Unsere Beiträge zu den Wissenschaften und Forschung

Wie der Untergang der Titanic mit E.T.A. Hoffmann zusammenhängt

Die Advents- und Weihnachtszeit ist traditionell die Zeit des Geschichtenerzählens. Auch heute noch? Vielleicht nicht mehr so ganz? Wir nehmen den Faden jedenfalls auf und erzählen Ihnen heute eine Geschichte – eine wahre Geschichte, die spannende Geschichte eines Buches. Denn im Projekt E.T.A. Hoffmann-Portal arbeiten wir gerade daran, die Bücher des großen Geschichtenerzählers Hoffmann digital zu präsentieren. In vielen Bänden können Sie in Zukunft online blättern, sich in die Illustrationen unterschiedlichster Künstlerinnen und Künstler vertiefen, die Entstehungsgeschichte des Werkes oder das individuelle Schicksal eines einzelnen Exemplars im Laufe der Zeit nachverfolgen, ehemalige Besitzerinnen und Besitzer kennenlernen, Details der Einbände erkunden und vieles mehr…

Darauf geben wir Ihnen heute einen kleinen Vorgeschmack und erzählen die Geschichte eines besonderen Kleinods aus unserer Sammlung Künstlerischer Drucke: Es ist ein einzigartiges Sonderexemplar der Nachtstücke, aus einer Vorzugsausgabe in Ganzleder, die 1913 im Münchner Verlag Georg Müller erschienen ist.

 

Von der Nachtseite der menschlichen Seele

Die Geschichte beginnt mit der Entstehung der Texte. In den Jahren 1815-1817 arbeitete E.T.A. Hoffmann als Richter in Berlin. Der verantwortungsvolle Posten sicherte seinen Lebensunterhalt, bedeutete aber auch eine große Belastung, von der er sich des Nachts befreite, indem er seiner literarischen Phantasie freien Lauf ließ – möglicherweise, und nicht ganz unwahrscheinlich, unterstützt durch ausgiebigen Opiumgenuss. Anregungen für seine phantastischen Erzählungen und den sprechenden Titel Nachtstücke hatte Hoffmann dabei in Fülle vor Augen. So bezeichnet der Begriff in der Malerei Gemälde mit nächtlichen, schauerhaften Szenen, die nur spärlich durch Fackellicht beleuchtet werden. Die einschlägigen Werke von Künstlern wie Pieter Breughel dem Jüngeren oder Antonio Correggio kannte und liebte Hoffmann sehr. Auch die aus England bekannten Gothic Novels inspirierten ihn zu seiner unvergleichlichen Schauerromantik.

 

Ein kleines Juwel der Druckkunst

So verwundert es nicht, dass die Meister der Druckkunst zahlreich versuchen, Hoffmanns Geschichten in ihren Ausgaben weiterzuerzählen, indem sie die Atmosphäre der Texte auf die Materialität des Buches übertragen. Der nummerierte Nachtstücke-Band Nr. 45, den wir Ihnen hier präsentieren, wurde beispielsweise erschaffen als eines von nur 100 Exemplaren einer Liebhaberausgabe, die auf edles holländisches Bütten gedruckt und in Ganzleder gebunden wurde. Als Schrift setzte die Spamer’sche Druckerei in Leipzig ihre Hausfraktur ein – eine gebrochene Schrift, die den Charakter des Unheimlichen auf eindrückliche Weise verkörpert. Für die Buchillustration wurde kein geringerer als der österreichische Grafiker, Schriftsteller und Buchillustrator Alfred Kubin verpflichtet, dessen Zeichenstil Christoph Brockhaus als „von geheimen Kräften getrieben“ und als „märchenhaft, phantastisch und grotesk“ beschreibt, der „den grenzenlosen Strom psychischen Erlebens“ auffängt (Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 158-160). Wer könnte Hoffmanns Geschichten also besser weitererzählen als Alfred Kubin? So schuf er denn auch 48 Zeichnungen, die als teils ganzseitige Illustrationen in die Ausgabe aufgenommen wurden.

