Digitale Lektüretipps 50: Online-Angebote für die Altertumswissenschaften – Teil 2

Ein Beitrag aus unserer Reihe Sie fehlen uns – wir emp-fehlen Ihnen: Digitale Lektüretipps aus den Fachreferaten der SBB

Was waren Ihre Assoziationen mit ‚Corona‘ – sagen wir, bis weit in das Jahr 2019 hinein? Liebhaber mexikanischer Gaumenfreuden mögen an Gerstensaft gedacht haben. Fans royaler Prominenz mögen in dem Stichwort schlicht eine Anspielung auf das spanische Königshaus gesehen haben. Antikekundige mögen dabei vielleicht den Ehrenkranz im Sinn gehabt haben, der im römischen Heer als militärische Auszeichnung verliehen wurde. Letzteres ist aber nur eine der Bedeutungen, die der lateinisch-lateinische Thesaurus Linguae Latinae (TLL) auf seinen zwölf Seiten zu corona auflistet (S. 977–988 im 4. Bd., zu dieser Bedeutung vgl. dort ab S. 980 Z. 15). Der eine oder andere aufmerksame Altertumswissenschaftler unter Ihnen hat dieses zentrale Instrument ganz sicherlich bei der vorherigen Empfehlungsliste über gemeinfreie und per Open Access zugängliche Werke vermisst. Jüngst konnte man auch in der internationalen wie nationalen Presse einen Teil der in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gelagerten Kästen bewundern, welche die seit Beginn der Arbeiten 1894 auf mehr als zehn Millionen angewachsenen Zettel dieses sprachlichen Monuments beherbergen.[1] Die Presse hatte für ihre Berichterstattung zum Anlass genommen, dass die bisher erschienenen Bände, nämlich A–M und O–P, seit Ende 2019 auf der Seite der genannten Akademie zum kostenfreien Download bereit stehen. Noch komfortabler ist die dort angebotene Suche einzelner Stichworte; auch die Übersicht der abgekürzten Werke und Autoren ist so zugänglich gemacht worden.

Als ähnlich monumental kann nur noch Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE) bezeichnet werden: ein guter Einstieg für eine Übersicht aller bereits gemeinfreien Bände samt der jeweiligen Links steht über Wikisource bereit. Auf der Plattform wird auch daran gearbeitet, die gemeinfreien Artikel vollständig zu transkribieren. Es gibt mehrere Einstiegsmöglichkeiten, um zu diesen Transkriptionen zu gelangen: über ein Wort- oder Autorenregister oder auch einen Suchschlitz. Der Artikel zu corona ist bereits zugänglich und wer sich für die anderen Orden und Ehrenzeichen – den sog. dona militaria interessiert, mit denen bei den Römern persönliche Tapferkeit und kriegerischer Erfolg belohnt wurde, wird auch fündig.

Natürlich finden sich in den Weiten des Web aber nicht nur gemeinfreie und per Open Access zur Verfügung gestellte Digitalisate für Altertumswissenschaftler. Wer etwa born-digital-Editionen sucht, sollte Greta Franzini’s Catalogue of Digital Editions konsultieren. Unter den dort vorgestellten 39 Editionen antiker Texte, finden Sie auch den Link zu den sog. Vindolanda-Tafeln, die lange als die ältesten überlieferten handschriftlichen Dokumente in Großbritannien galten. Das wohl bekannteste Dokument (Tafel 291): eine Partyeinladung, die um 100 n. Chr. von Claudia Severa, der Frau des Kommandanten einer nahe gelegenen Festung, an Sulpicia Lepidina geschrieben wurde, um sie zu einer Geburtstagsfeier einzuladen. Die Einladung ist eines der frühesten bekannten Beispiele für die lateinische Schrift einer Frau. Born-digital-Kommentare werden in der Haverford Digital Commentary Library aggregiert. Wem nach etwas Zerstreuung zumute ist, kann hier etwa in Ovids Liebegedichten schmökern und in Amores 1.6 (V. 38 und 67) eine weitere ‚corona‘ kennenlernen: nämlich die ‚corona convivialis‘– etwas flapsig mit ‚Partykranz‘ übersetzbar.

Die Bereitstellung von Standards, Praktiken und Richtlinien für die Erstellung, Veröffentlichung und Arbeit mit digitalen kritischen Ausgaben lateinischer Texte aus allen Epochen  auf die Fahnen geschrieben hat sich die Library of Digital Latin Texts. Als Beispielausgabe wird Calpurnius Siculus’, Bucolica [2] präsentiert. Es wird zudem auch ein Tool zur Datenvisualisierung (Desktop-Anwendung) zur Verfügung gestellt.

Wer mehr Digital-Humanities-Tools für Altertumswissenschaftler sucht, könnte ein Blick auf die Multi-Layer-Annotationen des Hellespont-Projektes vom Deutschen Archäologischen Institut werfen.[3] Beispielsweise können Sie dort auch einen Ausschnitt aus Thukydides’ Peloponnesischen Krieg studieren. Nicht die bei den letzten digitalen Lektüretipps erwähnte Darstellung der ‚Attischen Seuche‘ in 2.47–55, sondern 1.89–118, wo ein knapper Abriss über die sog. Pentekontaetie gegeben wird: Das ist die 50 Jahre (eben das bedeutet πεντηκονταετία/pentekontaetía) umfassende Periode zwischen dem Ende des Feldzuges des persischen Königs Xerxes (479 v. Chr.) bis zum Beginn des Peloponnesischen Krieges (431 v. Chr.). In dieser Zeit gelingt die endgültige Abwehr der Perser aus diesem Raum und wird letztendlich die Basis für die Entfaltung der in Europa noch lange nachhallenden griechischen Kulturblüte gelegt.

Ein weiteres interessantes Tool stellt Alpheios dar, ein Online-Lesewerkzeug, das eine morphologische und lexikalische Analyse auf Knopfdruck ermöglicht. (Gehen Sie zum Testen des Tools etwa wieder auf Ovids Gedicht 1.6 und doppelklicken Sie in V. 38 oder 67 auf ‚corona‘: In dem sich neu öffnenden Tab gelangen Sie durch einen Klick dann schnell auf weitere Worterwähnung in anderen lateinischen Texten.)

Übrigens – der Name ‚Coronaviren‘ hängt tatsächlich mit dem lateinischen Wort ‚corona‘ zusammen: Unter dem Elektronenmikroskop erinnern die Fortsätze auf den kugelförmigen Hüllen der Viren nämlich an eine Krone oder an einen Strahlenkranz.

 

Anmerkungen

[1] The New York Times, 01.12.2019, Nr. 58,528, S. A1 (online bereits am 30.11.2019). El Informador, 08.12.2019, Nr. 36,789, S. 10-B. Sábado, 16.01.2020, Nr. 820, S. 84. Les Echos, 17.01.2020. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.02.2020, Nr. 34, S. 9.

[2] Hg. v. C. Giarratano, 1910. Neue Annotationen und Kodierung v. S. J. Huskey und H. A. Cayless, 2017.

[3] Annotationen v. F. Mambrini. Weitere Informationen zum Verfahren: http://www.digitalhumanities.org/dhq/vol/10/2/000251/000251.html.

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