Werkstattgespräch zur Sexualerziehung in Deutschland 1900 bis 1980 am 20.9.

Wissenswerkstatt
Empfängnisverhütung in der Sexualerziehung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, 1900-1980
Werkstattgespräch mit Dr. Lutz Sauerteig (Durham University, UK)
2016 Stipendiat im Stipendienprogramm der SPK

Dienstag, 20. September
18.15 Uhr
Schulungsraum im Lesesaal, Haus Potsdamer Straße
Treffpunkt in der Eingangshalle (i-Punkt)

Eintritt frei, Anmeldung erbeten

 

Fortpflanzung ist eines der zentralen Themen in der Sexualaufklärung für Kinder und Jugendliche. Gleichzeitig ist es auch ein problematisches Thema, das Sexualerziehern über Jahrzehnte hinweg Kopfschmerzen bereitet hat. Zwar sollten Jugendliche auf ihre Rolle als zukünftige Mütter oder Väter vorbereitet werden und eine positive Einstellung zu Schwangerschaft und Familie entwickeln. Aber man wollte keinesfalls ihre Aufmerksamkeit frühzeitig auf Sexualität lenken. Bis in die 1960er Jahre hinein zielte Sexualerziehung daher darauf, junge Menschen vor den Gefahren nichtehelicher Sexualität zu warnen. Von Empfängnisverhütung war daher in der Sexualaufklärung kaum oder nur in einem äußerst negativen Sinne die Rede.

Dies änderte sich in den 1960er Jahren, als sich sowohl die sexualmoralischen Vorstellungen wie auch das Sexualverhalten von Jugendlichen wandelten. Wie der Vortrag anhand von Beispielen aus Aufklärungsbüchern und Artikeln in Jugendzeitschriften zeigen wird, begannen Sexualerzieher nun eine neue Moral zu propagieren. Diese neue Moral basierte auf dem Prinzip, dass gleichberechtigte Partner sich über alle Fragen ihres Sexuallebens miteinander zu verständigen hatten, einschließlich der Verhütung. Die ‘Verhandlungsmoral‘ gestattete Jugendlichen einvernehmliche sexuelle Beziehungen, übertrug ihnen aber gleichzeitig die Verantwortung für die Folgen ihres Handelns. Jugendliche hatten, bevor sie sexuelle Beziehungen eingingen, sowohl die Techniken und Praktiken der Empfängnisverhütung wie auch die Prinzipien der Verhandlungsmoral zu erlernen. Sie wurden dabei von einer Vielzahl von Aufklärungsmaterialen unterstützen, die sie über Verhütung informierten und ihnen Skripte für das Aushandeln sexueller Beziehungen lieferten.

Während die sogenannte sexuelle Revolution der späten 1960er Jahre gewöhnlich im Kontext von Liberalisierung und mehr Freiheit gesehen wird, wird der Vortrag einen anderen Schwerpunkt setzen und die Kosten der neu gewonnenen Freiheit betonen.

Alle Veranstaltungen der Wissenswerkstatt

Stipendienprogramm der SPK an der Staatsbibliothek zu Berlin

14.9. : Max-Herrmann-Preis an Wim Wenders

Mittwoch, 14. September : 15 Uhr Film „Der Himmel über Berlin“, 18 Uhr Preisverleihung an Wim Wenders

In diesem Jahr erhält Wim Wenders die wichtigste Auszeichnung, die in Deutschland für Verdienste um das Bibliothekswesen vergeben wird, den Max-Herrmann-Preis der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e.V.

Der Filmregisseur, Autor und Produzent Wim Wenders hat in seinem Film „Der Himmel über Berlin“ (1987) die Staatsbibliothek zu Berlin zu einem der zentralen, magischen Schauplätzen erwählt und ihr so „ein ebenso schönes wie bleibendes filmisches Denkmal von internationalem Rang gesetzt“, erklärt André Schmitz, Vorsitzender der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V. zur Preisverleihung 2016. Der Lesesaal im Haus an der Potsdamer Straße, von dem Architekten Hans Scharoun konzipiert und von seinem Partner Edgar Wisniewski fertiggestellt, gleicht einer fließenden Landschaft mit seinen Ebenen und Emporen. Im Film wird er zum Treffpunkt wie Rückzugsort der Engel. So wie sie jungen wie alten Menschen in ihren Gedankenwelten beistehen, fügen sich diese zu einem vielstimmigen Kosmos zusammen. „Bibliotheken sind Herzkammern der Bildung, Begegnungsorte mit Büchern, mit Menschen, mit Gedanken, mit sich selbst. Wim Wenders hat der Magie, dem Wesen einer Bibliothek ein unvergessliches Gesicht gegeben“, erklärt, André Schmitz weiter.

Seit dem Jahr 2000 verleihen die Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e.V. mindestens alle zwei Jahre den Max-Herrmann-Preis an eine Persönlichkeit, die sich in besonderer Weise um das Bibliothekswesen und die Staatsbibliothek zu Berlin verdient gemacht hat. Zu den von einer Jury ausgewählten Preisträgern gehörten bislang neben anderen der langjährige Direktor der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel und Retter der Franckeschen Stiftungen in Halle (Saale), Paul Raabe, Dr. Ekaterina Genieva, Generaldirektorin der Gesamtrussischen Staatlichen Rudomino-Bibliothek für Ausländische Literatur in Moskau, der Schriftsteller Günter de Bruyn sowie der israelische Künstler Micha Ullman.

Der Preis ist nach dem bedeutenden Literaturwissenschaftler Max Hermann benannt, der 1923 an der Humboldt-Universität zu Berlin das weltweit erste Theaterwissenschaftliche Institut gründete. 1933 verlor Max Herrmann seine Professur an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. In der Staatsbibliothek durfte er keine Bücher mehr ausleihen, durfte diese lediglich – über siebzigjährig – am Stehpult einsehen. Im Jahr 1942 wurde er nach KZ Theresienstadt deportiert und starb dort nach wenigen Wochen.


