Bildausschnitt: Nicolavs Copernicus Mathematicus (Holzschnitt, in: Nikolaus Reusner, Icones, Straßburg 1587, S. 128)

Hat „De revolutionibus orbium coelestium“ von Kopernikus wirklich niemand gelesen?

Ein Beitrag aus unserer Reihe Unser Universum zum Wissenschaftsjahr 2023


Der ermländische Domherr und sein bahnbrechendes Werk

Den Beginn der sogenannten wissenschaftlichen Revolution symbolisiert unter anderem auch das 1543 erschienene Buch De revolutionibus orbium coelestium von Nikolaus Kopernikus (1473-1543). Der aus dem preußischen Thorn stammende Astronom leitete die Ablösung des geozentrischen durch das heliozentrische Weltbild ein. Seine Arbeit kann man ohne zu übertreiben als den Zündfunken der modernen Astronomie bezeichnen. Die wissenschaftliche Tragweite seiner Arbeit erlebte der ermländische Domherr allerdings nicht mehr. Am 24. Mai 1543 starb Kopernikus in Frauenburg, wo er den größten Teil seines Lebens verbracht hatte, fernab der wissenschaftlichen Zentren Europas. Man kann aber annehmen, dass Kopernikus die Druckfassung seiner Arbeit 1543 kurz vor seinem Tod noch erreichte. Dabei hätte es das Werk fast nicht in den Druck geschafft, da der Astronom lange damit haderte, ob er seine gewagten Thesen wirklich öffentlich machen sollte.


Die Ausgaben

Gedruckt wurde das Werk in der Offizin von Johannes Petreius in Nürnberg. In der Forschung geht man davon aus, dass 400 bis 500 Exemplare angefertigt wurden. 1566 erschien der Druck erneut in Basel. 1617 wurde das Werk in Amsterdam ein drittes Mal gedruckt. Die 1543 in Nürnberg gedruckte Erstausgabe zählt leider neben zahlreichen weiteren astronomischen Werken zu den Kriegsverlusten der Bibliothek. Ein Exemplar der zweiten Ausgabe befindet sich heute in der Staatsbibliothek und steht in den Digitalisierten Sammlungen als Digitalisat zur Verfügung. Auch von der dritten Ausgabe besitzt die Stabi ein Exemplar.

Literaturhinweis: Nikolaus Kopernikus, De revolutionibus orbium coelestium libri sex, Basel 1566


Ein neues Zeitalter bricht an

Die Rezeption von Kopernikus‘ Werk führte zu einem Umbruch, der als kopernikanische Wende bezeichnet wird und in der Wissenschaftsgeschichte gern als eine der Zäsuren bemüht wird, die den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit markiert. Bis dahin wurde die Auffassung vertreten, dass die Erde als Zentrum der göttlichen Schöpfung im Weltmittelpunkt ruht und von rotierenden Himmelskörpern umgeben ist. Mit dem Werk zeichnete sich nicht nur das Ende des geozentrischen Weltbilds ab, sondern auch das Ende der absoluten Deutungshoheit der Kirche in der Wissenschaft. Ein neues Zeitalter brach an.


Die Nachtwandler

Umso überraschender erscheint die 1959 im Werk „Die Nachtwandler“ formulierte These des ungarisch-britischen Schriftstellers Arthur Koestler (1905-1983), dass dieses bahnbrechende Werk kaum rezipiert wurde.

„Das Buch der Umdrehungen der himmlischen Sphären war und ist ein „worst-seller“. Seine erste Auflage von tausend Exemplaren, Nürnberg 1543, wurde nie ausverkauft.
(Arthur Koester, Die Nachtwandler, S. 190.)

Literaturhinweis: Arthur Koestler, Die Nachtwandler. Das Bild des Universums im Wandel der Zeit, Bern 1959


Auf der Suche nach den Exemplaren

Dieser Aussage ging der kürzlich verstorbene US-amerikanische Astronom und Wissenschaftshistoriker Owen Gingerich (1930-2023) nach und untersuchte alle erhaltenen und ihm zugänglichen Exemplare der beiden ersten Ausgaben von Kopernikus‘ Werk. Im Annotated Census of Copernicus‘ De Revolutionibus, das Sie im Allgemeinen Lesesaal im Haus Unter den Linden finden, konnte er 277 Exemplare der Erstausgabe von 1543 und 324 Exemplare der Zweitausgabe von 1566 nachweisen und ausführlich beschreiben.

 Literaturhinweis: Owen Gingerich, An annotated Census of Copernicus‘ De Revolutionibus, Leiden 2002

Wo befinden sich die noch erhaltenen Exemplare heute? Ein Exemplar der Druckausgabe von 1566 ist – wie bereits erwähnt – im Besitz der Stabi. Die restlichen 600 Exemplare der ersten beiden Ausgaben sind in Gedächtnisinstitutionen und Privatsammlungen über die gesamte Welt verstreut. In einem Geobrowser können Sie sich davon überzeugen, wo die erhaltenen Exemplare heute zu finden sind.

