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Collage. Bild rechts: Schilder zur Warnung vor Maul- und Klauenseuche (Ausschnitt). Rechte: bpk / Friedrich Seidenstücker. Für die anderen beiden Ausschnitte vgl. Gesamtbilder im Text.

Digitale Lektüretipps 30: Pandemiegeschichte lesen – einige Anregungen

29.04.2020/0 Kommentare/in Foyer, SBB-Startseite, Wissen/von Christof Sendhardt

Ein Beitrag aus unserer Reihe Sie fehlen uns – wir emp-fehlen Ihnen: Digitale Lektüretipps aus den Fachreferaten der SBB

Virologen, Ärztinnen und Epidemiologen zählen zu den gefragtesten Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern dieser Tage und geben auf zahlreichen Kanälen ihre Einschätzungen zur aktuellen Lage ab. Seltener im öffentlichen Fokus, aber nicht weniger stumm, haben auch Forscher*innen aus Geschichte, Philosophie, Soziologie, Literatur- und Kulturwissenschaft einiges zur historischen und kulturellen Dimension von Infektionskrankheiten beizutragen. Sie eröffnen verschiedene Perspektiven und reichern unser Bild von Gesundheit und Krankheit, Ansteckung und Vorbeugung, Medizin und Gesellschaft an.

Heute möchten wir Ihnen einige digitale Lektüretipps geben, die sich mit Epidemien aus wissens- und medizinhistorischer Perspektive beschäftigen.

In unserer Blogreihe haben wir bereits einige Male einen Blick in die Geschichte der Medizin geworfen. Was bisher geschah? Wir lasen über Shakespeares medizinischen Sprachgebrauch in tragedy und comedy, blickten in Ratgeberliteratur für den örtlichen Pestausbruch vom Wiegendruck bis zum gedruckten Aufklärungs-FAQ, und grübelten über die Durchschlagskraft magnetischer Therapiekonzepte zur Zeit E.T.A. Hoffmanns.

Krisenreflexion und Ladenschließung

Mit dem Projekt History of Science ON CALL bietet das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte eine Plattform, die geistes- und sozialwissenschaftliche Beiträge rund um Epidemie und Krise versammelt. Dazu gehören eine Serie mit kurzen Videointerviews und –statements von Philosoph*innen und Historiker*innen, sowie eine umfangreiche Linksammlung zu weiteren Webseiten, Blogs, Podcasts, Online-Vorlesungen und Quellensammlungen zu aktuellen und vergangenen Krankheitsausbrüchen.

Krisen wie Epidemien verstärken das Bedürfnis das Geschehen zu dokumentieren. Daran erinnert die Bildreihe Pepys and the plague der Wellcome Collection. Diese illustriert die einschneidenden Erlebnisse, die der Londoner Beamte Samuel Pepys während der Great Plague 1665 festhielt. Dabei lernen wir, dass auch damals Ladenschließungen bereits ein Thema waren. So notierte Pepys zu Silvester 1665, als die Pest in London zunehmend abflaute: “Now the plague is abated almost to nothing… to our great joy, the town fills apace, and shops begin to be open again.” Ab welcher Verkaufsfläche die Geschäfte wieder ihre Türen öffneten, ist jedoch nicht überliefert.

A cart for transporting the dead in London during the great plague. Watercolour painting by or after G. Cruikshank. Credit: Wellcome Collection. Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)

A cart for transporting the dead in London during the great plague. Watercolour painting by or after G. Cruikshank. Credit: Wellcome Collection. Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)

Seuchengeschichte im Fernzugriff

Aus unserer E-Book-Sammlung möchten wir Ihnen einige Titel vorstellen, die verschiedene historische Blickwinkel auf Infektionskrankheiten einnehmen. Wenn Sie im Besitz eines Bibliotheksausweises der Staatsbibliothek sind, können Sie direkt in die Bücher hineinlesen.

Epidemien rufen Reaktionen staatlicher Akteure auf den Plan. Sei es der starke Nationalstaat im 19. Jahrhundert, der sich als Schutzmacht für die Gesundheit der eigenen Bevölkerung begreift, oder in Form von internationaler Gesundheitskooperation gegen Ende des 20. Jahrhunderts, die Ansteckungsprozesse als globales Problem versteht. Quarantäne- und Isolationsmaßnamen, Förderung wissenschaftlicher Forschung sowie Aufklärungs- und Impfkampagnen sind nur einige Beispiele. In Influenza: A Century of Science and Public Health Response spürt George Dehner Influenza-Ausbrüchen von der sogenannten Russischen Grippe 1889 bis zur Schweinegrippe-Pandemie 2009 nach. Er zeigt, wie staatliche Reaktionen auf Krankheitsausbrüche von den zur jeweiligen Zeit vorherrschenden wissenschaftlichen Theorien und Technologien bestimmt werden und wie Bestrebungen, etwas von früheren Pandemien „zu lernen“, wiederholt ins Leere laufen. Wer mehr Zeit mitbringt, kann sich an das voluminöse, leicht in die Jahre gekommene, aber dennoch lesenswerte  Contagion and the State in Europe, 1830-1930 wagen. Der Historiker Peter Baldwin unternimmt eine hundertjährige, vergleichende Tour durch die Gesundheitsgeschichte von Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Schweden und fragt darin nicht nur nach den staatlichen Maßnahmen gegen Epidemien, sondern auch wie Krankheitserfahrungen politische Systeme verändern können.