Mittwoch, 14. September 2016
Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Potsdamer Straße 33, 10785 Berlin
Otto Braun-Saal

15 Uhr : Filmvorführung „Der Himmel über Berlin“
Offen für alle –Eintritt frei

18 Uhr : Verleihung des Max-Herrmann-Preises 2016 an Wim Wenders
Teilnahme nur nach Anmeldung bei freunde@sbb.spk-berlin.de

Es sprechen
Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin
André Schmitz, Vorsitzender des Vorstandes der Freunde der Staatsbibliothek zu Berlin e. V.
Laudatio: Dieter Kosslick, Festivaldirektor der Internationalen Filmfestspiele Berlin
Preisträger Wim Wenders


Ihr Pressekontakt
Gwendolyn Mertz 030 / 266 43 8000
freunde@sbb.spk-berlin.de

Die “Prosopographia Imperii Romani” nach 100 Jahren abgeschlossen

Die 2. Auflage, der, wie sie vollständig heißt, Prosopographia Imperii Romani saeculorum primi, secundi, tertii (kurz PIR) – auf den Titelblättern steht freilich nur Prosopographia Imperii Romani saec. I. II. III. – ist hundert Jahre, nachdem sie von der Preußischen Akademie der Wissenschaften aus der Taufe gehoben wurde, zum Abschluss gebracht worden. Damit hat eines der uralten Langzeitvorhaben der deutschen Akademien ein glückliches Ende gefunden. Die „Prosopographie des Römischen Reiches für das erste, zweite und dritte Jahrhundert“ ist ein Personenlexikon der Führungsschicht des Römischen Reiches in acht Bänden. Damit liegt das wichtigste Hilfsmittel für die personengeschicht-liche (prosopographische) Erforschung der römischen Kaiserzeit jetzt vollständig vor. Erfasst werden alle Personen des Römischen Reichs aus der Zeit zwischen 30 v.d.Z. bis ca. 300 – also von Augustus bis Diokletian – von einiger Bedeutung, die in handschriftlichen oder inschriftlichen Quellen sowie auf Münzen belegt sind. Insgesamt sind das rund 15.000 Köpfe. Dazu zählen auch Personen, die mit Rom in Kontakt standen wie der Germane Arminius, der den Römern ihr Desaster in der Nähe des Teutoburger Waldes bescherte. Bei der Zitierung der Quellen ist in aller Regel Vollständigkeit angestrebt. Für den Laien dürfte gewöhnungsbedürftig sein, dass die Artikel komplett in lateinischer Sprache abgefasst sind. Geordnet werden die Römerinnen und Römer nach ihrem Familiennamen, dem nomen gentile. Augustus muss deshalb unter Iulius gesucht werden, Marcus Aurelius unter Annius und Caracalla unter Septimius. In Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft gilt übrigens dasselbe Ordnungsprinzip.

Als die im ausgehenden 19. Jahrhundert weltweit auf dem Gebiet der Altertumswissenschaften führende Preußische Akademie der Wissenschaften die großen Inschrifteneditionen Corpus Inscriptionum Graecarum bzw. Latinarum zu einem gewissen Abschluss gebracht hatte, setzte sich maßgeblich Theodor Mommsen dafür ein, das umfangreiche personenkundliche Material der römischen Kaiserzeit zusammenzutragen und zu publizieren. 1883 gestartet erschienen 1897 bis 1898 in rascher Folge die drei Bände der ersten Auflage der PIR. Sie waren eine gute Basis für die 1893 mit dem ersten Band gestartete Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, das – soweit dies möglich ist – allumfassende Nachschlagewerk über die Antike mit einer beeindruckenden Anzahl von Personenartikeln. Die prospographische Methode hatte sich aus der Arbeit an den Inschriftencorpora entwickelt. Die Inschriften enthalten ja zu einem großen Teil biographische Angaben. Das Wort selbst ist eine gelehrte Wortschöpfung aus den griechischen Wörtern prosōpon „Antlitz, Person“ und graphein „(be)schreiben“. Das lateinische persona geht übrigens höchstwahrscheinlich über das Etruskische auf das griechische prosōpon zurück.

Durch zahlreiche neue, v.a. inschriftliche Quellenfunde war die 1. Auflage der PIR so schnell veraltet, dass die Berliner Akademie bereits 1915 eine Neubearbeitung beschlossen hat. Nach ausführlichen Vorarbeiten erschienen 1932 der erste Band, der nächste 1936 und noch mitten im Krieg 1943 der dritte. Anders als in den beiden ersten Bänden wurden auf dem Titelblatt keine Herausgeber genannt. Die beiden Hauptbearbeiter und bisherigen Editoren, Edmund Groag (1873-1945) und Arthur Stein (1871-1950), waren den Rassengesetzen des Dritten Reiches zum Opfer gefallen. Immerhin fand ihre Arbeit in dem auf Latein verfassten Vorwort Erwähnung. Durch glückliche Fügung konnten beide den Krieg überleben. Die PIR wurden nach gewissen Anlaufschwierigkeiten von der Nachfolgeeinrichtung der Preußischen Akademie der Wissenschaften betreut, die nun Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin (ab 1972 Akademie der Wissenschaften der DDR) hieß. Akademiepräsident ab 1945 war der renommierte klassische Philologe Johannes Stroux (1886-1954). 1952 konnte ein erster Teil des vierten Bandes erscheinen. Bis 1987 wurden fünf Bände erarbeitet, erreicht war der Buchstabe O.

Über die Wendezeit rettete das Werk die Neugründung der Berlin-Brandenburgischen Akademie hinweg. Freilich wurde dabei mit dem Jahr 2006 ein Zeitrahmen bis zum Abschluss der Edition gesetzt. Die Editionskräfte kamen bis zum Buchstaben S und sahen auf sieben vollendete Bände. Erstmals in seiner langen und wechselvollen Geschichte lief das Projekt ernsthaft Gefahr, als Torso zu enden. Erstmals stand es ohne die institutionelle Unterstützung durch eine der Akademien dar. Dankenswerterweise sprang die Fritz Thyssen Stiftung ein, und 2015 konnte dann die zweite Auflage der PIR genau einhundert Jahre nach ihrem Entstehen zum Abschluss gebracht werden. Der achte Band liegt jetzt komplett vor. Er ist wie alle anderen, auch die zwischen 1952 und 1987 gedruckten, beim renommierten Berliner Wissenschaftsverlag De Gruyter erschienen.

Das Entstehen der PIR ist ein gutes Stück deutscher Wissenschaftsgeschichte. Dieses ist aber nicht vollständig ohne einen Blick auf das Anschlussprojekt, die Prosopographia Imperii Romani saeculorum quarti, quinti, sexti, also der Personenbeschreibung der vierten, fünften und sechsten Jahrhunderts. Auch dieses Projekt der Preußischen Akademie der Wissenschaften wurde vom damals bereits greisen Theodor Mommsen (1817-1903) im Jahr 1901 initiiert. Die umfangreiche Materialsammlung – erschienen war noch kein einziger Band – wurde im Zweiten Weltkrieges wegen der Bombenangriffe aus Berlin ausgelagert. Nach dem Krieg konnte sie dann nur noch rudimentär geborgen werden, und die Arbeiten an diesem Projekt wurden innerhalb der Berliner Akademie eingestellt. Nun sprangen Wissenschaftler der Britischen Akademie der Wissenschaften in die Bresche, übernahmen leihweise die Fragmente und ergänzten die Sammlung. So konnte 1971-1992 The Prosopography of the later Roman Empire in drei Bänden mit dem Zeitrahmen 260-641 erscheinen. Die Berliner Akademie widmete sich aber neben der PIR noch einer anderen prosopographischen Herkulesaufgabe. Nachdem die Vorarbeiten bis zur deutschen Vereinigung 1990 sehr schleppend verlaufenen waren, erschien 1998 der erste Band der Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit. Bereits 2013 konnte der siebzehnte und letzte Band vorgelegt werden. Bearbeitet waren rund 20.000 Personenartikel aus der Zeit zwischen 641 und 1025. Als Verleger stellte sich wiederum De Gruyter zur Verfügung.