 

Statt Futura ein Stilleben mit Totenschädel und brennender Kerze – Die Buchausstattung von Paul Renner

Auch der unikale Einband nimmt die unheimliche Atmosphäre aus Hoffmanns phantastischen Erzählungen auf. Das beeindruckende Stück schöner Schauerlichkeit entstand in der bedeutenden Leipziger Buchbinderei Hübel und Denck. In ihrem Auftrag schuf der Typograph Paul Renner die Buchausstattung, zu der vermutlich auch die individuelle Gestaltung dieses Sondereinbandes gezählt werden kann, die ganz im Gegensatz zu dem Schriftentwurf steht, für den Renner 1927 berühmt wurde: die Antiqua-Schrift Futura, die sich durch klare, gleichmäßige Formen auszeichnet. Der Einband dagegen erzählt in Bildern von den Geschichten Hoffmanns: Die Leserinnen und Leser können das leichte Unbehagen bereits spüren, das die traumatischen Szenen bei der Lektüre hervorrufen werden. Ein Totenschädel greift das alte Vanitasmotiv auf und spielt auf die Vergänglichkeit des Lebens an, oder ist es eine Maske, die auf Identitätsprobleme und den Wandel zwischen Traum und Wirklichkeit hindeutet? Der nächtlich dunkle Hintergrund wird knapp von einer kaum dem Wind widerstehenden Kerze beleuchtet, deren Rauchschwaden Gedanken an den möglichen Opiumrausch des Autors hervorrufen. Die Natur überdauert mit grell-roten Blüten und rankenden Pflanzen. Ganz individuelle Merkmale unseres Exemplars Nr. 45 sind zudem auch der edle textile Vorsatz aus geometrisch-ornamentalen Mustern in Silber und Schwarz sowie der passend verzierte Schnitt, die die Komposition des Einbandes abrunden.

 

Die Titanic kommt ins Spiel

Das Gefühl der Vergänglichkeit bleibt, wenn man den Band Nr. 45 aufschlägt und das Exlibris der ehemaligen Besitzer betrachtet: Baron Curt von Faber du Faur und seine 14 Jahre ältere Ehefrau Emma erwarben dieses Exemplar. Der Baron war Barockforscher, Mitbegründer des traditionsreichen Auktionshauses für Kunst und antiquarische Bücher Karl & Faber in München und Bibliothekar und Germanist an der Yale University Library  – so wundert man sich ebenso wenig über sein Interesse an E.T.A. Hoffmann wie über das liebevoll gestaltete und sorgfältig eingeklebte Exlibris mit dem Familienwappen der Faber du Faur. Mit seiner Gattin Emma Faber du Faur begegnen wir dagegen einer ungewöhnlichen Biographie – spannend nicht nur wegen ihrer ereignisreichen Familiengeschichte (die geborene New Yorkerin Emma Mock war nicht nur die verheiratete Frau Faber du Faur, sondern auch die reiche Witwe des 44 Jahre älteren Rufus Blake, die geschiedene Ehefrau des Hamburger Militärhauptmanns Paul Schabert und Mutter zweier Kinder, die auf den besten Schiffen der Zeit zwischen Europa und den USA hin- und herreiste), sondern weil sie als eine der wenigen Überlebenden der RMS Titanic in die Geschichte einging. Ihre Aussagen trugen dazu bei, den Hergang von Untergang und Rettung in der Aprilnacht 1912 ein Stück weiter nachzuvollziehen. Unser schönes Exemplar Nr. 45 wurde zwar erst 1913 gedruckt und gelangte vermutlich erst irgendwann nach der Hochzeit mit Baron von Faber du Faur im Jahr 1928 in den Besitz des Ehepaars (ein genaues Datum ist nicht überliefert), doch ist es nun unlösbar mit der Geschichte des Untergangs der Titanic verbunden.

Schließlich erwarb die Staatsbibliothek zu Berlin über eine Auktion den außergewöhnlichen Band für ihre Sammlung Künstlerischer Drucke. Damit endet unsere kleine Geschichte, obwohl die Geschichte des Buches noch lange nicht ihren Abschluss gefunden hat und vielleicht eines Tages weitererzählt wird…

 

Hier noch ein paar visuelle Eindrücke:

 

 

