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War das frühneuzeitliche Polen ein Bärenland?

Gastbeitrag von Dr. Jacek Kordel

Jacek Kordel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität Warschau, interessiert sich für das Bild der polnisch-litauischen Adelsrepublik im Jahrhundert der Aufklärung.  Er untersucht die antipolnische Propaganda, die in der Epoche der drei Teilungen (1772, 1793, 1795) von den Teilungsmächten, besonders von den Höfen in Petersburg und Berlin, in einem geringeren Umfang auch in Wien, betrieben wurde. Sie sollte die politischen Maßnahmen Russlands, Preußens und Österreichs begründen und rechtfertigen. Die Forschung Kordels setzt sich zum Ziel, die „mediale Polenpolitik“ Friedrichs des Großen und Katharinas der Großen zu analysieren und die Frage zu beantworten, auf welche Art und Weise und in welchem Ausmaß an der Newa und an der Spree versucht wurde, die aufgeklärte Öffentlichkeit – Philosophen, Schriftsteller, Historiker und Dichter – zu inspirieren, zu beeinflussen und für die eigenen Zwecke zu gewinnen. Die propagandistischen Mittel basierten weitgehend auf Vorurteilen, sowohl auf den konstruierten, d. h. von oben herab entwickelten und weitergegebenen Bildern, als auch auf den realen Vorstellungen, die in der Gesellschaft tief verwurzelt waren. Eine davon bildete im frühneuzeitlichen Europa das Bild Polens als eines Bärenlandes.

Völkertafel / um 1725 in der Steiermark entstandenes Gemälde(https://commons.wikimedia.org/wiki/File:V%C3%B6lkertafel.jpg) - Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/publicdomain/mark/1.0/

Völkertafel

Beginnen wir mit der „Kurzen Beschreibung der in Europa befindlichen Völker und ihrer Eigenschaften“, der sogenannten Völkertafel, einer Anfang des 18. Jahrhundert in der Steiermark entstandenen illustrierten Zusammenstellung von zehn europäischen Nationen. Jedes Volk wird in einer Tabelle durch 17 Eigenschaften gekennzeichnet. Unter diesen Kategorien finden wir u. a. „Natur und Charakter“, „Verstand“, „Wissenschaften“, „Kleidung“, „Untugenden“, „Kriegstugenden“. In der Kategorie „Gegenstück in der Tierwelt“ wurden die Polen mit einem Bären verglichen.

Dies lässt sich zweifellos auf die verhältnismäßig große Bärenpopulation in den polnischen und litauischen Wäldern zurückführen. Ein Bär, eines der mächtigsten Tiere, die in den Forsten des alten Kontinentes lebten, stellte ein Symbol für die Größe und die Stärke des polnisch-litauischen Staatsverbands dar. Es ist nicht auszuschließen, dass er gleichzeitig auf die rohen Sitten und unedlen Bräuche seiner Bewohner hinwies. Eine Rolle konnten auch etymologische Überlegungen spielen. Als Sebastian Klonowic, ein polnischer Schriftsteller und Dichter, gegen Ende des 16. Jahrhunderts Rotruthenien beschrieb, verwendete er ein lateinisches Wortspiel: Russia-Ursia:

Russia, si mutes apices ex ordine primos,

Non inconveniens Ursia nomen erit.

[Russia – sobald du die ersten Buchstaben vertauschst,

kommt ein passender Name für das Bärenland heraus – Ursia.]

Klonowic, Sebastian: Roxolania : Bl. 16v – Quelle: Polona – Lizenz: Domena Publiczna

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[Sebastian Klonowic], Roxolania, Cracoviae 1584, Bl. 16v, s. a. in Polona, der digtalen Bibliothek der Biblioteka Narodowa: https://polona.pl/item/roxolania-sebastiani-svlmyrcensis-acerni,ODczMzIzOA/2/#info:metadata

Klonowic, Sebastian: Roxolania : Titelblatt – Quelle: Polona – Lizenz: Domena Publiczna

Wappen Samogitiens / Bastian (vector version) – Nutzungsbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/

 

Den Bären finden wir auch in der Heraldik. Als Stadtwappen von Vilnius wurde er in der Chronik des Konzils von Konstanz (1414-1418) dargestellt. Ein schwarzer Bär auf grünem Wappenschild wurde lange als eines der gleichberechtigten Hoheitszeichen des Großfürstentums Litauen betrachtet. Während das Wappen Pogoń, ein weißer Ritter auf einem springenden Pferd, den Bären aus seiner Stellung verdrängte, etablierte dieser sich, in Rot, als Wappenzeichen Samogitiens. Auf den Siegeln der litauischen Großfürsten tauchte ein Bär als Symbol für die Kiewer Rus auf. Erst am Ende des Mittelalters wurde der Bär allmählich durch das Bild des Erzengels Michael ersetzt. Es ist aber zu beachten, dass noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts die Ansicht vertreten wurde, dass das eigentliche Wappen der Woiwodschaft Kiew eine aus einem Engel und einem Bären zusammengesetzte Hybride gewesen sei.