Auch für den geographischen Raum des ehemaligen Weströmischen Reiches gibt es verschiedene prosopographische Werke, allerdings ist die Vollständigkeit des byzantinischen Raumes noch lange nicht erreicht. Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass die Prosopographien zum Grundbestand des Lesesaals Unter den Linden gehören. Sie finden dort die genannten Werke unter den nachfolgend genannten Signaturen:

Prosopographia Imperii Romani : HA 7 De 4150

The Prosopography of the later Roman Empire : HA 7 De 4155

Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit : HA 7 Df 2900

Die dahinterstehende Aufstellungssystematik des Lesesaals finden Sie hier:

Lesesaalaufstellungssystematik Geschichte

 

 

 

 

 

Meer oder weniger Meer in der Literatur

Ein Beitrag aus unserer Reihe Meere und Ozeane zum Wissenschaftsjahr 2016*2017

Meere und Ozeane sind noch immer geheimnisvoll und in weiten Teilen geradezu sprichwörtlich unerforscht, obwohl sie seit langem schon Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen sind. Welchen Beitrag kann die Literatur hier leisten? Oder besser, unkonventionell gefragt, wie trägt diese Unerforschtheit zur Themenbildung in der Literatur bei? Gerade das Unbekannte bietet eine hervorragende Projektionsfläche für Fantasien, Hypothesen, ja überhaupt für Gegenentwürfe zur bekannten Realität.

Ohne weiteres wird man zustimmen, dass das Meer in der Literatur häufig anzutreffen ist. Und in der Tat: Aus der Flut unserer Neuerwerbungen der letzten Jahre lässt sich mit einer gezielten Abfrage ein ganzer Schwung Bücher zum Motiv des Meeres in der Literatur aus dem StaBiKat herausfischen: xbkl 17.93 xsww Meer <Motiv>

Hinzu kommen Untersuchungen zum Wasser, der Seefahrt und verwandten literarischen Themen sowie eine große Zahl allgemeiner stoff- und motivkundlicher Werke. Nicht zu vergessen die zahlreichen ältere Titel, die bei uns anders sachlich aufbereitet sind. Konsultieren wir die Stoff- und Motivlexika in den Allgemeinen Lesesälen Unter den Linden und Potsdamer Straße, so ergibt sich ein differenzierteres Bild: Herausgehoben ist die symbolische Funktion des Meeres, weshalb es gerade in Märchen und der Volksliteratur insgesamt sehr präsent ist. Diese Symbole wirken noch in der modernen Autorenliteratur fort.

Das Metzler Lexikon literarischer Symbole nennt drei Symbolkreise, die teilweise ineinander übergehen, wobei zwei davon ebenso für das Wasser allgemein angeführt werden:

Das Meer als Symbol des Weiblichen, der Regression und des Zyklus von Geburt und Tod steht neben dem Wasser als Symbol des Ursprungs, des Lebens und des Todes. In vielen Schöpfungsmythen sind Wasser und Meer Urgrund des Seins, waren bereits vor der Erschaffung der Welt vorhanden. Ebenso gehen Auflösungs- und Todesvorstellungen mit Meer und Ozean einher. Die Vorstellung vom Wasser als etwas Weiblichen löst einerseits Angst, andererseits erotische Sehnsüchte aus und findet ihren Ausdruck in lockenden weiblichen Wasserwesen, die wahlweise im Meer oder in Seen, Flüssen oder Quellen beheimatet sind. Denn selbst wenn Seejungfrauen, Meeresnymphen und Meerfeen ausdrücklich im Meer verortet sind, wie beispielsweise die kleine Seejungfrau von Hans Christian Andersen in Den lille havfrue, so unterscheiden sie sich doch nicht wesentlich von ihren Schwestern Nixe, Undine, Melusine, die sich in der Regel in Flüssen und Seen aufhalten, und auch ihre Konflikte sind ähnlich; die Autoren haben ihre Geschöpfe nicht einmal speziell für das Leben im Salzwasser ausgestattet.

Das Symbol des Unbewussten und der Erinnerung teilt das Meer ebenfalls mit dem Wasser, das in ähnlicher Weise die ungeordnete Fülle des Unbewussten symbolisiert. Das Meer wird zu etwas Unheimlichen, Rätselhaften, unter dessen Oberfläche vieles verborgen bleibt. Die Tiefe des Meeres ist Abbild des Unbewussten, dem schöpferische Kraft innewohnt. Der Meeresgrund steht für das dem Menschen Unbekannte, ist prachtvoll und beängstigend zugleich; der Meeresgrund als Seelengrund ist zum Symbol für unbekannte Sehnsüchte und Träume geworden. Doch auch dem Wasser als solchem wird zugeschrieben, Element der Sehnsucht und symbolischer Ort der Wünsche zu sein, wofür das Bild der verführenden Nixe steht.

Die Meereslyrik setzt das Symbol des Unbewussten in noch anderen Facetten um: An die Darstellung des Meeres knüpfen sich Betrachtungen über Vergangenheit und Zukunft, Gedanken an die Unendlichkeit der Schöpfung, ihre Harmonie und den Platz des Menschen darin, die eigene Unsterblichkeit. Das Ausmalen einer Naturstimmung dient – wie in der Naturlyrik allgemein – der Wiedergabe von Gemütsstimmungen und ruft Gefühle, Erinnerungen, Fantasiebilder hervor.

Nun aber wird es eindeutig maritim! Das Symbol der Herausforderung und der Bewährung beruht auf der Fremdheit und Gefährlichkeit des Meeres vor allem für die Seefahrt. Von jeher gilt das Meer in nahezu allen Schriftkulturen als höchst bedrohliches Element. Mit dem Meer ist die Vorstellung von Unendlichkeit, Unausschöpfbarkeit, Unergründlich in Weite und Tiefe, von Einsamkeit, Verlassenheit, Ausgeliefertsein und Unberechenbarkeit verbunden. Es steht für Bedrohung, Gefahr, Maßlosigkeit und als lebens- und götterfeindlich die Schöpfung bedrohende Macht. Das von dämonischen Mächten, Sünde und Tod bewohnte Meer wurde sogar mit der teuflischen Welt gleichgesetzt. Ebenso alt wie die Vorstellung vom bedrohlichen Meer ist die Metapher des Schiffs. Ist das Meer teuflisch, so ist es zum Schiff als Versinnbildlichung der christlichen Kirche nicht weit, das einzig Rettung aus dem Sündenmeer verheißt.

