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Für Laien und Experten: Bildschätze des 16. Jahrhunderts

Albrecht Dürer über die menschlichen Proportionen, Nürnberg 1532 (VD16 D 2860). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

In unserem dritten Beitrag zum Abschluss des Projektes VD16 digital stehen die Wissenschaften und neue Illustrationsformen im Mittelpunkt – zum Beispiel Arznei-  und Pflanzenbücher, Tierbücher und anatomische Werke, in denen Sie jetzt virtuell blättern können!

Ein Beitrag von Evelyn Hanisch und Friederike Willasch.

Fachbereiche wie Astronomie, Alchemie, Mathematik und Geschichte eroberten den Buchmarkt – vor allem in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Wissen wurde in Arznei-  und Pflanzenbüchern, Pestbüchern oder Tierbüchern vermittelt. Manche Werke richteten sich an den Experten, manche explizit an den Laien. Fachliteratur bestand neben volkssprachiger Gebrauchsliteratur, darunter Anleitungen aller Art, Nachschlagewerke oder Lehrbücher. Die Gattung der Fachprosa und die Ausstattung wissenschaftlicher Werke entwickelten sich dabei mit dem Buchdruck entscheidend weiter, zum Beispiel bei den Illustrationstechniken.

Ausführliche Beschreibung und Darstellung

Pflanzen-, Arznei- oder Kräuterbücher gehörten zu den frühesten lexikographischen und enzyklopädischen Werken im Bereich der Medizin und existierten bereits im Mittelalter. Doch die Abbildungen in den frühen Werken – sofern denn vorhanden – hatten häufig illustrativen Charakter und setzten meistens Kenntnisse über das Erscheinungsbild einer Pflanze aus praktischer Erfahrung voraus. Im 16. Jahrhundert nahmen nun Werke zu, die sich um ausführlichere und detailgetreue Pflanzenbeschreibungen und Abbildungen bemühten, um auch dem Laien als Leitfaden zu dienen. Pflanzen sollten eindeutig identifizierbar sein, auch wenn der Leser oder die Leserin das Objekt nie selbst zu Gesicht bekommen hatte.

Zu aller welt trost und gemeinem nutze

Fachprosa richtete sich in der Frühen Neuzeit nicht nur an Gelehrte. Auch Laien hatten durch diese Werke Zugang zu Wissen, konnten mithilfe eines Buches ihre Hausapotheke bestücken, einen Kräutergarten anlegen oder sich medizinischen Rat einholen. Diese Zielrichtung äußert sich – wie zum Beispiel im “Gart der Gesundheit” – häufig schon im Vorwort. Der Autor möchte „nit erlichers, nit nützers wercks od[er] arbeit thun […], dan[n] eyn buch zusamen bringen, darinne vil kreüter und ander creaturen krafft und natur mit iren farben un[d] gestalten würden begriffen, zu aller welt trost und gemeinem nutze“.

Der Hahn in einer Ausgabe des „Gart der Gesundheit“ von 1509 (VD16 H 5124)… Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Das deutschsprachige Kräuterbuch

Das spätmittelalterliche Werk der “Gart der Gesundheit” von Johannes de Cuba aus dem Jahr 1485 war eines der ersten gedruckten Kräuterbücher in deutscher Sprache. Es handelte sich um ein großes Publikationsprojekt mit zahlreichen Illustrationen. Dabei standen nicht nur pflanzliche Arzneien im Mittelpunkt, sondern auch Heilmittel tierischer und mineralischer Herkunft. Die Wirkmacht dieses Arzneibuches wird deutlich mit Blick auf die nachgedruckten, bearbeiteten, erweiterten, übersetzten Ausgaben. An die 60 Ausgaben bis ins 18. Jahrhundert belegen das Interesse der Zeitgenossen an dem Werk. Zwei in Straßburg gedruckte Ausgaben von 1509 und 1515 wurden im Rahmen des Projektes digitalisiert.

