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© Leiden University Libraries, Or. 6980

Texts of records, records of texts – Werkstattgespräch zur Handschrift Ms. Leiden Or. 6980 am 25.10.

Wissenswerkstatt

Texts of records, records of texts – Ms. Leiden Or. 6980

Werkstattgespräch in englischer Sprache mit Dr. Anne Regourd (University of Copenhagen),
2017 Stipendiatin im Stipendienprogramm der SPK

Mittwoch, 25. Oktober 2017
18.15 Uhr
Schulungsraum im Lesesaal
Haus Potsdamer Straße
Treffpunkt in der Eingangshalle (I-Punkt)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Ms. Leiden Or. 6980, an item of the Christiaan Snouck Hurgronje collection, is a remarkable manuscript from several points of view. It was brought to the University Library of Leiden in 1936. Its paper, a product from the well-known Galvani mills in Friuli (Italy), has not previously been recorded, but nonetheless defines a terminus a quo for its production. The text of Or. 6980 is equally interesting. It lists the texts of 133 sung poems, each with the name of a singer and some musical instruments, all of it in a document which was produced before 1936. Some of these poems can be connected to an exceptional collection of songs recorded on wax cylinders commissioned by C. Snouck Hurgronje. But it is the text edition of ms. Or. 6980 that reveals the many mutations of these texts since their origin.

 

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Stipendienprogramm der SPK an der Staatsbibliothek zu Berlin

Stipendienprogramm seit 2009 – ein Rückblick

Der 10. Jahrgang im Stipendienprogramm der Stiftung Preußischer Kulturbesitz steht an der Staatsbibliothek unmittelbar bevor; die bei solchen Gelegenheiten übliche Rückschau gibt es – wie jüngst angekündigt – schon jetzt, während der 9. Jahrgang noch in vollem Gange ist.

Insgesamt gab es bisher 325 Bewerbungen. Im Schnitt sind das reichlich 36 pro Jahr, doch wie es häufig bei Durchschnittswerten so ist, entspricht ihm die Zahl der Bewerbungen in keinem Jahr auch nur annähernd: Entweder gingen deutlich über 40 oder knapp unter 30 Anträge ein, ohne erkennbare Tendenz. Die Internationalität manifestiert sich in den ca. 50 vertretenen Ländern: Das reicht alphabetisch von Ägypten bis Zypern, geographisch von Neuseeland über Thailand, Japan, China, Usbekistan, Saudi-Arabien, Kamerun, Marokko, ganz Europa bis in alle Teile Amerikas. Bei weitem die meisten Bewerbungen kommen dabei aus Europa: einzelne aus Ländern wie Belgien, Bulgarien, Litauen, Norwegen, mehrere bis viele aus Ländern von (nun wieder geographisch) Finnland bis Irland, jedes Jahr aus Großbritannien, Russland, Italien und Polen. Vergleichbar vertreten sind darüber hinaus nur die USA. Eine detaillierte Übersicht folgt hier nicht, denn genaue Zahlen würden wegen der besonders auch im wissenschaftlichen Bereich stark zunehmenden internationalen Mobilität keine exakte Anschauung geben: Der Wirkungs- und damit Wohnort wechselt zuweilen schneller, als das beantragte Stipendium angetreten sein kann, und entspricht in noch wesentlich mehr Fällen nicht dem Herkunftsland nach Geburt. Unter Berücksichtigung dieser und der Nationalitäten ergäbe sich ein noch bunteres Bild.

Von 2009 bis 2016 wurden an der Staatsbibliothek 55 Stipendien gewährt, 94 Monate Aufenthalt insgesamt finanziert. Ungefähr gleich häufig waren ein- und zweimonatige Stipendien, die maximal mögliche Stipendiendauer von 3 Monaten ist relativ selten. Das hat seinen Grund zum einen darin, dass nicht immer die volle beantragte Zeit gewährt wird, um mehr Personen eine finanzielle Förderung zukommen zu lassen. Zum anderen werden oft nur einzelne Monate beantragt – weil ein längerer Auslandsaufenthalt beruflich oder privat schwer zu organisieren wäre, oder auch, weil das Projekt schon so gut vorbereitet ist, dass vor Ort eine klar umrissene, innerhalb einer kurzen Frist zu realisierende Aufgabe geplant wird.

SPK-Stipendien an der SBB 2009 – 2016: Kategorie A / B

24 Stipendien für Promovenden (Kategorie A) stehen 31 Stipendien für Promovierte (Kategorie B) gegenüber. Auch bei den Bewerbungen überwiegt Kategorie B deutlich. Das lässt sich leicht aus dem höheren Grad der Spezialisierung postdoktoraler und professoraler Forschung gegenüber der Promotion erklären, organisatorische Gründe kommen hinzu.

 

 

 

SPK-Stipendien an der SBB 2009 – 2016 nach Geschlecht

 

 

Eine andere Proportion mag überraschen: Bisher gab es 37 Stipendiatinnen und 18 männliche Stipendiaten. Auch bei den Bewerbungen liegt das weibliche Geschlecht vorn, allerdings nicht mit solch deutlichem Abstand, und nicht von Anfang an. Über Spekulationen hinausgehende Erklärungen kann ich für dieses Phänomen nicht finden; bibliothekspolitisch gewollt ist es jedenfalls keineswegs.

 

 

 

Die Forschenden kamen aus 18 verschiedenen Ländern; die meisten aus Polen (14), Italien (10), den USA (7), Großbritannien (5) und Russland(4):

SPK-Stipendien an der SBB 2009 – 2016: Länderstatistik

 

Welche Materialien sind nun besonders gefragt?

Häufig die Bestände unserer Sonderabteilungen: Natürlich die unikalen Handschriften und Nachlässe. Spezielle Sammlungen wie Gesangbuch- und Librettosammlung, herausragende Sondermaterialien wie Inkunabeln, Flugschriften, historische Zeitungen und Karten. Spezielle Bereiche wie Mendelssohn-Archiv und Humboldt-Projekt. Großes Interesse gilt aber auch in besonderer Dichte vertretenen thematischen Segmenten des Hauptbestandes.

Einen inhaltlichen Schwerpunkt bilden Projekte zur Germanistik und zur deutschen Geschichte und Kultur im weiten Sinne. Das überrascht nicht; eher schon, dass sich unter den „Germanica“ eine in der DDR herausgegebene griechische Zeitschrift (Pyrsosbefindet, und dass die Germanistik bis zu einem digitalen Editionsvorhaben einer oberdeutschen handschriftlichen Überlieferung eines mittelniederländischen Textes reicht.

Einige weitere Beispiele aus dem breiten Spektrum behandelter Themen: Untersucht wurden u.a. graphische Gestaltungsprinzipien der preußischen topographischen Kartenwerke aus der Regierungszeit Friedrichs II., die Geschichte des deutschen Stadttheaters in Danzig 1801 – 1841, die Verbreitung der Kopernikanischen Revolution durch Kalender und Astrologie, die Rolle der nationalpolitischen Erziehungsanstalten im Dritten Reich, französisch-mongolische diplomatische Beziehungen im Hinblick auf eine Allianz gegen die muslimischen Staaten, Buchdesign und visuelles Erzählen in Bilderbüchern weltweit, burmesische Grammatiken des Pali, die Frage der Bestrafung von NS-Kriegsverbrechen und die polnische Exilregierung.

Alle Abteilungen der Staatsbibliothek hatten bereits stipendiatische Gäste. Die Verteilung der Betreuung auf die einzelnen Abteilungen stellt sich wie folgt dar:

SPK-Stipendien an der SBB 2009 – 2016: betreuende Abteilung

So anschaulich dieses Diagramm ist, so unvollständig ist es doch in seiner Aussage. Unsichtbar bleiben die vielfältigen Interaktionen und Mehrfachnutzungen. Etwa durch die Dostojewski-Forscherin in der Osteuropaabteilung, die zur Untersuchung der ersten deutschen Gesamtausgabe des russischen Schriftstellers Exemplare auch im Rara-Bestand der Abteilung Historische Drucke und im Hauptbestand heranzieht und außerdem den Nachlass von deren Herausgeber Arthur Moeller van den Bruck in der Handschriftenabteilung konsultiert. Oder der Buchhistoriker, der die Herausbildung illustrierter Reiseführer von handschriftlichen Formaten über Inkunabeln bis zu Drucken ab dem 16. Jahrhundert neben der Handschriftenabteilung in der Abteilung Historische Drucke verfolgt und begleitend die Kartenabteilung aufsucht. Noch unerwarteter: Für eine Arbeit zu den Liedkompositionen Johanna Kinkels war nicht die Musikabteilung primäre Anlaufstelle, sondern die Zeitungsabteilung – auf Grundlage der zeitgenössischen Berliner und preußischen Presse sollte die Rolle der Komponistin und Dichterin in der Berliner Öffentlichkeit rekonstruiert werden. Begleitend wird in allen Fällen ein gut ausgebauter Hauptbestand mit Grundlagenwerken und spezialisierter Sekundärliteratur benötigt.