Gleichzeitig stellt das furchterregende, schier unbezwingbare Meer eine (göttliche) Grenze des menschlichen Lebensraums dar. Dieses Motiv bietet Raum für Bewährungsversuche gegen die Mächte des Schicksals: Erst durch die Überwindung der Angst kann das Meer räumlich und mental bezwungen werden. Von den Seefahrern wird großer Mut, Zuversicht und Urvertrauen in die Götter verlangt, um sich den gefahrvollen Abenteuerreisen und unberechenbaren Stürmen zu stellen, denn der Preis für die Grenzüberschreitung bleibt die stets vorhandene Möglichkeit ihres Scheiterns durch Schiffbruch oder Irrfahrt.

Schiff und Meeresüberquerung werden auch als Metapher für die Lebensreise gebraucht: So unberechenbares wie das Meer ist das Glück, glückhafte Schifffahrt und drohender Schiffbruch stehen als Daseinsmetaphern für den Lauf des Schicksals.

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Wie sieht es nun mit den maritim assoziierten Topoi in der Literatur konkret aus? Sehen wir uns ein paar Themen und Werktitel in Hinsicht auf ihren Bezug zu den Schwerpunkten des Wissenschaftsjahres an.

Im Zusammenhang mit Meeresdichtung ist leicht das Bild von der einsamen Insel vor Augen, auf der sich eine Robinsonade abspielt. Verständlich, schließlich wird die Insel zu einer solchen dadurch, dass sie von Wasser umgeben ist. Und erst im Meer ist von Wasser umgebenes Land so richtig „isoliert“(!). Doch Geschichten vom Inseldasein werden meist nicht im Kontext des Meer-Motivs in der Sekundärliteratur abgehandelt, auch wenn nicht selten ein Schiffbruch zu diesem Aufenthalt geführt hat. Das hat seinen Grund darin, dass in den Werken andere Aspekte im Vordergrund stehen: die räumliche Entfernung von der Zivilisation, die den Rahmen für Selbstbehauptung in Bewährungsproben oder für die Entwicklung einer Gemeinschaft und die Umsetzung utopischer Gesellschaftsentwürfe bietet.

Nicht nur Assoziationen, auch Werktitel können in die Irre führen. So ließe „Auf hoher See“ an sich eine Auseinandersetzung mit dem Meer erwarten, wüsste man nicht, dass es sich um ein absurdes Drama von Sławomir Mrożek handelt (z.B. in Stücke; Originaltitel Na pełnym morzu, in: Dialog 1961, Nr. 2). Nur der Ort des Geschehens ist benannt: 3 Schiffbrüchige, gerettet auf ein Floß, mitten im Meer. Der Konflikt dagegen ist ein sozialer, der zudem als politische Allegorie aufgefasst werden kann. Neue Beziehungsgefüge und Machtverhältnisse bilden sich in dieser Extremsituation heraus, bis schließlich die Möglichkeit individueller Freiheit unter den Bedingungen der Fremdbestimmtheit ausgelotet wird. Die Handlung könnte genauso gut in der Wüste oder in einer von der Außenwelt abgeschnittenen Berggegend spielen. Allerdings schwingt hier die Symbolik des Meeres als schreckliche und unüberwindbare Grenze mit, wodurch das Existentielle des Konflikts unterstrichen wird.

Seefahrerromane haben per se etwas mit dem Meer zu tun, denn keine Seefahrt ohne Meer! Doch nicht immer wird es wirklich im Sinne einer aktiven Aneignung thematisiert. Oftmals steht die symbolische Bedeutung des Überschreitens und der damit verbundenen Selbstbehauptung oder Möglichkeit des Scheiterns im Mittelpunkt. Andere Werke richten ihr Augenmerk auf die Ankunft am anderen Meeresufer und schildern Entdeckung und Kolonialisierung, aber auch das Erkunden der Fremde. In wieder anderen Romanen wird das Leben auf dem Schiff mit seinen täglichen Verrichtungen und zwischenmenschlichen Beziehungen beschrieben. Das Meer ist hier „einfach da“, muss überwunden werden, prägt die Seefahrt in ihrem Verlauf, evoziert nebenher Stimmungen, Gedanken, Erinnerungen. Ein Bemühen, das Meer zu verstehen und zu erforschen, bleibt häufiger aus, als man meinen würde.

Doch nicht immer: Es gibt durchaus Seefahrerromane, die sich tatsächlich mit dem Meer und seinen Bewohnern auseinandersetzen. Paradebeispiel dafür ist Herman Melvilles Moby-Dick; or, The Whale (so die Titelfassung der ersten Ausgabe, 1851).

MELVILLE: MOBY DICK. Pehe Nu-E. The only known picture of 'Moby Dick' drawn during Melville's lifetime. Wood engraving, late 19th century. Quelle: Britannica ImageQuest. Copyright: The Granger Collection/Universal Images Group

MELVILLE: MOBY DICK.
Pehe Nu-E. The only known picture of ‘Moby Dick’ drawn during Melville’s lifetime. Wood engraving, late 19th century. Quelle: Britannica ImageQuest. Copyright: The Granger Collection/Universal Images Group

Einerseits kann man die Leitidee der Rache am im Titel sogar namentlich genannten weißen Wal als Metapher für den existentiellen Kampf mit dem Übel der Welt, ein Auflehnen gegen Gott lesen. Andererseits würde die Beschränkung auf diese symbolische Dimension dem Roman nicht gerecht: Ausführliche, auf reiches Quellenmaterial gestützte Beschreibungen der Natur und kulturellen Bedeutung der Wale, des Walfangs und der Verarbeitung des Fangs nehmen breiten Raum ein, wenngleich auch philosophische Betrachtungen nicht fehlen. Bleibt die Frage: Woher haben Wale Namen, die ihnen selbst mit Sicherheit nicht bekannt sind? – Herman Melville hat den für Moby Dick jedenfalls von einem weißen Wal namens „Mocha Dick“, über den 1839 ein Bericht von Jeremiah Reynolds in The Knickebocker veröffentlicht wurde. Und dessen Name ist seinerseits motiviert: Der Wal wurde vor der chilenischen Küste in der Nähe der Insel Mocha gesichtet.Wer mag, kann Reynolds‘ Bericht übrigens in moderner Typographie in Herman Melville’s “Moby-Dick” : a documentary volume nachlesen und sich davon ein Bild machen, wieviel Moby Dick mit seinem realen Vorbild gemeinsam hat.

