wenige Tage später erlag er in München deren Folgen.

MWG im Lesesaal des Hauses Potsdamer Straße, Fotograf: H-J Bove, Public Domain Mark 1.0

2. Zum Gedenktag zeitlich passend findet Großes einen Abschluss: die Gesamtausgabe Max Webers (MWG), eines der größten Editionsprojekte in deutscher Sprache nach 1945.
Die Kommission für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften übernimmt 1976 die institutionelle Verantwortung für diese Mammutaufgabe, 1984 erscheint mit Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland der erste Band der historisch-kritischen Gesamtausgabe, mit Praktische Nationalökonomie. Vorlesungen 1895–1899 nun der 47. und letzte Band der mehr als 34.000 Seiten inklusive editorischer Berichte und Einleitungen umfassenden MWG. Die editorische Herkulesaufgabe ist nicht nur dem bloßen Umfang geschuldet, vielmehr auch der Arbeits- und Publikationsweise Max Webers: unfertige Stoffsammlungen, Vorträge auf Stichwortzetteln, verteilte Aufsätze und (Buch-)Fragmente, unzugängliche Briefkorrespondenz.
Die Fertigstellung aller Bände der drei MWG-Abteilungen (I: Schriften und Reden, II: Briefe, III: Vorlesungen und Vorlesungsnachschriften) ist eine beeindruckende Leistung. Entstanden und durchgeführt mit immensem Ressourcenaufwand und Perfektionsanspruch, führte dieses wissenschaftshistorisch und -politisch gleichermaßen herausfordernde Großprojekt allerdings nicht nur in Detailfragen auch zu Kritik seitens ausgewiesener Weber-Experten.

3. Normalerweise finden Sie die imposante Reihe aus dunkelblauem Halbleder mit goldgeprägter Max-Weber-Signatur in beiden unserer Lesesäle. In Zeiten geschlossener Lesesäle rückt deren Verfügbarkeit leider in weite Ferne. Die kursorische Lektüre am Regal stehend oder das vertiefte Arbeiten mit den Bänden an einem Leseplatz muss auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Da ist es Glück im Unglück, dass die Gesamtausgabe passend zum Erscheinen des letzten Bandes auch in einer webbasierten Version nun von Mohr Siebeck, dem Hausverlag Max Webers, vertrieben wird und die Staatsbibliothek aus Sondermitteln der Staatsministerin für Kultur und Medien den Zugang für ihre Leserinnen und Leser, wie gewohnt auch im remote access, lizenzieren kann.
Wenngleich die Bedienbarkeit, neudeutsch usability, wie so oft bei E-Book-Plattformen noch zu wünschen übrig lässt, wird MWG digital als Startschuss für die nächste Stufe des Editionsprojektes angesehen: den Aufbau eines Max-Weber-Portals, in dem weitere „Materialien, Funktionen und inhaltliche Erweiterungen für die Forscher und interessierten Laien (citizen science) bereit[ge]stellt und neue ideen- oder editionsbezogene Kooperationsmöglichkeiten eröffnet [werden]“.

4. Die Staatsbibliothek hat mit einem überschaubaren Beitrag zum Gelingen der Edition beigetragen: Aus ihren Beständen stammen beispielsweise Briefe aus den in der Handschriftenabteilung verwahrten Verlagsarchiven von Mohr-Siebeck sowie von Vandenhoeck & Ruprecht. Einen weitaus gewichtigeren Teil aus dem umfangreichen Nachlass Max Webers steuerte das Geheime Staatsarchiv bei, eine unserer Schwestereinrichtungen in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Max Weber und die Bibliotheken – im Lichte der MWG

Zeit seines Lebens war Max Weber andauernder Bibliotheksbenutzer – selbstredend der damaligen, vor-digitalen Zeit geschuldet, in der Literatur noch nicht immer und überall zur Verfügung stand und die Literaturbeschaffung eine zeitraubende und kostbare Arbeit für einen Universalgelehrten wie Weber darstellte.

Sein Bemühen um die öffentliche Zugänglichmachung der Bibliothek des Max Nettlau im Jahr 1910, sein Agieren im Bücher-Streit von 1903 oder das Durcharbeiten des Census of India in der Königlichen Bibliothek, einer der Vorgängereinrichtungen der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin, im Jahr 1915 – die MWG ist voller Belege, die die Bandbreite eines intensiven Lesers, produktiven Wissenschaftlers und streitbaren animal politicum am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vergegenwärtigt.

Familienbild der Webers, beide Eltern und die sechs Kinder, rechts Max Weber jun. (1887) | © bpk

Familienbild der Webers, beide Eltern und die sechs Kinder, rechts Max Weber jun. (1887) | © bpk

Die Verfügbarkeit von Literatur war von jungen Jahren an wesentlich für die Person Max Weber. Seinen ausgeprägten Lesekonsum, ja gar seine Lesewut erahnen wir nicht nur in seinen wissenschaftlichen Abhandlungen, auch legen die Briefe der MWG ein beeindruckendes Zeugnis davon ab. Als Zwölfjähriger(!) schreibt er an seine Mutter Helene Weber:

„Ich bin, auf Deine Karte hin, sogleich zu Friedländers gegangen. Am Donnerstag war ich bei Schmidts und Hobrechts. Ich habe mir Onkel Schmidts Bücher angesehen und einen Blick in Herders Cid geworfen. Jetzt bin ich dabei, den principe des Machiavelli zu lesen, den mir Herr Dr. Brendicke geborgt hat. Später will er mir auch den Anti-Machiavell borgen. Auch in Luthers Werke habe ich einen Blick geworfen.“
(GStA PK, VI. HA, Nl. Max Weber, Nr. 1, Bl. 19; hier zitiert aus: MWG, Abt. II: Briefe, Band 1, S. 43f.)