Eine Rolle kommt der betreuenden Abteilung dennoch zu: Sie stellt eine Kontaktperson zur fachlichen und organisatorischen Unterstützung ihres Schützlings, die bei der Kontaktaufnahme zu anderen Abteilungen und Institutionen hilft und – der wichtigste Beitrag zur Wahrnehmung der Stipendienaufenthalte in der Öffentlichkeit – ein Werkstattgespräch des Gastes im Rahmen der Wissenswerkstatt organisiert. Im Archiv der Wissenswerkstatt  sind die Ankündigungen mit Abstract auch späterhin enthalten. Nicht alle Stipendienprojekte lassen sich hier jedoch aufspüren, denn nicht immer gelingt es, solch ein Werkstattgespräch zu organisieren: sei es aufgrund eines nur kurzen Aufenthaltes, sei es wegen der Sommerpause in dieser Veranstaltungsreihe. In wenigen Fällen wird das Projekt in anderem Rahmen präsentiert: Ein besonders schönes Beispiel ist das der Klavierprofessorin, die Lieder des eher als Völkerrechtler bekannten Albrecht Mendelssohn Bartholdy zur Edition vorbereitete und diese zum Abschluss in einem Vortrags-Konzert der Mendelssohn-Gesellschaft kontextualisierte und zusammen mit einer Sängerin zu Gehör brachte.

Seit die SBB ein Blog betreibt, also seit Oktober 2015, hinterlässt das Stipendienprogramm auch hier seine Spuren: zum einen mit der Ankündigung von Werkstattgesprächen im Rahmen unserer Wissenswerkstatt, zum anderen durch die ersten Gastbeiträge von Stipendiaten zu ihren Forschungsprojekten. Wenn im Laufe der Zeit hier immer mehr dieser Beiträge entstehen, bekommen wir einen schönen Überblick über die im Rahmen des Stipendienprogramms beforschten Themen.

 

Grundsätzliches zum Stipendienprogramm finden Sie im Beitrag Researchers from all over the world welcome!

 

Researchers from all over the world welcome!

Sie kommen schon immer hierher, die Forschenden von allen Enden der Welt. Seit 2009 jedoch ist in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ein spezielles Instrument zur Förderung internationaler Forschungsbesuche etabliert: das Stipendienprogramm der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Es dient dazu,

„in erster Linie ausländische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in die Lage [zu] versetzen, in den Museen, Bibliotheken und Archiven der SPK zu arbeiten, am wissenschaftlichen und kulturellen Leben innerhalb der SPK und in Berlin teilzunehmen und Fachkontakte zu Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der SPK sowie anderer Einrichtungen in Deutschland zu knüpfen.“

Mit „ausländisch“ ist dabei keineswegs die Staatsbürgerschaft oder gar die Nationalität gemeint, sondern der dauerhafte Wohnsitz. Denn es geht darum, die Mehrkosten bei Aufenthalt „in der Fremde“ aufzufangen. Wichtig ist deshalb auch, dass als zusätzliche Unterstützung ein Reisekostenzuschuss eingeplant ist. Jede Institution innerhalb der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gestaltet das Programm mit eigenen Modifikationen im vorgegebenen Rahmen.

Stiftungsweite zentrale Vorgaben sind neben dem Antragsformular und den notwendigen Bewerbungsunterlagen

– die Stipendiendauer von maximal 3 Monaten

– die Vergabe des Stipendiums in zwei Kategorien:

– Kategorie A für Personen mit erstem Hochschulabschluss, ohne Promotion

– Kategorie B für Personen mit Promotion (oder Äquivalent)

– die Höhe des monatlichen Stipendiums in der jeweiligen Kategorie:

– Kategorie A: 900 €

– Kategorie B: 1200 €

– die Möglichkeit der Erstattung von Reisekosten bis maximal 500 €

Ebenfalls sind einige Verpflichtungen seitens der gastgebenden Einrichtung und seitens der Stipendiaten formuliert.

 

Für die Staatsbibliothek wird die Zielausrichtung des Programms folgendermaßen spezifiziert: Das Stipendienprogramm

„soll es in erster Linie im Ausland lebenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern  ermöglichen, nach Berlin zu kommen, um die reichhaltigen Sammlungen der Bibliothek und der anderen Stiftungseinrichtungen für ihre Forschungsarbeiten auszuwerten und Fachkontakte in Deutschland zu knüpfen.“

Der Bewerbungszeitraum für ein Stipendium zur Durchführung von Forschungsarbeiten bei der Staatsbibliothek zu Berlin ist separat festgelegt: Bis 30. September jeden Jahres werden Bewerbungen für ein Stipendium im darauffolgenden Jahr angenommen. Der Antrag ist zusammen mit den erforderlichen Unterlagen per Post an die Generaldirektion zu richten:

Staatsbibliothek zu Berlin

– Die Generaldirektorin –

Potsdamer Straße 33

D-10785 Berlin

All diese Informationen finden Sie auf den Stipendienseiten unserer Hompage, die komplett auch auf Englisch zur Verfügung stehen.

Konkret gestaltet es sich in der Staatsbibliothek so, dass mit dem Budget jährlich 6 – 8 Stipendien (incl. Nebenkosten) ermöglicht werden können. Neben einem kostenlosen Bibliotheksausweis wird bei Bedarf eine über unsere ohnehin angebotenen Serviceleistungen hinausgehende fachliche Betreuung gewährt. Die Stipendiaten stellen wenn irgend möglich ihr Forschungsprojekt in einem Werkstattgespräch innerhalb unserer Wissenswerkstatt vor. Wenn es sich organisatorisch anbietet, kann diese Präsentation auch zu einem späteren Zeitpunkt außerhalb der Stipendienmonate erfolgen. Seit dem Bestehen des Blognetzwerkes der SBB haben sie zudem die Möglichkeit, ihr Thema hier in einem eigenen Beitrag einem breiteren Interessentenkreis nahezubringen.

Für Stipendien im Jahr 2018 freuen wir uns über Bewerbungen bis zum 30. September 2017!

Eine zahlenmäßige und inhaltliche Übersicht über die bisherigen Stipendienjahrgänge folgt in einem separaten Beitrag demnächst in diesem Blog!

Friedrich Nicolai und die erste chemische Fachzeitschrift

Gastbeitrag von Anna Gielas, University of St Andrews, Edinburgh

Streitlustig und streitbar soll Friedrich Nicolai (1733-1811) gewesen sein. Fest steht, dass der Berliner Buchhändler und Verleger zu den zentralen Akteuren der Aufklärung zählte. Heute gehört seine Korrespondenz zu den wichtigsten und meistbenutzten Nachlässen der Staatsbibliothek. Unter den 20.000 Briefen finden sich 130 Stück von einem Professor aus Helmstedt, dessen Name den meisten von uns nichts sagt – der jedoch den Lauf der Chemie nachhaltig beeinflusst hat.

Lorenz von Crell (1744–1816), Professor an der Universität Helmstedt

Dabei hat Lorenz Friedrich Crell (1744-1816) zeit seines Lebens weder eine wichtige chemische Entdeckung noch Erfindung gemacht. Stattdessen gründete Crell die erste chemische Fachzeitschrift – und schuf damit in der Zeit eines politisch zerklüfteten und späterhin in die Napoleonischen Kriege verstrickten Europas ein internationales Forum für den Austausch chemischer Forscher. Mithilfe seines Journals bot der Helmstedter einen regelmäßigen Fluss neuer wissenschaftlicher Beobachtungen, erlaubte seinen Lesern, diese zu kommentieren, aufzugreifen und weiter zu untersuchen – und synchronisierte auf diese Weise ein Stück weit die Bemühungen der europäischen Chemiker. Zum Vorteil der Forschung.