 

Der Bär gilt heute als ein Sympathieträger. In der europäischen Schatzkammer der Motive und Symbole repräsentierte er jedoch eher negative Elemente. In der kirchlichen Tradition wurde der Bär mit dem Teufel, dem Vollstrecker der ewigen Verurteilung assoziiert, stellte ein Symbol für böse Mächte und Dämonen dar, die aus der Hölle zur Erde geschickt wurden. Mit dem Stempel der Teufelei war auch der Wolf gekennzeichnet, der auf der Völkertafel mit Ungarn identifiziert wurde, und ebenso der Fuchs, der hier die Franzosen versinnbildlichte. Die Deutschen wurden wiederum durch einen Löwen symbolisiert, der auch mit dem Teufel verglichen wurde, obwohl er gleichzeitig auch ein Bild von Christus, der den Teufel besiegte, darstellen konnte. Die Bären waren Geschöpfe der teuflischen Gewalt, die das Gottesvolk bedrohten. Wenn sie nicht den Teufel selbst symbolisierten, verkörperten sie verschiedene Sünden, besonders die Hauptsünden, vor allem Lust, Stolz, Gewalt, Wut und Faulheit. In der polnischen Tradition wurden die Bären manchmal auch mit den Sündern verglichen. In dieser Konfiguration wurde die Rolle des Teufels durch den Bärenführer übernommen.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stießen die polnischen Bären auf reges Interesse in fast ganz Europa. Dies ist den Geschichten von Kindern, die in den litauischen Urwäldern verloren oder verlassen und von Bären aufgezogen wurden, zu verdanken. Verbreitet wurden sie ganz eifrig von den zahlreichen in Polen weilenden Ausländern.

Antoine de Gramont, ein Sohn des Marschalls von Frankreich, der sich während der Herrschaftsjahre Johann Kasimirs II. (1648-1668) in der polnisch-litauischen Adelsrepublik aufhielt, beschrieb den Fall eines Jungen, der 1663 den Bären fortgenommen und nach Warschau gebracht worden sei. Die litauischen Bauern aus der Nähe von Vilnius oder Kaunas mögen während einer Bärenjagd ein Weibchen mit ein paar Kleinen und einen mehrjährigen Jungen erblickt haben. Er sei ganz nackt gewesen, auf allen Vieren gegangen, habe Gras gegessen und Tiersprache gesprochen. Auf Befehl der Königin Luisa Maria Gonzaga sei das Kind in die Hauptstadt gebracht und den Barmherzigen Schwestern zur Erziehung übergeben worden. In einem Zeitraum von mehreren Monaten hätte er jedoch kein Wort auf Polnisch gelernt und nur solche Geräusche gemacht, die dem Bärengebrüll ähneln. Das Kind habe ernsthafte Schwierigkeiten gehabt, aufrecht zu bleiben, und hätte sich eher wie ein Tier bewegt. Einmal, schrieb der Franzose, als ihm ein im königlichen Palais gezüchteter Bär gebracht worden sei, habe er an ihm mit größter Zärtlichkeit angelegen. Als er danach eine große Portion rohes Rindfleisch bekommen habe, hätte er es gierig geschlungen. Abgesehen davon, dass er keine Klauen hatte und menschlicher Gestalt war, war er nach de Gramonts Meinung in Aussehen, Bräuchen, Geschmack und Kommunikationsart ganz tierisch. Seinen Bericht krönte er mit dem Schluss, dass ein Mensch, der von Anfang an durch Tiere erzogen worden sei, für das ganze Leben ein Tier bleiben müsse.

