Das große Ganze: die SBB im VD 18

[Ein Beitrag von Maria Federbusch]

Wenn man einmal eine Arbeit vor hat, so ist es gut bei der Ausführung nicht das Ganze sich vorzustellen, dieses hat bei mir wenigstens viel Niederschlagendes, sondern man arbeite grade an dem was man vor sich hat und das klar, alsdann gehe man an das nächste.

Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799)

Projekthintergrund

Dieser so prominent geäußerten und ach so nachvollziehbaren Einschätzung möchte ich im Folgenden anhand der Ergebnisse des seit 11 Jahren laufenden kooperativen Projekts VD 18 durchaus widersprechen. Denn, das Ganze immer im Blick zu behalten, war die stärkste Motivation unserer Arbeiten. Das Ganze, in unserem Fall das Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 18. Jahrhunderts, soll gemeinsam mit seinen „Verwandten“ zum 16. (VD 16) und 17. Jahrhundert (VD 17) retrospektiv die Lücke einer fehlenden deutschen Nationalbibliographie schließen und – das ist das Besondere – auch gleich die Digitalisate der Drucke mitliefern. Es versteht sich von selbst, dass eine solch umfangreiche Aufgabe nur kooperativ und mit langem Atem sowie finanzieller Förderung zu meistern ist. Letztere wird seit Beginn von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gewährt; sodass über 20 Bibliotheken bisher an den Arbeiten beteiligt werden konnten. Die fertigen Ergebnisse können bibliographisch über die VD18-Datenbank recherchiert werden. Zugehörige Digitalisate findet man, wenn man den Links folgt, lokal in den Präsentationen der teilnehmenden Bibliotheken. Derzeit konnten in über etwas mehr als 10 Jahren rund 215.000 Monographien, 12.000 mehrbändige Werke mit 35.000 Bänden und ca. 4.000 Zeitschriftentitel (Zitat Website) beschrieben und digitalisiert werden – und es geht weiter, da am Projekt noch viele Einrichtungen arbeiten bzw. auch neu mit außergewöhnlichen Beständen hinzukommen. Eine grobe Schätzung ging anfangs von insgesamt ca. 600.000 Titeln für ein VD 18 aus.

Zahlen aus der SBB

Die Staatsbibliothek zu Berlin, seit Beginn am Projekt beteiligt, konnte nun die dritte geförderte Phase beenden. Sie hat länger gedauert als geplant, und es gab gemeinsam so manches Problem zu lösen, doch insgesamt konnten interessante Bestände bearbeitet werden, über die in weiteren Blogbeiträgen im Einzelnen berichtet werden soll. 30.600 Monographien sowie Bände von mehrbändigen Werken und Zeitschriften mit insgesamt 3,8 Millionen Seiten stehen aus dem Projektbestand über die Digitalisierten Sammlungen zur Verfügung; bald werden es 31.000 Drucke sein. Und auch später sollen einzelne Bestände folgen, wenn es sich bei ihnen um unikalen Besitz handelt. Denn eine Nationalbibliographie strebt nach Vollständigkeit, auch wenn diese retrospektiv sehr schwer zu erlangen ist.

Kooperative Katalogisierung

Natürlich sind die Bestände des 18. Jahrhunderts in der SBB viel umfangreicher. Genau hier greift der kooperative Charakter des Projekts: Nur ein Exemplar von jedem relevanten Druck sollte digitalisiert werden. Aber bekanntermaßen gibt es in der Bibliothekswelt Deutschlands viele große Bibliotheken, die ebendiese Bestände zumindest teilweise auch besitzen. Sofern sie am Projekt teilnehmen, tragen sie zum weiteren Nachweis bei, digitalisieren ihre Exemplare und ermöglichen es anderen Bibliotheken, sich anzusigeln wie man im Fachjargon sagt, wodurch ein Katalogisat von vielen Einrichtungen nachgenutzt wird. Da – im Unterschied zu den anderen VD-Projekten – primär in den verschiedenen Bibliotheksverbünden gearbeitet wird, kann dieser Effekt sowohl dort als auch in unserem Onlinekatalog, dem StaBiKat, bereits beobachtet werden. So findet man derzeit die doppelte Menge redigierter VD18-Aufnahmen mit SBB-Bestand (ca. 62.000) mit verfügbaren Digitalisaten verschiedener Herkunft. Genau dieser Anteil wird mit Projektfortschritt auch weiterhin steigen. Um alle VD18 relevanten Bestände der SBB kooperativ digitalisiert zu nutzen, müsste die Zahl vermutlich noch einmal verdoppelt werden. Auch hier ist also langer Atem von Nöten.