DFG födert vier Fachinformationsdienste für die Wissenschaft

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, DFG, bewilligte zuletzt alle drei von der Staatsbibliothek zu Berlin gestellten Anträge zur weiteren Förderung des Ausbaus der Sammlungen und der modernen Dienstleistungen für die Fachinformationsdienste „CrossAsia – FID Asien“, „Kartographie und Geobasisdaten“ und „Slawistik“. Der Ausbau des Fachinformationsdienstes Recht wird von der DFG bereits seit dem Jahr 2014 finanziert. Für alle vier Fachinformationsdienste für die Wissenschaft (FID) mit jeweils einer Laufzeit von drei Jahren stellt die DFG der Staatsbibliothek zu Berlin  6,9 Mio. € zur Verfügung.
Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, wertet dies „ …als Wertschätzung der bisherigen konzeptionellen wie auch praktischen Arbeit der jeweiligen Fachabteilungen, die in vielfältigen Kooperationen sowie in engem Kontakt mit den Communities aktuelle Anforderungen an die Literaturversorgung auf Forschungsniveau erkennen und diesen begegnen.“
In Forschung und Wissenschaft bewährt sich seit Jahrzehnten die Praxis der DFG, besonders leistungsstarke Bibliotheken mit erheblichen finanziellen Mitteln dabei zu unterstützen, die Literatur zu einzelnen Fachgebieten in großer Tiefe und Breite sowie in jeder verfügbaren Form zu beschaffen. Seit dem Jahr 2014 fokussiert dieses DFG-System der Literaturversorgung die Nutzerbedürfnisse in besonderem Maße und legt einen Schwerpunkt auf die Entwicklung elektronischer Dienstleistungen.

 

FID CrossAsia – FID Asien

Die Ostasienabteilung wird gemeinsam mit dem Südasien-Institut der Universität Heidelberg den FID Asien ausbauen.  Die bestehenden Sammlungen in Berlin und Heidelberg sowie die dort in den letzten Jahren entwickelten und betriebenen Angebote sind hierfür die idealen Ausgangspunkte. Insbesondere die inter- und transdisziplinär sowie regional und transregional ausgerichtete universitäre und außeruniversitäre Wissenschaft, Forschung und forschungsnahe Lehre wird profitieren. Beide Institutionen werden die am wissenschaftlichen Spitzenbedarf der deutschen Asienwissenschaften orientierten Informationsservices verlässlich und gebündelt ausbauen. Zu den vorrangigen Zielen gehören der Aufbau einer Infrastruktur für Volltext- und Metadaten sowie das Cross-Asia-E-Publishing.
In der Staatsbibliothek zu Berlin basieren die bislang schon entwickelten wie auch die künftigen Dienstleistungen auf 1,5 Millionen Bänden fachspezifischer Literatur, jährlich kommen die Ausgaben von 3.800 Zeitschriften und mehr als 25.000 Monographien hinzu. Über die virtuelle Fachbibliothek CrossAsia sind derzeit rund 100 lizenzpflichtige Datenbanken mit über 200 Millionen Einzeldokumenten bzw. Volltexten verfügbar. Die Suchfunktionen schaffen Zugang zu mehr als 100 Millionen verschiedenen Objekten inkl. Materialien aus Open Access-Repositorien aus den gedruckten bzw. lizenzierten Inhalten, die über CrossAsia zur Verfügung stehen. Aktuell 6.500 Cross-Asia-Nutzer können fachspezifische Services wie Newsletter, Diskussionsforen und Dokumentenspeicher nutzen, Ergebnisse aus Projekten und Entwicklungen werden via Cross-Asia Lab direkt verfügbar gemacht.

 

FID Kartographie und Geobasisdaten

Die Entwicklung des FID Kartographie und Geobasisdaten wird zum einen durch den Bestand von 1,2 Millionen Karten, 34.000 Atlanten und 36.500 Bänden Fachliteratur gestützt – damit fungiert die Staatsbibliothek zu Berlin als kartographisches Dokumentationszentrum Deutschlands. Zum anderen gründet der FID auf der von den Experten der Staatsbibliothek entwickelten Infrastruktur zur Nutzung von Karten. Als Nächstes werden weitere Systeme entwickelt, etwa um gezielt den Forschungsbedarf mit digitalisierte Karten zu bedienen. Für die Beschaffung von Geodaten entlegenerer Gebiete sind die stabilen Kontakte zum hochspezialisierten Kartenhandel von großem Wert, damit kann der FID Karten zur zentralen Anlaufstelle für die Fachcommunity reifen. Weltweit in verschiedenen Maßstäben und Ausgabeformen erscheinende topographische Kartenwerke werden in der Datenbank Topo-Liste erfasst, mit der Bibliographia Cartographica verantwortet die Staatsbibliothek zu Berlin das weltweit einzige Nachweisinstrument für das gesamte Spektrum der kartographischen Literatur.

