Mittelalterliches Klosterbuch aus Werden entdeckt

Es ist wahrlich kein schönes Buch, diese Berliner Handschrift Ms. lat. fol. 334, die mir bei der Handschriftenerschließung in Berlin vor einiger Zeit in die Hände fiel: Ein zerfleddertes Pergamentbüchlein von sechs Doppelblättern, das man eher mit spitzen Fingern anfasst und instinktiv am liebsten gleich dem Restauratur übergeben möchte. Stark verschmutzt und abgegriffen, Gebrauchsspuren allerorten, die Einrisse im Pergament teilweise rustikal mit Bindfäden geflickt. Denkt man sich den Pappeinband des 19. Jahrhunderts weg (ein älterer Einband scheint niemals existiert zu haben), bleibt ein einfacher, offenbar viel benutzter schmaler Aktenband übrig. Die Schrift und der simple Buchschmuck weisen auf das beginnende Spätmittelalter, wohl auf die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts. Ein Kalender, eine Gottesdienstordnung, Wirtschaftsnotizen, alles auf Latein – auch textlich versprach das Buch nichts Spektakuläres. Doch weitere Recherchen zu diesem “hässlichen Entlein” belehrten mich eines Besseren: Es kam ein wahrhaft stolzer Schwan ans Licht.

Spuren ins Ruhrkloster Werden

1847 inventarisierten die Königlichen Bibliothekare in Berlin die Handschrift zum ersten Mal. Zum Inhalt fiel ihnen nicht mehr ein als der eher nichtssagende Titel Calendarium. Das stimmt nur zum Teil mit der Realität überein: Zwar steht tatsächlich ein monatsweise arrangierter Kalender am Beginn (1v-7r), doch die Schreiber haben diesen mit Sterbevermerken zu unzähligen Personen zu einem Nekrolog (Sterbe- oder Totenregister nach dem kirchlichen Festkalender) ausgearbeitet.

Kalendereintrag zum Hauptfest des Heiligen Liudger (Adventus Sancti Ludgeri in Werdina) am 26. April. – Berlin, Staatsbibliothek, Ms. lat. fol. 334, 3r (Detail). – ©Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich

Ganz unterschlagen hat man bei der ersten Titelaufnahme eine Messordnung mit einem Verzeichnis von liturgischen Lesungen und Gesängen (7v-11r) sowie ein Zinsverzeichnis (11v-13v). Die Identifizierung der Personen des Nekrologs und die Ortsnamen des Zinsbuchs ergaben schnell eine Spur, die in das mittelalterliche Ruhrgebiet führte – genauer: in das 799 von dem Heiligen Liudger gegründete Benediktinerkloster Werden bei Essen. Der in einem ersten Schritt niedergeschriebene Nekrolog beginnt unmittelbar mit der Gründung des Klosters. Er berücksichtigt Personen, die um 1260/70 verstorben sind. Nachträge setzen etwa in der Zeit um 1285 ein und reichen bis in das späte 15. Jahrhundert. Damit ist klar, dass die Handschrift um 1280 in Werden entstanden sein muss und dort bis zum Ende des Mittelalters in Gebrauch blieb. Damit spannt sich der hier berücksichtigte Zeitraum der Geschichte eines der bedeutendsten Reichsklöster im deutschen Raum über einen Zeitraum von etwa 700 Jahren.

Ein Kloster stemmt sich gegen den Niedergang

Die Niederschrift von Ms. lat. fol. 334 um 1280 in Werden war kein Zufall. Die unmittelbaren Bezüge auf das Klosterleben sind evident. Das betrifft vor allem die Verschränkung der beiden klassischen benediktischen Klostertugenden ora et labora (“bete und arbeite”) in der Handschrift – d.h. eine funktionale Überlagerung liturgischer und ökonomischer Interessen.