Titelblatt von: Eisenberg, Friedrich Philipp von: Entwurf zum Numeriren der Häuser in Berlin. Berlin : Unger, 1798. SBB-PK: Td 1099 R

Inhaltliche Vielfalt

Welcher Art sind die in der SBB bearbeiteten Bestände vorrangig? Neben theologischer Literatur (v.a. auch Personalschriften wie Leichenpredigten) und dem großen Bereich von Sprachen und Literaturen stellt vor allem amtliche Literatur in Form von Verordnungen, Edikten und Amtsdruckschriften einen bedeutenden Anteil. Besondere Bestandssegmente bilden Libretti, Kinder- und Jugendsachbücher sowie periodische Veröffentlichungen in Form von Almanachen und Kalendern. Ergänzt wird die Vielfalt durch Drucke mit besonderer Provenienz. Genannt sei hier die kürzlich erworbene Bibliothek der Sofia Albertina von Schweden, Drucke aus der Bibliothek Heinrich Friedrich von Diez oder aus dem Königlich Joachimsthalschen Gymnasium sowie der Fürstlich-Stolberg-Wernigerödischen Bibliothek. Aber auch interessante Bestände aus dem Besitz von Friedrich Wilhelm III., Wilhelm Jakob Wippel, Georg Johann Daniel Poelchau, Karl August Varnhagen von Ense oder Karl Hartwig Gregor von Meusebach seien genannt.

Titelblatt von: Brandenburgisches Gesang-Buch, … 3. Aufl. Brandenburg : Halle, 1735. SBB-PK: Slg Wernigerode Hb 2234 Mus

Komplementäre Bestände

Häufig verbreitete und in verschiedenen Auflagen gedruckte – oft mehrbändige – Werke bringt die Bayerische Staatsbibliothek aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit Google ins VD 18 ein. Folglich liegt das besondere Interesse aller anderen Einrichtungen an der Digitalisierung von Werken aus in der BSB nicht oder selten vertretenen Druckorten (z.B. Nord- und Ostdeutschlands) sowie auf selten vorhandener bzw. regionaler Literatur. Das können beispielsweise Drucke aus ehemals deutschsprachigen Gebieten sein, aber auch Liedflugschriften, Gesangbücher oder andere Gebrauchsliteratur wie Personalschriften, von denen die SBB bedeutende Sammlungen besitzt.

 

Projektergebnisse

Sie möchten mit den Daten arbeiten? Derzeit können alle digitalen Objekte der VD18-Kollektion über die OAI-Schnittstelle erreicht werden. Neben Metadaten und Images stehen für 1.700 vornehmlich rechtswissenschaftliche Werke bereits Volltexte bereit. In der Erstellung weiterer Volltexte mittels OCR sehen wir die logisch notwendige und sich zeitlich anschließende Aufgabe.

Morus Nigra. In: Happe, Andreas Friedrich: Botanica Pharmacevtica. Cent. VI. Berlin, 1806. S. 61. SBB-PK: 2“ Ma 17665-6 R

Tauchen Sie ein! Vielleicht konnten wir Sie ein bisschen neugierig machen? Georg Christoph Lichtenberg, übrigens ein bedeutender Vertreter im VD 18, war nicht nur der Begründer des deutschsprachigen Aphorismus, sondern ebenso Naturwissenschaftler. So ist er in unserem Projekt mit dem Titel Ueber einige wichtige Pflichten gegen die Augen aus dem Jahr 1792 vertreten. Mit Bezug auf sein Eingangszitat könnte man auch wörtlich fragen, sieht man das Ganze …?

Titelblatt von: Stenders, Gothards Fridrichs: Beschreibung einer neuen höchst bequemen Waschmaschine. Mitau : Kanter, 1765. SBB-PK: Bibl. Diez qu. 2059A

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