Viele Ausländer schenkten diesen Geschichten Glauben, darunter auch Bernard Connor, ein irischer Naturforscher, Hofarzt des polnischen Königs Johann III. Sobieski (1674-1696). In seiner „Beschreibung des Königreichs Polen und Groß-Herzogthums Litthauen” notierte der Ire: „Dieses versicherte mich der König selbst nebst unterschiedlichen reichs-räthen und andern hohen personen des königreichs. Ja, es ist der gemeine und ungezweiffelte bericht im gantzen königreiche. Ferner sagen sie auch, daß, wenn ein hungriger bär männliches geschlechts ein kind, welches man aus sorglosigkeit irgendswo liegen lassen, finde, er solches alsofort zerreisse; finde aber eine säugende bärin dasselbige, werde sie es alsofort in ihre höle tragen und nebst ihren jungen säugen und erziehen, welches dann offt nach einiger zeit von denen jägern gefangen und aus ihren klauen errettet werde.“ [Bernard Connor, Beschreibung des Königreichs Polen und Groß-Hertzogthums Litthauen, Bd. 1, Leipzig 1700, S. 390]

Darstellung einer Bärin, die ein verlassenes Kind säugt. Aus: Connor, Bernard : The History of Poland. – London, 1698, nach S. 342. – Public Domain

Die Entführung eines Kindes, meist eines Jungen, der in der Bärenhöhle von Jägern gefunden und befreit wird, kommt in der Volksüberlieferung vieler Länder vor. Die Sagen über „Bären-Kinder“ wurden in verschiedenen Kulturkreisen erzählt. Im Mittelalter manifestierte sich das Motiv der „Bären-Söhne“ vor allem in der angelsächsischen und skandinavischen Literatur, trat aber auch in anderen Traditionen auf. Geschichten über Kinder, die von Bären entführt, gefüttert und versorgt wurden, waren auch in der frühen Neuzeit bekannt. Besonders lebendig war dieses Thema in Skandinavien, in der Türkei, unter den Völkern Sibiriens und den nordamerikanischen Indianern. Am Beispiel der Sagen über die „Bären-Kinder“ können wir den Mechanismus betrachten, wie die Vorstellungen über verschiedene Länder und Nationen gestaltet, wiederholt und gefestigt wurden. Glauben wurde verschiedenen, nicht selten ganz unwirklichen Geschichten geschenkt. In den Reiseberichten und geographischen Kompendien wurden zahlreiche Mirabilien erwähnt, überraschende und seltsame Phänomene beschrieben. Nicht ohne Bedeutung war die Rücksicht auf den Leser, der phantasieanregende Berichte über die vom Menschen noch nicht erforschten Gebiete und Gelände wünschte.

Im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde die polnisch-litauische Adelsrepublik immer noch mit den Bären assoziiert. Als Georg Forster, ein bekannter Naturforscher und Weltumsegler, 1784 an die Universität Vilnius als Professor für Naturgeschichte berufen wurde, schrieb er an seinen Freund Friedrich Justina Bertuch: „Wissen Sie schon, daß ich Cassel auf immer verlasse, und unter die Bären in Litthauen ziehe“ [Georg Forster an Friedrich Justina Bertuch, Kassel, 2. April 1784, Georg Forsters Werke. Sämtliche Schriften, Tagebücher, Briefe; Bd. 14 : Briefe 1784 – Juni 1787, bearb. von B. Leuschner, Berlin 1978, S. 37].

In der Epoche der drei Teilungen Polens finden wir in der aufgeklärten Debatte den Bären nicht. In den preußischen, russischen und österreichischen Schriften, die die Tilgung der Adelsrepublik von der europäischen Landkarte begründen und rechtfertigen sollten, taucht das Tier nur indirekt auf.  Insgesamt ergibt die Publizistik der Teilungsmächte das folgende Bild: Der polnisch-litauische Staatsverband sei ein großer, aber schwerfälliger und klobiger Körper gewesen, mit einer in Lethargie gefallenen Gesellschaft, die wilde und rohe Sitten und Bräuche kultiviert hätte. Ist eine Assoziation mit dem Bären berechtigt?

In dieser Hinsicht wurde Polen erst im 19. Jahrhundert durch Russland ersetzt, in dem wir heutzutage unbestreitbar ein Bärenland sehen.

 

Herr Dr. Jacek Kordel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität Warschau, war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2018 als Stipendiat an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt: “Die polnisch-litauische Adelsrepublik in der aufgeklärten Öffentlichkeit. Polen in der preußischen und russischen Propaganda (1763-1795)”

An Authentic Example of Illustrated Shahnama: Ms. or. fol. 4255 in the Oriental Department of Staatsbibliothek zu Berlin

Gastbeitrag von Derya Aydın

Introduction

Being the most important work of Iranian literature and history, Shahnama was written by Abu Al-Qasim Firdausi (ca. 940 – 1020) in the early 11th century. Written in the form of masnavi, this work consists of 60,000 couplets. However, the number of couplets may vary in the extant manuscript copies of this work.

Shahnama begins with the creation of the first human and the universe and then narrates, in epic form, the wars, victories and loves of the sovereigns and heroes of the civilizations that used to live in Iran in the period from the Pre-Islamic period to the end of the Sassanid Empire (A.D. 226 – 651). Containing many mythological elements such as monsters (“div”) and dragons, these stories are generally known as heroic stories. The tradition of oral storytelling that used to exist in pre-Islamic Iran and works written before Shahnama  – some religious texts related to Iranian history, epics – form the source of the stories that constitute Shahnama.

