Unsere Beiträge zu den Wissenschaften und Forschung

Unterwegs im Zeichen von Anker und Delphin

„Die Sammlung übertrifft an Schönheit alles, was ich kannte.“

Unter diesem ganz und gar nicht übertriebenen Titel stellt Andreas Wittenberg, wissenschaftlicher Referent in unserer Abteilung Historische Drucke, im Rahmen der Ende November anstehenden Jahrestagung der Willibald-Pirckheimer-Gesellschaft zur Erforschung von Renaissance und Humanismus die spektakuläre Aldinensammlung der Staatsbibliothek zu Berlin vor. Und welcher Tagungsort wäre geeigneter für die Würdigung der bis heute ästhetische Maßstäbe setzenden Druckwerke des weltberühmten Typographen und Verlegers Aldus Manutius (1449-1515) als dessen Wirkungsstätte Venedig. Zudem ist es nicht irgendein beliebiger Veranstaltungsraum, in dem die Tagung zum Thema Venedig und der oberdeutsche Buchmarkt um 1500 stattfinden wird. Gastgeber ist passenderweise das Centro Tedesco di Studi Veneziani – ein von der Bundesregierung und der Fritz Thyssen Stiftung getragenes Forschungszentrum für interdisziplinäre Venedig-Studien – , das in unmittelbarer Nachbarschaft zum Canal Grande im herrschaftlichen Palazzo Barbarigo della Terrazza untergebracht ist.

Sollten Sie Ihre Neugier auf die bibliophilen Kostbarkeiten aus der Werkstatt von Aldus Manutius nicht noch einen Monat länger im Zaum bzw. an der Ankerkette halten können, so empfehlen wir Ihnen diese Publikation unseres Hauses, die Sie nicht nur bei uns kaufen, sondern natürlich auch einsehen und ausleihen können. Oder Sie werfen einen Blick auf einen zwar noch kleinen, aber kontinuierlich wachsenden virtuellen Ausschnitt unserer Aldinensammlung – zu sehen in den Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin.

Und auch für alle buchhistorischen Forschungsfragen – nicht nur zu den Aldinen – halten wir mit Book History Online die passgenaue und in deutschen Bibliotheken nur selten zu findende bibliographische Datenbank zu Ihrer Verfügung. Denn schließlich huldigen wir dem Buch in allen seinen materialen und kulturspezifischen Erscheinungsformen – vom mittelalterlichen Codex bis zum modernen E-Book.

Deutscher Buchpreis 2015: Gratulation an Frank Witzel

In einer feierlichen Veranstaltung hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gestern Abend zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den Deutschen Buchpreis 2015 für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres verliehen. Den mit 25.000 Euro dotierten Preis erhielt Frank Witzel für sein 800 Seiten starkes Werk Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969, erschienen im Frühsommer 2015 bei Matthes & Seitz in Berlin.

Aus der Sicht eines Jugendlichen schildert Witzel in Fragmenten, Protokollen und monologischen Einschüben Erinnerungen aus den 1960er und 1970er Jahren in Westdeutschland. Dabei greift er nicht nur auf eigene Erlebnisse als Heranwachsender im Rhein-Main-Gebiet zurück, sondern auch auf seine beruflichen Inspirationsquellen aus Literatur, Philosophie, Musik und Kunst. So wundert es nicht, dass die zahlreichen Rezensenten des preisgekrönten Werks an so unterschiedliche Persönlichkeiten erinnert werden wie Roland Barthes, James Ellroy, J.D. Salinger und Jean-Jacques Rousseaux, aber auch an Jimi Hendrix und die Beatles, den Existenzialismus und die Gotik. Philipp Felsch spricht in Die Tageszeitung (10.10.2015) von einem „Mammut-Buch“, Claus-Jürgen Göpfert (Frankfurter Rundschau, 26.09.2015) siedelt das „opus magnum“ zwischen Realität und Wahnsinn an, „angereichert mit Elementen des Fantasy- und Kriminalromans“.