 

FID Slawistik

Auch beim Aufbau des FID Slawistik steht die enge Abstimmung und Kooperation mit der Fachcommunity im Zentrum, um eine den Bedürfnissen der Forscher entsprechende informationstechnische Infrastruktur bereitzustellen. Unter anderem werden dazu die Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin mit Sammlungen externen Informationsquellen vernetzt und über ein weiterentwickeltes Slavistik-Portal,  das zur zentralen Stelle für bibliographische und digitale Informationen zur Slawistik wird, präsentiert. Zu in- und ausländischen elektronischen Volltextangeboten mit einheitlicher Indexierung wird der Zugang geschaffen. Ein Baustein bei der Schaffung des FID Slawistik wird der von den Facwissenschaftlern gewünschte Auf- und Ausbau der Inhaltserschließung für slawistische Zeitschriften, Sammelbände und Kongressschriften sein.

Vor Weihnachten noch eben schnell die Welt retten? (Teil 2) Literatur zum Klimawandel in der Staatsbibliothek

Die UN-Klimakonferenz ist vorüber, die mediale Aufmerksamkeit für Klimawandel und Klimaschutz lässt wieder nach. Sollte die Berichterstattung jedoch Ihr wissenschaftliches Interesse geweckt haben, finden Sie in der Staatsbibliothek selbstverständlich Bestände zu diesen Themen. Dieser Blogpost stellt einige davon vor. Insbesondere geben wir Empfehlungen zu Literatur, die einen Einstieg in den Stand der Wissenschaft und der gesellschaftlichen Debatte zum Thema ermöglicht. Außerdem zeigen wir eine Möglichkeit, wie Sie die Funktionen unseres Katalogs nutzen können, um innerhalb großer Bestände schneller die für Sie relevante Literatur zu finden.

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Vor Weihnachten noch eben schnell die Welt retten? Gedanken zum Umgang mit Webressourcen anlässlich der UN-Klimakonferenz

2015 war das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, und in Paris tagte vor Kurzem die UN-Klimakonferenz. Natürlich berichteten die Medien ausführlich, aber wie findet man in der “Informationsflut” online weitergehende, verlässliche, aktuelle Informationen? Dieser Post empfiehlt die Nutzung redaktionell betreuter Internet-Angebote anstelle wiederholter Suchmaschinen-Nutzung und weist darauf hin, dass mittlerweile auch viele Wissenschaftler*innen bloggen.

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Kirchenslawische Typographie als Kunst und Waffe

Der elfte Vortrag in der von der Staatsbibliothek zu Berlin gemeinsam mit Forschenden der Berliner und Potsdamer Universitäten organisierten Veranstaltungsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit war zugleich eine Premiere. Denn erstmals wurde im Rahmen dieses Dialogs zwischen Bibliothek und Forschung – so der programmatische Untertitel der Vortragsserie – ein Themenfeld jenseits des okzidentalen Kulturkreises betreten. Konkret interpretierte Vladimir Neumann, Fachreferent für Slawistik in der Osteuropa-Abteilung unseres Hauses, am Beispiel ausgewählter ostslawischer Drucke des 15. bis 17. Jahrhunderts die kirchenslawische Typographie der Vormoderne als Kunst und Waffe.

Der Vortrag behandelte kulturhistorische, sprachliche und drucktechnische Aspekte der ostslawischen Schriftlichkeit. Vielfalt und Traditionen der frühen ostslawischen Druckgeschichte wurden anhand der zentralen Akteure dargestellt – beginnend mit Francysk Skoryna, der in Prag und Wilna Kirchenbücher ins Slawische übersetzte und verlegte, sowie den Moskauer Erstdruckern Ivan Fedorov und Petr Mstislavec, die nach ihrer Vertreibung ihre Tätigkeit in Polen-Litauen fortsetzten. Weitere Stationen in dem so entfalteten Panorama waren die Kiewer Druckgeschichte unter Petro Mohyla (1596 – 1647), der Moskauer Druckerhof, der im Russland des 17. Jahrhunderts eine Monopolstellung beim Druck von Kirchenbüchern besaß, sowie das Schisma der russischen Kirche, aus dem die Altritualisten (Altorthodoxen) hervorgingen. Dabei stand stets die Materialität der kirchenslawischen Drucke, die von der Staatsbibliothek zu Berlin in einmaliger Fülle über Jahrhunderte hinweg gesammelt wurden, im Fokus. Im Anschluss an den Vortrag hatte das Publikum die Möglichkeit, einen genaueren Einblick in einige besonders rare Druckzeugnisse – entnommen aus dem etwa 300 Bände umfassenden Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin an vormodernen Kirchenslavica – zu nehmen.