Spielt sich die Seefahrt unter Wasser ab, so ist man den unbekannten Meerestiefen zwangsläufig viel näher, eine Auseinandersetzung mit dem Unbekannten drängt sich auf. So ließ es Jules Verne der U-Boot-Besatzung in seinem utopischen Abenteuerroman Vingt mille lieues sous les mers  (1869/70) ergehen.  – Was hat es aber mit den 20.000 Meilen „unter den Meeren“ auf sich? Als Maßeinheit sind „metrische“ Meilen à 4 km anzusetzen, wie konkrete Berechnungen im Romantext eindeutig belegen. Es handelt sich also um 80.000 km, womit die Länge der zurückgelegten Strecke gemeint ist, nicht die Tauchtiefe: Die Maße des Erdradius‘ von 6357 – 6378 km waren Jules Verne bekannt. Auf die genaue Angabe kam es ihm hier aber gar nicht an, er schwankte lange zwischen verschiedenen Titelvarianten. Entscheidend ist lediglich, dass die Strecke wesentlich länger ist als der Erdumfang (am Äquator 40.077 km), so dass das U-Boot theoretisch überall gewesen sein kann.

Illustrations de Vingt mille lieues sous les mers / Alphonse de Neuville: Fig. p. 201, en bandeau de la 2 ° partie : Pêche des naufragés. Quelle: Bibliothèque nationale de France via Gallica

Bei einem Autor, der seine Protagonisten bereits in die Luft, zum Mond und zum Mittelpunkt der Erde geschickt hatte, mag es nicht überflüssig sein darauf hinzuweisen, dass die 20.000 Meilen nicht tatsächlich „unter den Meeren“ zurückgelegt wurden, sondern streng genommen unter der Meeresoberfläche, also mitten im Wasser selbst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In den Tiefen der Ozeane finden wir auch die Ursache für weltweite Meereskatastrophen und aus dem Meer kommende Angriffe auf den Menschen, die Frank Schätzing in seinem Ökothriller Der Schwarm (2004) schildert. Der Roman könnte als Illustration des Begriffes der „Schwarmintelligenz“   geschrieben sein, zu einer Zeit, da das Wort noch nicht hauptsächlich in übertragenem Sinne in der Internet-Community gebraucht wurde. Die mit genetischem Informationsspeicher ausgestatteten, als Yrr benannten Einzeller in der Tiefsee verfügen in ihrer Gesamtheit über ein riesiges Intelligenzpotential, das sie, zusammengeschlossen zu größeren Verbänden mit „Kollektivintelligenz“, zur Rache an der Menschheit für die Misshandlung der Meere nutzen.

Der bloße Romantitel nimmt noch nicht eindeutig Bezug auf das Meer, denn Schwärme gibt es auch in der Luft – denken wir nur an Vogel- oder Bienenschwärme. Vielleicht aus Unsicherheit, auf welche Sorte „Schwarm“ angespielt wird, vielleicht aus anderen Gründen – die zahlreichen bisher erschienenen Übersetzungen in verschiedenste Sprachen (vgl. DNB) gehen unterschiedlich mit dem Werktitel um: Wörtlich übersetzt wurde er für das Niederländische, Ungarische, Englische, Russische, Brasilianisch-Portugiesische, Griechische, Norwegische, Chinesische, Türkische, Estnische, die erste Auflage der schwedischen und eine erste französische Übersetzung. „Der fünfte Tag“, eine im Roman selbst aufgegriffene Anspielung auf den 5. Schöpfungstag (Erschaffung der Tiere der Lüfte und des Wassers), wurde als Titel der italienischen, spanischen, portugiesischen, slowenischen, dänischen und zweiten Auflage der schwedischen Übersetzungen gewählt. Im Slowakischen und Polnischen entschied man sich für „Die Rache des Ozeans“, ähnlich im Tschechischen für „Aufruhr des Ozeans“. „Tiefen“, „Abgründe“ heißt der Roman auf rumänisch bzw. in einer zweiten französischen Übersetzung, „Untiere“ auf finnisch. Im Japanischen gar werden die Yrr bereits im Titel erwähnt: „Yrr in der Tiefe des Meeres“.

Die Ansiedlung der Einzeller ausgerechnet im Meer ist zwar nicht zwingend, liegt aber insofern nahe, als dass die Existenz einer bislang unentdeckten Lebensform auf der Erde nirgends wahrscheinlicher ist als hier. – Wer weiß …?

Vorschau: Ob auf den Meeren oder unter ihrer Oberfläche, beim Aufbruch zu neuen Ufern oder auf der “Fahrt durchs Leben“ – Orientierungshilfen sind gefragt! Für den Lebensweg können wir sie hier nicht geben, aber zumindest für die weiten Ozeane ist Hilfe zur Hand: Lesen Sie im nächsten Beitrag Wissenswertes über Seekarten aus Geschichte und Gegenwart.

Umrüstung von Schließfächern in der Potsdamer Straße

Im Haus Potsdamer Straße wurden die Tagesschließfächer so umgerüstet, dass Sie sie nun mit eigenem Vorhängeschloss nutzen können. Sollten Sie kein Vorhängeschloss zur Verfügung haben, stehen Ihnen weiterhin die mit Münzeinwurf verwendbaren größeren Garderobenschränke vor der Leihstelle zur Verfügung sowie die kostenlose, bewachte Garderobe neben dem Haupteingang.
Die Garderobenschränke links vom I-Punkt werden derzeit umgerüstet und sind in Kürze wieder mit Münzeinwurf verwendbar.
Bitte denken Sie auch bei Fächern, die Sie mit einem mitgebrachten Schloss sichern, daran, diese abends unbedingt freizugeben, da wir sie ansonsten räumen müssen.

13.9.: Bilderbuchkünstler Carll Cneut zu Gast, zehn Tage Ausstellung

In der Veranstaltungsreihe „Kinderbuch im Gespräch“ wird am 13. September um 18 Uhr der flämische Bilderbuchkünstler Carll Cneut begrüßt. Er gehört gegenwärtig zu den bedeutendsten Illustratoren in Europa.

Außerdem wird ab dem 7. September an neun Tagen im Foyer unseres Hauses Potsdamer Straße 33 / Kulturforum ein Teil seines Werkes vorgestellt: “Der goldene Käfig. Prächtiges Federvieh von Carll Cneut”.


