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Prunkstück Lutherbibel – drei Brüder aus dem Hause Anhalt bestellen in der Cranach-Werkstatt

Die auf Pergament gedruckte Johannbibel in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Handkolorierte Bibeln, mit zusätzlicher individueller Bildausstattung und auf Pergament gedruckt, wurden als Luxusprodukte hergestellt und blieben aufgrund des Preises meist dem Hochadel vorbehalten. Gerade aus der Wittenberger Cranach-Werkstatt stammen viele sorgfältig produzierte Prachtbibeln mit dem Text der Lutherübersetzung, hier eine von Hans Lufft 1541 gedruckte und von Lucas Cranach d. J. für Johann IV. von Anhalt gestaltete Pergamentbibel in zwei Bänden. Die Fürsten von Anhalt sind bis heute bekannt für ihre bibliophilen Neigungen und die Pracht ihrer Bücher und Bucheinbände aus dem 16. Jahrhundert.

Margarethe Fürstin_von_Anhalt am Hausaltar.

Margarethe Fürstin von Anhalt am Hausaltar.

Die drei Söhne des Fürsten Ernst von Anhalt und der Margarethe von Münsterberg

Zunächst sah es nicht gut aus für die Verbreitung der Lutherbibel in Anhalt-Dessau: Im Gegensatz zu den anhaltinischen Landesteilen Köthen und Bernburg, die bereits 1525/1526 zur Reformation übergangen waren, sorgte die Fürstinwitwe Margarethe (1473-1530), die seit dem Tod ihres Mannes die Regentschaft in Anhalt-Dessau übernommen hatte, für ein striktes Festhalten am katholischen Glauben. Margarethe sah sich in ihrer Haltung auch von ihrem Cousin, dem Erzbischof Albrecht von Magdeburg, bestärkt und versuchte beispielsweise 1525 ein Bündnis der schärfsten Gegner der Reformation in Dessau zu initiieren, um die Ausbreitung des neuen Glaubens zu bekämpfen.

Damit war klar: Solange ihre Mutter lebte, durften die drei Söhne Johann (1504-1551), Georg (1507-1553) und Joachim (1509-1561) die lutherische Lehre nicht offen unterstützen. Allerdings hatten die beiden älteren Söhne Johann und Georg bereits enge Kontakte zu Martin Luther und seinem Umfeld und so führten die Brüder 1534, nach dem Tod Margarethes, auch in Anhalt-Dessau die Reformation ein. Insbesondere der als Siebzehnjähriger zum Priester geweihte zweitgeborene Sohn Georg, der inzwischen Dompropst in Magdeburg geworden war, erwies sich als eifriger Förderer des lutherischen Glaubens und erhielt den Beinamen „der Gottselige“. Als im Bistum Merseburg ebenfalls der evangelische Glaube Einzug gehalten hatte, versah Georg als evangelischer Koadjutor von 1545 bis 1549 dort die Aufgaben des ehemaligen Bischofs. Nachdem die drei Brüder einige Jahre lang gemeinsam regiert hatten, teilten sie im Jahre 1544 das Fürstentum auf: Johann IV. regierte im Zerbster Landesteil, Georg III. erhielt Plötzkau und Joachim I. Dessau. Georg und Johann starben unverheiratet und kinderlos, Johann erlitt kurz nach der Landesteilung einen Schlaganfall und erholte sich davon bis zu seinem Tode nicht mehr. Aus Johanns 1534 geschlossener, trotz intensiver Vermittlungsbemühungen Luthers höchst unglücklich verlaufender Ehe mit der jüngsten Tochter des brandenburgischen Kurfürsten Joachim I. und Witwe des Pommern-Herzogs Georg I., Margareta (1511-1577) stammten jedoch wieder drei Söhne, so dass sich die komplizierte Geschichte der anhaltinischen Landesteilungen fortsetzte.