 

Text: Vladimir Neumann (Osteuropa-Abteilung) und
Christian Mathieu (Wissenschaftliche Dienste)

 

 

Mind the gap! – Wir digitalisieren die Rechtslücke

Seit geraumer Zeit arbeiten immer mehr Bibliotheken in Deutschland daran, ihre urheberrechtsfreien Bestandssegmente – darunter keineswegs nur Bücher, sondern auch Handschriften und Zeitungen – zu digitalisieren und im Open Access zugänglich zu machen. Mit Blick auf die Vielfalt der deutschen Bibliothekslandschaft – auch diese mutet zuweilen als „monstro simile“ an – und bedingt durch die Ungleichzeitigkeit, mit der die einzelnen Häuser in das Digitalisierungsgeschäft eingetreten sind, verwundert es kaum, dass das Gesamtbild der digital verfügbaren Buchinhalte momentan noch eher an ein unvollständiges und vor allem ungleichmäßig zusammengesetztes Puzzle erinnert als an monochrome Farbfeldmalerei. Denn in einigen Bundesländern wie z.B. in Sachsen, Niedersachsen oder Berlin stehen Sondermittel für Digitalisierungsvorhaben mit regionalem Bezug zur Verfügung, während die Deutsche Forschungsgemeinschaft als mit Abstand dynamischste Akteurin auf diesem Feld nicht nur forschungsgetriebene Digitalisierungsprojekte fördert, sondern auch systematische Massenvorhaben auf nationaler Ebene – allen voran die Digitalisierung der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16., 17. und 18. Jahrhunderts. Und natürlich tragen auch die europäischen bzw. internationalen Initiativen wie Europeana, HathiTrust Digital Library und Google Books ganz erheblich dazu bei, die Regale der deutschen Bibliotheken virtuell zugänglich zu machen.

Zwar ist im Handpressendruck hergestellten Büchern – wie in den unlängst veröffentlichten Bundesweiten Handlungsempfehlungen zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in Archiven und Bibliotheken ausdrücklich betont wird – aufgrund ihrer historischen Gebrauchsspuren und individuellen Sammlungsmerkmale prinzipiell besonderer intrinsischer Wert zuzuschreiben. Dennoch aber dürfte selbst die momentane Hochkonjunktur der Forschungen zur materialen Dimension von schrifttragenden Artefakten die Digitalisierung aller verfügbaren Exemplare eines Werks in seinen verschiedenen Expressionen und Manifestationen kaum rechtfertigen. Um auf dem Boden des eingangs beschriebenen, aus verschiedenen Richtungen sowie mit unterschiedlicher Geschwindigkeit gewebten Flickenteppichs Mehrfachdigitalisierungen zu vermeiden, hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft in ihren Praxisregeln Digitalisierung für geförderte Projekte daher konkrete Prüfverfahren verbindlich gemacht. Im Zuge der kooperativen Digitalisierung der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 18. Jahrhunderts erbringt sogar eine eigens entwickelte Koordinierungsdatenbank die angesprochene Steuerungsleistung, während im Kontext des entsprechenden nationalen Vorhabens für das 17. Jahrhundert ein Masterplan mit differenzierten Kriterien zur Identifikation der zu berücksichtigenden Bände gilt.

Selbstverständlich ist auch das Korpus der urheberrechtsfreien rechtswissenschaftlichen Quellenliteratur noch nicht lückenlos digitalisiert. Angesichts der Vielfalt und des schieren Umfangs unserer historischen Rechtssammlung – die Staatsbibliothek zu Berlin war schließlich nicht nur Medium monarchischer Repräsentation, sondern auch praktisches Instrument für die Verwaltung des Preußischen Staats – fühlen wir uns diesem Ziel aber in besonderer Weise verpflichtet. Hiervon zeugen etwa unsere Projekte zur Digitalisierung der zwischen 1703 und 1830 erschienen juristischen Zeitschriften des deutschen Sprachgebiets – eine Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte – oder auch zur Online-Verfügbarmachung unseres Bestands an Druckwerken zu den in deutschen Territorien geltenden Partikularrechten des 19. Jahrhunderts.

