Hendrick Hondius: Porträt von Elizabeth I., Königin von England (1632). Rijksmuseum Amsterdam.

Digitale Lektüretipps 29: State papers online

Ein Beitrag aus unserer Reihe Sie fehlen uns – wir emp-fehlen Ihnen: Digitale Lektüretipps aus den Fachreferaten der SBB

Für das Studium der englischen, britischen, aber auch europäischen Geschichte der frühen Neuzeit rangieren die State papers online als eine Art Schlüsseldatenbank. Die Papers beinhalten Regierungsdokumente mit unterschiedlichsten Bezügen als digitale Faksimiles der Originale aus den National Archives in London sowie verschiedener Sammlungen in der Library of Hatfield House, der British Library und anderer Bibliotheken. Der erste Teil, 1509-1714, ist in Deutschland nur hier an der Staatsbibliothek zu Berlin lizenziert, der zweite Teil, 1714-1782, auch an der ULB Münster.

Die Dokumente stammen primär aus dem Umfeld des englischen King’s Secretary, der in der Regierungszeit Heinrich VIII. einen Großteil der Aufgaben der königlichen Kanzlei übernommen hatte und unter der Regierung von Elisabeth I. wohl zum ersten Mal Secretary of State genannt wurde. Ihm oblag die Betreuung der königlichen Korrespondenz, er fungierte z.T. aber wohl auch als königlicher Berater. Zur Bewältigung des umfangreichen Schriftverkehrs wurde gegen Ende der Regierungszeit Heinrichs VIII. ein zweiter Secretary berufen. Die beiden Funktionsträger teilten sich nun die Aufgaben, wobei diese nicht zwischen Innen- und Außenpolitik (domestic and foreign papers) aufgeteilt wurden, sondern jeder aus den zwei Bereichen Anteile übernahm. Ab 1660 nannte man sie Secretaries of State for the Northern bzw. Southern Department, die nun jeweils geographisch umrissene Zuständigkeitsbereiche in der Innen- und Außenpolitik bekamen.  Erst mit der Reorganisation der Regierung 1782 entstanden daraus die Secretaries for the Home Department bzw. Foreign Affairs.

Die Papers beinhalten so unterschiedliche Quellen wie Briefe, Berichte, Memoranden, Parlamentsentwürfe u.a. und sind von Botschaftern, Verwaltungsangestellten oder Provinzialbeamten verfasst worden.

Ab dem 19. Jahrhundert begann man für die Erforschung der State Papers sogenannte Calendars zu erarbeiten. Dies sind chronologisch angeordnete, selektive Verzeichnisse, welche in der Regel regestenähnliche Zusammenfassungen des Inhalts der Dokumente bieten, die mitunter auch sehr ausführlich sein können. Diese Calendars wurden in vielbändigen Druckausgaben der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. In der Datenbank werden die Dokumente mit den Calendars verknüpft, wenn es dort entsprechende Einträge gibt.

Mit der Datenbank kann man sich nicht nur manchen Archiv- oder Bibliotheksbesuch in Großbritannien sparen; man erhält auch Einblicke in die politische, religiöse, soziale und kulturelle Geschichte des Königreichs, Europas und seiner Kolonien in dieser Epoche, ob es sich nun um die Beschreibung der Durchfahrt durch die Magellanstraße durch Sir Francis Drake, des großen Feuers in London 1666, der Schlacht bei Höchstädt (Battle of Blenheim) 1704 durch den Duke of Marlborough oder der Kriege in Nordamerika durch Benjamin Franklin 1777 handelt.

Für die preußische Geschichte sind z.B. die Gesandtenberichte aus Berlin und Potsdam besonders interessant, wie etwa der Brief des Botschafters Guy Melchior Dickens Anfang Juni 1740, der die Abläufe nach dem Tod Friedrich Wilhelm I. und der Thronbesteigung Friedrich II. beschreibt. (SP 90, Vol. 47, Sequence 130).

Zu guter Letzt: Transkriptionen der Quellen sind in der Datenbank nicht enthalten. Bei fehlendem Calendareintrag kann oder muss man also wie am Original die Handschriften der frühen Neuzeit studieren.

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