Die drei Brüder Johann, Georg und Joachim von Anhalt

Die drei Brüder Johann, Georg und Joachim von Anhalt

Die Lutherbibeln der drei Brüder

Die für Johann hergestellte Bibel enthält heute nur noch eine zusätzlich eingefügte Miniaturmalerei von Lucas Cranach dem Jüngeren, die wohl auf 1543/1544 zu datierende Allegorie auf Gesetz und Gnade bzw. Gesetz und Evangelium. Hier wird in vielen detailreichen Szenen, gewissermaßen als durch den links verdorrten, rechts grünen Baum geteiltes „Wimmelbild“ eine zentrale reformatorische Botschaft dargestellt: Allein Christus, der stellvertretend für den Menschen gestorben ist, kann die auf der linken Bildseite dargestellte Verurteilung durch das Gesetz aufheben. Nur durch seinen Glauben (sola fide) wird der Mensch der göttlichen Vergebung in Form des erlösenden Blutstrahls teilhaftig. Gut bezeugt ist, dass der erste Band der Johannbibel bis mindestens 1668 auch noch zwei von Lucas Cranach dem Jüngeren gemalte Porträts enthielt, die wohl Johanns Brüder Georg und Joachim darstellten. Nach 1819 war dann nur noch das Georg-Porträt vorhanden, und auch dieses ist heute – nachdem es zwischen 1928 und 1939 herausgelöst und in den Bestand der Handschriftenabteilung überführt worden war – verschollen. Immerhin existiert eine 1923 veröffentlichte Abbildung dieses Porträts, das auf das Jahr 1554 datiert gewesen sein soll und damit erst nach Johanns und Georgs Tod hinzugefügt worden sein müsste.

Allegorie auf Gesetz und Gnade von Lucas Cranach d. J. im zweiten Band der Johannbibel. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Allegorie auf Gesetz und Gnade von Lucas Cranach d. J. im zweiten Band der Johannbibel. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Auch Georg und Joachim besaßen handkolorierte Prachtbibeln der 1541 von Hans Lufft gedruckten Ausgabe. Die Georgsbibel wurde als dreibändige Pergamentbibel angefertigt und ebenfalls von Lucas Cranach dem Jüngeren mit zusätzlichen Miniaturmalereien ausgestattet und handkoloriert. Neben einer der Johannbibel sehr ähnlichen, auf 1544 datierten Ausführung von „Gesetz und Gnade“ enthält die Georgsbibel als weiteres „Extra“ noch ein Melanchthon-Porträt. Aus dem Besitz Joachims I. ist dagegen lediglich ein handkoloriertes Papierexemplar in zwei Bänden nachgewiesen, deren Einbanddeckel auf das Jahr 1542 datiert sind. Eine dritte Pergamentbibel des Druckes von 1541 ist zwar erhalten, ihr Auftraggeber lässt sich jedoch nicht zweifelsfrei identifizieren: Es handelt sich um die Zerbster Prachtbibel oder Rathausbibel, ein wohl ebenfalls für einen fürstlichen Auftraggeber aus dem Hause Anhalt hergestelltes dreibändiges Exemplar. Alle drei Pergamentausgaben waren offenbar in geblümten schwarzen Samt gebunden.

Wo befinden sich die Bibeln der drei Brüder heute?

Befindet sich die Georgsbibel zusammen mit der Büchersammlung dieses Fürsten bis heute in Dessau, inzwischen in der Anhaltinischen Landesbücherei, so gelangten die Bibeln der Brüder Johann und Joachim auf ganz unterschiedlichen Wegen nach Berlin und in die Bestände der heutigen Staatsbibliothek. Fürst Johann Georg II. von Anhalt (1627-1693) schenkte die zweibändige Johannbibel um 1659 dem Großen Kurfürsten: In diesem Jahr heiratete Johann Georg mit Henriette Katharina von Oranien eine Schwester der Ehefrau des Großen Kurfürsten, der gerade im Begriff war, seine „Kurfürstliche Bibliothek zu Cölln an der Spree“ als öffentliche Institution zu etablieren. Damit gehört die Johannbibel zum Gründungsbestand der heutigen Staatsbibliothek und wird bereits im 1668 fertiggestellten ersten Katalog der neuen Bibliothek im Berliner Schloss beschrieben.