Gerade auch vor dem Hintergrund der Transformation des seit 1975 an der Staatsbibliothek zu Berlin angesiedelten Sondersammelgebiets Recht in einen strikt nachfrageorientierten Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung haben wir uns für den Lückenschluss zwischen den angesprochenen Massendigitalisierungsvorhaben etwas Neues einfallen lassen – nämlich <intR>²DoD, einen disziplinspezifischen On Demand-Digitalisierungsservice für urheberrechtsfreies Quellenmaterial aus dem Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin. Aber damit nicht genug: Dank der Unterstützung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft kann dieses Dienstleistungsangebot dem wissenschaftlichen Personal universitärer wie außeruniversitärer Forschungseinrichtungen in Deutschland kostenlos angeboten werden – mit dem Ziel, auf diese Weise Impulse zur Anbahnung neuer rechtshistorischer Forschungsprojekte zu geben. Zur Finanzierung der forschungsseitig geäußerten Digitalisierungswünsche steht dabei ein Fonds zur Verfügung, der – unbeschadet einiger Restriktionen zur Gewährleistung eines Mindestmaßes an Verteilungsgerechtigkeit – im Wesentlichen nach dem Windhund-Prinzip des first come, first served ausgeschüttet wird. Und was die Geschwindigkeit angeht, mit der wir den digitalen Lückenschluss auf dem Feld der Rechtsgeschichte vorantreiben, so seien Sie bitte versichert: Schneller als die Arbeiten an der so genannten Berliner Kanzler-U-Bahn-Linie U5 sind wir allemal. Denn bereits innerhalb von 14 Tagen steht Ihnen in der Regel Ihr Wunschdigitalisat auf der Plattform Digitalisierte Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin zur Verfügung – und damit natürlich auch allen anderen daran Interessierten.

 

 

“Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin …” – Weitere Vorträge zur Materialität von Schriftlichkeit

Mit einem geradezu faustischen Programm startete in dieser Woche eine Serie von Vorträgen, mit denen unsere etablierte Veranstaltungsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog in loser Folge flankiert werden soll. Selbstverständlich ist damit keinesfalls auf eine wie auch immer geartete Beteiligung Mephistos an der Konzeption dieses neuen Formats angespielt, sondern vielmehr auf dessen Themenprofil, denn von der Philosophie ging es stracks auf das Feld der Rechtswissenschaften. Ob es uns freilich gelingen wird, die frisch begründete Reihe mit Beiträgen zu medizinischen und theologischen Inhalten fortzusetzen? Ein Blick in das „geheimnisvolle Buch, von Nostradamus’ eigner Hand“ würde vermutlich die Antwort verraten. Aber lassen Sie sich doch lieber überraschen, denn der nächste Termin ist bereits für Mitte Februar 2016 geplant!

Den Auftakt jedenfalls markierte am vergangenen Dienstag der Berliner Kunst- und Medientheoretiker Stefan Heidenreich mit einer Analyse der Dissertation als Format akademischer Datenverarbeitung. Auf Quellenbasis von an der Philosophischen Fakultät der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin verteidigten Doktorarbeiten aus den Jahren 1817 bis 1883 rekonstruierte der Referent unter Einsatz von Verfahren des distant reading den Wandel der Dissertation von einer lateinisch verfassten Ritualschrift zur wissenschaftlichen Textsorte, wie wir sie heute kennen. Dabei nahm die im Vortrag vorgestellte quantitativ-statistisch angelegte Untersuchung, die im Übrigen selbst im Rahmen eines an der Leuphana Universität Lüneburg angesiedelten Promotionsvorhabens durchgeführt wird, vor allem die Materialität der Dissertationsschriften in den Fokus – konkret etwa deren Format, Seitenzahl und Kapitellänge.

Bereits zwei Tage später – also am gestrigen Donnerstag – widmeten Dr. Patrizia Carmassi (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel) und Prof. Dr. Gisela Drossbach (Ludwig-Maximilians-Universität München/Universität Augsburg) den zweiten Themenabend der Materialität kanonistischer Rechtshandschriften des deutschen Mittelalters. Anlass für diesen Dialog zwischen den Perspektiven von Kodikologie und rechtshistorischer Forschung gab das Erscheinen der Akten der von den beiden Referentinnen an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel veranstalteten Tagung Rechtshandschriften des deutschen Mittelalters: Produktionsorte und Importwege. Eingeladen hatten der Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung gemeinsam mit der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin.

Neben dem unmittelbaren wissenschaftlichen Ertrag für die Vermessung von historischen Sammlungskontexten und Transferprozessen mittelalterlicher Rechtscodices gab der Gemeinschaftsvortrag zugleich anregende Impulse, das Potential der Forschung zu materialen (Text)Kulturen in interdisziplinärer Perspektive weiter auszuloten – zumal mit Blick auf zwei aktuelle wissenschaftspolitische Debatten. Denn zum einen sollte die “Wiederentdeckung” der Objekte  im Zuge des material turn der Geistes- und Kulturwissenschaften eminent dazu beitragen können, die Position der – wie der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands warnt – von ihrer Marginalisierung bedrohten Historischen Grundwissenschaften zu stärken. Zum anderen aber dürfte das Paradigma des new materialism gerade auch die von Seiten des Wissenschaftsrats geforderte Aufwertung der juristischen Grundlagenfächer und transdisziplinäre Öffnung der Rechtswissenschaften rasant befördern. Die anbrechende Epoche der “Neuen alten Sachlichkeit” hat insofern also die Chance, zu einem veritablen Goldenen Zeitalter etwa der Rechtsarchäologie und -ikonographie zu werden. Und vielleicht wird man schon in wenigen Jahren von den Angehörigen der juristischen Fakultäten sagen: “Hier ist das Wohlbehagen erblich, Die Wange heitert wie der Mund, Ein jeder ist an seinem Platz unsterblich, Sie sind zufrieden und gesund.