Shahnama became very popular in the course of time after it had been written. Thanks to this popularity, illustrated copies of it came up, and the stories that constitute the book were illustrated by the most skilful artists of each era. . It is accepted that the version of Shahnama which had been written by Firdausi and presented to Mahmud of Ghazni contained no illustrations. The date when the first illustrated version of it was made is not exactly known. The earliest-known manuscript copies of Shahnama date back to the early 14th century. After the first illustrated examples of this work in the 14th century, more manuscripts of Shahnama were produced, and their prodcution became a tradition in the course of time. The influential art patrons and sovereigns of the era that ordered the books played the most effective role in beginning and continuing this tradition. Even, for the sovereigns that exerted dominance over Iran and its surroundings, possession of the illustrated Shahnama strengthened their dominance over the region, and it became also an important instrument that gave them authority. Accordingly, there are many copies of illustrated Shahnama from various centuries in the manuscript collections of museums and libraries across the world. It can be accepted that most of these copies, if not all of them, were produced for a powerful patron.

The manuscript Ms. or. fol. 4255 and its characteristics

In the Oriental Department of Staatsbiliothek zu Berlin, which has an important collection of manuscripts, there are copies of illustrated Shahnama from various centuries. One of these copies is Ms. or. fol. 4255 , dating from the year 1489. The work dates back to the late 15th century, in other words, to the Turkoman era when the Qaraqoyunlu (1351-1469) and Aqqoyunlu (1340-1514) states had dominance over Iran and its surroundings. Considering the binding, illumination, script and especially illustration style of the book, it is accepted that the work could have been produced in Shiraz in the era of Aqqoyunlu dominance. It is possible to find some more information on the work. Unfortunately, there is no information about for whom the book was prepared. The colophon of the book tells that its calligrapher was Shams al Din Ali b. Muhammed b. Husain al Fakhr din al Fashtaqi al Kirmani (Fig.2).

Fig. 2: Colophon of Ms. or. fol. 4255 (fol. 317v), Oriental Department of Staatsbibliothek zu Berlin / Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Lizenz: CC-BY-NC-SA 3.0

Also, there are notes on the first (6r) and last (317r) pages of the book stating that the book belonged to Sultan Abdülmecid (1839-1861), an Ottoman Sultan. Some stamps which can be found on the pages give us clues about the adventure of the book in the Ottoman Empire and make it possible to find out about the circulation of the book after its production (Fig.3).

Fig. 3: Note and Ottoman Stamp (Ms. or. fol. 4255, Ausschnitt von fol. 6r), Oriental Department of Staatsbibliothek zu Berlin / Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Lizenz: CC-BY-NC-SA 3.0

Ms. or. fol. 4255 has some similarities with other illustrated Shahnama examples dating back to late 15th century, but also specific characteristics. Firstly, the dimensions and outer design of the book are attracting attention. The book made in the dimensions of 26 x 36 cm is larger than other Shahnama copies prepared in the same era. . Its outer design includes a gold-bronze medallion on black leather binding in angled form (Fig.1). In respect of its binding design, this copy displays features much admired in its era, and it has a distinctive place in terms of its dimensions.

The cover of the book is followed by an illuminated heading page (1v) and illuminated pages organized as double pages (5v-6r). These illuminated patterns include gold-bronze embroidered flowers on a dark-blue background so as to appeal to the taste of the 15th century.

Besides the outer design and illuminated ornamentation of the book, the pages and their design constitute the special character of the book. The page layout which had been preferred in manuscripts especially since the early 15th century was laying-out texts in four columns on a page. In Ms. or. fol. 4255, the text is laid out in six columns. Such a layout is seen more in the manuscripts which were prepared in the early 14th century. However, the use of six columns in this copy is an indicator and example that such application was chosen in the late 15th century, as well.

The layout of the text on the page in this way surely affected the position of the text on it. The page layout which was preferred in most of the illustrated manuscript examples of Shahnama from the 15th century was, except some different applications, laying out the text above and the illustrations below, the illustrations thus narrating the mentioned story. This application is slightly different in Ms. or. fol. 4255. The narration of the story goes forward with the text above and the illustrations below, as it was preferred. However, the six-column design caused the text to continue on the sides of the illustrations, as well. The event narrated by the text surrounds the illustration, and hence text and illustration complement one another. Thus, the story was narrated to the reader as a whole consisting of text and illustrations.