Die auf Papier gedruckte, aber ebenfalls handkolorierte Bibel des jüngsten Bruders Joachim gelangte – dies belegt eine in beiden Bänden angebrachte Notiz von 1586 – zunächst in den Besitz des kunstsinnigen Pommern-Herzogs Philipp II. (1573-1618), der bereits als Zwölfjähriger eine eigene Bücher- und Bildersammlung besaß. Der evangelische Bischof von Cammin und brandenburgische Statthalter Ernst Bogislaw von Croy (1620-1684), der von seinem Onkel Bogislaw XIV. den gesamten persönlichen Besitz der 1637 mit diesem letzten Pommern-Herzog ausgestorbenen Greifenherzöge geerbt hatte, vermachte den Hauptteil seiner Bibliothek zusammen mit der Bibel Joachims testamentarisch dem Großen Kurfürsten. Damit gelangte auch die Bibel des Jüngsten der drei Brüder bereits im 17. Jahrhundert in den Bestand der Kurfürstlichen Bibliothek, heute der Staatsbibliothek zu Berlin.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie neben der Johannbibel auch noch ein weiteres Prunkstück aus der Cranach-Werkstatt, die 1561 gedruckte Ebeleben-Bibel, und viele weitere Objekte zur Lutherbibel selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Handkoloriertes Schöpfungsbild aus dem ersten Band der Johannbibel. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Handkoloriertes Schöpfungsbild aus dem ersten Band der Johannbibel. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die erste Koch-Show in den Niederlanden? Die Glaubensküche oder der Reformationsschmaus

Das zur Toleranz mahnende Flugblatt “Cucina opiniorum” in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer.

Porträt Dirk Volkertszoon Coornhert, Kupferstich/Radierung von Philibert Bouttats,um 1700. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Porträt Dirk Volkertszoon Coornhert, Kupferstich/Radierung von Philibert Bouttats,um 1700. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Dieser fast wie ein Comicstrip gestaltete Kupferstich mit graviertem Text entstand anonym (ca. 1570 bis 1600) und geht auf eine niederländische Vorlage zurück. Zu dieser Zeit war die Vormachtstellung der katholischen Kirche dort bereits gebrochen, die protestantischen Konfessionen der Calvinisten und Lutheraner hatten sich ausdifferenziert, ja, es entwickelten sich ständig neue Glaubensrichtungen und Vorstellungen. Jeder glaubte, was er glaubte, glauben zu wollen.

So suggeriert es zumindest dieses Blatt, das auf eine Vorlage des Niederländers Dirk Volkertszoon Coornhert (1522-1590) zurückgeht. Coornhert war Schriftsteller, Sprachpurist, Jurist, Politiker, Theologe, Musiker und Kupferstecher, lebte mal in den Niederlanden, mal in Deutschland und setzte sich als Katholik mit dem Katholizismus ebenso auseinander wie mit dem Calvinismus. Er lehnte die Vorstellung der Erbsünde ebenso ab wie die der Prädestination, trat für eine Kirche ein, die nicht auf die Konfessionen festgelegt sein sollte, und war einer der führenden Vertreter der Toleranzidee in den Niederlanden.

Calvin, Luther, Papst und Wiedertäufer (Ausschnitte aus "Culina opiniorum"). Lizenz: CC-BY-NC-SA

Calvin, Luther, Papst und Wiedertäufer (Ausschnitte aus “Cucina opiniorum”). Lizenz: CC-BY-NC-SA

Zur Toleranz mahnt auch das Geschehen in der auf dem Kupferstich abgebildeten Küche. Die Vertreter der unterschiedlichen konfessionellen Gruppen essen jeder sein eigenes Süppchen:

  • Calvin schneidet einen Kalbsbraten und schmeckt ihn mit Orangen ab: „Dit Calf fyn istt zu essen mit safft von Orangen“. Genau so hatte sich der Calvinismus in den Niederlanden mit dem Haus Oranje verbunden.
  • Luther spielt die Laute – „Ick slac den Luyt teer“ – und beschließt mal vom Gebratenen zu kosten und mal von dem Brei, den der Papst neben ihm mit langen Zähnen isst. „Ay die Pap ist vergifft und so bitter als Gall.“ Der Brei ist bitter, denn in ihm wurden nur die äußeren Schalen, nicht die Kerne, verkocht und die Süße der „Romaney“-Sauce fehlt ganz. Das bemäkeln auch die Katzen, die dem Papst auf der Schulter sitzen. Im Niederländischen heißt diese Stelle: „Waerom dees Catten lieken niet als sy plagen“ und weist damit auf die Widerständigkeit der Katholiken (Catten lieken) hin.
  • Der Wiedertäufer leckt auch lieber die Pfanne mit Bratensaft aus als vom Brei des Papstes zu kosten und weiß, dass er dies nur so ruhig machen kann, so lange die Köchin Vernunft/Ratio die Mahlzeiten zubereitet. Er will genießen, ohne sich die Finger nass zu machen, d.h. sich auf die Auseinandersetzungen einzulassen.
  • Auf dem Kaminsims sitzen die Vertreter der religiösen Toleranz um Charitas als Repräsentantin der Mitmenschlichkeit. Die Magd Eintracht/Concordia hat einen Hirsch gebracht, der als niederländischer „hert“ mit dem niederländischen „hart“, dem Herzen, zusammen gedacht werden kann. In ihrer Rede wird auch der Initiator des Blattes in einem Wortspiel verraten: „koer“ und „hertz“. Im Niederländischen: „koer […] hert“ wird allgemein als Anspielung auf Coornhert gelesen. Die Köchin Vernunft gibt ihren Gästen diätetische Ratschläge, was die Bekömmlichkeit der Speisen angeht. Sie hat als Personifikation der Redlichkeit und Bescheidenheit den vorigen Koch abgelöst, der wie ein Tyrann nur römisch-katholisch gekocht hat.

Der deutsche Text lässt deutlich die niederländische Vorlage erkennen, dennoch sind die meisten Wortspiele, auf denen das Blatt aufbaut, ganz gut zu verstehen. Allerdings fehlt bei unserem Blatt die Erklärung des deutschen Übersetzers, die andere Ausgaben des Blattes haben. Dieser führt die Wortspiele auf das Niederländische zurück und erklärt sie. Es gibt noch weitere Druckvarianten des Blattes. So sind zum einen das niederländische Blatt aus dem Rijksmuseum, das unter dem Titel: „De Rede maant de kerken tot verdraagzaamheid“ im selben Zeitraum erschienen ist, und zum anderen das ebenfalls niederländische Blatt mit französischer Zusammenfassung der Kunstsammlungen der Feste Coburg „seitenverkehrt“ in ihrer Darstellung. Sie beginnen von links nach rechts gelesen mit dem Brei essenden Papst und halten somit die Chronologie der reformatorischen Bewegungen ein, während das Blatt der Staatsbibliothek mit dem Calvinismus beginnt und das Geschehen in der niederländischen Glaubensküche von der Gegenwart aus betrachtet. Im Mittelpunkt aber steht immer die Idee der religiösen Toleranz, wie sie Dirk Volkertszoon Coornhert in seinen Bildern, Schauspielen Dialogen und öffentlichen Disputationen vertrat.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur reformationszeitlichen Propaganda, aber auch moderne Comicstrips selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Culina opiniorum, Kupferstich nach Dirk Volkertszoon Coornhert. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Cucina opiniorum, Kupferstich nach Dirk Volkertszoon Coornhert. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Probleme mit gekrönten Häuptern – Martin Luthers „Dezembertestament“ von 1522

Die verbesserte zweite Auflage der Luther’schen Übersetzung des Neuen Testaments in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“.

Ein Beitrag von Andreas Wittenberg.

Titelblatt des "Dezembertestaments". Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Titelblatt des “Dezembertestaments”. Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Seinen durch die Verhängung von Kirchenbann und Reichsacht erzwungenen Aufenthalt als „Junker Jörg“ auf der Wartburg vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 nutzte Martin Luther für die Übersetzung des Neuen Testaments in die deutsche Sprache. Nach seiner Rückkehr nach Wittenberg wurde der Text insbesondere unter Mitarbeit von Philipp Melanchthon überarbeitet. Den Auftrag zum Druck erhielt die Wittenberger Offizin von Melchior Lotter d. J., Verleger waren Christian Döring und Lucas Cranach d. Ä. Weder der Name des Übersetzers noch die des Druckers und der Verleger wurden genannt. Die Nachfrage nach dem wegen des Erscheinungsmonats als „Septembertestament“ bezeichneten Druck des Jahres 1522 war so überwältigend, dass die ungewöhnlich hohe Auflage von 3.000 Exemplaren innerhalb kurzer Zeit vollständig vergriffen war.