Wenn Sie sich selbst ein Bild von Autor und Werk machen möchten, sind Sie in der Staatsbibliothek zu Berlin genau richtig – denn bei uns können Sie nicht nur den Gewinner-Titel, sondern auch andere Werke aus Witzels Schaffen lesen, Ihre Kenntnisse zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und der RAF auffrischen und in den originalsprachigen Werken der Vorbilder und Ideengeber die Einflüsse des Autors nachvollziehen.

Im Rennen um den Deutschen Buchpreis 2015 waren insgesamt 176 Werke, aus denen die siebenköpfige Jury in einem mehrstufigen Verfahren sechs Kandidaten für das Finale ausgewählt hat. Witzel setzte sich schließlich durch gegen Jenny Erpenbeck (Gehen, ging, gegangen, Knaus), Rolf Lappert (Über den Winter, Carl Hanser), Inger-Maria Mahlke (Wie ihr wollt, Berlin Verlag), Ulrich Peltzer (Das bessere Leben, S. Fischer) und Monique Schwitter (Eins im Andern, Droschl). Auch diese Autoren sind mit ihren nominierten Werken und weiteren Titeln in unserem Bestand und teils sofort, teils in Kürze ausleihbar.

Viel Freude beim Lesen!

 

Bundesweite Handlungsempfehlungen zur Erhaltung schriftlichen Kulturguts

Das Ziel ist erreicht: Die Bundesweiten Handlungsempfehlungen zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in Archiven und Bibliotheken sind veröffentlicht. Damit hat die Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK), die in der Staatsbibliothek zu Berlin angesiedelt ist, zum Abschluss der Pilotphase in 2015 ihren Kernauftrag erfüllt.

Der Fachbeirat der KEK legt mit den „Bundesweiten Handlungsempfehlungen“ eine umfassende Bilanz zu Schäden und Gefahren für das schriftliche Kulturerbe in Archiven und Bibliotheken Deutschlands vor. Gleichzeitig fasst das Papier erstmals in einem sparten- und länderübergreifenden Gesamtkonzept Aufgabenfelder zusammen, die zur Sicherung des schriftlichen Kulturguts gestärkt werden müssen.

Mit Förderung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und der Kulturstiftung der Länder (KSL) hat die KEK mit den „Handlungsempfehlungen“ einen Wegweiser geschaffen, der für zielführende Abstimmungen und die erforderliche einrichtungs- und länderübergreifende Zusammenarbeit aller Verantwortungsebenen Orientierung bietet.

zur Website der KEK

die Bundesweiten Handlungsempfehlungen als Download
Langfassung, Kurzfassung

Pressemitteilung vom Bund und der Kultusministerkonferenz der Länder zum Kulturgüterschutz

Drei weitere Stücke der Staatsbibliothek jetzt im UNESCO-Register MEMORY OF THE WORLD

H-MOLL-MESSE  VON  JOHANN SEBASTIAN BACH, DRUCK DER 95 THESEN  LUTHERS, LUTHERS  HANDEXEMPLAR EINER HEBRÄISCHEN BIBEL

Am vergangenen Freitag nahm die UNESCO erneut Stücke aus dem Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz in das Register Memory of the World auf: Weiterlesen

Die Materialität von Schriftlichkeit – Der Dialog zwischen Bibliothek und Forschung geht weiter

Die Aufwertung der lange als bloße Hilfswissenschaften geltenden objektbezogen-bibliothekarischen Kompetenzen zu wissenschaftlichen Schlüsselqualifikationen im Zuge des Material Turn der Geistes- und Kulturwissenschaften eröffnet gerade für Forschungsbibliotheken mit herausragenden Spezialbeständen ungeahnte Chancen zur Schärfung des eigenen Profils. Vor diesem Hintergrund hat die Staatsbibliothek zu Berlin im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem von Forschenden der Universitäten in Berlin und Potsdam getragenen Arbeitskreis Materialität der Literatur die Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit organisiert. Ziel dieses Dialogs zwischen Bibliothek und Forschung – so der programmatische Untertitel der mehrteiligen Reihe – ist es, theoriegeleitete Perspektiven auf Handschriften, historische Drucke und Künstlerbücher mit aus der Praxis entwickelten Fragestellungen zu konfrontieren.