Nonetheless, not all illustrations in the book were made in this design. Different designs were tried for the layout of the illustrations on the page. It is another characteristic of this copy that some stories, especially those narrating the struggles between heroes and continuing one another, were illustrated in a three-layered form. It was intended, by illustrating subjects in this way, to enable to follow the story (Fig.4).

Fig. 4: A: The Combat: Giv and Guruy; B: The Combat: Siyamek and Guraza; C: The Combat: Zanga kills Akhvasht (Ms. or. fol. 4255, fol. 130r), Oriental Department of Staatsbibliothek zu Berlin / Staatsbibliothek zu Berlin-PK – Lizenz: CC-BY-NC-SA 3.0

Another application was encountered while examining the illustrations. Some illustrations go beyond the page limits (frames). Especially the illustrations placed on the bottom corner of the page continue by exceeding the page limits, which can be interpreted as the effort to illustrate the subjects or as the painter’s preference. However, it is one of the distinctions, in terms of design, in the book. The illustrations that complement the text were prepared in a way that reflects the style of the era when they were made. Mostly, a plain natural landscape, figures made with a certain pattern and gold bronze as well as plain colours draw attention to these illustrations. The number of illustrations in the book that have these characteristics cannot be underestimated. 87 of the stories in the book were illustrated. In respect of the abundance of illustrations, Ms. or. fol. 4255 is outstanding among the illustrated examples of Shahnama, which also makes this a comprehensive work of high quality.

Ms. or. fol. 4255 is one example among the illustrated copies produced in the late 15th century. Considering the design and illustration style of the book and its proprietor’s preferences as well as its calligrapher’s and painter’s contributions, this book is a work that incorporates the applications preferred in the illustrated examples of Shahnama produced in this era.

 

Principal Sources:

Robinson, B. W. (1991). Fifteenth- Century Persian Painting. Problems and Issue. New York and London: New York University Press.

Robinson, Basil W., (1979). The Turkmen School to 1503. The Arts of the Book in the Central Asia, 14th- 16th Centuries. (Ed: Basil Gray ), Shambhala, pp. 179-215.

Grabar, O. and Blair, S. (1980). Epic Images and Contemporary History: The Illustrations of the Great Mongol Shahnama. USA: University of Chicago Press.

Simpson, M. S., (1979). The Illustration of an Epic. The Earliest Shahnama Manuscripts. Garland Publishing, New York and London.

Warner, A.G. and Warner, E. (1910), The Shahnama of Firdausi, (repr.2000, 2002), Great Britain: Routledge.

 

Frau Derya Aydın, Ankara, war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2018 als Stipendiatin an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt: “Shiraz Atelier and the Illustrated Manuscripts of the Shahnama (Book of Kings)”

Aula Leopoldina der Universität in Wrocław. - Foto: Susanne Henschel

Wilhelm Wackernagel – Persona non grata in Breslau?

Gastbeitrag von Dr. Agata Czarkowska

Bevor man über seine Breslauer Jahre erzählt, muss man einiges über die literarisch-künstlerischen Organisationen sagen, zu denen Wilhelm Wackernagel gehörte. Er war Mitglied des Breslauer Künstlervereins. Er gehörte auch einer Gesellschaft an, die als eine der bedeutendsten in Schlesien angesehen wurde, nämlich der sogenannten Zwecklosen Gesellschaft. Diese wurde 1826 durch Hoffmann von Fallersleben geschaffen, nach dem Muster der Berliner Mittwochsgesellschaft. In seinen Erinnerungen, veröffentlicht unter dem Titel Mein Leben, schreibt er:

„Ich trug lange den Plan mit mir herum, einen Verein zu gründen, der mir und Gleichgesinnten genugtun könnte. Wir kamen jeden Samstagabend zusammen. Nachdem wir gespeist hatten, eröffnete der Präsident die Sitzung. Zunächst wurde das Protocoll vom vorigen Samstag vorgelesen. Dann erzählten wir Witze, lasen Auszüge aus alten und neuen Büchern. Alles wurde besprochen, und das gab dann wieder Stoff zu neuen Erzeugnissen für den nächsten Samstag (…).“

Was wichtig ist: Hoffmann von Fallersleben betonte immer, dass sich die Zwecklose Gesellschaft von der Mittwochsgesellschaft deutlich unterschied:

„Wir machten es nicht wie die Mittwochsgesellschaft in Berlin, bei der es Gesetz war, nichts Eigenes vorzutragen. Im Gegenteil, das eigene hatte bei uns Vorrang, und nur wenn unser Vorrath erschöpft und wir noch etwas hören wollten, gingen wir zum Vortragen fremder Sachen über.“

Analysiert man die Mitgliederlisten des Vereins, stellt man fest, dass es dort sehr viele Namen gibt, die das damalige kulturelle Panorama der Stadt Breslau geprägt haben: Karl Schall, Karl Geisheim, Karl Witte, August Kopisch, Wilhelm Wackernagel. All diese Persönlichkeiten waren auch mit dem kulturellen Leben Berlins verbunden. Viele von ihnen wirkten aktiv in Berlin, obwohl sie zugleich an Breslau beruflich, künstlerisch oder persönlich gebunden waren.