…und der Hahn in Konrad Gessners „Icones avium“ von 1555 (VD16 G 1732). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Konrad Gessners Tierbuch

Wissenschaftliche Bestseller waren außerdem Tierbücher. Konrad Gessner – Arzt, Zoologe, Botaniker, Philologe und Theologe zugleich – veröffentlichte zahlreiche naturhistorische Arbeiten, doch vor allem seine „Historia animalium“ war eines der herausragenden wissenschaftlichen Werke der Zeit. Gessner arbeitete dabei mit dem Züricher Buchdrucker Christoph Froschauer zusammen. Zu dem fünfbändigen Werk Gessners gehört ein „Bildband“, die „Icones animalium“, der im Rahmen des Projektes digitalisiert wurde. Die Abbildungen stammten zum Teil von Gessner selbst oder von beauftragten Künstlern. Einen Teil der Exemplare ließ Froschauer schließlich sogar kolorieren, was besonders vermögende Kunden anzog.

Neue Illustrationstechniken

Für Gessner hatte eine wissenschaftliche Dokumentation der Tierarten und somit das Herausstellen identifizierender Details Vorrang, sodass er großen Wert auf eine annähernd naturgetreue Darstellung der Tiere legte. War das Herstellen von Holzschnitten für den Abdruck von Bildern im 15. Jahrhundert noch eine vorrangig handwerkliche Tätigkeit, arbeiteten Buchdrucker im 16. Jahrhundert verstärkt mit Künstlern zusammen. Großen Einfluss auf Buchillustrationen übten Albrecht Dürer und seine theoretischen Darlegungen zur perspektivischen Darstellung aus. Die Bilder erhielten zunehmend Tiefe, zum Beispiel durch Schraffurtechniken, was sich auch im direkten Vergleich mit früheren Holzschnitten sehen lässt. 

Vesalius‘ Durchbruch in der Anatomie

Ebenso wie Kräuter- und Tierbücher profitierte das Wissensgebiet der Anatomie im 16. Jahrhundert von den neuen technischen und künstlerischen Fertigkeiten bei Buchillustrationen. Gleichzeitig ist an der Verbreitung von Fachliteratur auch deren Bedeutung im 16. Jahrhundert abzulesen. Das lässt sich zum Beispiel an der „Anatomia deudsch“ nachvollziehen. Es handelt sich um einen von dem Wundarzt Jakob Baumann im Jahr 1551 in Nürnberg herausgegebenen Auszug eines der wohl berühmtesten Werke in der Geschichte der Anatomie.

Die lateinische Vorlage

Die „Anatomia deudsch“ basiert auf dem Werk „De humani corporis fabrica libri septem“ des in Brüssel geborenen Anatoms und Chirurgs Andreas Vesalius, später Leibarzt von Kaiser Karl V. und König Philipp II. von Spanien. Vesalius behandelte in seinem Werk den Aufbau des Körpers und wird als Begründer der neuzeitlichen Anatomie gesehen. Er war einer der Ersten, die öffentlich in sogenannten anatomischen Theatern sezierten. Die erste Leichenöffnung nahm er 1537 in Löwen vor, es folgte ein Ruf an die Universität in Padua. Seine Erkenntnisse verarbeitete Vesalius in der im Jahr 1543 erschienenen ersten lateinischen Ausgabe seines Werkes.

 

Drei Kupferstiche zum Muskelaufbau des menschlichen Körpers aus der „Anatomia Deudsch“ von Jakob Baumann, Nürnberg 1551 (VD16 V 917). Abteilung Historische Drucke. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Holzschnitt und Kupferstich

Schon Vesalius legte besonderen Wert auf die Ausstattung seines Werkes. Etwa 200 teilweise ganzseitige Illustrationen des menschlichen Körpers zeugen von großer anatomischer Exaktheit und künstlerischer Qualität. In der „Anatomia Deudsch“ wurde nun nicht auf Vesalius‘ originale Holzschnitte zurückgegriffen, die der Tizian-Schüler Jan Stephan von Kalkar angefertigt hatte. Die Ausgabe des Nürnberger Wundarztes Baumann basierte auf den vierzig – im 16. Jahrhundert im Buchdruck noch seltenen – Kupferstichen des englischen Druckers und Stechers Thomas Gemini und seiner Ausgabe “Compendiosa totius anatomie delineatio” von 1545.