Detail aus dem Nekrolog mit einem Sterbevermerk zu Liudgers Schwester, der Äbtissin Hereburch, neben mehreren im November verstorbenen Äbten aus Werden. – Berlin, Staatsbibliothek, Ms. lat. fol. 334, 6r (Detail). – ©Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich

Im Nekrolog spiegelt sich die Gebetsverbrüderung (commemoratio) der Konventualen mit den verstorbenen Mönchen (v.a. der Äbte), Stiftern und sonstigen Förderern, darunter auch Teilen der Familie des Klostergründers Liudger. Der Messkanon regelte die Ordnung der Liturgie und griff dabei die im Nekrolog genannten Pflichtlesungen zu den einzelnen Heiligenfesten auf. Man konnte hier nachlesen, an welchem Sterbetag der Gönner und sonstigen Klosterangehörigen welche Bibeltexte, Gebete und Gesänge von den Mönchen abzuleisten waren. Das Zinsverzeichnis schließlich vermittelte einen Überblick zu den jährlich wiederkehrenden Einkünften des Klosters. Prominent waren die traditionellen Zinstage im Spätherbst bzw. Frühwinter, vor allem das Martinsfest und der Nikolaustag, wenn die klösterlichen Zulieferer auf gut gefüllte Scheunen und Speicher zugreifen konnten.

Entstanden ist diese Textmelange im Auftrag des Werdener Abts Otto II., der – ganz traditionell – einem in der Gegend ansässigen Adelsgeschlecht angehörte. Er erlangte 1277 die Abtswürde und wurde in dieser Funktion 1288 bei Helmstedt in einem Streit ermordet.

Nachgetragener Sterbevermerk des Auftraggebers der Handschrift, Abt Otto II. von Werden (gest. 6. Juni 1288). – Berlin, Staatsbibliothek, Ms. lat. fol. 334, 4r (Detail). – ©Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich

Abt Otto II. war die prägende Gestalt der Werdener Klostergeschichte des 13. Jahrhunderts. Besonders bekümmert hat ihn der wirtschaftliche und politische Niedergang der traditionsreichen Abtei. Zeit seines Wirkens als Klosterleiter tat er alles dafür, diese Entwicklung zu stoppen. Wie viele andere Landklöster der traditionellen Mönchsorden der Benediktiner oder Zisterzienser hatte auch Werden in dieser Zeit mit den aufstrebenden neuen städtischen Orden der Franziskaner, Dominikaner und Augustiner-Eremiten nicht mehr Schritt halten können. Im Kloster an der Ruhr war zudem 1255 die Konventskirche niedergebrannt. Die Finanzierung des Aufbaus verschlang immense Summen. In dieser Situation war es notwendig, dass sich Abt und Cellerar, d.h. der Leiter und der Vermögensverwalter des Klosters, in einer Art “Kassensturz” einen Überblick über die wirtschaftlichen Grundlagen verschafften. Diese beruhten seit der Zeit Liudgers auf Grundbesitz und Zinsleistungen bzw. den sogenannten “Hand- und Spanndiensten” (Servitien).

Einträge aus dem Zinsverzeichnis zu Duisburg sowie zu Stiftungen des Klostergründers Ludger. – Berlin, Staatsbibliothek, Ms. lat. fol. 334, 11v (Detail). – ©Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich

Viele dieser Einkünfte und Rechte waren über die Jahrhunderte testamentarisch durch Gönner und Förderer an das Kloster gegangen. Umso wichtiger war es, ihrer an deren Sterbetagen zu gedenken und diese Memoria in die Messliturgie einzubinden.  Die Mönche “bezahlten” die Unterstützung ihrer Donatoren durch das, was sie am besten konnten – durch ihre Fürsprache bei Gott. Diesem Geist des do ut des (“ich gebe, damit Du gibst”) ist die Entstehung der vorliegenden Handschrift geschuldet, hier in wirtschaftlich und politisch äußerst schwierigen Zeiten. Damit ist die identitäts- und existenssichernde Funktion der Handschrift kaum zu überschätzen. Allerdings muss man sagen, dass auch dieses Buch eine weitere Erosion der ökonomischen und politischen Sicherheiten in Werden nicht verhindern konnte. So fiel gerade die Veräußerung jener Güter in Friesland, die der von dort stammende Liudger in den Stiftungsgrundstock des Klosters eingebracht hatte, exakt in die Regierungszeits Abt Ottos II.

