Unsere Beiträge zu den Wissenschaften und Forschung

Annette von Droste-Hülshoff und die Staatsbibliothek

Vertreterinnen und Vertreter der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Universität Münster und der Droste-Stiftung haben am 19. November auf Burg Hülshoff bei Havixbeck (Kreis Coesfeld) die Ergänzungsvereinbarung zum Dauerleihvertrag über den „Meersburger Nachlass“ der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff unterzeichnet. Damit geben die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Eigentümerin und die Universität als langjährige Verwahrerin des Nachlasses der 2012 gegründeten Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung die Möglichkeit, Bestandteile des Konvolutes für Forschungs- und Ausstellungszwecke auf Burg Hülshoff auszuleihen. “Für die Droste-Stiftung ist dies ein weiterer wichtiger Schritt auf ihrem Weg, Burg Hülshoff als bedeutenden Literaturort in der Region zu etablieren”, so die Kulturdezernentin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und Vorstandsvorsitzende der Droste-Stiftung, Dr. Barbara Rüschoff-Thale.

Darüber hinaus haben die Unterzeichner den dauerhaften Verbleib des „Meersburger Nachlasses“ in Münster bekräftigt. Prof. Dr. Ursula Nelles, Rektorin der Universität Münster: “Ich freue mich, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erneut ein Zeichen gesetzt hat, den Nachlass dauerhaft in der Obhut der Universität Münster und hiermit in der Heimatregion der Droste zu belassen.” Prof. Dr. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: “Westfalen ist der richtige, da authentische Ort für die Bewahrung des Droste-Nachlasses. Es ist daher ein konsequenter Schritt, die im Eigentum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz befindlichen Schriften künftig nicht nur an der Universitätsbibliothek, sondern auch an dem Geburts- und Wohnort der Autorin für die Forschung und die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.”

Der „Meersburger Nachlass“ enthält Dokumente, die sich beim Tode der Annette von Droste-Hülshoff am 24. Mai 1848 in Meersburg befanden. Bis 1905 wurde der Nachlass von der Familie von Laßberg in Meersburg und anschließend bis 1967 von der Familie von Droste-Hülshoff in Haus Stapel bei Havixbeck verwahrt. 1967 wurde der Bestand unter der Federführung der Fritz-Thyssen-Stiftung für die öffentliche Hand erworben und für den symbolischen Kaufpreis von 1 Mark an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz übergeben. Die Schenkung war ein politischer Akt, um die Kulturbedeutung West-Berlins zu stärken. Das Konvolut sollte jedoch dauerhaft in Westfalen verwahrt bleiben. Der 1967 unterzeichnete Dauerleihvertrag mit der Westfälischen Wilhelms-Universität sicherte den Verbleib des Nachlasses in Münster. Er befindet sich seitdem als Dauerleihgabe der Berliner Staatsbibliothek – Stiftung Preußischer Kulturbesitz in der Universitäts- und Landesbibliothek Münster, wo er u.a. von der Droste-Forschungsstelle für die Herausgabe der Historisch-Kritischen Ausgabe der Werke der Droste genutzt wurde.

Die 2012 gegründete Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung hat den Auftrag, die mit dem Namen von Droste-Hülshoff verbundenen kultur- und literaturhistorischen Werte zu bewahren, zu fördern und zu vermitteln. Neben dem Erhalt der beiden authentischen Lebensorte der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff – Burg Hülshoff bei Havixbeck und Haus Rüschhaus in Münster-Nienberge – ist es ein wesentliches Ziel der Stiftung, diese beiden Anwesen weiter zu entwickeln, stärker zu verbinden und als neuen Literaturort mit Strahlkraft zu etablieren. Die Ausbaupläne der Stiftung sehen u.a. den Umbau der Vorburg Hülshoff zu einem Kulturzentrum und die Umgestaltung des bestehenden Familienmuseums in der Hauptburg zu einem Droste-Literaturmuseum vor.

„Nomade wider Willen“ – Ein literarischer Abend in der Staatsbibliothek

Die Staatsbibliothek lud am 6. November zu einer Lesung von Texten des Autors Rudolf Frank (1886-1979) unter dem Titel „Nomade wider Willen“ in den Simon-Bolivar-Saal ein.