Am vergangenen Dienstag startete die Veranstaltungsserie mit einem Vortrag in ihre zweite Runde, der unter gleich mehreren Aspekten paradigmatisch für die Konzeption der Gesamtreihe stehen kann: So wurden Alexander von Humboldts Amerikanische Reisetagebücher – die wohl spektakulärste Neuerwerbung unseres Hauses in jüngster Zeit – von zwei Vertreterinnen der Staatsbibliothek zu Berlin in Verbindung mit dem Leiter des an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelten Editionsvorhabens Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung vorgestellt. Zutreffender wäre es vor diesem Hintergrund eigentlich, von einem Trialog zwischen Bibliothek und Forschung zu sprechen, nahmen doch Dr. Jutta Weber, stellvertretende Leiterin unserer Handschriftenabteilung, und Julia Bispinck-Rossbacher, verantwortlich für die Restaurierungswerkstätten der Staatsbibliothek zu Berlin, ganz unterschiedliche Perspektiven ein. Nach einem Überblick über die formale wie inhaltliche Erschließung der Amerikanischen Reisetagbücher im Nachweisportal Kalliope stand der kodikologische Befund der Handschriftenbände im Zentrum, der wiederum die Grundlage für die geplante hybride Edition der höchst komplex aufgebauten und nur mit detektivischem Gespür zu entziffernden Quelle liefert. Denn – wie Dr. Tobias Kraft anschließend eindrucksvoll zeigte – nur eine um die Erkenntnismöglichkeiten materialwissenschaftlicher Forschung erweiterte Lektüre ermöglicht es, die vielschichtigen Dimensionen der lebenslangen Schreibprozesse in Alexander von Humboldts Amerikanischen Reisetagebüchern nachzuvollziehen.

Aber auch in Hinblick auf die aktuellen wissenschaftspolitischen bzw. förderstrategischen Rahmenbedingungen dokumentiert der Gemeinschaftsvortrag die durch den Material Turn beförderte neue Qualität des Dialogs zwischen Bibliothek und Forschung. Alexander von Humboldts Amerikanische Reisetagebücher sind nämlich zugleich auch Gegenstand eines von der Staatsbibliothek zu Berlin in Kooperation mit der Professur für französisch- und spanischsprachige Literatur der Universität Potsdam durchgeführten Forschungsprojekts. Gefördert wird dieses Gemeinschaftsvorhaben im Rahmen der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung lancierten mehrteiligen Ausschreibung Die Sprache der Objekte. Materielle Kultur im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen, die darauf zielt, die Hinwendung der Geistes- und Kulturwissenschaften zu den Dingen weiter zu beschleunigen.

Sollten Sie nun schleunigst erfahren wollen, welche Themen Sie im Rahmen der ersten Vortragsrunde verpasst haben, so werfen Sie doch einfach einen Blick in die aktuelle Ausgabe des Bibliotheksmagazins der Staatsbibliotheken in Berlin und München, in der wir die zurückliegenden Abende im Zeichen der Materialität von Schriftlichkeit in aller Kürze Revue passieren lassen. Ausgewählte Beiträge aus der zweiten Veranstaltungsserie werden Sie dagegen schon demnächst als Podcast im Youtube-Kanal der Staatsbibliothek zu Berlin finden können.

Und was die noch fernere Zukunft der überaus publikumswirksamen Reihe anbetrifft, so halten wir es mit unserer Nachbarschaft im Regierungsviertel und versprechen Ihnen: Wir werden den Dialog mit der Forschung nicht abreißen lassen!