Veranstaltung “Carll Cneut im Gespräch”
13. September 2016, 18 Uhr
Haus Potsdamer Straße 33 / Kulturforum
Dietrich-Bonhoeffer-Saal
Voranmeldung gern unter kinderbuchabt@sbb.spk-berlin.de, telefonisch 030 266 436401

Präsentation “Der goldene Käfig. Prächtiges Federvieh”
Werke des flämischen Bilderbuchkünstlers Carll Cneut
7. – 17. September 2016
Mo-Fr 9-21 Uhr, Sa 10-19 Uhr, am 8.9. und sonntags geschlossen
Foyer, Haus Potsdamer Straße 33 / Kulturforum

jeweils freier Eintritt


„Meine Bilder setzen sich im Unsichtbaren fort. Meine Leser haben die Freiheit, sie in ihrem Kopf zu vervollständigen. Das bringt die Erwachsenen oft durcheinander, aber niemals die Kinder.“ So beschreibt Carll Cneut seine Arbeit, die mit den höchsten Preisen für Bilderbuchkünstler ausgezeichnet ist.

Der flämische Künstler Carll Cneut gehört gegenwärtig zu den bedeutendsten Illustratoren in Europa. Schon mehrere seiner Bücher sind auch in deutscher Sprache verlegt, darunter Hexenfee, Rotgelbschwarzweiß und Die wundersame Liebesgeschichte des Mister Morf. Dem deutschen Publikum wurde Carll Cneut vor allem durch die Nominierung seines Bilderbuchs Der goldene Käfig für die Auswahlliste zum  Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 in der Sparte Bilderbuch bekannt.

Cneuts Variantenreichtum demonstriert das Ausschreiten vielfältiger gestalterischer Möglichkeiten. Zu seinen Vorbildern zählt er die  belgischen Expressionisten Gustave Van de Woestijne und James Ensor, seine Illustrationskunst erinnert zugleich an die Altmeister flämischer und niederländischer Malerei, an Jan van Eyck und Pieter Bruegel. Mit dem Buch Dulle Griet  hat Cneut sich sogar dem direkten Vergleich mit Bruegel ausgesetzt, die von Geert De Kockere verfasste und von Cneut illustrierte Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Gemälde des niederländischen Malers.

Die Ausstellung in der Staatsbibliothek zu Berlin, die in Zusammenarbeit mit dem internationalen literaturfestival berlin und der BOHEM PRESS GmbH vorbereitet wurde, zeigt Originalillustrationen aus Der goldene Käfig und aus dem dazugehörigen Malbuch, des Weiten Originale aus dem Buch Der blaue Vogel nach dem gleichnamigen Märchenspiel von Maurice Maeterlinck. Cneuts Anspruch, keine „Gebrauchsarbeiten“ sondern eigenständige Kunstwerke zu schaffen, zeigt sich u. a. daran, dass er seine Bilder in historische Rahmen fassen lässt, einige Bilder sind in dieser Kombination ausgestellt.

Über das Buch “Der goldene Käfig”

Das Buch, nach dem die Ausstellung benannt ist, erzählt die poetische und zugleich düstere Geschichte der einsamen kindlichen Prinzessin Valentina, deren Lebensinhalt das Sammeln seltener Vögel ist. Wenn es ihren Dienern nicht gelingt, die seltenen Tiere in aller Welt zu fangen, werden ihnen die Köpfe abschlagen. Die philosophische Geschichte von Anna Castagnoli über ein mit allzu großer Macht ausgestattetes, zugleich verlassenes und emotional verwahrlostes Kind wurde von Carll Cneut in prachtvolle, farbgewaltige Bilder umgesetzt. Er kombinierte aus mehreren Farbschichten aufgebaute Illustrationsgemälde mit kritzeligen Kinderzeichnungen, setzt in der Typographie eine klare Antiqua gegen krakelige Schreibschrift und macht so das Ungleichgewicht aus märchenhaftem Reichtum und der zur Grausamkeit verkommenen kindlichen Hilflosigkeit deutlich. Der harte Kontrast zwischen subtil ausgeführten Bildkompositionen und kompromissloser Simplizität macht den besonderen Reiz dieses Buchs aus, das in der Nominierungsbegründung für den Deutschen Jugendliteraturpreis als „bibliophiles Gesamtkunstwerk“ bezeichnet wird.

Ausstellungsplakat BUSONI

Eröffnung 4.9.: BUSONI. Freiheit für die Tonkunst

Am 4. September 2016 wird um 13 Uhr im Foyer der Kunstbibliothek am Kulturforum die Ausstellung BUSONI. Freiheit für die Tonkunst durch die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, Barbara Schneider-Kempf, den Direktor der Kunstbibliothek, Moritz Wullen, sowie den Direktor des Staatlichen Instituts für Musikforschung, Thomas Ertelt, feierlich eröffnet.

Zuvor findet um 11 Uhr ein Konzert im Rahmen des diesjährigen Musikfestes der Berliner Festspiele im Kammermusiksaal der Philharmonie mit dem Klavierduo GrauSchumacher statt.  Stiftungspräsident Hermann Parzinger wird gemeinsam dem Künstlerischen Leiter des Musikfests Winfried Hopp die Gäste begrüßen und das Festival eröffnen. Karten  sind zum Preis von 10 – 35 Euro über die Seite des Musikfests erhältlich.

Gemälde / Öl auf Leinwand, Ferruccio Busoni (1916) von Max Oppenheimer

Max Oppenheimer: Ferruccio Busoni, 1916 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Jörg P. Anders

Der Komponist, Klaviervirtuose, Dirigent und Musiktheoretiker Ferruccio Busoni (1866–1924) zählt zu den herausragenden Künstlerpersönlichkeiten seiner Epoche. Neben Komponisten wie Arnold Schönberg, Igor Strawinsky, Béla Bartók und Paul Hindemith gilt er als Wegbereiter der Neuen Musik. In vielen seiner Kompositionen streift er die Atonalität der zeitgenössischen Avantgarde, seine Ästhetik kulminiert in der Vision einer freien Musik. Sein nachhaltiger Einfluss auf die Kunst und die Musik des 20. Jahrhunderts macht ihn zu einer der zentralen Figuren der Moderne.

Aus Anlass von Busonis 150. Geburtstag am 1. April 2016 präsentieren die Staatsbibliothek zu Berlin, das Staatliche Institut für Musikforschung und die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin eine umfassende Ausstellung zu Leben und Werk des Komponisten. Im Mittelpunkt steht dabei der Busoni-Nachlass der Staatsbibliothek zu Berlin, einer der kostbarsten musikgeschichtlichen Schätze der Stadt. Er umfasst nicht nur Notenmanuskripte und eine fotografische Porträtsammlung, sondern ebenso mehr als 9.000 Briefe, die Busoni mit bedeutenden Protagonisten und Förderern der europäischen Moderne bis hin zur Avantgarde wechselte, darunter Arnold Schönberg, Stefan Zweig, George Bernard Shaw, Harry Graf Kessler, Max Oppenheimer, Umberto Boccioni, Jakob Wassermann, Bruno Cassirer, James Simon und Ludwig Rubiner.