Der Abend stand unter der sinntragenden Überschrift „Nomade wider Willen“, ein Zitat aus Franks Auswandererroman „Ahnen und Enkel”, denn sie stellt eine doppelte – autobiografische und literarische – Referenz dar. Sie verweist zum einem auf das Schicksal Rudolf Franks, der bedroht und verfolgt, ins Exil getrieben wurde: 1936 nach Wien, 1938 aus Wien nach Zürich. Rudolf Frank akzeptierte das ihm aufgezwungene Leben als Nomade und deutete es positiv: als Schweizer Bürger blieb er Weltbürger, heimatlos und doch überall zuhause. Zum anderen wird das so verstandene Nomadentum zur literarischen Referenz: dies zeigt sich sehr deutlich in seinen Romanen. Gerade aus diesem Grund hatten wir uns entschieden, in dieser Veranstaltung nicht die Studien zum literarischen Werk Rudolf Franks in den Vordergrund zu stellen, die gerade in der Reihe der Staatsbibliothek unter dem Titel „Geschichten erzählen als Lebenshilfe – Beiträge zum literarischen und künstlerischen Werk Rudolf Franks“ erschienen sind, sondern Auszüge aus den Originaltexten Rudolf Franks zu lesen. Oder besser: lesen zu lassen. Es hat uns sehr gefreut, dass wir die Berliner Schauspielerinnen Monika Lennartz und Gundula Köster für diesen Abend gewinnen konnten. Und so bildeten den Schwerpunkt des literarischen Abends – ebenso wie des Tagungsbandes – die Texte, in denen Rudolf Frank schon frühzeitig vor Antisemitismus und den Schrecken des Krieges warnte und in denen er von seinen Exilerfahrungen berichtete.
Monika Lennartz und Gundula Köster lasen aus Franks 1931 erschienenem Jugendbuch „Der Schädel des Negerhäuptlings Makaua“, das 1933 auf der Liste der verbotenen Jugendbücher stand, sowie aus seinem 1936 erschienenen Roman „Ahnen und Enkel“ – ergänzt um seine Autobiographie „Spielzeit meines Lebens“ (1960).
Mit diesem Werkstattgespräch fand eine Reihe von Aktivitäten der Staatsbibliothek rund um Rudolf Frank einen würdigen Abschluss: Den Auftakt hatte 2013 die Ausstellung „Ein sehr lebhaftes Vielerlei… – Der Theatermann und Schriftsteller Rudolf Frank“ gebildet, die von einem ganztägigen Symposium begleitet wurde, das Leben und Wirken Rudolf Franks unter dem politischen Einfluss seiner Zeit untersuchte. Die Ergebnisse dieser Tagung einerseits, ergänzt um Beträge weiterer Exilforscherinnen und -forscher, werden in dem kürzlich erschienenen Aufsatzband „Geschichten erzählen als Lebenshilfe“ dokumentiert.

Rudolf Frank – Geschichten erzählen als Lebenshilfe. Beiträge zum literarischen und künstlerischen Werk. Herausgegeben von Lutz Winckler in Zusammenarbeit mit Ursula Jäcker und Cornelia Kosmol. Berlin 2015 (Beiträge aus der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Band 49)

Direkter Leihverkehrsservice des FID Recht geht an den Start

Mit dem direkten Leihverkehrsservice hat im Oktober 2015 ein weiteres Serviceangebot des Fachinformationsdienstes für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung seine Dienste aufgenommen.

Ziel dieses von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes ist es, allen planmäßig Lehrenden an den rechtswissenschaftlichen Fakultäten deutscher Universitäten und Hochschulen die Möglichkeit einzuräumen, wissenschaftliche Spezialpublikationen aus dem Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin, die vor Ort nicht zugänglich sind, direkt beim Fachinformationsdienst Recht zu exklusiven Sonderkonditionen zu entleihen. Innerhalb weniger Tage können die Werke aus unseren Magazinen direkt an den gewünschten Ort geliefert werden!

Perspektivisch soll das Projekt in Kooperation mit dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Kompetenzzentrum zur Lizenzierung elektronischer Ressourcen um eine zusätzliche Serviceinfrastruktur erweitert werden: Den Benutzerinnen und Benutzern des direkten Leihverkehrs soll ein Zugriff auf nachfrageorientierte hochspezialisierte rechtswissenschaftliche Datenbanken, elektronische Zeitschriften und E-Book-Pakete zur Verfügung gestellt werden.