Teil des Werdener Messkanons mit Verzeichnis der Lektionen und Gesänge für den Nekrolog. – Berlin, Staatsbibliothek, Ms. lat. fol. 334, 7v-8r. – ©Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich

Noch im 14. und 15. Jahrhundert stemmte sich das Kloster trotzig gegen die ungünstige Entwicklung, wie die zahlreichen Nachträge in der Handschrift aufzeigen. Auch nach dem Anschluss Werdens an die Reformkongregation von Bursfelde (1474) blieb die Handschrift in Verwendung. Damals versuchte man ein letztes Mal in der mittelalterlichen Geschichte des Klosters eine innere und äußere Sanierung des Konventslebens. Doch man konnte auch damit nicht verhindern, dass es die Abtei in der Frühen Neuzeit nicht mehr vermochte, an die Glanzzeit des frühen und hohen Mittelalters anzuknüpfen.

Licht in das Dunkel der Geschichte

Das Auslaufen der Nachträge im 15. Jahrhunders beweist, dass der Gebrauchswert der Handschrift zu Beginn der Frühen Neuzeit auf den Nullpunkt abgesunken war. Das heißt jedoch nicht, dass man sie – wie bei Akten üblich – weggeworfen oder zu Bindematerial zerschnitten hat. Bis zur Säkularisierung des Klosters durch die Franzosen (1793/1802) blieb sie vor Ort. Danach hat man sie – wie viele andere Werdener Handschriften und Drucke auch – auf dem Antiquariatsmarkt verkauft. Um 1820 befand sie sich im Besitz des Aachener Historikers Christian Quix (gest. 1844). Dieser hatte damals viele Klosterarchivalien rheinischer Herkunft systematisch aufgekauft. Quix hatte ein gutes Gespür für historisch wirklich bedeutsame Stücke. In diesen Interessenkontext passt auch der heutige Berliner Codex Ms. lat. fol. 334 gut hinein. Denn das Buch überliefert nicht nur den einzigen hochmittelalterlichen Nekrolog Werdens, sondern auch das einzige erhaltene autochtone Wirtschaftsverzeichnis aus dieser Zeit – ganz zu schweigen von der herausragenden Bedeutung für die politische Identität und wirtschaftliche Integrität des Klosters. Es gibt gute Gründe dafür, die Handschrift mit dem so genannten “Werdener Memorienbuch” zu identifizieren, das in der maßgeblichen Monographie zur Klostergeschichte von Wilhelm Stüwer (s.u. Literatur, S. 86) noch im 18. Jahrhundert in Werden vorhanden war, seither aber als verschollen gilt. Sehr wahrscheinlich ist hier aus Zufall ein wirklich bedeutendes Stück deutscher Klostergeschichte des Mittelalters wieder ans Licht gelangt.

Beleuchtungsverzeichnis für Werden aus dem 14. Jahrhundert (oben, gestrichen), darunter Vermerk des Anschlusses des Klosters an die Bursfelder Klosterreform (unten). – Berlin, Staatsbibliothek, Ms. lat. fol. 334, 1r (Detail). – ©Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich

Zum Abschluss noch ein weiterer Neufund und eine etwas skurrile Anknüpfung an die gerade genannte Lichtmetapher:  Eine unbekannte Hand hat in Werden im 14. Jahrhundert auf das (bis dato offenbar noch unbeschriebene) Außenblatt der Handschrift eine Beleuchtungsanweisung für die Konventsgebäude und die Kirche in westfälischer Mundart eingetragen. Ein derartiger Text, der offenbar für Laienbrüder oder sonstige Bedienstete des Klosters gedacht war, die des Lateinischen nicht mächtig waren, ist eine echte Rarität. Für Werden ist sie nur hier überliefert. Sehr detailliert lässt sich hierüber der Weg nachvollziehen, den die Bediensten tagtäglich beim Anzünden der Kerzen durch das Klostergelände nahmen. Für die Reformer von Bursfelde, die mehrere Generationen später (ab 1474) in Werden eine echte Wende des Klosterlebens herbeiführen wollten, war dieser Text nicht mehr als ein überkommenes Relikt einer alten Zeit. Sie haben den Eintrag kurzerhand getilgt. Glücklicherweise haben sie nur gestrichen, nicht ausradiert, so dass man noch das Meiste des alten Textes erkennen kann. Er eröffnet einen weiteren faszinierenden Einblick in die Geschichte des ehemals stolzen Ruhrklosters im Mittelalter.

Literatur: Wilhelm Stüwer: Die Reichsabtei Werden an der Ruhr. Berlin u.a. 1980 (Germania Sacra N.F. 12,3).

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