 

 

 

MLA – kein Geheimnis für Philologen?

Fachfremde mögen ihrer Phantasie freien Lauf lassen:

Marxistisch-leninistische Alternative? – Ist hier bestimmt nicht gemeint.

Multimediale Langzeit-Archivierung? – Wohl auch nicht. Wenngleich ein wichtiges Thema.

Moderierter Leseabend? – Wäre mal eine nette Idee.

Diejenigen, die bei „Philologen“ in erster Linie an hartgesottene Sprachwissenschaftler denken, vermuten eher etwas sehr Spezielles, etwa wie „morphologisch-lexikalische Axionomie” – was auch immer das sein mag.

Alle, die sich wissenschaftlich mit Sprachen oder Literaturen beschäftigen, wissen natürlich, worum es geht. Doch wissen sie auch, wofür die drei Buchstaben stehen? Die Abkürzung heißt aufgelöst „Modern Language Association of America“. Dabei ist zweierlei bemerkenswert: Weiterlesen

Annette von Droste-Hülshoff und die Staatsbibliothek

Vertreterinnen und Vertreter der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Universität Münster und der Droste-Stiftung haben am 19. November auf Burg Hülshoff bei Havixbeck (Kreis Coesfeld) die Ergänzungsvereinbarung zum Dauerleihvertrag über den „Meersburger Nachlass“ der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff unterzeichnet. Damit geben die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Eigentümerin und die Universität als langjährige Verwahrerin des Nachlasses der 2012 gegründeten Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung die Möglichkeit, Bestandteile des Konvolutes für Forschungs- und Ausstellungszwecke auf Burg Hülshoff auszuleihen. “Für die Droste-Stiftung ist dies ein weiterer wichtiger Schritt auf ihrem Weg, Burg Hülshoff als bedeutenden Literaturort in der Region zu etablieren”, so die Kulturdezernentin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und Vorstandsvorsitzende der Droste-Stiftung, Dr. Barbara Rüschoff-Thale.

Darüber hinaus haben die Unterzeichner den dauerhaften Verbleib des „Meersburger Nachlasses“ in Münster bekräftigt. Prof. Dr. Ursula Nelles, Rektorin der Universität Münster: “Ich freue mich, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erneut ein Zeichen gesetzt hat, den Nachlass dauerhaft in der Obhut der Universität Münster und hiermit in der Heimatregion der Droste zu belassen.” Prof. Dr. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: “Westfalen ist der richtige, da authentische Ort für die Bewahrung des Droste-Nachlasses. Es ist daher ein konsequenter Schritt, die im Eigentum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz befindlichen Schriften künftig nicht nur an der Universitätsbibliothek, sondern auch an dem Geburts- und Wohnort der Autorin für die Forschung und die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.”

Der „Meersburger Nachlass“ enthält Dokumente, die sich beim Tode der Annette von Droste-Hülshoff am 24. Mai 1848 in Meersburg befanden. Bis 1905 wurde der Nachlass von der Familie von Laßberg in Meersburg und anschließend bis 1967 von der Familie von Droste-Hülshoff in Haus Stapel bei Havixbeck verwahrt. 1967 wurde der Bestand unter der Federführung der Fritz-Thyssen-Stiftung für die öffentliche Hand erworben und für den symbolischen Kaufpreis von 1 Mark an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz übergeben. Die Schenkung war ein politischer Akt, um die Kulturbedeutung West-Berlins zu stärken. Das Konvolut sollte jedoch dauerhaft in Westfalen verwahrt bleiben. Der 1967 unterzeichnete Dauerleihvertrag mit der Westfälischen Wilhelms-Universität sicherte den Verbleib des Nachlasses in Münster. Er befindet sich seitdem als Dauerleihgabe der Berliner Staatsbibliothek – Stiftung Preußischer Kulturbesitz in der Universitäts- und Landesbibliothek Münster, wo er u.a. von der Droste-Forschungsstelle für die Herausgabe der Historisch-Kritischen Ausgabe der Werke der Droste genutzt wurde.