 

 

Vortragssituation im Hörsaal des Hauses Potsdamer Straße

Nicht lehren, sondern lernen

….hiess es am vergangenen Freitag bereits zum vierten Mal für eine Gruppe von Lehrkräften aus Berliner Gymnasien und Oberstufenzentren des ersten und zweiten Bildungsweges.
Bei dieser Veranstaltung zeigte sich einmal mehr, wie wichtig es ist, maßgeschneiderte Informationsangebote für die unterschiedlichsten Zielgruppen der Bibliothek zu konzipieren und anzubieten. Weiterlesen

Sprache – Literatur – Politik: Aspekte der Sprach- und Literaturförderung in Russland

Eine Vitrinen-Präsentation vor dem Osteuropa-Lesesaal aus Anlass des Jahres der Literatur in Russland 2015

Die Entwicklung und der Schutz der russischen Sprache sowie die Förderung der vaterländischen Literatur gehören neben dem Schutz des Kulturerbes zu den zentralen Aufgaben der russischen Kulturpolitik.

Verschiedene staatliche Förderprogramme unterstützen und initiieren dabei die Bemühungen gesellschaftlicher Gruppen mit dem Ziel, sowohl innerhalb der Russischen Föderation als auch in der Zusammenarbeit mit dem Ausland zu einer Weiterentwicklung und Propagierung der russischen Sprache und Literatur beizutragen. So förderte die russische Regierung umfangreich das Deutsch-Russische Jahr der Bildung, Wissenschaften und Innovation 2011-2012, das Russland-Deutschland-Jahr 2012-2013 sowie das Jahr der russischen Sprache und Literatur in Deutschland 2014-2015. Zur Eröffnungsveranstaltung des russischen Sprach- und Literaturjahres am 6. Juni 2014, dem Geburtstag des russischen Nationaldichters Aleksander Puschkin, in der Staatsbibliothek zu Berlin (SBB) war seitens der Osteuropa-Abteilung eine Auswahl historischer und moderner Bücher gezeigt worden.

Die aktuelle Präsentation verschiedener Aspekte der Sammlung russischer Veröffentlichungen in der SBB basiert auf dieser Auswahl. Gezeigt werden zeitgenössische und moderne Ausgaben und Übersetzungen russischer und deutscher Klassiker, die jeweils das literarische Leben im Partnerland mitgeprägt haben. Darüber hinaus stehen russischsprachige Veröffentlichungen in Deutschland und deutschsprachige Editionen in Russland bzw. der Sowjetunion im Mittelpunkt. Die Präsentation soll die umfangreichen verlegerischen und literarischen Verbindungen sowie den Grad der Verbreitung der Kenntnisse von der jeweils anderen Sprache und Kultur in beiden Ländern anschaulich machen.

Aktuell fördert die russische Regierung das Jahr der Literatur 2015 in der Russischen Föderation (https://godliteratury.ru/).

Olaf Hamann
Leiter der Osteuropa-Abteilung


Vitrinenpräsentation

vom 04. November bis 05. Dezember 2015
Mo – Fr 9 – 21 Uhr
Sa 9 – 19 Uhr

Staatsbibliothek zu Berlin
Foyer des Osteuropa-Lesesaals
im Haus Potsdamer Straße 33
10785 Berlin

Eintritt frei

 

Werkstattgespräch zur kirchenslawischen Typographie am 1.12.

Werkstattgespräch
Kirchenslawische Typographie als Kunst und Waffe: Am Beispiel der ostslawischen Drucke des 15. bis 17. Jahrhunderts

Dienstag, 01. Dezember
18.15 Uhr
Konferenzraum 4, Haus Unter den Linden
Treffpunkt: Eingangsbereich (Rotunde)
Anmeldung

– Dr. Vladimir Neumann –

Der Vortrag widmet sich verschiedenen Aspekten der kirchenslawischen Schriftlichkeit. Anhand ausgewählter Drucke aus drei Jahrhunderten aus dem ostslawischen Raum soll vor allem die Funktion der kirchenslawischen Schrift dargestellt werden. Dabei stehen nicht nur die Fragen des Ästhetischen im Vordergrund, die bei der Gestaltung der slawischen Drucke in spezifisch osteuropäischer Art und Weise zum Tragen kommen, sondern auch die der religiösen Polemik zwischen der Slavia Latina und der Slavia Orthodoxa, die mancherorts, wie beispielsweise in den Randgebieten der Rzeczpospolita, im 17. Jahrhundert den Charakter einer bewaffneten Auseinandersetzung angenommen hatte. Am Beispiel ausgewählter Werke von bekannten ostslawischen Druckern wie Francysk Skaryna, Ivan Fedorov, Jelysej Pleteneckyj und Simeon Polockij sowie einer Reihe von Drucken aus weniger bekannten Druckereien auf dem weißrussischen, ukrainischen und russischen Boden soll die Vielfalt und die Kontinuität des kirchenslawischen Drucks vom 15. bis zum 17. Jahrhundert skizziert werden.