Und hier kann eben Wilhelm Wackernagel als Beispiel dienen – geboren in Berlin, stammt er aus einer armen bürgerlichen Familie, die aber sehr viel Wert darauf legte, dass ihre Kinder eine gute und solide Ausbildung bekommen; schon 1819 ging sein älterer Bruder Philipp nach Breslau und später dann nach Halle. In verschiedenen Erinnerungen, seien es die seiner Geschwister oder die seiner zahlreichen Lehrer, tritt das konkrete Bild einer äußerst lebhaften und eigenen mutigen Persönlichkeit klar hervor:

„die Lehrer lobten an ihm seinen Fleiß, den er auch in seinen Hausarbeiten bewies… was sie an seinem Vertragen zu tadeln hatten, war vorlautes und kindisches Benehmen, Unruhe und Zerstreutheit. Er war ein frischer, lebendiger Knabe, der sich nicht leicht in alle Regeln fügen und seinen Sinn oft anderen Dingen nachjagen ließ…“

Im Herbst 1824 ging Wackernagel an die Berliner Universität. Das Studium der deutschen Vorzeit, vor allem der altdeutschen Sprache und Literatur, stand im Vordergrund seiner Interessen: Die Mehrzahl der Vorlesungen, die er besuchte, behandelten Werke der antiken Literatur; daneben hörte er germanistische und philosophische Vorlesungen, wobei er das Hauptgewicht doch eben auf die Philologie legte. Schnell kam er in Verbindung mit zwei Professoren, die seine Laufbahn später bedeutend prägten: Friedrich Heinrich von der Hagen, der als Professor für altdeutsche Literatur von Breslau nach Berlin zurückberufen worden war. Wackernagel wurde zu seinem Sekretär – er fertigte für ihn Kopien altdeutscher Liederhandschriften an. Ein anderer bedeutender Lehrer war Karl Lachmann: Wackernagel hörte bei ihm Vorlesungen über deutsche Grammatik, das Nibelungenlied, aber auch zum Beispiel über Sophokles. Lachmann hatte auf ihn Einfluss nicht nur im beruflichen, wissenschaftlichen Sinne, sondern auch als Mensch.

Im Mai 1826 kam es in Berlin zu einer der für Wackernagel wichtigsten Begegnungen im Kontext der Breslauer Etappe: Durch gemeinsame Freunde machte er Bekanntschaft mit Hoffmann von Fallersleben. Es war klar, dass die beiden sofort Freunde werden, obwohl Hoffmann eine seltsame Erscheinung und ganz anders als Wackernagel war. Unglaublich fleißig im Sammeln, Zusammentragen von Materialien. Sensibel und emotional. Aber wie es so ist mit den Begabten, hatte er einen speziellen Charakter: Er war launisch, eigensinnig, rücksichtslos … Er war sein ganzes Leben hindurch im guten wie im bösen Sinne … ein Kind.

Als sie sich das erste Mal in Berlin trafen, überlies Hoffmann Wackernagel aus seiner Sammlung von Handschriftenfragmenten einige Stücke mit altdeutschen Predigten. Wackernagel bearbeitete diese Texte innerhalb weniger Tage, sie wurden dann dank der Vermittlung von Hoffmann in Breslau veröffentlicht.

Während der Studienzeit in Berlin wichen die Sorgen ums tägliche Brot nicht von Wackernagel, und immer wieder kam der Gedanke auf, nach Breslau zu gehen, näher an seinen Freunden zu sein. Schließlich war da nicht nur Hoffmann von Fallersleben, sondern auch der Maler Bräuer oder der Chemiker Runge, später dann Schall oder Witte. Schon im November 1827 offenbarte Wackernagel seinem Freund Hoffmann seine Existenzängste. In einem Brief schreibt er:

„mein Leben ist so kümmerlich…“

Diese Klagen gingen Hoffmann sehr ans Herz, und er griff sofort den Plan auf, Wackernagel nach Breslau zu holen, versprach ihm durch seine Vernetzungen eine Professur:

„sie müssen hie herkommen, lieber Wackernagel, müssen hier Vorlesungen an der Universität halten…“.