In den Berufungsverhandlungen für die Heidelberger Professur für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft im Jahr 1896 forderte er die Gründung eines volkswirtschaftlichen Seminars nebst umfangreicher Bibliothek. Er bemängelte in diesem Zusammenhang den Literaturbestand vor Ort:

„Die nationalökonomische Bibliothek muß in ausgedehntestem Umfang completiert werden: Ganze Serien von Werken fehlen, Zeitschriften wohl fast gänzlich. Für den ersten Anfang wäre ein Betrag von mindestens 3000 Mark wohl ganz unbedingt erforderlich.“
(MWG, Abt. II: Briefe, Band 3, 1. Halbband, S. 250)

Weber reduzierte die Bibliothek nicht allein auf ihre Funktion als reiner Lieferant von relevanter Literatur, sondern verstand sie als einen Ort des „Lernens, Forschens und der Begegnung mit seinen Schülern“ (MWG, Abt. II: Briefe, Band 3, 1. Halbband, Einleitung, S.9). Sein Verhältnis zu Bibliotheken und deren Personal kann durchaus als ambivalent angesehen werden. So schreibt er voller Bewunderung am 1. November 1885 an seinen Vater Max Weber sen.:

„Auch bietet die Bibliothek mit der angenehmen Einrichtung, welche ich so noch nirgends gefunden habe, – daß nämlich eine gewisse Anzahl von Büchern, grade die, welch man oft braucht, zur beliebigen sofortigen Benutzung ohne vorherige Vermittlung des Bibliothekars, im Lesezimmer steht, – Ersatz für Das, was z.B. das Heidelberger Museum in dieser Beziehung praestierte.“
(GStA PK, VI. HA, Nl. Max Weber, Nr. 2, Bl. 91–92; hier zitiert aus: MWG, Abt. II: Briefe, Band 1, S. 554f.)

Und am 6. Dezember 1885 erfolgt ein Lobgesang in einem Brief an seine Mutter:

„Trotzdem aber gefällt es mir recht gut; allein der Bibliothek wegen, die so ausgezeichnet eingerichtet ist, wie ich es noch nirgends gefunden habe, möchte man sich hier ansiedeln.“
(GStA PK, VI. HA, Nl. Max Weber, Nr. 3, Bl. 102–104; hier zitiert aus: MWG, Abt. II: Briefe, Band 1, S. 565)

Eine Woche später schreibt er indes an seinen jüngeren Bruder Alfred Weber über dieselbe Bibliothek:

„Ich habe nicht eher antworten können, weil ich in der That in den letzten Tagen so viel zu thun hatte, daß ich nicht recht wußte, wo ich mit meiner Zeit bleiben sollte und mich fortwährend mit der Bibliothek herumärgern mußte, die mir die Bücher, welche ich brauchte, nicht liefern konnte.“
(GStA PK, VI. HA, Nl. Max Weber, Nr. 4, Bl. 9–10; hier zitiert aus: MWG, Abt. II: Briefe, Band 1, S. 570)

Glücklicherweise handelt es sich hier nicht um die Kommode, in der sich zu besagter Zeit die Königliche Bibliothek befand. Allerdings:

„Sehr geehrter Herr!
Ich bin überrascht, daß eine öffentliche Bibliothek sich mit Derartigem befassen will.“
(SBPK  Berlin, Slg. Darmst., 2g 1900 Max Weber; zitiert aus: MWG, Abt. II: Briefe, Band 6, S. 383)

Adressiert war dieser kurze Brief vom 31. Januar 1910 an Ludwig Darmstaedter, der sich zuvor mit einer Bitte um Überlassung von Autographen an Max Weber wandte. Hintergrund war die Schenkung der Autographensammlung des Wissenschaftshistorikers Darmstaedter an die Königliche Bibliothek im Jahr 1907, die heute einen der Grundpfeiler der Nachlasssammlungen der Staatsbibliothek darstellt. Die Anfrage Darmstaedters war trotz weiteren Bemühens in Bezug auf Weber nicht von großem Erfolg gekrönt.

Sie sehen, die MWG lädt in ihrer digitalen, durchsuchbaren Form nicht nur zum (Wieder-)Entdecken großer Werke wie Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus oder Wirtschaft und Gesellschaft ein, sondern auch zur Exploration randständiger Fragestellungen.
Wenngleich digital in der Staatsbibliothek nicht zugänglich, empfehlen wir Ihnen zur Lektüre zwei lesenswerte und inhaltlich recht verschieden akzentuierte Weber-Biographien, die zu seinem 150. Geburtstag im Jahre 2014 erschienen sind – bei uns ausleihbar als Printausgabe: Zum einen Max Weber – Ein Leben zwischen den Epochen des F.A.Z.-Herausgebers und Feuilleton-Chefs Jürgen Kaube, selbst Soziologe, und zum anderen Max Weber – Preuße, Denker, Muttersohn von Dirk Kaesler, emeritierter Soziologie-Professor der Universität Marburg und ausgewiesener Max-Weber-Kenner.

Zu guter Letzt: Wer Zerstreuung und Abwechslung zu der digitalen MWG-Lektüre sucht, findet diese in den Podcasts der Bayerischen Akademie der Wissenschaften anlässlich des Todestages von Max Weber sowie im Besuch der Ausstellung Sinnenwelt und Bürgerwelt. Max Webers München, die ab 15. Juni auch online zu sehen ist.