Eine Veranstaltung aus der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.

Weitere Termine der Wissenswerkstatt

Vom Alexanderplatz in den Orbit

Editionsgeschichte und typographische Gestaltung des vielleicht wichtigsten Berlin-Romans des 20. Jahrhunderts – die Rede ist natürlich von Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz – standen am gestrigen Dienstag im Zentrum jenes Dialogs mit der Forschung, den die Staatsbibliothek zu Berlin seit einigen Monaten mit dem Arbeitskreis Die Materialität der Literatur führt, einem Zusammenschluss von Angehörigen der Berliner und Potsdamer Universitäten.

Dabei ging es dem Referenten Dr. Bernhard Metz (Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien der Freien Universität Berlin) vor allem darum, diese von Walter Benjamin so bezeichnete „äußerste, schwindelnde, letzte, vorgeschobenste Stufe des alten bürgerlichen Bildungsromans“ als überzeugend durchgestaltetes und nicht selten irritierendes Gesamtkunstwerk in allen seinen materialen Facetten zum Funkeln zu bringen. Denn der im Herbst 1929 bei S. Fischer in Berlin erschienene und von Georg Salter gestaltete Erfolgsroman ist in seiner ursprünglichen, montageartig zerschnittenen typographischen Einrichtung heute nahezu unbekannt – nicht zuletzt das Resultat von Döblins Verfemung durch das nationalsozialistische Regime. Gerade vor diesem historischen Hintergrund zog Bernhard Metz Die Geschichte vom Franz Biberkopf – so der moritatenhafte Untertitel des Romans – zugleich auch zur Illustration von Problemen heran, die sich ergeben, sobald ein aus gebrochenen Schriften gesetzter Text nach 1945 neu herausgebracht wird.

Neu herausgebracht werden aber keineswegs nur erfolgreiche Texte – auch publikumswirksame Vortragsreihen sind vor Veränderungen nicht gefeit: Seien es die über die Stadt verstreuten Eventi collaterali der Biennale von Venedig, seien es die “außer Konkurrenz” gezeigten Filmbeiträge zur Berlinale – jedes Festival, das etwas auf sich hält, wird früher oder später von einem eigenen Satellitenprogramm begleitet. Und so freut sich auch die Veranstaltungsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit über einen Halo thematisch anschlussfähiger Vorträge, die in den kommenden Monaten in loser Folge in ihrem Orbit sichtbar und vor allem hörbar werden sollen.

Den Startpunkt zu dieser begleitenden Expeditionsreise durch die unendlichen Weiten der Gutenberg-Galaxis markiert am 24. November der Vortrag Die Dissertation als Format akademischer Datenverarbeitung, in dessen Rahmen der Kunst- und Medientheoretiker Stefan Heidenreich am Beispiel philosophischer Doktorarbeiten des 19. Jahrhunderts den Wandel der Dissertation von einer lateinisch verfassten Ritualschrift zum heute geläufigen Wissensformat unter Berücksichtigung materialer Aspekte rekonstruieren wird.

Bereits zwei Tage später – also am 26. November – möchten Dr. Patrizia Carmassi (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel) und Prof. Dr. Gisela Drossbach (Ludwig-Maximilians-Universität München/Universität Augsburg) im interdisziplinären Dialog die zentralen Ergebnisse der 2011 von ihnen veranstalteten Tagung Rechtshandschriften des deutschen Mittelalters. Produktionsorte und Importwege vorstellen. Konkret sollen dabei insbesondere die folgenden Fragenkomplexe diskutiert werden: Aus welchen Gründen und Motiven wurden Rechtshandschriften gesammelt? Wo verliefen die geographischen und institutionellen Wege des Handschriftentransfers, welche Akteure waren beteiligt? Welche Aufschlüsse gibt der Codex in der Materialität seiner Benutzung? Organisiert wird dieser Vortrag in Kooperation mit der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin sowie dem dort angesiedelten und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung.