Crells Briefe im Nachlass Nicolais erlauben einen einzigartigen Einblick in die Entstehung und Leitung des chemischen Periodikums. In keinem anderen Archiv scheinen annähernd so viele Briefe des Helmstedters überdauert zu haben.

Crell begann seine Korrespondenz mit Nicolai als erfolgloser 33-jähriger Hochschuldozent. Streitlustig hat er den Berliner Verleger nicht erlebt, streitbar noch weniger: Der Helmstedter war Nicolai über Jahrzehnte hinweg in Dankbarkeit und Freundschaft zugetan. Auch als seine „Chemischen Annalen“ längst über die Grenzen des Heiligen Römischen Reiches hinweg bekannt waren, hielt er den Kontakt zu Nicolai.

Der Jungprofessor und der Verleger fanden sich im Jahre 1777, hauptsächlich über Nicolais „Allgemeine Deutsche Bibliothek“ (ADB), ein führendes Rezensionsorgan der Aufklärung. Im November 1777 schrieb Crell: „Ich kann diese Gelegenheit nicht vorbeylaßen, ohne Ihnen zu äusern, daß, wenn eine Stelle eines Recensenten in der practischen Arzneygelahrtheit, der Chemie, Mineralogie, oder Materia medi(c)a, für Ihre schätzbare allgemeine Deutsche Bibliothek etwa offen seyn sollte, und Sie sie durch mich wieder ausfüllenwollten, ich diesen Antrag mit vielem Vergnügen annehmen würde.“

Handschriftenabteilung der SBB, Nachlass Friedrich Nicolai: Crell an Nicolai, Brief 8, 27. Februar 1778

Obgleich Crell zu dieser Zeit an der ersten Ausgabe seines „Chemischen Journals“, des ersten seiner insgesamt neun chemischen Fachperiodika, arbeitete, verfasste er von November 1777 bis Anfang Februar 1778 mindestens sechzehn Rezensionen für Nicolais hochbeliebte Zeitschrift. Dabei besprach der Professor primär jene Publikationen, die für sein eigenes Journal wichtig waren.

Die beachtliche Sammlung von Crells Briefen an Nicolai zeigt, dass der Verleger sehr schnell zu einer essentiellen Ressource für den Jungredakteur wurde. Nicolai verfügte über jahrelange Erfahrung im Leiten einer Zeitschrift und hatte sowohl zahlreiche Möglichkeiten als auch den Willen, dem Helmstedter unter die Arme zu greifen. So ließ er Crell sogar seine chemische Zeitschrift für die ADB rezensieren: Hinter dem Schleier der Anonymität durfte der Jungredakteur sein eigenes Blatt preisen und weiterempfehlen.

Crell suchte bei Nicolai auch Rat in essentiellen redaktionellen Fragen, etwa der Serialität seiner chemischen Publikation: „Sollte es hier am rahtsamsten seyn, das Journal (…) wieder so, wie bisher, 2 kl. Theile jede Meße, herauszugeben? oder Stückweise, zu 6 Bogen?“ Auch bat der Redakteur um Nachrichten zur chemischen Forschung in der preußischen Hauptstadt. Nicolai kannte die führenden Forscher seiner Zeit, darunter Johann Christian Wiegleb, Johann Friedrich Gmelin und Johann Friedrich Göttling. Crell wiederum war gleich doppelt isoliert, als er sein Journal ins Leben rief: Zum einen durch seinen Wohnort Helmstedt mit rund 4.000 Einwohnern in der östlichen Peripherie des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel; zum anderen durch einen Mangel an Kontakten zu weiteren Forschern der Chemie.

Nicolai schloss den rund zehn Jahre jüngeren Mann mit der Zeit ins Herz. Immer wieder bereitete er Crell Überraschungen. So schrieb der Jungredakteur: „auch bin ich Ihnen vorzügl. für das so reichl[ich]e Honorar. für Kirwan’s Übersetzg doppelt verbunden, weil es freywillig ist, u. ich es nicht so hoch erwartete.“ Trotz seiner vielfältigen Verpflichtungen fand Nicolai die Zeit, Crell in Helmstedt zu besuchen. Das festigte nicht nur ihre Freundschaft, sondern auch die Zusammenarbeit, und Crell veröffentlichte mindestens acht Publikationen zur Chemie und Medizin im Nicolaischen Verlag.

Doch gerade für die Gründung und die ersten Jahre des „Chemischen Journals“

Deckblatt der ersten Ausgabe des “Chemischen Journals”, Exemplar der Bibliothek des Polytechnicums Carlsruhe

spielte Nicolai eine wesentliche Rolle. Er war, wie es scheint, der einzige einflussreiche Helfer des jungen Crell – und eine treibende Kraft hinter der ersten chemischen Fachzeitschrift. Die Briefe des Helmstedters können als neuer Beleg für die Vielseitigkeit von Nicolais Wirken und sein breites Engagement interpretiert werden.

 

Frau Anna Gielas, University of St Andrews, war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2017 als Stipendiatin an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt: “Lorenz Crells Briefe an Friedrich Nicolai und die Genese sowie Konsolidierung der ersten chemischen Fachperiodika (1777 – 1785)”

Faltblatt aus „Vorstellung Deß jüngst=erschienenen COMETEN“ von Johann Mayer, Ulm 1681 – SBB PK Signatur: On 6700R (CC BY-NC-SA 3.0)

Kometen zwischen Wunderzeichen, Astrologie und Physik: Werkstattgespräch am 27.4.

Wissenswerkstatt

Kometen zwischen Wunderzeichen, Astrologie und Physik. Zur Materialität von Wissenswandel in der Frühen Neuzeit

Werkstattgespräch mit Doris Gruber (Graz/Wien – 2017 Stipendiatin im Stipendienprogramm der SPK und der Gerda Henkel Stiftung Wien)
Donnerstag, 27. April 2017
18.15 Uhr
Konferenzraum 4
Haus Unter den Linden (Eingang Dorotheenstraße 27)
Treffpunkt im Eingangsbereich (Rotunde)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Kometen riefen in Vergangenheit wie Gegenwart intensive Kommunikationsprozesse hervor. Am Beginn der Frühen Neuzeit wurde einhellig angenommen, dass Kometen Vorboten nahenden Unglücks – wie Hungersnöten, Pest und Krieg – seien. Diese Anschauungen untermauerten weithin akzeptierte Wissensbestände: So wurden Kometen als Teil der Heilsgeschichte betrachtet, laut der Wunderzeichen mitunter das Ende der Welt anzeigen würden. Außerdem deuteten auch astrologische und physikalische Theorien darauf hin, dass Kometen nichts Gutes mit sich brächten. Im Laufe der Frühen Neuzeit wandelten sich diese Wissensbestände jedoch, was dazu führte, dass die negativen Bedeutungen der Kometen immer häufiger angezweifelt wurden, unter anderem aufgrund neuer (empirisch gewonnener) Erkenntnisse.
Diese Wissenswandel werden anhand der zeitgenössischen Publizistik des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation untersucht. Im Zentrum steht, welche Rolle die Materialität der Medien dabei spielte. Dabei wird insbesondere gefragt, ob sich Kometenwissen auch dadurch veränderte, dass es in unterschiedlichen Formen transportiert wurde: als Text oder Bild in Form von Flugblättern, Flugschriften, Büchern, Zeitschriftenartikeln oder Schreibkalendern.

 

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Reihe “Die Materialität von Schriftlichkeit”

 

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Stipendienprogramm der SPK an der Staatsbibliothek zu Berlin

 

Political agency through representation: Emperor William I as monarchical political actor

Gastbeitrag von Frederik Frank Sterkenburgh, The University of Warwick

Scholarly literature with regard to German Emperor William I shows an important discrepancy. On the one hand, William is considered politically feeble because of his chancellor Otto von Bismarck’s overbearing personality. According to this point of view, he grew, from 1871, an imperial figurehead, albeit an unwilling one. On the other hand, historians such as Andreas Biefang and Alexa Geisthövel have demonstrated that William consciously sought to craft his public image making use of the emerging mass printed media. From this angle, much greater agency appears to be ascribed to the monarch. Both perspectives follow a wider body of scholarship that sees monarchs in the second half of the 19th century as growing into symbolic figureheads with declining political powers, while also being forced to adapt to the changing media landscape. This begs the important question whether we need a more differentiated definition of political agency. A renewed look at the sources allows us to reconsider these arguments with regard to 19th century monarchs in general and William I in particular.