Die 2012 gegründete Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung hat den Auftrag, die mit dem Namen von Droste-Hülshoff verbundenen kultur- und literaturhistorischen Werte zu bewahren, zu fördern und zu vermitteln. Neben dem Erhalt der beiden authentischen Lebensorte der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff – Burg Hülshoff bei Havixbeck und Haus Rüschhaus in Münster-Nienberge – ist es ein wesentliches Ziel der Stiftung, diese beiden Anwesen weiter zu entwickeln, stärker zu verbinden und als neuen Literaturort mit Strahlkraft zu etablieren. Die Ausbaupläne der Stiftung sehen u.a. den Umbau der Vorburg Hülshoff zu einem Kulturzentrum und die Umgestaltung des bestehenden Familienmuseums in der Hauptburg zu einem Droste-Literaturmuseum vor.

„Nomade wider Willen“ – Ein literarischer Abend in der Staatsbibliothek

Die Staatsbibliothek lud am 6. November zu einer Lesung von Texten des Autors Rudolf Frank (1886-1979) unter dem Titel „Nomade wider Willen“ in den Simon-Bolivar-Saal ein.

Der Abend stand unter der sinntragenden Überschrift „Nomade wider Willen“, ein Zitat aus Franks Auswandererroman „Ahnen und Enkel”, denn sie stellt eine doppelte – autobiografische und literarische – Referenz dar. Sie verweist zum einem auf das Schicksal Rudolf Franks, der bedroht und verfolgt, ins Exil getrieben wurde: 1936 nach Wien, 1938 aus Wien nach Zürich. Rudolf Frank akzeptierte das ihm aufgezwungene Leben als Nomade und deutete es positiv: als Schweizer Bürger blieb er Weltbürger, heimatlos und doch überall zuhause. Zum anderen wird das so verstandene Nomadentum zur literarischen Referenz: dies zeigt sich sehr deutlich in seinen Romanen. Gerade aus diesem Grund hatten wir uns entschieden, in dieser Veranstaltung nicht die Studien zum literarischen Werk Rudolf Franks in den Vordergrund zu stellen, die gerade in der Reihe der Staatsbibliothek unter dem Titel „Geschichten erzählen als Lebenshilfe – Beiträge zum literarischen und künstlerischen Werk Rudolf Franks“ erschienen sind, sondern Auszüge aus den Originaltexten Rudolf Franks zu lesen. Oder besser: lesen zu lassen. Es hat uns sehr gefreut, dass wir die Berliner Schauspielerinnen Monika Lennartz und Gundula Köster für diesen Abend gewinnen konnten. Und so bildeten den Schwerpunkt des literarischen Abends – ebenso wie des Tagungsbandes – die Texte, in denen Rudolf Frank schon frühzeitig vor Antisemitismus und den Schrecken des Krieges warnte und in denen er von seinen Exilerfahrungen berichtete.
Monika Lennartz und Gundula Köster lasen aus Franks 1931 erschienenem Jugendbuch „Der Schädel des Negerhäuptlings Makaua“, das 1933 auf der Liste der verbotenen Jugendbücher stand, sowie aus seinem 1936 erschienenen Roman „Ahnen und Enkel“ – ergänzt um seine Autobiographie „Spielzeit meines Lebens“ (1960).
Mit diesem Werkstattgespräch fand eine Reihe von Aktivitäten der Staatsbibliothek rund um Rudolf Frank einen würdigen Abschluss: Den Auftakt hatte 2013 die Ausstellung „Ein sehr lebhaftes Vielerlei… – Der Theatermann und Schriftsteller Rudolf Frank“ gebildet, die von einem ganztägigen Symposium begleitet wurde, das Leben und Wirken Rudolf Franks unter dem politischen Einfluss seiner Zeit untersuchte. Die Ergebnisse dieser Tagung einerseits, ergänzt um Beträge weiterer Exilforscherinnen und -forscher, werden in dem kürzlich erschienenen Aufsatzband „Geschichten erzählen als Lebenshilfe“ dokumentiert.

Rudolf Frank – Geschichten erzählen als Lebenshilfe. Beiträge zum literarischen und künstlerischen Werk. Herausgegeben von Lutz Winckler in Zusammenarbeit mit Ursula Jäcker und Cornelia Kosmol. Berlin 2015 (Beiträge aus der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Band 49)