Eine Professur ohne Promotion? Äußerst unsicher schien das alles – nur als Promovierter konnte Wackernagel auf die Erfüllung dieser Versprechungen hoffen, deshalb hatte er nicht richtig Mut, „ja“ zu Breslau zu sagen. Denn sein Plan war eigentlich, in Berlin zu promovieren, was aber wegen Geldnot für ihn in die Ferne rückte.

Wackernagels Unentschlossenheit machte Hoffmann natürlich rasend. In einem Brief an Wackernagel lesen wir:

„ein Kerl wie sie jung und rüstig, gesund am Leib und Seele, voll redlichen Strebens, gewandt in schreiben und reden, sollte das Wort muthlos nie in den Mund nehmen und höchstens nur als Gegenstand der Grammatik eines Blickes würdigen.“

Dieser Brief von Hoffmann vertiefte Wackernagels Trostlosigkeit leider noch. Im Herbst 1827 hatte er auf Vermittlung Lachmanns Aussicht auf den bezahlten Posten eines Kustos an der Königlichen Bibliothek in Berlin. Doch daraus wurde leider auch nichts.

An Hoffmann schrieb er damals:

„Was soll ich ohne festes Einkommen thun? Um zu leben musste ich wieder wie sonst auch jetzt abschreiben und immer abschreiben… eben die Sklaverei des armen! Ich darf gar nicht mehr hoffen je aus der Tageslöhnerei herauszukommen. Ich weiß nicht was aus mir werden soll, wenn diese noth nicht bald auf die eine oder andere Art ein Ende nimmt!“

Bedenken zu Breslau hatte er leider immer noch: Was konnte ihn dort besseres erwarten als in Berlin? Hoffmanns Versprechen schien ihm äußerst vage, zumal dieser sehr angespannte Beziehungen zur germanistischen Fakultät hatte. Sein Ziel, die Promotion zu erlangen, erschien ihm auch nicht so leicht erreichbar …

Währenddessen drängte Hoffmann umso mehr – er war sich sicher, dass Wackernagel dank der Unterstützung von ihm und anderen Freunden den Doktorgrad in Breslau viel schneller erlangen würde als in Berlin. Für ihn stand fest: Wackernagel muss raus aus Berlin, sofort her nach Breslau.

Und tatsächlich: Am 2. 10. 1828 reiste er nach Breslau. Sofort wurde er in den Kreis der Zwecklosen Gesellschaft aufgenommen. Er selbst schrieb damals über den Kreis Folgendes:

„Die Zwecklose Gesellschaft hat sich damals so genannt, weil sie keine von jenen Sozietäten für Sprache und für Kunst und für Literatur war die so zweckvoll sind, das sie Jahrzehnte lang schießen aber nicht merken, dass die Kugel nicht trifft…“

In Breslau schloss Wackernagel sehr viele fruchtbare Bekanntschaften – mit Karl Witte dehnte er seine Studien auch auf die romanischen Sprachen aus. Durch Karl Schall wurde er Theaterrezensent der Breslauer Zeitung.

Eine seiner bedeutenden Arbeiten über die Geschichte der deutschen Glasmalerei hatte ihren Ursprung in einer Ausstellung des Breslauer Künstlervereins: Der begabte Maler Albert Höcker stellte in der Ausstellung das gläserne Bild der heiligen Jungfrau mit Kind aus. Alle – auch Wackernagel – waren davon sehr begeistert; dies führte ihn zu geschichtlichen Studien erst über die schlesische, dann über die gesamte deutsche Glasmalerei. Die deutsche Glasmalerei. Geschichtlicher Entwurf mit Belegen  erschien in Leipzig 1855.

Auch die Zahl seiner in Breslau entstandenen Dichtungen ist sehr hoch. 1829 veröffentlichte er einen kleinen Sammelband mit 13 Gedichten unter dem Titel Proben. Eine umfassende Veröffentlichung damaliger Dichtungen von Wackernagel brachte das Jahr 1830 mit der Sammlung Poesieen der dichtenden Mitglieder des Breslauer Künstlervereins. Wackernagel publizierte auch eine Reihe von Arbeiten zum Thema des deutschen Dramas, zum Beispiel Geschichte des deutschen Dramas bis zum Anfange des 17. Jahrhunderts (in: Kleinere Schriften, Bd. 2), und zum Mittelalter, wie zum Beispiel Gewerbe, Handel und Schifffahrt der Germanen (in: Zeitschrift für deutsches Alterthum, 9.1853).