To develop a new definition of monarchical political agency, we can draw on cultural approaches to political history. Barbara Stollberg-Rilinger has argued that all political entities depend on representation in order to become a political reality. Only through representation a political order can be mediated in a conceivable manner. To this end, all political representations depend on symbolic acts in order to emphasize the particular political order they seek to create and reaffirm. Andreas Biefang has defined symbolic acts as all forms that are connected with political communication, such as language, architecture and ceremonial. Importantly, such representations need to be perceived by and resonate with the intended audience in order to become effective. Defining political agency in this manner allows to establish which groups are deemed instrumental in upholding the political order. Such a definition is particularly applicable to William, for whom relying on institutional or geographical dominance was of little use to effectuate his political agency because of Bismarck’s dominant role in the governmental executive, on the one hand, and the persistence of other German states, dynasties and identities after 1871, on the other.

The Newspaper Department of the Staatsbibliothek zu Berlin provides a rich corpus of contemporary material to subject this definition to scrutiny of the sources. In particular, the wide variety of newspapers with different political, regional and religious backgrounds offered a chance to consider in what manner and to which audiences William communicated the political order that he stood for, so as to make both his role as imperial figurehead and the monarchical form acceptable to as large a part of the population as possible. In addition, through the detailed descriptions of events that many 19th century newspapers provide, they fill in gaps in knowledge not provided by archival sources, such as about clothing or gestures. In the context of cultural history and cultural approaches to political history, these are important indicators of how power structures, political orders and the accompanying discourses are communicated.

An example drawn from newspaper accounts can make this clear. In 1876, the annual military manoeuvres were held for the first time outside Prussia, so as to include military units from other German states and contribute to the integration of the German Empire. William attended these military manoeuvres as they offered him a chance to acknowledge the other German states and dynasties. Newspaper accounts provide the details: He did this, amongst other things, by wearing the uniform or medals from the respective state he visited. As the Kreuzzeitung described the manoeuvres held in Saxony in 1876, ‘Se. Maj. der Kaiser und König, welcher durch Seine auch hier allgemein in Erstaunen setzende Frische und Rüstigkeit Freude in weitesten Kreisen und Jubel hervorrief, trug preußische große Generals-Uniform mit den Abzeichen eines General-Feldmarschalls, das lichtblaue schmal gelb geränderte große Band des K.sächsischen Militär-Heinrich-Ordens, die preußischen Kriegs-Orden und das Großkreuz des Heinrich-Ordens mit dem Lorbeerkranze, das einzige, welches mit diesem Schmucke vorhanden ist, und welches König Johann dem König Wilhelm am 9. October 1870 verliehen hat.’ Upon his departure from Leipzig after the military manoeuvres, William had published a letter to the mayor, written by either himself or the cabinet, which included his statement that ‘Mir ist hier, wo vor 63 Jahren der erste Schritt für die Vereinigung Deutschlands mit blutigen Opfern erkämpft wurde, überall eine so wohlthuende Darlegung der Sympathie für die Einigkeit Deutschlands, verbunden mit warmer und treuer Anhänglichkeit an den Landesherrn entgegengetreten, daß es Mir, ein wahres Herzensbedürfniß ist, Meiner freudigen Befriedigung hierüber Worte zu geben. Der Name der Stadt Leipzig ist bisher jederzeit unter den ersten genannt worden, wo es die Ehre und Größe Deutschlands galt.‘

Such newspaper accounts give insight into William’s political agency in two respects. First, they demonstrate how he acknowledged the dynastic-federalist nature of the German Empire. Through descriptions of the uniform he wore and the medals he had pinned on his uniform, it can be established that William used these symbols to acknowledge and underline the dynastic-federal character of the German Empire. Although the example quoted here applies to Saxony, we may assume that similar acts were carried out with regard to other German states. This suggests an active approach of William to the construction of the German Empire and challenges arguments about him as a Prussian king being a reluctant German Emperor.

The second point is the historical narrative provided by the letter William had handed to the mayor. Important here is the reference to the Napoleonic wars, and the battle of Leipzig in 1813 in particular, which is presented as a stepping stone towards eventual German unification in 1871. In this manner, William contributed to the construction of a historical narrative in which Prussia’s role in German history was underlined. Although such messages were readily relayed in private, they were written with the intention of being published in newspapers. There is a specific importance in the fact that these symbolic acts were noticed, both by the audience directly present and in newspaper coverage. Therefore, newspaper coverage provides a means to gauge to what extent William’s use of symbolic acts was circulated and popularized.

A further result of the research conducted in the Newspaper Department are much richer contours of how William framed his status and his monarchical power in relation to different geographical, religious and historical contexts. An example can illustrate this. In October 1880, William attended the dedication of the Cologne Cathedral. The Kölnische Zeitung wrote that ‘Wer immer seit zwei Mensenaltern ein Herz und einen guten Wunsch hatte für das deutsche Vaterland, der hatte auch ein Herz und eine Gabe für den Dom von Köln, und es war eine bedeutsame Fügung in dem Geschicke der Völker, das des deutschen Reiches Gründer auch des Kölner Domes Vollender sein sollte, dieses schicksalvollen Wunderwerkes, das wie kein zweites seit der ersten Grundsteinlegung bis zur Krönung seiner Türme ein Wahrzeichen und Symbol gewesen des deutschen Reiches und der Geschicke der deutschen Nation’. By contrast, the Frankfurter Zeitung wrote, more perceptively, that ‘Dieser Feier, die eine kirchliche sein soll, wohnte der Klerus nicht bei. Im Dom waren heute die zelebrierenden Priester zugegen und ein Weihbischof, welcher Kaiser Wilhelm empfing, im Uebrigen, zeigte sich weder in den Straßen, noch auf dem Festplatze ein Geistlicher. Zog man die große Menge aufgebotenen Militärs und die in Uniform erschienen Fürstlichkeiten in Betracht, so konne man eher an ein militärisches Fest glauben…’ Apart from such diverging appreciations, it is also telling that the Kölnische Zeitung spent several pages on its coverage, while the Frankfurter Zeitung’s comments come from the barely three columns on the bottom of its front page covering the event. This not only reflects these newspapers being of Catholic and of liberal orientation respectively, but also the one being a local and the other a national newspaper.

These divergences in treatment are significant in so far as they point to the workings of William’s political agency. The examples of the newspapers demonstrate that William’s symbolic acts were picked up by newspapers differently, contributing to them being circulated to a wider audience. As such, newspapers helped give contours to William’s imperial role, adapting it to different regions, social groups and confessional belongings. They helped shape perceptions of the monarchy, but it is not simply the case that newspapers forced the monarch to react. The examples demonstrate that William used this medium clearly to his own advantage. Newspapers thus extended the political leverage of the monarch, representing not just national audiences, but regional and local constituencies that could be related to and addressed. In this sense, newspapers form an important tool for analysing the political agency of nineteenth-century monarchs in general and William I in particular, because they became such important carriers of cultural meaning that went far beyond specific political decisions. As such they crafted a particular form of political influence based on dominating popular perception that a cultural approach to political history can reveal.

 

Primary sources

Frankfurter Zeitung, 17 October 1880.

Kölnische Zeitung, 15 October 1880.

Königlich Privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und Gelehrten Sachen. Vossische Zeitung, 9 September 1876.

Neue Preußische Zeitung / Kreuzzeitung, 17 September 1882.

 

Secondary literature

Biefang, Andreas, Die andere Seite der Macht. Reichstag und Öffentlichkeit im >>System Bismarck<< 1871-1890 (Düsseldorf 2009).

Biefang, Andreas, Michael Epkenhans and Klaus Tenfelde, ‘Das politische Zeremoniell im Deutschen Kaiserreich 1870-1918. Zur Einführung’ in: Andreas Biefang, Michael Epkenhans and Klaus Tenfelde, eds., Das politische Zeremoniell im Deutschen Kaiserreich 1871-1918 (Düsseldorf 2008) 11-28.