Eine Ausstellung der Staatsbibliothek zu Berlin – PK, des Staatlichen Instituts für Musikforschung und der Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin – PK

4. September 2016 – 8. Januar 2017

Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin
Matthäikirchplatz 6
10785 Berlin

Montag geschlossen / Dienstag, Mittwoch und Freitag 10:00 – 18:00 Uhr
Donnerstag 10:00 – 20:00 Uhr
Samstag und Sonntag 11:00 – 18:00 Uhr

Der Eintrittspreis beträgt 6 Euro, ermäßigt 3 Euro.

So viel Busoni

Am 4. September eröffnet die mehrmonatige Ausstellung “BUSONI. Freiheit für die Tonkunst!”. Dass es überhaupt möglich ist, heute so viel von und über Ferruccio Busoni auszustellen, ist all denen zu verdanken, die schon zu seinen Lebzeiten wie auch nach seinem Tod sorgsam darauf achteten, dass sein Nachlass als Sammlung aufgebaut und späterhin als Ganzes bewahrt wurde – und bis heute nach Möglichkeit weiter ergänzt wird. Auch sind die umsichtigen Bibliothekare nicht zu vergessen, die während des Zweiten Weltkrieges mit der Auslagerung all der Schätze der Staatsbibliothek befasst waren und dabei auch im Nachlass Busoni solche Partien bildeten, dass ein Totalverlust ausgeschlossen sein würde. So beherbergt die Staatsbibliothek zu Berlin heute über 11.000 Stücke im Busoni-Nachlass, lediglich 25 Musikautographe sind kriegsbedingt in der Jagiellonen-Bibliothek in Krakau.

Der Umfang des Nachlasses Ferruccio Busoni ist außerordentlich, und auch seine Qualität ist für die Wissenschaft hervorragend. Anhand von 9.000 Briefen,  366 Musikautographen, 180 theoretischen Schriften und Libretti, etwa 900 Konzertprogrammen und Kritiken sowie 600 Fotografien können seine Entwicklung, sein Ringen mit der Kunst, seine Kontakte, sein Dasein als Förderer junger Künstler oder als in jungen Jahren selbst Geförderter nachvollzogen werden.

Schon Ferruccios Eltern ahnten, dass ihr als Wunderkind wahrgenommener Sohn stets Gegenstand der Forschung sein könnte – und so hielten sie seine täglichen Notizen und Kompositionen und frühen Bearbeitungen anderer Werke zusammen, legten Alben an und sammelten alles, was über ihr Kind erschien. Später wurde dieses durch seine eigene Familie fortgesetzt, seine Frau Gerda und sein Söhne. Von den 150 Exponaten in der Busoni-Ausstellung stammen 110 aus diesem Nachlass.

Dass auch nach seinem Tod der Nachlass zusammenblieb und schließlich in die damals Preußische Staatsbibliothek fand, ist vor allem dem Busoni-Comité zu danken. Zu diesem informellen Kreis fanden sich nach seinem Tod im Jahr 1925 solche Persönlichkeiten zusammen, die Busoni in der einen oder anderen Weise nahe gestanden hatten und nun gemeinsam dafür Sorge trugen, dass mit seinem Erbe ganz in seinem Sinne verfahren würde. Neben seinen Söhnen und seiner Witwe Gerda, zu der Ferruccio Busoni immer ein überaus inniges Verhältnis hatte, wirkten in dem Comité auch einstige Schüler Busonis, die später selbst zu Komponisten gereift waren, so Egon Petri und Kurt Weill. Es war für die Preußische Staatsbibliothek auch sicher nicht von Nachteil, dass zu diesem Comité Leo Kestenberg gehörte – selbst ein Musikpädagoge und Pianist, und im Preußischen Kulturministerium über viele Jahre für Musik zuständig. Das Comité achtete darauf, dass der Nachlass in einem Archiv zusammengefasst blieb, um optimale Bedingungen für Editions- und Forschungsvorhaben zu schaffen. Unter anderem sorgte man gemeinsam dafür, dass die beachtliche Liszt-Sammlung Busonis – darin 70 Klavierwerke Liszt als Erstausgaben – nicht herausgelöst und, wie damals aus Thüringen erbeten, nach Weimar ging. Der als Schenkung übereignete Nachlass kam ab November 1925 bis zum Jahr 1943 in mehreren Partien in die Preußische Staatsbibliothek, heute Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz.

Allein die immens vielen Briefe, 9.000, zeugen von dem reichen Leben des Künstlers, der mit Franz Liszt, Leo Blech, Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Béla Bartók, Arthur Schnabel, Otto Klemperer, Stefan Zweig, Max Oppenheimer, Jakob Wassermann, Jean Sibelius, George Bernard Shaw und vielen anderen Persönlichkeiten korrespondierte. Allein diese Briefe sind eine enorme Fundgrube zur Berliner Zeitgeschichte und liefern wie kein zweiter Nachlass Informationen zur europäischen Kultur- und Musikgeschichte. Nahezu alle Briefe sind in der Datenbank Kalliope erschlossen, also für jeden Interessierten bequem von zu Hause aus zu erreichen.

Übrigens ist in die Ausstellung in der Kunstbibliothek, die wie die Staatsbibliothek zu Berlin am Kulturforum liegt, für die ersten Wochen ein besonderes Stück aus der großen Johann Sebastian Bach Sammlung der Staatsbibliothek integriert: Die Kunst der Fuge wird mit einem Blatt vorgestellt, dies weil Busoni zu der Musik von J. S. Bach eine sehr enge Beziehung hat und fortwährend dessen Werke bearbeitete.

Die Busoni-Ausstellung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist ein hevorragendes Beispiel für das Zusammenspiel ihrer verschiedenen Wissenschaftsrichtungen, also des Staatlichen Instituts für Musikforschung, der Staatsbibliothek zu Berlin und der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin: Die Kuratoren der Ausstellung, wie auch zusätzlich hinzugewonnene externe Autoren des bald erscheinenden Katalogs, widmeten sich dem Leben und Werk Ferruccio Busonis aus verschiedenen Perspektiven und zeigen so zum ersten Mal ein Bild einer Persönlichkeit, die weit mehr war als Komponist, Interpret, Msikpädagoge und Förderer junger Musiker. Gezeigt wird eine Persönlichkeit, die stets alle Seiten der Kunst einbezog, auch indem Busoni selbst als Literat oder bildender Künstler aktiv war.