Zugang zu Information im nicht-digitalen Zeitalter

Im deutschen Sprachraum fand Vesalius‘ Werk vor allem auch in der deutschen Übersetzung Verbreitung „dadurch man zu erfahrung kommenn mag, welche nicht allein den Artzten […] sonder auch den liebhabern der natur, un[d] den wundartzten hoch von nöten zuwissen“ ist, wie sich Jakob Baumann in der Widmung seines Werkes äußert. Diese Entwicklung hin zu volkssprachiger Fachliteratur ging vor allem auch von Paracelsus aus, der Anfang des 16. Jahrhunderts die erste Vorlesung in deutscher Sprache hielt und viele seiner Werke in deutscher Sprache veröffentlichte. Das war nicht nur ungewöhnlich in der medizinischen Fachwelt, sondern wurde auch größtenteils abgelehnt. Dabei hatte der volkssprachige Buchdruck großes Potential: Wissenschaftliche Themen waren allen Interessierten ohne Sprachbarriere zugänglich und die Grenzen zwischen Fach- und Gebrauchsliteratur verschwammen zugunsten einer breiteren Allgemeinbildung.

Im nächsten Beitrag zum VD16 digital geht es um Akteurinnen im Buchdruckgewerbe. Haben Sie sich eigentlich schon einmal Gedanken über Buchdruckerinnen in der Frühen Neuzeit gemacht?

Die “Prosopographia Imperii Romani” nach 100 Jahren abgeschlossen

Die 2. Auflage, der, wie sie vollständig heißt, Prosopographia Imperii Romani saeculorum primi, secundi, tertii (kurz PIR) – auf den Titelblättern steht freilich nur Prosopographia Imperii Romani saec. I. II. III. – ist hundert Jahre, nachdem sie von der Preußischen Akademie der Wissenschaften aus der Taufe gehoben wurde, zum Abschluss gebracht worden. Damit hat eines der uralten Langzeitvorhaben der deutschen Akademien ein glückliches Ende gefunden. Die „Prosopographie des Römischen Reiches für das erste, zweite und dritte Jahrhundert“ ist ein Personenlexikon der Führungsschicht des Römischen Reiches in acht Bänden. Damit liegt das wichtigste Hilfsmittel für die personengeschicht-liche (prosopographische) Erforschung der römischen Kaiserzeit jetzt vollständig vor. Erfasst werden alle Personen des Römischen Reichs aus der Zeit zwischen 30 v.d.Z. bis ca. 300 – also von Augustus bis Diokletian – von einiger Bedeutung, die in handschriftlichen oder inschriftlichen Quellen sowie auf Münzen belegt sind. Insgesamt sind das rund 15.000 Köpfe. Dazu zählen auch Personen, die mit Rom in Kontakt standen wie der Germane Arminius, der den Römern ihr Desaster in der Nähe des Teutoburger Waldes bescherte. Bei der Zitierung der Quellen ist in aller Regel Vollständigkeit angestrebt. Für den Laien dürfte gewöhnungsbedürftig sein, dass die Artikel komplett in lateinischer Sprache abgefasst sind. Geordnet werden die Römerinnen und Römer nach ihrem Familiennamen, dem nomen gentile. Augustus muss deshalb unter Iulius gesucht werden, Marcus Aurelius unter Annius und Caracalla unter Septimius. In Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft gilt übrigens dasselbe Ordnungsprinzip.

Als die im ausgehenden 19. Jahrhundert weltweit auf dem Gebiet der Altertumswissenschaften führende Preußische Akademie der Wissenschaften die großen Inschrifteneditionen Corpus Inscriptionum Graecarum bzw. Latinarum zu einem gewissen Abschluss gebracht hatte, setzte sich maßgeblich Theodor Mommsen dafür ein, das umfangreiche personenkundliche Material der römischen Kaiserzeit zusammenzutragen und zu publizieren. 1883 gestartet erschienen 1897 bis 1898 in rascher Folge die drei Bände der ersten Auflage der PIR. Sie waren eine gute Basis für die 1893 mit dem ersten Band gestartete Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, das – soweit dies möglich ist – allumfassende Nachschlagewerk über die Antike mit einer beeindruckenden Anzahl von Personenartikeln. Die prospographische Methode hatte sich aus der Arbeit an den Inschriftencorpora entwickelt. Die Inschriften enthalten ja zu einem großen Teil biographische Angaben. Das Wort selbst ist eine gelehrte Wortschöpfung aus den griechischen Wörtern prosōpon „Antlitz, Person“ und graphein „(be)schreiben“. Das lateinische persona geht übrigens höchstwahrscheinlich über das Etruskische auf das griechische prosōpon zurück.