Eine Kiste Buntes

Im Juni dieses Jahres machte Richard Kremer (Dartmouth College) die GW-Redaktion auf einen interessanten Fund aufmerksam. Unter einigen Digitalisaten aus der Bibliothek der University of Maryland in College Park war er auf das Fragment einer astrologischen Prognostik gestoßen, das lediglich aus dem Titelblatt mit einer Textzeile und einem Holzschnitt sowie dem unbedruckten Gegenblatt besteht. Das Fragment Weiterlesen

Projekt E.T.A. Hoffmann-Portal gestartet

Pünktlich zum 1. Oktober 2015 fiel an der Staatsbibliothek zu Berlin der Startschuss für ein einjähriges Projekt zum Aufbau eines Personenportals zu der romantischen Künstlerpersönlichkeit E.T.A. Hoffmann, das neue Wege in der zielgruppenorientierten Sammlungsvermittlung einschlägt.

Das Portal wird einen Zugang zu zahlreichen, teils einzigartigen Werken von und zu Hoffmann bieten. Neben der Präsentation der umfangreichen Hoffmann-Sammlungen der SBB und der Staatsbibliothek Bamberg auf einer eigenständigen Plattform wird das Portal durch unterschiedliche Module und thematische Einstiege verschiedenen Interessensgruppen jeweils individuelle Zugänge bieten. Ziel des Projektes ist die Entwicklung einer multimedialen Webseite, mit der die Vielseitigkeit E.T.A. Hoffmanns als Schriftsteller, Musiker, Zeichner und Jurist vermittelt wird. Neue Angebote zur Recherche und Präsentation der sehr heterogenen Hoffmanniana – bestehend aus Briefen, Texten, Zeichnungen, Skizzen, Musikalien, Bildern und juristischen Unterlagen – sollen das Portal zu einem innovativen Beispiel für einen vielfältigen Themeneinstieg für Forschung, Lehre und Bildung machen.

Mit dem Personenportal baut die Staatsbibliothek zu Berlin ihrem E.T.A. Hoffmann-Archiv ein neues Haus. Als virtuelle Einrichtung der SBB ist das Archiv seit dem Jahr 2000 das gemeinsame Eintrittstor zu den unterschiedlichen Materialien über und von Hoffmann, die in verschiedenen Abteilungen der Bibliothek betreut werden. Das Archiv profitiert wesentlich durch den großzügigen Nachlass der Hoffmann-Kennerin Dr. Christa Karoli, die der SBB einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens sowie ihre umfangreiche Hoffmann-Sammlung vermachte – mit der Maßgabe, ein „Archiv E.T.A. Hoffmann“ einzurichten. Das neue Portal wird diesem und den wertvollen Beständen der Staatsbibliotheken in Berlin und Bamberg nun ein unverwechselbares Gesicht geben.

Projektleiterin ist Ursula Jäcker, Leiterin des E.T.A. Hoffmann-Archivs und Fachreferentin für Germanistik an der SBB. Über SBB aktuell informieren wir Sie regelmäßig mit Blogbeiträgen über den Fortschritt des Projekts. Informationen über das Archiv und zu den Beständen erhalten Sie bis zum Launch des Portals über die bisherige Webseite des E.T.A. Hoffmann-Archivs und per E-Mail an E.T.A.-Hoffmann-Archiv@sbb.spk-Berlin.de.

Zum 500. Geburtstag Cranachs des Jüngeren

Heute vor 500 Jahren wurde in Wittenberg einer der bedeutendsten Maler der Renaissance geboren: Am 4. Oktober 1515 kam Lucas Cranach der Jüngere auf die Welt. Martin Luther sollte wenige Jahre später seine Thesen veröffentlichen, die noch junge Wittenberger Universität zu einem Zentrum humanistischer Gelehrsamkeit avancieren. Zahlreiche Studenten strömten in die Vorlesungen Melanchthons und lernten die griechische Grammatik. Fürsten und Gelehrte diskutierten über antike Autoren und biblische Schriften.

Die Bilder Cranachs des Jüngeren stellen diese Welt vor Augen. Sie behandeln die Themen der Reformationszeit und lassen dabei die Gesichtszüge zeitgenössischer Gelehrter lebendig werden. In einer vierbändigen Bibel, die 1561 in Wittenberg gedruckt wurde, stellt Cranach sogar einen Gelehrten mit seiner Familie dar: In Form von Miniaturportraits, die auf Vorsatzblättern in die verschiedenen Bände eingefügt sind, werden – neben Martin Luther (Bd. 1) – der thüringisch-sächsische Edelmann Nikolaus von Ebeleben (Bd. 2), dessen Frau (Bd. 3) sowie drei seiner Kinder (Bd. 4) vorgestellt.