Karte mit den Exemplaren der ersten beiden Ausgaben

Karte mit den Exemplaren der ersten beiden Ausgaben


Das Buch, das niemand gelesen hat

Die rastlose Suche nach den einzelnen Exemplaren des Werkes dokumentierte Owen Gingerich in einem spannenden Buch mit dem Titel The Book Nobody Read.

Literaturhinweis: Owen Gingerich, The book nobody read. Chasing the revolutions of Nicolaus Copernicus, New York 2004

Der Titel greift die besagte These von Arthur Koestler auf. In einer jahrzehntelangen Suche ermittelte Gingerich die allermeisten heute noch existierenden Exemplare der ersten beiden Ausgaben. Gingerich wies nicht nur die gedruckten Exemplare von Kopernikus‘ Lebenswerk auf der ganzen Welt nach, sondern beschrieb auch minutiös genau die Merkmale der einzelnen Exemplare wie handschriftliche Kommentare oder Besitzvermerke. Der Professor für Astronomie an der Harvard University wollte herausfinden, wer das Werk im Laufe der Jahrhunderte erworben und sich mit den darin enthaltenen Ideen auseinandergesetzt hat und rekonstruierte somit auch die Provenienzgeschichte der einzelnen Exemplare.


Ein Stück Provenienzgeschichte

Gingerich konnte die handschriftlichen Anmerkungen verschiedenen Rezipienten des Werkes zuordnen: Dazu gehören neben den ersten Verfechtern des kopernikanischen Weltbilds wie Georg Joachim Rheticus oder Erasmus Reinhold auch berühmte Persönlichkeiten wie Giordano Bruno, Galileo Galilei, Johannes Kepler und Gerhard Mercator. Anhand der Exemplare konnte Gingerich rekonstruieren, wie sich die kopernikanische Wende langsam verbreitete und auf welche Widerstände sie stieß. Die weltweit erhaltenen Drucke sind auch ein gutes Beispiel dafür, welchen Beitrag die Untersuchung der Kommentare und Gebrauchsspuren der einzelnen Exemplare zur Erforschung eines Werkes und seiner Rezeption beitragen kann. Nicht zuletzt widerlegt Gingerich mit seiner Arbeit eindeutig Koestlers fragwürdige These von einem Werk, das angeblich kaum jemand gelesen hat…

Übrigens, immer mehr Exemplare von Kopernikus‘ Werk kann man im digitalen Zeitalter vom heimischen Rechner oder Tablet aus betrachten. Damit ist auch die Recherche nach den erhaltenen Exemplaren des Werkes heute wesentlich einfacher als noch vor über dreißig Jahren, als Gingerich die einzelnen Bibliotheken aufsuchen musste oder sich Mikrofilme von den einzelnen Exemplaren anfertigen ließ.


Hier einige Beispiele für digitalisierte Exemplare der Ausgaben von 1543, 1566 und 1617

Ausgabe von 1543 in der Forschungsbibliothek Gotha mit handschriftlichen Kommentaren.
Ausgabe von 1543 in der Yale University, Beinecke Library in New Haven, Connecticut (USA) mit handschriftlichen Kommentaren.
Ausgabe von 1543 in der Stadtbibliothek Schaffhausen (Schweiz) mit handschriftlichen Kommentaren des Astronomen Michael Maestlin.
Ausgabe von 1543 in der Library of Congress Washington D.C.
Ausgabe von 1566 in der Österreichischen Nationalbibliothek Wien.
Ausgabe von 1566 in der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz.
Ausgabe von 1566 in der Ossolineum Bibliothek in Wrocław (Polen) mit mehreren Provenienzmerkmalen.
Ausgabe von 1617 in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar, brandgeschädigtes Exemplar aus der Sammlung „Aschebücher der HAAB Weimar“.


Das Originalmanuskript

Unsere kleine virtuelle Reise endet in Krakau: Das in die Liste des UNESCO-Weltdokumentenerbes aufgenommene Originalmanuskript befindet sich nämlich seit 1956 in der Biblioteka Jagiellońska in Krakau, wo Kopernikus von 1491 bis 1494 die Freien Künste studierte.
Wer sich für eine ausführliche Biografie des berühmten Astronomen im breiten Kontext der Wissenschaftsgeschichte interessiert, dem sei abschließend das folgende Buch empfohlen:

Literaturhinweis: John Freely, Celestial revolutionary. Copernicus, the man and his universe, London 2014, deutsche Übersetzung: Kopernikus. Revolutionär des Himmels, Stuttgart 2015

 

Vorschau: Im nächsten Beitrag betrachten wir die südostasiatische Astronomie und Astrologie!

0 Kommentare

Ihr Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlassen Sie uns einen Kommentar!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.