Clark, Christopher, Iron Kingdom. The rise and downfall of Prussia, 1600-1947 (Cambridge, Massachusetts 2006).

Geisthövel, Alexa, ‘Nahbare Herrscher. Die Selbstdarstellung preußischer Monarchen in Kurorten als Form politischer Kommunikation im 19. Jahrhundert’ in: Forschung an der Universität Bielefeld 24 (2002) 32-37.

Geisthövel, Alexa, ‘Den Monarchen im Blick. Wilhelm I. in der illustrierten Familienpresse’ in: Habbo Knoch and Daniel Morat eds., Kommunikation als Beobachtung. Medienwandel und Gesellschaftsbilder 1880-1960 (Munich 2003) 59-80.

Geisthövel, Alexa, ‘Wilhelm I. am ‘historischen Eckfenster’: Zur Sichtbarkeit des Monarchen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts’ in: Jan Andres, Alexa Geisthövel and Matthias Schwengelbeck eds., Die Sinnlichkeit der Macht. Herrschaft und Representation seit der Frühen Neuzeit (Frankfurt am Main 2005) 163-185.

Stollberg-Rilinger, Barbara, ‘Was heißt Kulturgeschichte des Politischen?’ in: Barbara Stollberg-Rilinger ed., Was heißt Kulturgeschichte des Politischen? (Berlin 2005) 9-24.

Schwengelbeck, Matthias, ‘Monarchische Herrschaftsrepräsentationen zwischen Konsens und Konflikt: Zum Wandel des Huldigings- und Inthronisationszeremoniells im 19. Jahrhundert’ in: Jan Andres, Alexa Geisthövel and Matthias  Schwengelbeck eds., Die Sinnlichkeit der Macht. Herrschaft und Representation seit der Frühen Neuzeit (Frankfurt am Main 2005) 123-162.

Vogel, Jakob, ‘Rituals of the ‘Nations in Arms’: military festivals in Germany and France, 1871-1914’ in: Karin Friedrich ed., Festive culture in Germany and Europe from the sixteenth to the twentieth century (Lewiston 2000) 245-264.

 

Herr Frederik Frank Sterkenburgh, The University of Warwick, war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2016 als Stipendiat an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt:“Monarchical rule and political culture in Imperial Germany: the reign of William I, 1870 – 1888”

Werkstattgespräch zu Wilhelm I. am 21. 6. 2016

Hänsel, Gretel und Zeitgeist. Werkstattgespräch zu Märchenopern am 20.10.

Wissenswerkstatt
Hänsel, Gretel und Zeitgeist. Märchenopern als Spiegel ihrer Entstehungszeit
Werkstattgespräch mit Dr. Beata Kornatowska, Adam-Mickiewicz-Universität Poznań, Polen,
2015 Stipendiatin im Stipendienprogramm der SPK
Donnerstag 20. Oktober 2016
18.15 Uhr
Schulungsraum im Lesesaal, Haus Potsdamer Straße
Treffpunkt in der Eingangshalle (I-Punkt)
Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Oper bevorzugt bekannte Stoffe, daher stellen Märchen für sie ein dankbares Objekt dar. Oft beschränken sich die Verfasser von Adaptionen, Librettisten und Komponisten nicht auf die bloße Anpassung der Vorlage an die spezifischen Anforderungen der Opernform, sondern benutzen sie als Projektionsfläche für aktuelle oder persönlich relevante Inhalte. So entstehen Interpretationen, die vom Zeitgeist und von künstlerischer Individualität geprägt sind: Dieselbe Märchenvorlage erscheint z.B. einmal im Gewand des dämonischen Pathos (Undine von E. T. A. Hoffmann), ein anderes Mal in biedermeierlicher Alltagskleidung (Undine von Albert Lortzing). An einigen Beispielen aus der deutschen Operngeschichte (Werke von E. T. A. Hoffmann, Albert Lortzing, Engelbert Humperdinck, Siegfried Wagner, Alexander von Zemlinsky) wird im Vortrag gezeigt, wie sich geistige und ästhetische Tendenzen der Entstehungszeit in den Opernwerken spiegeln, wie Märchenstoffe und Märchenfiguren gleich Schiefertafeln neu beschrieben, mit einer komischen, ironischen, psychologischen oder zeitkritischen Dimension versehen werden.

 

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Stipendienprogramm der SPK an der Staatsbibliothek zu Berlin

Fig. 1. Humboldt’s “Naturgemälde der Anden” (1807). It was originally published in 1805 as the “Tableau physique des Andes et pays voisins” with the "Essai sur la géographie des plantes". Source: Wikimedia.

Vertical Thinking in the Time of Humboldt

Gastbeitrag von Patrick Anthony, Vanderbilt University

The Prussian naturalist Alexander von Humboldt has long been celebrated for his representations of mountains. The most recognizable among them is the “Tableau physique des Andes” (or “Naturgemälde der Anden”), which depicts the botanical geography of the Ecuadorian Volcano Mt. Chimborazo (Fig. 1). But mountains were only part of the picture – or rather, the Naturgemälde (literally meaning “nature-painting”). Humboldt’s life was framed by two other vertical discoveries: that of the subterranean, around the time of his birth in 1769, and that of the submarine, in the decades preceding his death in 1859. These were not discoveries in any traditional scientific sense (e.g. the discovery of a new species or planet) but in a broader conceptual sense – discoveries of natural spaces as destinations and objects of study. Humboldt acted as a red thread between them, linking mines, mountains, and oceans.

Humboldt’s early life was marked by both an intellectual and a professional interest in the subterranean. He attended the Bergakademie in Freiberg and served as a mining official in Franconia in a time of unprecedented mobility through the cavernous underground. Beginning in the 1760s, a new wave of literature arose in which mines and caves were described by and for travellers. Franz Ludwig Cancrin, for instance, wrote his Beschreibung der vorzüglichsten Bergwerke  (1767) “in order to give dilettantes and travellers a taste of the mines” before venturing down themselves. Later, in 1793, Wilhelm Heinrich Wackenroder described the aim of his travels as “coming to know Nature over and under the earth.” Those with an eye for natural history, like Goethe, observed how geognostic phenomena “expose themselves as much through nature as through the hands of men.” Humboldt himself laid “the groundwork for a subterraneous meteorology” after discovering in the mines “the most exquisite fungi and lichen…and an entire subterraneous Creation of animals [Thierschöpfung].” At the same time, he partook in a flourishing visual culture in which mining officials and surveyors sought to depict mines, dams, land plots, geological layers, and technical apparatuses from vertical perspectives (Fig. 2).

Fig. 2. Representation of a water capstan (Wassergöpel) in a Freiberg mineshaft by J. C. Zeller (1820). Source: Sächsisches Staatsarchiv – Bergarchiv Freiberg, 40010 Bergamt Freiberg, Nr. 3100.

What the late eighteenth century had been for the subterranean, the mid-nineteenth century was for the ocean. This was particularly true in England and America, but also to a lesser extent in German lands. Above the waves, as Helen Rozwadowski and Michael Reidy have written, “the ocean transformed from highway to destination.” Below them, oceanographers like Matthew Fontaine Maury (Director of the U.S. Naval Observatory) believed their sounding leads had revealed a “telegraphic plateau” where a cable might be laid to connect the Old and New Continents. From Berlin in 1856, Humboldt read in the National Intelligencer  that the bottom of the Atlantic had been “found of down-like softness” over which “our beautiful ocean river glides along…as gently as the current of time.” Moreover, even the deepest parts of the ocean were found to contain a variety of “life-forms [Lebensformen].” As Humboldt’s protégé Christian Gottfried Ehrenberg proclaimed before the Königliche Akademie der Wissenschaften in 1856, “animal life…lifted 16,200 feet out of the depths” now made it impossible “to take the form-rich ocean bed for dead” (Fig. 3).

Fig. 3. “Drawings of Brooke’s Deep-sea Sounding Apparatus, for bringing up specimens from the bottom.” Source: Matthew Fontaine Maury, “Physical Geography of the Sea”, New York: Harper & Brothers Publishers, 1855.