Eine weitere Tätigkeit war auch eben die des Theaterrezensenten für die Breslauer Zeitung: Die erste Rezension erschien im Jahr 1829 und befasste sich mit der Aufführung von Goethes Tasso. Der Ton seiner Beiträge fiel auf. Es waren mehr literaturgeschichtliche Exkurse als lockere Rezensionen. 1829 hatte Wackernagel in der Breslauer Zeitung einige Kritiken publiziert. Unter dem Einfluss von Karl Schall hatte er in einer dieser Rezensionen einen gewissen Schauspieler des Breslauer Theaters sehr stark negativ bewertet. Dieser, wie wir in der Biographie von Wackernagel nachlesen können, hatte schon seit langem den Plan, ihn dafür „ordentlich durchzuprügeln“. Die Situation fand ihr Finale bei der Polizei. Es kam dazu, dass Wackernagel seine Tätigkeit für die Breslauer Zeitung beendete, was nicht nur seine Gegner, sondern auch seine Freunde äußerst glücklich machte.

Niemand anderes als Karl Geisheim war derjenige, der in der von ihm selbst herausgegebenen Zeitschrift Der Hausfreund einen offenen Brief an Wackernagel verfasste, in dem er auf charakteristische Weise den Fall kommentierte:

„Wie freu ich mich, wererther Freund, dass Du den Theater-Rezensenten Speritz aufgegeben und denen, die an deinen Kritiken ein Ärgernis genommen haben, den Rücken gekehrt hast. Es gibt keinen unglücklicheren Tick als den, Schauspieler und das Publikum belehren zu wollen. Nirgends wird mehr Stank für Dank geboten. (…). Die feste und tüchtige Grundlage Deiner Bildung, Deine rege und vielseitige Arbeit in Kunst und Wissenschaft, Deine allgemeine Kunstkenntnis, der Dichter in Dir, geben Dir zwar allerdings den Beruf zum Kritiker, aber mit alle dem Genannten stehst Du dem größten Teil derer entgegen, die Du zu beurteilen hast. Wie wenige meinen es ernst mit ihrer Kunst, wie Wenige wollen auch nur etwas lernen und wissen; in wie Wenigen ist ein poetischer Funke zu finden.“

Bei diesem Anlass entstanden auch die ersten Spannungen zwischen den bisher so vertrauten Freunden. Hoffmann selbst berichtet darüber:

„…der Geldpunkt war bisher unter uns noch nie zur Sprache gekommen. Ich hatte bisher gegeben was ich versprochen. Wenn aber er leben will und nichts verdienen so ist das ein schlimmes ding.“

Dies war natürlich ein Problem. Wenn man aber den damaligen Erinnerungen der Freunde Wackernagels glaubt, benahm sich Hoffmann auch durch das Versprechen der Professur zum Schaden Wackernagels.

Was hat denn Hoffmann von Fallersleben damit zu tun? Zum Beispiel, dass sich Wackernagel mit seiner überheblichen Natur nicht mit der Situation abfinden wollte und schon Ende des Jahres 1829 als Rezensent der Breslauer Zeitung wiederkehrte, nur unter  Pseudonym. Hoffmann war derjenige, der dafür verantwortlich gewesen war, ihn nach Breslau gebracht zu haben, und er war auch derjenige, der sich um ihn finanziell kümmerte. Am 11. 01. 1830 schrieb Wackernagel in der Breslauer Zeitung, dass er nicht mehr Mitglied der Zwecklosen Gesellschaft sei und dass er dem Breslauer Künstlerverein beigetreten ist oder besser gesagt dessen literarischer Sektion, also der Literarischen Abteilung des Breslauer Künstler- und Kunstvereins. Was interessant ist: Im Sommer 1828 gründete Wackernagel seinen eigenen Verein, der – nomen est omen – den Namen Namenlose Gesellschaft trug. Mitglieder gab es nicht viele: außer Wilhelm noch sein Bruder Philipp und ein paar Freunde aus der Schweiz. . Der Verein traf sich alle zwei Wochen in der Wohnung eines der Mitglieder, wie Wackernagel schrieb,

„zur Pflege heiterer geistiger Geselligkeit, zum gemeinsamen Genüsse von Dichtungen, fremder oder eigener. Letztere wurden in schriftlichen Rezensionen durch das eine oder andere der Mitglieder beurteilt, und das dabei der Witz nicht gespart werden durfte, verstand sich von selbst.“

So endete die Breslauer Zeit Wackernagels, wohin er nie wieder zurückkehrte.

 

Frau Dr. Agata Czarkowska, Wrocław, war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2017 als Stipendiatin an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt: “Die literarischen Verbindungen zwischen Berlin und Breslau am Beispiel des Breslauer Künstlervereins”

Werkstattgespräch zu Breslauer Episoden von August Kopisch und Wilhelm Wackernagel am 1. 11. 2017