Sind Sie denn schon ready for Liftoff? Der Countdown für Ihren Flug in den Orbit der Materialität von Schriftlichkeit wurde jedenfalls schon gestartet. Und bitte vertrauen Sie uns: Ihre Reise wird ganz sicher nicht als Odyssee im Weltraum enden. Wir freuen uns auf Sie!

 

Von Theaterdingen, Suppendosen und Computerspielen

Ein Bericht vom Workshop „Digitalisierung theaterhistorischer Archive und ihre Herausforderungen“

Über viele Jahre hinweg standen die wissenschaftlichen Sammlungen, zu denen unter anderem auch theaterhistorische Sammlungen gehören, nicht im Zentrum der Forschung. Dies änderte sich in den letzten Jahren jedoch grundlegend. Im Zuge des Material Turns – auch die Staatsbibliothek engagiert sich im Bereich der Materialitätsforschung – werden gerade Objekte wie etwa wissenschaftliche Instrumente, botanische Herbarien, mathematische Modelle oder Handschriften, historische Drucke und Künstlerbücher immer häufiger zum zentralen Forschungsgegenstand ganz unterschiedlicher Disziplinen. Dieser Bedeutungswandel wird auch durch die eigens vom BMBF eingerichtete Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Universitätssammlungen in Deutschland deutlich. Eine der wesentlichen Grundlagen für diese Entwicklung ist die zunehmende digitale Verfügbarkeit von Objekten und der damit einhergehende weltweite Zugang zu diesen Materialien für Forscherinnen und Forscher.

Doch hier liegen große Herausforderungen, die auch theaterhistorische Sammlungen betreffen. Einerseits verwahren die entsprechenden Archive, Bibliotheken und Universitäten ganz unterschiedliche Objekte von Kostümentwürfen über Fotografien, Rollenbücher, Programmhefte und Theaterzettel bis hin zu Masken, Requisiten und anderen dreidimensionalen Objekten. Das macht ihre Digitalisierung an sich schon sehr komplex. Andererseits haben diese Einrichtungen für derartige Aufgaben begrenzte Kapazitäten, sodass ihre Bestände oft nur über drittmittelfinanzierte Projekte digital verfügbar gemacht werden können. Genau dieses Spannungsfeld beleuchtete der von den Theaterhistorischen Sammlungen zusammen mit dem Runden Tisch der Berliner Theaterarchive veranstaltete Workshop „Digitalisierung theaterhistorischer Archive und ihre Herausforderungen. Teil 1: Eine gemeinsame Sprache finden“, der am 9. Oktober 2015 am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin stattfand. Die Veranstaltung wurde durch das Förderprogramm zur Digitalisierung von Objekten kulturellen Erbes des Landes Berlin ermöglicht und sollte vor allem zur stärkeren Vernetzung der theaterhistorischen Sammlungen in Archiven, Bibliotheken und Universitäten führen.

Probleme und Herausforderungen

Die Heterogenität der Bestände der am Workshop teilnehmenden Institutionen wurde gleich zu Beginn deutlich. Denn den Auftakt bildete eine impressionistische Vorstellung mitgebrachter Objekte aus den einzelnen Sammlungen. Hier konnten die Teilnehmenden unter anderem Suppendosen aus dem Nachlass Christoph Schlingensiefs bestaunen, der im Archiv der Akademie der Künste aufbewahrt wird. Diese Dosen verwendete er in der Produktion „Erster imaginärer Opernführer“, die 2001 anlässlich des Kongresses Lovepangs an der Volksbühne Berlin realisiert wurde. Und Winfried Bergmeyer erklärte, dass ein Computerspiel ebenfalls als Aufführung verstanden werden kann, die erst durch die Interaktion von Computer und Spielerin oder Spieler entsteht. Damit ist die Verbindung zum Theater gar nicht so abwegig wie vielleicht gedacht. Die Staatsbibliothek zu Berlin stellte hier ebenfalls ihre 300.000 Blatt umfassende Theaterzettelsammlung vor.

In dieser Heterogenität der Bestände in den einzelnen Institutionen spiegeln sich die Probleme bei deren Erfassung und Digitalisierung wider: Für Frakturschrift gibt es bisher keine optimale OCR-Erkennung, das Urheberrecht setzt der digitalen Nutzbarkeit insbesondere bei neuen Beständen klare Grenzen und Theaterzettel sind oft auf derart schlechtem Papier gedruckt, dass sie bald zu zerfallen drohen. Schlingensiefs Suppendosen wiederum stellen als dreidimensionale Objekte gänzlich andere Anforderungen im Hinblick auf Bestandserhaltungs- oder Digitalisierungsmaßnahmen.