Evidence suggests that Humboldt and his contemporaries also conceptualized the subterranean and the submarine in similar ways, employing mountains as measuring rods with which to imagine spaces hidden beneath the surface of the earth and its oceans. In Kosmos,  for example, Humboldt calculated “a vertical distance of about 48,000 feet…from the highest pinnacles of the Himalayas to the lowest basins containing the vegetation of an earlier world, sunk as far below the surface of the sea as Chimborazo is elevated above it.” Similarly, in the documents Humboldt kept in his “Sea and Depths” folder, we see how mountains could be used to reckon the depths of the ocean. On one note (Fig. 4) Humboldt observed how British naval officer James Clark Ross described the deepest point of the ocean as being “beneath its surface very little short of the elevation of Mount Blanc above it.” Beside this note is a letter from the Irish astronomer Edward Sabine, who in 1853 wrote to Humboldt “of a successful attempt which has been made by Captain Denham of the Royal Navy … to reach the bottom of the sea at a depth much exceeding that of the highest summits of the Himalaya.” Humboldt’s notes on the summits of the Himalaya illustrate the same method in reverse, now using the depths of the ocean to take stock of the heights of mountains. When in 1849 Joseph Dalton Hooker sent Humboldt the latest measurements of Tibet’s tallest peaks, the latter compared them not only with Chimborazo and Montblanc, but also with “sea soundings [by] Ross” (Fig. 5).

Fig. 4. (Left) Humboldt’s notes on James Ross’s A Voyage of Discovery and Research in the Southern and Antarctic Regions (1847). Notice especially: “Tiefe des Meeres wie Montblanc James Ross T. I p. 26.” Fig. 5. (Right) Humboldt’s notes on personal letters from Joseph Dalton Hooker. In the center of the page, below Mt. Ararat, are the words “Sonde Meer Roß 25990 par[iser] F[uss].” Source: SBB-PK, Nachl. Alexander von Humboldt, gr. Kasten 11, Nr. 72, Blatt 7r and gr. Kasten 8, Nr. 48a, Blatt 4r. Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/

Fig. 4. (Left) Humboldt’s notes on James Ross’s “A Voyage of Discovery and Research in the Southern and Antarctic Regions” (1847). Notice especially: “Tiefe des Meeres wie Montblanc James Ross T. I p. 26.” Fig. 5. (Right) Humboldt’s notes on personal letters from Joseph Dalton Hooker. In the center of the page, below Mt. Ararat, are the words “Sonde Meer Roß 25990 par[iser] F[uss].” Source: SBB-PK, Nachl. Alexander von Humboldt, gr. Kasten 11, Nr. 72, Blatt 7r and gr. Kasten 8, Nr. 48a, Blatt 4r. Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/

In this way, Humboldt’s Nachlass at the Staatsbibliothek zu Berlin reveals the final decades of his life as a period in which the observable world seemed to expand ever more along nature’s vertical axis. In the same years that estimations of the ocean’s deepest point descended from the 4,600 fathoms sounded by Ross to the 7,000 probed by Denham, the roof of the world grew from Chimborazo, measured by Humboldt himself at 20,100 Paris feet, to Kinchinjunga, reported by Hooker at 26,400 (Fig. 6). It was during this dynamic period that Humboldt, Ross, and Sabine had learned to use one aspect of nature to make sense of another: mountains became the means of a depth-epistemology.

Fig. 6. Joseph Dalton Hooker’s letter of 26 April 1849 to Humboldt, containing a sketch of the Himalaya and “Plains of India.” It shows his route in red and the snow line in blue. Source: SBB-PK Nachl. Alexander von Humboldt, gr. Kasten 8, Nr. 41b, Blatt 10 r. Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/

In a 1799 publication on “species of gas” in mines, Humboldt proclaimed “Nature knows no over- and underground.” His aim was not to dissolve the barrier between the terrestrial and the subterrestrial, but to acknowledge the equal significance of scientific inquiry in both realms. In 1853, he made a related conceptual maneuver while communicating Sabine’s letter to the Königliche Akademie – or rather, while assimilating Denham’s soundings into an interpretive framework animated by his quest for a totalizing “physical description of the earth.” After reporting that the ocean’s deepest point was beyond earth’s tallest measuring rod—“nearly 17,000 Paris feet greater than the heights of Kintschinjunga”—Humboldt argued that “only once we view the earth like the moon, without its liquid shroud, will the mountain-masses and peaks, indeed the entire surface of the earth, appear in their true form.” By acknowledging the equal significance of geography above and below the surface of the sea, Humboldt’s conception of islands as the peaks of submerged mountains had taken on a global significance.

Fig. 7. “Vertical Section – North Atlantic” from Matthew Fontaine Maury’s “Physical Geography of the Sea” (1855). By David Rumsey; Source: www.davidrumsey.com. Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/

Humboldt’s historical legacy is bound to that of Mt. Chimborazo, and rightly so. Matthew Fontaine Maury, who self-consciously used Humboldt’s phrase in the title of his book Physical Geography of the Sea (1855), also took part in the Chimborazo legacy while introducing his vertical profile-map of the North Atlantic (Fig. 7). “From the top of Chimborazo to the bottom of the Atlantic,” Maury wrote, “the distance in a straight line, is nine miles.” Four years earlier, in 1851, Maury had written to Humboldt about his plans “to present a vertical section of the Atlantic basin and compare it with a vertical section of this continent between the same parallels.” Maury’s nature, too, knew no over and under. And if in 1809 Humboldt wrote of his endeavor “to represent whole countries after a method, which until now has only been applied in mining and canal projects” – that is, by depicting landscapes from aerial and vertical perspectives (Fig. 8) – Maury now represented whole oceans as such.

Fig. 8. A multiple perspective depiction (Grund- und Durchschnittsriss) of a mine-reservoir dam near Freiberg by August Friedrich Bollner (1796). Source: Sächsisches Staatsarchiv – Bergarchiv Freiberg, 40010 Bergamt Freiberg, Nr. 2927.

Humboldt and Maury were respectively interested in extracting metal ore from the depths of the earth and laying telegraphic cables along those of the ocean. But metals—in their ore and cable forms – were not the only things circulating above and below nature’s horizontal axis. Humboldt yielded from the mines a way of thinking about, describing, and representing nature that Maury transposed into the sea. It is fitting, then, that perhaps the most apt verses to describe this way of thinking are found on the bell in St. Peter’s Tower in Freiberg, whose tolling once sounded the daily rhythm of the miners:

Auf, Auf, zur Grube ruf’ ich Euch,

ich die ich oben steh;

so offt Ihr in die Tiefe fahrt,

so dencket in die Höh.

 [“Up, up, to the mines, I call you / I, who stand above / So often as you go into the depths / Think up to the heights.”]

How true indeed this rings for Humboldt and the vertical thinkers of his time.

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References

Archival Sources

  • Nachlass Alexander von Humboldt, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
  • Sächsisches Staatsarchiv – Bergarchiv Freiberg
  • Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg

Primary Sources in Print

  • Alexander von Humboldt, Die Jugendbriefe Alexander von Humboldts, 1787-1799, herausgegeben von Ilse Jahn und Fritz G. Lange, Berlin: Akademie Verlag, 1973.
  • Alexander von Humboldt, Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung, Stuttgart und Tübingen, J.C. Cotta’scher Verlag, 1845.
  • Alexander von Humboldt, Versuch über den politischen Zustand des Königreichs Neu-Spanien, Tübingen: J. G. Gotta’schen Buchhandlung, 1809.
  • Captain Sir James Ross, A Voyage of Discovery and Research in the Southern and Antarctic Regions, During the Years 1839-43, London: 1847.
  • Franz Ludwig Cancrinus, Beschreibung der vorzüglichsten Bergwerke, Frankfurth an dem Main, 1767.
  • Friedrich Alexander von Humboldt, Ueber die unterirdischen Gasarten und die Mittel, ihren Nachtheil zu vermindern: Ein Beytrag zur Physik der praktischen Bergbaukunde, Braunschweig: Friedrich Vieweg, 1799.
  • Ingo Schwarz (Hg.), Alexander von Humboldt und die Vereinigten Staaten von Amerika. Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung, 19. Briefwechsel, Berlin: Akademie Verlag, 2004.
  • Johann Wolfgang von Goethe, Johann Wolfgang von Goethe Sämtliche Werke, Band 12. Zur Naturwissenschaft überhaupt, herausgegeben von Hans J. Becker, Gerhard H. Müller, John Neubauer und Peter Schmidt, München: Carl Hanser Verlag, 1989.
  • Matthew Fontaine Maury, Physical Geography of the Sea, New York: Harper & Brothers Publishers, 1855.
  • Wilhelm Heinrich Wackenroder, Reisebriefe, herausgegeben von Heinrich Höhn, Berlin, 1938.