In der Staatsbibliothek zu Berlin werden die Bände heute aufbewahrt. Sie tragen die Signatur: Libr. in membr. impr. 12-15. Nähere Informationen zu ihnen finden sich in: Jutta Fliege, Die Bibel des Nikolaus von Ebeleben im Besitz der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. In: Mitteilungen / Staatsbibliothek zu Berlin, Preussischer Kulturbesitz N.F. – 7.1998, S. 261-295.

 

Entmystifizierung des Herzens

Die World Heart Federation hat in diesen Tagen daran erinnert, welche Aufgabe tagtäglich unserem Herzen zukommt: Indem es das Blut durch den Körper pumpt, stellt es die sauer- und nährstoffliche Versorgung der Organe sicher. Die physiologische Bedeutung, die dem Herzen damit zuerkannt ist, war jedoch lange unbekannt. Bis ins 17. Jahrhundert hinein nahm man in Westeuropa an, dass die Aufgabe des Herzens in der Veredelung des Blutes liege. In Anknüpfung an Vorstellungen des einflussreichen griechischen Arztes Galen (129–ca. 216) ging man davon aus, dass das Blut von der rechten in die linke Herzkammer fließe und dabei mit Lebensgeistern angereichert werde. Derart aufbereitet, versorge es den Körper mit Lebenskraft und werde von ihm verbraucht.

Hinterfragt wird diese Vorstellung bei uns erst ungefähr 1400 Jahre später – durch eine Abhandlung William Harveys (1578–1657). In seiner Schrift über die „Bewegung des Herzens und des Blutes“ („Exercitatio anatomica de motu cordis et sanguinis in animalibus“) bringt der englische Arzt seine Zweifel zum Ausdruck: Er sei sich „nicht ganz sicher“, ob die überlieferten Thesen, an die seine Kollegen anknüpften, tatsächlich zuträfen. „Sinn und Nutzen der Herzbewegung“ will er daher „nicht aus Büchern und den Schriften anderer“ ergründen, sondern „durch eigenes Sehen“. Will heißen: durch den Eingriff in lebende Organismen. Harvey fixiert Kalt- und Warmblütler auf einen Tisch, öffnet ihnen den Brustkorb und perforiert ihre Schlagadern. Was er dabei wahrnimmt und mit viel Aufmerksamkeit beobachtet, ist das Pulsieren der Blutgefäße.

Zu den Vorstellungen Galens stand diese Beobachtung im Widerspruch: Das Herz saugt das Blut nicht an. Es pumpt es in die Arterien, und zwar in rauhen Mengen. Bei dem Versuch, sie grob zu überschlagen, kommt Harvey auf ein Volumen, das viel zu umfangreich ist, um vom Körper verbraucht zu werden. Statt an einen schrittweisen Verzehr des Blutes sei daher an einen Kreislauf zu denken. Man müsse, so Harvey, „notwendigerweise schließen“, dass sich das Blut „bei Lebewesen in einem Kreise“ bewege, und dass dies „die Tätigkeit bzw. Betätigung des Herzens [sei], die es mittels seines Pulses zustande bringt“.

Für Harveys Zeitgenossen war diese Schlussfolgerung schwer nachzuvollziehen. Sie kam ihnen einer Entmystifizierung des Herzens gleich. Selbst Fachkollegen reagierten ungläubig. Sollte das Herz tatsächlich nur eine Pumpe sein? Der einstige Sitz der Seele nicht mehr als ein Muskel? Weitere Beobachtungen schienen diese These zu bekräftigen. Bevor sie sich erhärten konnte, sollten jedoch noch mehrere Jahrzehnte vergehen.