Geschichten über Infektionskrankheiten sind nicht nur Geschichten über Menschen, sondern auch über Tiere. Immerhin sind es Tiere, die im Labor als Modelle zur Untersuchung von Krankheiten eingesetzt werden, die zur Herstellung von Impfstoffen dienen oder die gar als Überträger gefährlicher Krankheiten auftreten. Um letztere Rolle dreht sich der Sammelband Framing Animals as Epidemic Villains: Histories of Non-Human Disease Vectors, der danach fragt, wie Tiere als infektiöse Bedrohung für den Menschen verstanden werden und inwiefern dieses Bild von nicht-menschlichen Akteuren wiederum zum integralen Bestandteil moderner Medizin wurde. Medizingeschichte berührt deshalb auch immer wieder Veterinärmedizingeschichte. Am Beispiel der Rinder- und Schweinekrankheit Maul- und Klauenseuche in A Manufactured Plague? The History of Foot and Mouth Disease in Britain hat Abigail Woods untersucht, wie rigide, politische Maßnahmen zur Bekämpfung von tierischen Infektionskrankheiten unsere Vorstellung von der Gefährlichkeit einer Krankheit für den Menschen formen.

Die Cholera in Astrachan, Russland. Le Petit journal. Supplément du dimanche. 6.8.1892. https://gallica.bnf.fr/iiif/ark:/12148/bpt6k715976h/f1/full/full/0/native.jpg. Credit: BnF

Die Cholera in Astrachan, Russland. Le Petit journal. Supplément du dimanche. 6.8.1892. https://gallica.bnf.fr/iiif/ark:/12148/bpt6k715976h/f1/full/full/0/native.jpg. Credit: BnF

Wie sprechen wir und vergangene Generationen über Infektionskrankheiten? Wie schaffen die Rede vom „Krankheitsausbruch“, vom „Patienten Null“, von „hartnäckigen Erregern“ und ihre Zirkulation in Medien ein Narrativ, das einen Rahmen spannt, in dem sich Stigmatisierung von Mitmenschen, Angst vor Ansteckung und Hoffnung auf Heilung abspielen? Antworten darauf liefert Contagion: Cultures, Carriers, and the Outbreak Narrative der Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Priscilla Wald. Auch der Historiker Samuel K. Cohn, Jr. hinterfragt, ob Formen sozialer Ausgrenzung und Abneigung gegenüber Kranken ein omnipräsentes Phänomen in der Geschichte waren. In Epidemics: Hate and Compassion from the Plague of Athens to AIDS kommt er zu dem Schluss, dass bisherige historische Forschung häufig die zusammenschweißende gesellschaftliche Wirkung von Krankheiten vernachlässigt hat. Mitgefühl und Hilfe waren vielmehr jahrhundertelang stete Begleiter von Krisen und erweitern unser historisches Bild von Infektionskrankheiten.

 

Sie möchten mehr zum Thema lesen?

Das geschichtswissenschaftliche Informationsportal H-Soz-Kult bietet ebenfalls ein Forum mit Lektüreempfehlungen zu Pandemien. Wenn Sie selbst weiterrecherchieren möchten, bieten wir Ihnen beispielsweise Zugriff auf die History of Science, Technology and Medicine Database, eine umfangreiche bibliographische Datenbank, mit der sich zahlreiche wissenschafts- und medizinhistorische Bücher, Zeitschriften und andere Ressourcen finden lassen.

 

Sie möchten auch etwas zum Thema hören?

Dann empfehlen wir Ihnen das Online-Forschungskolloquium des Lehrstuhls für Wissenschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität. In Form eines zweiteiligen virtuellen Podiums diskutieren Philosoph*innen und Historiker*innen zum Thema Infektion und Epidemie. Erster Termin ist der 6.5.2020, 10:15 Uhr. Die Veranstaltung wird per Zoom übertragen. Für den Zugang wird ein Moodle-Account benötigt, für den sich auch Nicht-Angehörige der Humboldt-Universität unkompliziert registrieren können. Weiter Informationen finden Sie auf der Homepage des Lehrstuhls für Wissenschaftsgeschichte.

 

Schlagworte: digitale Lektüretipps, Pandemie, sbb online offen, Wissenschaftsgeschichte
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https://blog.sbb.berlin/wp-content/uploads/Lektuere_Collage.jpg 475 845 Christof Sendhardt https://blog.sbb.berlin/wp-content/uploads/stabi-logo-kante.png Christof Sendhardt2020-04-29 06:00:362026-06-24 09:55:23Digitale Lektüretipps 30: Pandemiegeschichte lesen – einige Anregungen
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