Gut, dass man schon an einer zweiten, verbesserten Auflage arbeitete. Diese erschien drei Monate später – wiederum gedruckt von Melchior Lotter d. J. – und ging als das „Dezembertestament“ in die Geschichte ein.

Korrektur der Kronen

Neben vielen Korrekturen des Textes fallen insbesondere die Veränderungen bei einigen Holzschnitten zur Offenbarung des Johannes auf. In den Illustrationen des „Septembertestaments“ tragen einige außerordentlich negativ belegte Figuren wie das „Tier aus der Tiefe“ und die auf der siebenköpfigen Bestie reitende „Hure Babylon“ Kronen, die starke Ähnlichkeit mit der päpstlichen Tiara aufweisen. Dies führte auf katholischer Seite zu heftigen Protesten, etwa durch den albertinischen Sachsen-Herzog Georg den Bärtigen. Deshalb wurden diese Holzstöcke für die zweite Auflage in der Werkstatt von Lucas Cranach d. Ä. erneut bearbeitet und die Kronen so verändert, dass sie keinen Anstoß mehr erregen konnten. Ergebnis dieser Korrektur war unter anderem eine auffallend große, nun völlig leer erscheinende Stelle über dem Kopf der dargestellten Frauenfigur.

Die „Hure Babylon“ aus dem September- und dem Dezembertestament (Holzschnitt aus der Werkstatt Lucas Cranachs d. Ä.). Abteilung Historische Drucke. Lizenz CC-BY-NC-SA

Die „Hure Babylon“ aus dem September- und dem Dezembertestament (Holzschnitt aus der Werkstatt Lucas Cranachs d. Ä.). Abteilung Historische Drucke. Lizenz CC-BY-NC-SA

Der Siegeszug der Luther-Übersetzung ging weiter: Bis 1534 wurde das Neue Testament Martin Luthers allein in Wittenberg vierzehn Mal in hochdeutscher und sieben Mal in niederdeutscher Sprache gedruckt. Und 1534 – in dem mit neuen Holzschnitten des Monogrammisten MS ausgestatteten Druck von Hans Lufft – trägt die “Hure Babylon” wieder eine Tiara!

Katholische “Korrekturbibel” von Hieronymus Emser

Ein interessanter, fast ein wenig kurios wirkender Umstand sei noch erwähnt: 1527 wollte der entschiedene Luther-Gegner Herzog Georg der Bärtige von Sachsen der lutherischen eine katholische Übersetzung entgegen stellen, um den Einfluss von Luthers Neuem Testament zurückzudrängen. Er beauftragte den in Schwaben geborenen Hofkaplan Hieronymus Emser, eine Übersetzung im traditionellen Sinne nach der lateinischen Vulgata anzufertigen. Allerdings folgte Emser bis auf einige oberdeutsche Wendungen weitgehend der ostmitteldeutschen Luther-Übersetzung. Da es in Dresden keine Bildvorlagen zur Offenbarung des Johannes gab, wurden zudem die Illustrationen in Wittenberg gekauft. So erscheint die “Hure Babylon” aus Luthers “Dezembertestament” auch in der 1527 in Dresden gedruckten katholischen Gegenbibel – allerdings in der “entschärften” Kronen-Fassung.

Rückkehr aus Polen am Nikolaustag 2000

Das hier gezeigte Exemplar des “Dezembertestaments” wurde durch die Königliche Bibliothek zu Berlin im Jahr 1836 zusammen mit der gesamten Bibliothek des preußischen Generalpostmeisters Karl Ferdinand Friedrich von Nagler erworben. Während des Zweiten Weltkrieges wurde es zusammen mit weiteren Beständen der Bibliothek auf heute polnisches Gebiet verlagert. Am 6. Dezember 2000 überreichte der polnische Ministerpräsident Jerzy Buzek diesen Band im Warschauer Parlament dem damaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder – so kehrte das „Dezembertestament“ nach Berlin zurück.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zur Lutherbibel bis hin zur Bibelübersetzung des ersten Chinesen in Deutschland selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.