Über die Sammlungen der Staatsbibliothek lassen sich die Etappen der Herzforschung erschließen. So können neben historischen Schriften u.a. von William Harvey (im Haus Unter den Linden) auch jüngere Beiträge zur kardiologischen Forschung (im Haus Potsdamer Straße) online oder vor Ort bestellt und eingesehen werden. Einen Überblick über die zur Verfügung stehenden Titel verschafft der StaBiKat bzw. der StaBiKat+.

Rechtskultur und Informationsinfrastruktur

Maßgeschneiderte Serviceangebote für die rechtswissenschaftliche Forschung vor den Herausforderungen von Internationalisierung und Interdisziplinarität

In einem mehrjährigen Prozess hat der Wissenschaftsrat die rechtswissenschaftlichen Forschungsstrukturen in Deutschland einer grundlegenden Evaluation unterzogen und als Resultat ein Bündel von Empfehlungen verabschiedet, die an drei strategischen Leitbildern orientiert sind:

  1. Aufwertung der juristischen Grundlagenfächer
  2. Förderung der Interdisziplinarität rechtwissenschaftlicher Forschung
  3. umfassende Internationalisierung des Fachs

Wie angesichts der Autorität des einflussreichen wissenschaftspolitischen Beratungsgremiums kaum anders zu erwarten, hat sein Angang 2012 veröffentlichtes Positionspapier die disziplinäre Selbstreflexion über den methodischen Ort der Rechtswissenschaften befeuert und dabei vor allem jenen Stimmen zusätzliches Gewicht verliehen, die in transnationalen institutionellen Arrangements sowie in nicht alleine juristisch zu begreifenden normativen Ordnungssystemen zentrale Forschungsfelder identifizieren.

Als forschungsstrategisches Leitkonzept hat sich in diesem Zusammenhang auch in Deutschland der seit den späten 1960er Jahren vor allem von Lawrence M. Friedman geprägte und für ein Vielzahl von Fächern anschlussfähige Analyserahmen der Rechtskultur akademisch etablieren können. Hierfür stehen besonders prominent die Einrichtung von großformatigen drittmittelfinanzierten Verbundforschungsprojekten sowie die nicht zuletzt dadurch rasant anwachsende Zahl entsprechender Zeitschriften und Schriftenreihen – darunter etwa:

Rechtskultur: Zeitschrift für europäische Rechtsgeschichte

Studien zu Recht und Rechtskultur Chinas

Studien zur europäischen Rechtskultur

Schriftenreihe des Käte-Hamburger-Kollegs „Recht als Kultur“

Unter inhaltlichem Aspekt ist die Rechtskultur-Forschung insbesondere an Phänomenen von Multinormativität interessiert – und das nicht nur mit Bezug auf das dynamische Zusammenspiel von festgeschriebenen und informellen Spielregeln einer Gesellschaft, sondern zugleich auch unter dem Aspekt der sich beschleunigenden Transnationalisierung bzw. Überlagerung von Rechtsordnungen. Gerade aber die vor diesem Hintergrund ermöglichte Öffnung des Fachs für Methodenimpulse der Area Studies erklärt denn auch die Gründung des interdisziplinären Forschungsverbunds Recht im Kontext bzw. des Postdoc-Kollegs Rechtskulturen: Konfrontationen jenseits des Vergleichs am Berliner Forum Transregionale Studien, dessen Mitgliederversammlung im Übrigen unser Ober-Chef, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, vorsitzt.

Analog dazu ist auch das Forschungsprogramm des an der an der Goethe-Universität Frankfurt am Main angesiedelten Exzellenzclusters Die Herausbildung normativer Ordnungen – des zweiten hier zu erwähnenden Projektverbunds – auf die rasanten gesellschaftlichen Veränderungsdynamiken der Globalisierung fokussiert, deren Wucht nicht zuletzt in der normativen Dimension sich beständig transformierender transnationaler Institutionsgefüge zu Tage tritt.

Demgegenüber geht es dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung an der Universität Bonn eingerichteten Käte Hamburger Kolleg Recht als Kultur vor allem darum, Recht in seiner Kulturbedeutung (Max Weber) stärker in den Blick geisteswissenschaftlicher Forschung zu rücken und letztlich einen „judicial turn“ der Geisteswissenschaften anzustoßen.