Secondary Sources

  • Ingo Schwarz und Gerhard Kortum, “Alexander von Humboldt and Matthew Fontaine Maury—two pioneers of marine sciences,” Historisch-Meereskundliches Jahrbuch. Band 10, Straslund, Germany: Deutsches Meeresmuseum, 2003/4, 157-185.
  • Michael S. Reidy and Helen M. Rozwadowski, “The Spaces in Between: Science, Ocean, Empire,” Isis 105, no. 2 (2014): 338-351.

 

Herr Patrick Anthony, Vanderbilt University (Nashville, TN), war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2016 als Stipendiat an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt: “Alexander von Humboldt’s First Journey: Learning Weltbürgertum from Georg Forster”

Werkstattgespräch zur Sexualerziehung in Deutschland 1900 bis 1980 am 20.9.

Wissenswerkstatt
Empfängnisverhütung in der Sexualerziehung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, 1900-1980
Werkstattgespräch mit Dr. Lutz Sauerteig (Durham University, UK)
2016 Stipendiat im Stipendienprogramm der SPK

Dienstag, 20. September
18.15 Uhr
Schulungsraum im Lesesaal, Haus Potsdamer Straße
Treffpunkt in der Eingangshalle (i-Punkt)

Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Fortpflanzung ist eines der zentralen Themen in der Sexualaufklärung für Kinder und Jugendliche. Gleichzeitig ist es auch ein problematisches Thema, das Sexualerziehern über Jahrzehnte hinweg Kopfschmerzen bereitet hat. Zwar sollten Jugendliche auf ihre Rolle als zukünftige Mütter oder Väter vorbereitet werden und eine positive Einstellung zu Schwangerschaft und Familie entwickeln. Aber man wollte keinesfalls ihre Aufmerksamkeit frühzeitig auf Sexualität lenken. Bis in die 1960er Jahre hinein zielte Sexualerziehung daher darauf, junge Menschen vor den Gefahren nichtehelicher Sexualität zu warnen. Von Empfängnisverhütung war daher in der Sexualaufklärung kaum oder nur in einem äußerst negativen Sinne die Rede.

Dies änderte sich in den 1960er Jahren, als sich sowohl die sexualmoralischen Vorstellungen wie auch das Sexualverhalten von Jugendlichen wandelten. Wie der Vortrag anhand von Beispielen aus Aufklärungsbüchern und Artikeln in Jugendzeitschriften zeigen wird, begannen Sexualerzieher nun eine neue Moral zu propagieren. Diese neue Moral basierte auf dem Prinzip, dass gleichberechtigte Partner sich über alle Fragen ihres Sexuallebens miteinander zu verständigen hatten, einschließlich der Verhütung. Die ‘Verhandlungsmoral‘ gestattete Jugendlichen einvernehmliche sexuelle Beziehungen, übertrug ihnen aber gleichzeitig die Verantwortung für die Folgen ihres Handelns. Jugendliche hatten, bevor sie sexuelle Beziehungen eingingen, sowohl die Techniken und Praktiken der Empfängnisverhütung wie auch die Prinzipien der Verhandlungsmoral zu erlernen. Sie wurden dabei von einer Vielzahl von Aufklärungsmaterialen unterstützen, die sie über Verhütung informierten und ihnen Skripte für das Aushandeln sexueller Beziehungen lieferten.

Während die sogenannte sexuelle Revolution der späten 1960er Jahre gewöhnlich im Kontext von Liberalisierung und mehr Freiheit gesehen wird, wird der Vortrag einen anderen Schwerpunkt setzen und die Kosten der neu gewonnenen Freiheit betonen.

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Stipendienprogramm der SPK an der Staatsbibliothek zu Berlin

Wer übersetzte „Die Dämonen“ für Dostojewskis Sämtliche Werke beim R.-Piper-Verlag?

Gastbeitrag von Dr. Galina Potapova

Ein kleiner Fund in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin wirft ein neues Licht auf die frühe Phase der Arbeit an den Sämtlichen Werken von Fjodor Dostojewski , die unter der Herausgeberschaft von Arthur Moeller van den Bruck ab 1906 beim R.-Piper-Verlag in München erschienen und das Dostojewski-Bild im Deutschland des 20. Jahrhunderts weitgehend prägten.

In der Forschung wurde bisher angenommen, frühe Manuskripte der Übersetzungen für die Pipersche Ausgabe existieren nicht mehr. Der Nachlass von Moeller van den Bruck in der Staatsbibliothek ist nämlich nur ein Teilnachlass. Der größere Teil wurde wahrscheinlich durch die Luftangriffe in Berlin am Ende des 2. Weltkriegs vernichtet. Was heute in der als „Notizen zur Herausgabe der Werke Dostojewskis“ betitelten Mappe des Teilnachlasses in der SBB liegt, sind nur wenige Blätter mit chronologischen Verzeichnissen und weiteren begleitenden Materialien. Für ewig verloren sind auch die meisten frühen Materialien zur Dostojewski-Ausgabe im historischen Archiv des Piper-Verlags  (heute im Deutschen Literaturarchiv Marbach, DLA): Ein Bombentreffer zerstörte während der Luftangriffe auf München das ganze Verlagsgebäude.

Um so wertvoller sind einige Fragmente der Übersetzung, die im Berliner Teilnachlass Moellers doch erhalten sind. Sie liegen aber nicht in der Mappe „Notizen zur Herausgabe der Werke Dostojewskis“, sondern verstecken sich unter den „Gedichtentwürfen“ und „Notizen zu Verschiedenem“ der zweiten Ehefrau Moellers, Lucy Moeller van den Bruck (geborene Kaerrick; geb. 1877 in Pernau, damals Livland, eine der ostseeischen Provinzen des Russischen Reiches; gest. 1965 in Berlin-Wilmersdorf).

Auf den Vorderseiten dieser fünf Blätter stehen Lucys Notizen, die den im Nachlassverzeichnis benannten Rubriken entsprechen. Die durchgekreuzten Rückseiten gehörten ursprünglich zum Manuskript der „Dämonen“. Das ist ebenfalls die Hand von Lucy Moeller van den Bruck. Alle fünf Seiten, die mit den Zahlen 681, 683, 685, 688 und 689 paginiert sind, stammen aus dem 3. Kapitel des 3. Teils des Romans.

Handschriftenabteilung der SBB, Nachlass Moeller van den Bruck, Arthur. Kasten 12, Mappe 11

Lucys Sofortkorrekturen treten in großer Menge auf. Stilistische Korrekturen von Arthur Moeller van den Bruck bilden die zweite Handschriftenschicht. Die Textgestalt, die im Endeffekt entsteht, entspricht dem Text der „Dämonen“-Ausgabe von 1906. „Die Dämonen“ erschienen damals als erstes Werk in der ganzen Piperschen Ausgabe. Mit dem Fund in der Handschriftenabteilung haben wir nun also ein kleines handschriftliches Fragment dieses Erstlings-Bandes.

Der Wert dieses Fundes ist nicht nur museal. Die entdeckten fünf Blätter tragen auch zur literarhistorischen Forschung bei. Sie helfen bei der Klärung der Frage, von wem in der frühen Phase der Arbeit an der Piperschen Ausgabe die Übersetzung eigentlich geleistet wurde, die unter dem Pseudonym „E. K. Rahsin“ erschien. Für gewöhnlich setzt man diesen erfundenen Namen mit der jüngeren Schwester von Lucy Moeller van den Bruck gleich: Elisabeth (Less) Kaerrick (1886-1966). Christoph Garstka wies in seiner Monographie „Arthur Moeller van den Bruck und die erste deutsche Gesamtausgabe der Werke Dostojewskijs im Piper-Verlag“ (Frankfurt am Main [u. a.], 1998) darauf hin, dass man mit solcher Gleichsetzung vorsichtig sein muss, wenn man von den Erstausgaben der Dostojewski-Bände redet. Garstka äußerte eine Hypothese, dass am Prozess der Übersetzung neben Less Kaerrick verschiedene Personen teilnahmen, u. a. Lucy Moeller van den Bruck.