13.9.: Bilderbuchkünstler Carll Cneut zu Gast, zehn Tage Ausstellung

In der Veranstaltungsreihe „Kinderbuch im Gespräch“ wird am 13. September um 18 Uhr der flämische Bilderbuchkünstler Carll Cneut begrüßt. Er gehört gegenwärtig zu den bedeutendsten Illustratoren in Europa.

Außerdem wird ab dem 7. September an neun Tagen im Foyer unseres Hauses Potsdamer Straße 33 / Kulturforum ein Teil seines Werkes vorgestellt: “Der goldende Käfig. Prächtiges Federvieh”.


Veranstaltung “Carll Cneut im Gespräch”
13. September 2016, 18 Uhr
Haus Potsdamer Straße 33 / Kulturforum
Dietrich-Bonhoeffer-Saal
Voranmeldung gern unter kinderbuchabt@sbb.spk-berlin.de, telefonisch 030 266 436401

Präsentation “Der goldende Käfig. Prächtiges Federvieh”
Werke des flämischen Bilderbuchkünstlers Carll Cneut
7. – 17. September 2016
Mo-Fr 9-21 Uhr, Sa 10-19 Uhr, am 8.9. und sonntags geschlossen
Foyer, Haus Potsdamer Straße 33 / Kulturforum

jeweils freier Eintritt


„Meine Bilder setzen sich im Unsichtbaren fort. Meine Leser haben die Freiheit, sie in ihrem Kopf zu vervollständigen. Das bringt die Erwachsenen oft durcheinander, aber niemals die Kinder.“ So beschreibt Carll Cneut seine Arbeit, die mit den höchsten Preisen für Bilderbuchkünstler ausgezeichnet ist.

Der flämische Künstler Carll Cneut gehört gegenwärtig zu den bedeutendsten Illustratoren in Europa. Schon mehrere seiner Bücher sind auch in deutscher Sprache verlegt, darunter Hexenfee, Rotgelbschwarzweiß und Die wundersame Liebesgeschichte des Mister Morf. Dem deutschen Publikum wurde Carll Cneut vor allem durch die Nominierung seines Bilderbuchs Der goldene Käfig für die Auswahlliste zum  Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 in der Sparte Bilderbuch bekannt.

Cneuts Variantenreichtum demonstriert das Ausschreiten vielfältiger gestalterischer Möglichkeiten. Zu seinen Vorbildern zählt er die  belgischen Expressionisten Gustave Van de Woestijne und James Ensor, seine Illustrationskunst erinnert zugleich an die Altmeister flämischer und niederländischer Malerei, an Jan van Eyck und Pieter Bruegel. Mit dem Buch Dulle Griet  hat Cneut sich sogar dem direkten Vergleich mit Bruegel ausgesetzt, die von Geert De Kockere verfasste und von Cneut illustrierte Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Gemälde des niederländischen Malers.

Die Ausstellung in der Staatsbibliothek zu Berlin, die in Zusammenarbeit mit dem internationalen literaturfestival berlin und der BOHEM PRESS GmbH vorbereitet wurde, zeigt Originalillustrationen aus Der goldene Käfig und aus dem dazugehörigen Malbuch, des Weiten Originale aus dem Buch Der blaue Vogel nach dem gleichnamigen Märchenspiel von Maurice Maeterlinck. Cneuts Anspruch, keine „Gebrauchsarbeiten“ sondern eigenständige Kunstwerke zu schaffen, zeigt sich u. a. daran, dass er seine Bilder in historische Rahmen fassen lässt, einige Bilder sind in dieser Kombination ausgestellt.

Über das Buch “Der goldene Käfig”

Das Buch, nach dem die Ausstellung benannt ist, erzählt die poetische und zugleich düstere Geschichte der einsamen kindlichen Prinzessin Valentina, deren Lebensinhalt das Sammeln seltener Vögel ist. Wenn es ihren Dienern nicht gelingt, die seltenen Tiere in aller Welt zu fangen, werden ihnen die Köpfe abschlagen. Die philosophische Geschichte von Anna Castagnoli über ein mit allzu großer Macht ausgestattetes, zugleich verlassenes und emotional verwahrlostes Kind wurde von Carll Cneut in prachtvolle, farbgewaltige Bilder umgesetzt. Er kombinierte aus mehreren Farbschichten aufgebaute Illustrationsgemälde mit kritzeligen Kinderzeichnungen, setzt in der Typographie eine klare Antiqua gegen krakelige Schreibschrift und macht so das Ungleichgewicht aus märchenhaftem Reichtum und der zur Grausamkeit verkommenen kindlichen Hilflosigkeit deutlich. Der harte Kontrast zwischen subtil ausgeführten Bildkompositionen und kompromissloser Simplizität macht den besonderen Reiz dieses Buchs aus, das in der Nominierungsbegründung für den Deutschen Jugendliteraturpreis als „bibliophiles Gesamtkunstwerk“ bezeichnet wird.

Wissenswerkstatt-Workshop Haus Potsdamer Straße | SBB-PK CC NC-BY-SA

Schöner Sommer, noch schönerer Herbst: Wissenswerkstatt ab September

Noch sind die Tage warm und sonnig und es gibt zahlreiche Alternativen zum Forschen und Lernen. Doch dann beginnt bald das nächste Semester, Referate und Hausarbeiten müssen konzipiert oder geschrieben werden, größere Forschungsarbeiten warten auf ihre Vollendung.

Bei all diesen und vielen anderen Vorhaben ist es ganz wichtig zu wissen, wo Sie wie nach was recherchieren und was Sie dann damit tun können und dürfen. Im neuen Programm haben wir für Sie insgesamt vier thematische Schwerpunkte gesetzt, denen wir dann fachspezifische Workshops zuordnen. Einige Beispiele im September sollen das veranschaulichen:

In der Reihe “Workshop-Klassiker” bieten wir die Fachrecherche für HistorikerInnen an:

Donnerstag, 15. September, 16.00 Uhr
Von der Tat bis zum Digitalisat – Elektronische Ressourcen zur Geschichtswissenschaft

In der Reihe „Sie fragen, wir antworten!“ kommen diesmal PhilologInnen auf ihre Kosten:

Donnerstag, 22. September, 15.30 Uhr
Fragestunde Philologien

Unsere “Zeitmaschine StaBi” führt Sie in unsere historischen Sammlungen:

Dienstag, 27. September, 16.00 Uhr
Nachlässe und Autographen finden – eine Einführung in den Online-Katalog des Kalliope-Verbundes

Was noch fehlt, sind die neuen Veranstaltungen zum Thema “Open Access – Publikationskulturen im Wandel”. Hier geht es erst im Oktober los, aber unsere Vorschau verrät Ihnen bereits heute alle geplanten Termine bis Mitte Dezember:

Zur Wissenswerkstatt

Ein Angebot der Staatsbibliothek zu Berlin und ihrer Kooperationspartner.