Nach diesem kurzweiligen Auftakt folgten vier Vorträge, die sich alle mit unterschiedlichen Fragen der Digitalisierung in Theatersammlungen beschäftigten:

  • Martha Pflug-Grunenberg (Institut für Theaterwissenschaft, Freie Universität Berlin): „Bühnenbildner Traugott Müller (1895-1944). Die Digitalisierung eines Nachlasses“
  • Nora Probst (Institut für Medienkultur und Theater, Universität zu Köln): „Digitalisierung, Datenbanken und Digital Humanities. Arbeitsweisen der Theaterwissenschaftlichen Sammlung“
  • Winfried Bergmeyer (Computerspielemuseum Berlin): „Über die Praxis der Nutzung von Thesauri. Terminologie bzw. Normdaten zur digitalen Erfassung und Erschließung von Objektbeständen“
  • Herdis Kley (Institut für Museumsforschung, Deutsche Digitale Bibliothek): „Vor und hinter den Kulissen der Deutschen Digitalen Bibliothek“

Diskussion

Die von Thomas Thorausch (Deutsches Tanzarchiv Köln) moderierten Diskussionen zwischen den Referierenden und Workshopteilnehmenden kreisten um die Frage, wie mit der Heterogenität der theaterwissenschaftlichen Sammlungen trotz begrenzter Ressourcen gewinnbringend umgegangen werden kann. Die Diversität des Materials bringt es mit sich, dass die üblichen Thesauri und Normdatensätze schnell an ihre Grenzen stoßen. Wie beschreibt man etwa die Suppendose aus Schlingensiefs Nachlass oder das Computerspiel Monkey Island? Bibliothekarische und archivarische Erschließungsstandards (GND, Wikidata, Art & Architecture Thesaurus etc.) geben dafür erste Anhaltspunkte. Von einer einheitlichen Erfassung und Erschließung sind wir – was die theaterhistorischen Sammlungen angeht – allerdings noch weit entfernt. Zur Fortführung der Diskussion und Entwicklung gemeinsamer Lösungsansätze wurde im Zuge des Workshops ein Wiki eingerichtet, an dem nunmehr 29 der Workshopteilnehmenden weiterschreiben wollen.

Aber braucht die Theaterwissenschaft – provokant gefragt – überhaupt das „Ding“ als wissenschaftlichen Forschungsgegenstand? Widmet sie sich nicht spätestens seit Max Herrmann als „Wissenschaft des Performativen“ eher der Analyse von einmaligen und unwiederbringlichen Aufführungen? Man könnte einwenden: Gerade deswegen sind die theaterwissenschaftlichen Sammlungen von herausgehobener Bedeutung für die Theaterwissenschaft: Denn Objekte wie Regiebücher, Bühnenmodelle, Kostüme oder Masken eröffnen einen materiellen Zugang zur ephemeren, vergänglichen Welt der Theaterkunst, sie machen den performativen Moment dauerhaft verdinglicht greifbar und sind deswegen wertvolle Anknüpfungspunkte für die aktuelle Forschung. Die Zukunft wird zeigen, ob und in welchem Maße der Material Turn in der Theaterwissenschaft Einzug hält. Es bleibt zu hoffen, dass die Sammlungen dann auch über die nötigen Ressourcen verfügen, um die (wachsende) Nachfrage nach den „Theaterdingen“ zu bedienen.

Mehr über die Theaterzettelsammlung der SBB erfahren Sie im Artikel von Paul S. Ulrich im Bibliotheksmagazin (2013, Heft 2, S. 56-62). Einzelne Theaterzettel sind auch über die Digitalen Sammlungen der Staatsbibliothek (Materialart „Einblattdrucke“, Stichwort „Theaterzettel“) online verfügbar.

Dissertationsmonat November

Als hochseriöse Forschungsbibliothek und ehemals preußische Einrichtung werden Sie vermutlich kaum einen Beitrag zum lieblichen Wonnemonat Mai von uns erwarten, “denn eine Staatsbibliothek ist, bitte sehr! kein Vergnügungsetablissemang.” Naturgemäß stehen bei uns viel eher die arbeitssamen und etwas spröderen Jahreszeiten im Fokus, weshalb wir hiermit den November zum Dissertationsmonat erklären: Möge das Licht der wissenschaftlichen Erkenntnis diesen Nebelmonat ein wenig aufhellen!