Mit dem Fund in der Handschriftenabteilung der SBB kann die Mitarbeit (d. h.  z u m i n d e s t  die Mitarbeit) Lucys an der Übersetzung der „Dämonen“  als bewiesen gelten. Wenn man diesen Fund gleichzeitig mit einigen anderen, biographischen Zeugnissen analysiert, kann man weiter gehen und sich fragen: Ist die bisher als selbstverständlich angenommene These, dass auch die jüngere Schwester, Less Kaerrick, von Anfang an für die Pipersche Dostojewski-Ausgabe als Übersetzerin tätig war, wirklich gültig?

Eine definitive Antwort auf diese Frage zu geben, ist anhand der fünf Handschriftenblätter nicht möglich. Letztlich gehören sie alle zu einem einzigen Kapitel des Romans. Unzweifelhaft steht dennoch fest: Uns liegen die Seiten aus dem 3. Kapitel des 3. Teils vor, und dies bedeutet, dass drei Viertel des Romans bereits übersetzt sind. Inwieweit ist es glaubwürdig anzunehmen, dass Lucys jüngere Schwester zu diesem Zeitpunkt eventuell frühere Kapitel übersetzt haben konnte? Daran muss man zweifeln, wenn wir einen weiteren Fund in Berliner Archiven in Betracht ziehen, und zwar: im Bundesarchiv  Berlin-Lichterfelde.

Aus der dort erhaltenen Autobiographie von Less Kaerrick, die sie 1938 für die Reichsschrifttumskammer verfasste, lässt sich schließen, dass ihr „Mitarbeit an Übersetzungen“ (d. h. an den Dostojewski-Übersetzungen) nicht früher als Mitte des Jahres 1906 angeboten wurde (BArch, ehem. BDC, RKK, Akte „Kaerrick, Elisabeth“). Kaerrick berichtet in diesem Dokument, dass ihr Vater, der reiche Kaufmann August Georg Kaerrick, 1906 bankrott wurde (der genaue Monat ist nicht genannt), und dass sie selbst in der ersten Zeit nach dem finanziellen Schicksalsschlag mit Sprachunterricht ihr Geld verdiente. „Bald darauf“, setzt Kaerrick fort, „wurde mir Mitarbeit an Übersetzungen angeboten“ (ibid.). Selbst wenn wir annehmen, die Pleite des Vaters geschah am Anfang des Jahres – auch in diesem Fall müssen wir für Kaerricks Tätigkeit als Sprachlehrerin einige Monate einkalkulieren. Allerdings sind „Die Dämonen“, ein ca. 1000 Seiten dicker Roman, bereits Ende Juli 1906 erschienen. Angesichts dieser Tatsachen muss man den Schluss ziehen: Die Teilnahme an Dostojewski-Übersetzungen wurde Less Kearrick nicht am Anfang des ganzen editorischen Unternehmens angeboten, sondern zu einem Zeitpunkt, als das erste Werk in der Piperschen Ausgabe, „Die Dämonen“, vollständig übersetzt bzw. nahe dem Schluss war.

Dostojewski F. M.: Die Dämonen. München: Piper, 1906. (Hardcover); Signatur: Zn 12182-1,6

Dostojewski F. M.: Die Dämonen. München: Piper, 1906. (Hardcover); Signatur: Zn 12182-1,6

Auch einige Textproben aus den „Dämonen“ in der Erstausgabe und aus den anderen Piperschen Dostojewski-Bänden lassen ernsthaft die Hypothese erwägen, dass „Die Dämonen“ für die Pipersche Erstausgabe n i c h t von Less Kaerrick übersetzt wurden.

Die translatorische Vorgehensweise ist in der Erstausgabe der „Dämonen“ wesentlich anders als z. B. in der Übersetzung des „Idioten“  , die 1909 erschien und definitiv von Less Kaerrick stammte (dazu s. den Brief von Less Kaerrick an Reinhard Piper vom 31.10.1915, DLA). Es genügt, nur die Anfänge der „Dämonen“ und des „Idioten“ mit den russischen Originalen zu vergleichen, um festzustellen: Im Unterschied zur Übersetzung des „Idioten“, in der grundsätzlich keine Informationen des Originaltextes verlorengehen (als Makel kann man, im Gegenteil, mehrere zu stark erläuternde und interpretierende Wendungen anmerken), trifft man in der Übersetzung der „Dämonen“ immer wieder auf Verluste kleiner, aber wesentlicher Inhalte des Originaltextes. Vgl. dazu Less Kaerricks eigene Äußerung im oben erwähnten Brief an R. Piper: „ In meinen Übersetzungen aber wüsste ich kein Wort, das ich absichtlich weggelassen hätte, außer in den Politischen und Literarischen Schriften, doch da war es etwas ganz anderes“ (DLA).

Ein indirektes Indiz dafür, dass der Roman „Die Dämonen“ noch nicht von Less Kaerrick übersetzt wurde, sind enorme Mengen an Korrekturen jeder Art, die sie später ausgerechnet bei den Revisionen der „Dämonen“ vornahm. Diese Revisionen wurden bereits für die Neuauflagen von 1918, 1919,  1921 und 1922  durchgeführt, und später dann noch einmal, bei der neuen Überarbeitung der Dostojewski-Ausgabe nach dem 2. Weltkrieg. Auch andere Bände wurden von Less Kaerrick für die Neuauflagen korrigiert; mit den „Dämonen“ geschieht dies jedoch viel radikaler als sonst. Beim Vergleich der neuüberarbeiteten Ausgabe des Romans von 1956  mit der Erstausgabe von 1906 entsteht der Eindruck: Die Übersetzungen unterscheiden sich so stark, als ob sie von zwei verschiedenen Menschen geleistet wurden. Es kann sein, der Eindruck täuscht nicht: Es war auch wirklich ein anderer Mensch, der „Die Dämonen“ für die Erstausgabe übersetzte, und Less Kaerrick korrigierte dann später nicht ihre eigenen, sondern die fremden Fehler.

In diesem Zusammenhang muss zum Schluss auf eine ungewollte Ungerechtigkeit gegenüber der Übersetzerin „E. K. Rahsin“ hingewiesen werden, die in der translationswissenschaftlichen Studie von Marina Kogut geschieht (Marina Kogut: Dostojevskij auf Deutsch. Vergleichende Analyse fünf deutscher Übersetzungen des Romans „Besy“. Frankfurt a. M. 2009). Die Autorin nahm zum Vergleich mit vier anderen deutschen „Dämonen“-Übersetzungen ausgerechnet die Pipersche Erstausgabe von 1906; die späteren massiven Überarbeitungen in mehreren Neuauflagen (von 1918 bis 1956) blieben unerwähnt. Die Vorgehensweise von Kogut ist einerseits legitim: Die Übersetzung von 1906 ist eine literarische Tatsache, und es mag scheinen, sich um den Fragenkomplex zu kümmern, wer und wann was übersetzt oder überarbeitet hat, sei eine ausschließlich biographische Fragestellung. Andererseits ist der Umstand, dass der Text der Piperschen „Dämonen“-Übersetzung mehrmals revidiert wurde und immer näher an den Wortlaut des russischen Originals kam, ebenfalls eine literarische und keineswegs nur eine biographische Tatsache. Und es ist mit Sicherheit ungerecht, das Verdienst der Piperschen Dostojewski-Ausgabe in der Geschichte der deutschen Dostojewski-Übersetzungen nur an der ersten, am leichtesten angreifbaren Probe, der Ausgabe der „Dämonen“ von 1906, zu messen, und die ganze weitere, lange und qualvolle Geschichte ihrer allmählichen Perfektionierung ganz aus dem Auge zu verlieren.

 

Frau Dr. Galina Potapova, Russische Akademie der Wissenschaften St. Petersburg, war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2016 als Stipendiatin an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt: “Arthur Moeller van den Bruck als Herausgeber der ersten deutschen Gesamtausgabe der Werke Dostoevskijs”

Werkstattgespräch zur Piperschen Dostojewski-Ausgabe am 26. 5. 2016