Gerade auch in Reaktion auf die hier nur angedeuteten wissenschaftsimmanenten Prozesse hat die Staatsbibliothek zu Berlin das Konzept für einen Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung entwickelt, der mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum 1. Januar 2014 an die Stelle des Sondersammelgebiets Recht trat. Das größtenteils bereits realisierte Arbeitsprogramm beinhaltet neben der nachfrageorientierten Schärfung des Erwerbungsprofils im Bereich der rechtswissenschaftlichen Forschungsliteratur vor allem den Aufbau spezieller Fernleih- und Digitalisierungsservices, die Einrichtung einer Suchmaschine für juristische Fachinformationen sowie nicht zuletzt die Freischaltung des ersten disziplinären Open-Access-Repositoriums für die rechtswissenschaftliche Forschung im deutschsprachigen Raum.

Förderpolitischer Hintergrund dieser Initiative bildete die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingeleitete Transformation der etablierten Strukturen nationaler Literaturversorgung. So unterhielt die Deutsche Forschungsgemeinschaft seit 1949 in Kooperation mit zahlreichen wissenschaftlichen Bibliotheken aus dem gesamten Bundesgebiet ein dezentrales System von disziplin-, regional- und materialspezifischen Sondersammelgebieten. Ziel dieser koordinierten Erwerbungskooperation war es, unabhängig von der tatsächlichen Nutzung ein möglichst umfassendes Reservoir an internationaler wissenschaftlicher Spezialliteratur aufzubauen und überregional verfügbar zu machen. In den Nachkriegsjahren mit der Absicht errichtet, dem Mangel an fremdsprachigen Forschungspublikationen in Deutschland mit dem Instrument der Fernleihe zu begegnen, machte der Strukturwandel sowohl des wissenschaftlichen Publikationsmarkts als auch der Forschungsprozesse im digitalen Zeitalter eine grundlegende Revision des Sondersammelgebietssystems erforderlich. Befördert durch die Impulse des Wissenschaftsrats zur Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Informationsinfrastrukturen in Deutschland sowie als Ergebnis einer mehrstufigen Evaluation hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft zum 1. Januar 2014 ihre auf den Aufbau umfassender Sammlungen zielenden Erwerbungsrichtlinien zugunsten einer dezidierten Ausrichtung des bibliothekarischen Dienstleistungsangebots auf die konkrete Nachfrage und den aktuellen Informationsbedarf der jeweiligen wissenschaftlichen Fachcommunity aufgegeben. Einher geht dieser Prozess nicht nur mit der Umbenennung der Sondersammelgebiete in Fachinformationsdienste für die Wissenschaft, sondern auch mit der Integration des bislang auf dauerhafte Strukturbildung ausgerichteten Finanzierungsmodells in die regulären projektbasierten Förderverfahren der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Spätestens die im Herbst des kommenden Jahres anstehende Entscheidung über den von der Staatsbibliothek zu Berlin einzureichenden Folgeantrag wird demnach also unter Beweis stellen müssen, ob es uns gelungen ist, dem aktuellen Fachinformationsbedarf der rechtswissenschaftlichen Forschungscommunity in Deutschland gerecht zu werden. Drücken Sie uns bitte die Daumen oder – noch besser – helfen Sie uns durch Ihr Feedback, unsere Fachinformationsangebote nahtlos an Ihre Anforderungen und Wünsche anzupassen. Schönen Dank!

Über den Ausgang des Verfahrens informieren wir Sie in jedem Fall natürlich hier.

 

Und wenn es etwas ausführlicher sein soll:

Ivo Vogel/Christian Mathieu: Rechtswissenschaftliche Fachinformationsversorgung im Wandel – Zur Transformation des Sondersammelgebiets Recht in einen Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung, in: Recht, Bibliothek, Dokumentation: Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft für Juristisches Bibliotheks- und Dokumentationswesen 44 (2014), S. 1-14

http://intr2dok.vifa-recht.de/receive/mir_mods_00000006