Für klare(re) Sicht auf das steinige Feld der Doktorarbeit wollen wir in den kommenden Wochen mit zwei Veranstaltungen sorgen – und das sowohl aus Praxisperspektive als auch unter Forschungsaspekt.

Gerade mit Blick auf den aktuellen Strukturwandel der Wissenschaftskommunikation unter dem Leitbild der Open Science und den daraus resultierenden Herausforderungen für die Forschenden laden wir Promovierende aller Fachrichtungen sehr herzlich ein, am 12. und 19. November an einem zweiteiligen Workshop zum wissenschaftlichen Publizieren teilzunehmen. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob Sie eine konventionelle oder eine elektronische Veröffentlichung planen, ob im Open Access oder vielleicht sogar als bereits von der ersten Idee an offene Doktorarbeit. Denn unsere Themenvorschläge – von der Gestaltung von Verlagsverträgen über Strategien zur Bildrechteklärung und Akquise von Druckkostenzuschüssen bis hin zur Wahl des “richtigen” Publikationsorts – möchten wir am konkreten Fallbeispiel Ihres Veröffentlichungsprojekts mit Ihnen diskutieren. Und sollten Sie sich zudem auch für Publikationsmöglichkeiten für Forschungsdaten oder für neuere Entwicklungen im Bereich der alternativen Bibliometrie interessieren, so stehen wir Ihnen auch in diesen Belangen sehr gerne mit einigen Tipps zur Seite.

An ein allgemeines Publikum wendet sich dagegen die zweite hier anzuzeigende Veranstaltung, in deren Zentrum die zwischen 1817 und 1883 an der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin verteidigten philosophischen Dissertationen stehen sollen. Unter dem Vortragstitel Die Dissertation als Format akademischer Datenverarbeitung erwartet Sie der Versuch des Medien- und Kunsttheoretikers Stefan Heidenreich, den Wandel der Dissertation von einer lateinisch verfassten Ritualschrift zum heute geläufigen Wissensformat zu rekonstruieren. Da der Referent dabei auch die Veränderung der materialen Dimension von Dissertationsschriften beleuchtet, organisieren wir dieses Werkstattgespräch in Kooperation mit der Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog, zumal an deren Konzeption gleich drei Einrichtungen mit Promotionsrecht beteiligt sind.

Ob mit oder ohne Doktortitel – seien Sie uns herzlich willkommen!

“Widerstand im ‘Dritten Reich'” – Tagungsband erschienen

Im Mai des vergangenen Jahres fand in der Staatsbibliothek zu Berlin ein Kolloquium zum „Widerstand im ‚Dritten Reich‘“ statt. Die Vorträge liegen nun gedruckt vor:

Widerstand im „Dritten Reich“. Kolloquium an der Staatsbibliothek zu Berlin im Mai 2014. Hrsg. von Klaus G. Saur, Frankfurt am Main: Klostermann 2015 (= Klostermann Rote Reihe, 78). – 151 S. – 19,80 €.

Darin:

Klaus G. Saur: Einleitung. Widerstand im „Dritten Reich“ – Wolfgang Huber: Dietrich Bonhoeffer – das theologische Profil seines politischen Widerstands – Hildegard Kronawitter: Sophie Scholl – eine Ikone des Widerstands – Jürgen Zarusky: Widerstand als „Hochverrat“: Politische Justiz, Gegnerspektrum und Widerstandsbegriff – Klaus G. Saur: Die Emigration als Element des Widerstandes – Martin Sabrow: Die vergessene Erinnerung. Kommunistischer Widerstand und kulturelles Gedächtnis – Hans Maier: Christlicher Widerstand im „Dritten Reich“ – eine Spurensuche – Georg Ruppelt: Wo Goethe draufstand, war nicht immer Goethe drin. Tarnschriften als Mittel der politischen Auseinandersetzung und psychologischen Kriegsführung im 20. Jahrhundert – Andreas Heusler: Die Zukunft der Erinnerung. Wege und Konzepte des Widerstandsgedenkens – Peter Steinbach: „Wenn jeder wartet, bis der andere anfängt.“

Ankündigung der Neuerscheinung beim Verlag Klostermann:
http://www.klostermann.de/epages/63574303.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/63574303/Products/9783465042549