Durch zahlreiche neue, v.a. inschriftliche Quellenfunde war die 1. Auflage der PIR so schnell veraltet, dass die Berliner Akademie bereits 1915 eine Neubearbeitung beschlossen hat. Nach ausführlichen Vorarbeiten erschienen 1932 der erste Band, der nächste 1936 und noch mitten im Krieg 1943 der dritte. Anders als in den beiden ersten Bänden wurden auf dem Titelblatt keine Herausgeber genannt. Die beiden Hauptbearbeiter und bisherigen Editoren, Edmund Groag (1873-1945) und Arthur Stein (1871-1950), waren den Rassengesetzen des Dritten Reiches zum Opfer gefallen. Immerhin fand ihre Arbeit in dem auf Latein verfassten Vorwort Erwähnung. Durch glückliche Fügung konnten beide den Krieg überleben. Die PIR wurden nach gewissen Anlaufschwierigkeiten von der Nachfolgeeinrichtung der Preußischen Akademie der Wissenschaften betreut, die nun Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin (ab 1972 Akademie der Wissenschaften der DDR) hieß. Akademiepräsident ab 1945 war der renommierte klassische Philologe Johannes Stroux (1886-1954). 1952 konnte ein erster Teil des vierten Bandes erscheinen. Bis 1987 wurden fünf Bände erarbeitet, erreicht war der Buchstabe O.

Über die Wendezeit rettete das Werk die Neugründung der Berlin-Brandenburgischen Akademie hinweg. Freilich wurde dabei mit dem Jahr 2006 ein Zeitrahmen bis zum Abschluss der Edition gesetzt. Die Editionskräfte kamen bis zum Buchstaben S und sahen auf sieben vollendete Bände. Erstmals in seiner langen und wechselvollen Geschichte lief das Projekt ernsthaft Gefahr, als Torso zu enden. Erstmals stand es ohne die institutionelle Unterstützung durch eine der Akademien dar. Dankenswerterweise sprang die Fritz Thyssen Stiftung ein, und 2015 konnte dann die zweite Auflage der PIR genau einhundert Jahre nach ihrem Entstehen zum Abschluss gebracht werden. Der achte Band liegt jetzt komplett vor. Er ist wie alle anderen, auch die zwischen 1952 und 1987 gedruckten, beim renommierten Berliner Wissenschaftsverlag De Gruyter erschienen.

Das Entstehen der PIR ist ein gutes Stück deutscher Wissenschaftsgeschichte. Dieses ist aber nicht vollständig ohne einen Blick auf das Anschlussprojekt, die Prosopographia Imperii Romani saeculorum quarti, quinti, sexti, also der Personenbeschreibung der vierten, fünften und sechsten Jahrhunderts. Auch dieses Projekt der Preußischen Akademie der Wissenschaften wurde vom damals bereits greisen Theodor Mommsen (1817-1903) im Jahr 1901 initiiert. Die umfangreiche Materialsammlung – erschienen war noch kein einziger Band – wurde im Zweiten Weltkrieges wegen der Bombenangriffe aus Berlin ausgelagert. Nach dem Krieg konnte sie dann nur noch rudimentär geborgen werden, und die Arbeiten an diesem Projekt wurden innerhalb der Berliner Akademie eingestellt. Nun sprangen Wissenschaftler der Britischen Akademie der Wissenschaften in die Bresche, übernahmen leihweise die Fragmente und ergänzten die Sammlung. So konnte 1971-1992 The Prosopography of the later Roman Empire in drei Bänden mit dem Zeitrahmen 260-641 erscheinen. Die Berliner Akademie widmete sich aber neben der PIR noch einer anderen prosopographischen Herkulesaufgabe. Nachdem die Vorarbeiten bis zur deutschen Vereinigung 1990 sehr schleppend verlaufenen waren, erschien 1998 der erste Band der Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit. Bereits 2013 konnte der siebzehnte und letzte Band vorgelegt werden. Bearbeitet waren rund 20.000 Personenartikel aus der Zeit zwischen 641 und 1025. Als Verleger stellte sich wiederum De Gruyter zur Verfügung.

Auch für den geographischen Raum des ehemaligen Weströmischen Reiches gibt es verschiedene prosopographische Werke, allerdings ist die Vollständigkeit des byzantinischen Raumes noch lange nicht erreicht. Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass die Prosopographien zum Grundbestand des Lesesaals Unter den Linden gehören. Sie finden dort die genannten Werke unter den nachfolgend genannten Signaturen:

Prosopographia Imperii Romani : HA 7 De 4150

The Prosopography of the later Roman Empire : HA 7 De 4155

Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit : HA 7 Df 2900

Die dahinterstehende Aufstellungssystematik des Lesesaals finden Sie hier:

Lesesaalaufstellungssystematik Geschichte

 

 

 

 

 

Entmystifizierung des Herzens

Die World Heart Federation hat in diesen Tagen daran erinnert, welche Aufgabe tagtäglich unserem Herzen zukommt: Indem es das Blut durch den Körper pumpt, stellt es die sauer- und nährstoffliche Versorgung der Organe sicher. Die physiologische Bedeutung, die dem Herzen damit zuerkannt ist, war jedoch lange unbekannt. Bis ins 17. Jahrhundert hinein nahm man in Westeuropa an, dass die Aufgabe des Herzens in der Veredelung des Blutes liege. In Anknüpfung an Vorstellungen des einflussreichen griechischen Arztes Galen (129–ca. 216) ging man davon aus, dass das Blut von der rechten in die linke Herzkammer fließe und dabei mit Lebensgeistern angereichert werde. Derart aufbereitet, versorge es den Körper mit Lebenskraft und werde von ihm verbraucht.

Hinterfragt wird diese Vorstellung bei uns erst ungefähr 1400 Jahre später – durch eine Abhandlung William Harveys (1578–1657). In seiner Schrift über die „Bewegung des Herzens und des Blutes“ („Exercitatio anatomica de motu cordis et sanguinis in animalibus“) bringt der englische Arzt seine Zweifel zum Ausdruck: Er sei sich „nicht ganz sicher“, ob die überlieferten Thesen, an die seine Kollegen anknüpften, tatsächlich zuträfen. „Sinn und Nutzen der Herzbewegung“ will er daher „nicht aus Büchern und den Schriften anderer“ ergründen, sondern „durch eigenes Sehen“. Will heißen: durch den Eingriff in lebende Organismen. Harvey fixiert Kalt- und Warmblütler auf einen Tisch, öffnet ihnen den Brustkorb und perforiert ihre Schlagadern. Was er dabei wahrnimmt und mit viel Aufmerksamkeit beobachtet, ist das Pulsieren der Blutgefäße.

Zu den Vorstellungen Galens stand diese Beobachtung im Widerspruch: Das Herz saugt das Blut nicht an. Es pumpt es in die Arterien, und zwar in rauhen Mengen. Bei dem Versuch, sie grob zu überschlagen, kommt Harvey auf ein Volumen, das viel zu umfangreich ist, um vom Körper verbraucht zu werden. Statt an einen schrittweisen Verzehr des Blutes sei daher an einen Kreislauf zu denken. Man müsse, so Harvey, „notwendigerweise schließen“, dass sich das Blut „bei Lebewesen in einem Kreise“ bewege, und dass dies „die Tätigkeit bzw. Betätigung des Herzens [sei], die es mittels seines Pulses zustande bringt“.

Für Harveys Zeitgenossen war diese Schlussfolgerung schwer nachzuvollziehen. Sie kam ihnen einer Entmystifizierung des Herzens gleich. Selbst Fachkollegen reagierten ungläubig. Sollte das Herz tatsächlich nur eine Pumpe sein? Der einstige Sitz der Seele nicht mehr als ein Muskel? Weitere Beobachtungen schienen diese These zu bekräftigen. Bevor sie sich erhärten konnte, sollten jedoch noch mehrere Jahrzehnte vergehen.

Über die Sammlungen der Staatsbibliothek lassen sich die Etappen der Herzforschung erschließen. So können neben historischen Schriften u.a. von William Harvey (im Haus Unter den Linden) auch jüngere Beiträge zur kardiologischen Forschung (im Haus Potsdamer Straße) online oder vor Ort bestellt und eingesehen werden. Einen Überblick über die zur Verfügung stehenden Titel verschafft der StaBiKat bzw. der StaBiKat+.