Unsere Beiträge zu den Wissenschaften und Forschung

e-day bereits zum siebten Mal

Unter dem Motto “ELEKTRONISCHE RESSOURCEN: SCHNELL, AKTUELL UND ÜBERALL WISSENSCHAFTLICH ARBEITEN” treten am 4. Mai wieder fast 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Staatsbibliothek an, um Ihnen elektronische Ressourcen, aktuelle Projekte u.v.a.m. näher zu bringen.

 

Donnerstag, 4. Mai
10.00 – 15.30 Uhr
Staatsbibliothek zu Berlin
zentraler Treffpunkt in der Eingangshalle
Zum aktuellen Programm

 

Für alle, die bereits einmal dabei waren, ist das Konzept nicht völlig überraschend: In knapp dreißig, jeweils 30minütigen Präsentationen zeigen Ihnen die Fachreferentinnen und Fachreferenten sowie weitere Mitarbeitende der Bibliothek welche Möglichkeiten Ihnen die Staatsbibliothek über das Angebot an gedruckten Medien hinaus noch bietet:

DATENBANKEN, VOLLTEXTE, BILDER
Erfahren Sie mehr über die Vielzahl an elektronischen Ressourcen, in denen Sie sowohl fachspezifisch, als auch übergreifend nach Aufsätzen, Statistiken, Comics oder kompletten E-Books suchen können. Oft genügen wenige gezielte Klicks und Sie haben einen wissenschaftlichen Text oder andere Materialien direkt vor sich.

GEWUSST WIE
Von den ersten Rechercheschritten über das Ermitteln und Verknüpfen der passenden Suchbegriffe bis hin zur Weiterverarbeitung im Literaturverwaltungsprogramm und das Vermeiden von Plagiaten erfahren Sie Hilfreiches rund ums optimale Suchen in und mit unseren elektronischen Ressourcen.

AUSSERDEM
In der Mittagszeit bieten wir Ihnen eine Auswahl weiterer Themen als Poster Sesssion an, so dass Sie direkt mit den „Machern“ vor Ort ins Gespräch kommen können. Oder Sie begleiten uns auf einen Rundgang durchs Gebäude mit Einblicken hinter die Kulissen. Oder Sie lassen sich von unserem Dienstleister BiblioCopy Tipps und Tricks zum Scannens geben. Oder Sie versuchen sich gleich selbst an einer Recherche, bei der wir Sie auch gerne unterstützen.

Meere und Reisen: vom Unerreichten zum Alltäglichen

Ein Beitrag aus unserer Reihe Meere und Ozeane zum Wissenschaftsjahr 2016*2017

Seit Urzeiten sind Menschen in Bewegung, über Land, später über das offene Meer zu nahen und fernen Welten. Archäologische Artefakte zeugen von diesen Wanderungen und Reisen und vermitteln Plausibilitäten oder Gewissheiten über die Vergangenheit. Mit Entstehung der Schriftkultur tauchen allmählich auch textuelle Zeugnisse realer wie fiktiver Reisen über die Meere auf. Reisebeschreibungen der Antike oder des Zeitalters der Entdeckungen lassen so manchen staunend ob des Wagemuts der Seefahrer an den Zeilen kleben.

MAGELLAN: PACIFIC OCEAN. Ferdinand Magellan’s first view of the Pacific Ocean after passing through the strait that now bears his name: 19th century. Credit: The Granger Collection / Universal Images Group /Rights Managed / For Education Use Only / Encyclopædia Britannica ImageQuest

Apropos reale und fiktive Reisen: im Mittelpunkt eines der erfolgreichsten Filme aller Zeiten sowie einer der am längsten laufenden TV-Serien in Deutschland stehen – nicht sofort einleuchtend – Kreuzfahrtschiffe.

Eine unbedingt gelungene Auswahl an beeindruckenden, ganz und gar nicht fiktionalen Reiseberichten findet sich im kurzweiligen „Buch des Reisens“, das den Bogen spannt von Pytheas von Massalia, dort beschrieben als „Humboldt des Altertums“, über den eigentlichen Alexander von Humboldt, dessen amerikanische Reisetagbücher die Staatsbibliothek zu Berlin exklusiv in ihren Digitalisierten Sammlungen präsentiert, bis hin zu David Foster Wallaces teilnehmenden Beobachtungen, auch seiner Selbst, auf einer Luxuskreuzfahrt (enthalten in: “A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again“).

Auch die Reihe „Alte abenteuerliche Reiseberichte“ des auf Entdeckerliteratur und historische Reiseberichte spezialisierten Verlages Edition Erdmann lässt in Meeresreisen eintauchen; neben dem Reiz des Fernen und Unentdecktenwerden hier die Entbehrungen und Grausamkeiten solcher Abenteuer verdeutlicht.

Die Bedeutung des Reisens, nicht nur auf Meeren und Ozeanen, verschiebt sich im Zeitverlauf. Während einst neben dem reinen Entdeckerdrang auf der Suche nach der terra incognita existentielle, ökonomische oder religiöse bzw. missionarische Beweggründe im Vordergrund standen, scheinen in Zeiten des Massentourismus Sehnsucht, Fernweh und Konsum bedeutender zu sein.

Die Herausforderungen verändern sich: früher die Strapazen der Reise, die ungewisse  Ankunft an einem unbekannten Ziel – heute, in einer vermessenen Welt, in der die Risiken der Fortbewegung auf Meeren und Ozeanen weitestgehend kalkulierbar sind, sehen manche die Reise mit sich und zu sich selbst als wahre Herausforderung der Neuzeit an.
Alain de Botton, dem Anerkennung gebührt für die unumstößliche Erkenntnis “Ich glaube, dass die Liebe und das Reisen unsere größten Glücksphantasien sind“, führt uns in der „Kunst des Reisens“ unterhaltsam vor, worin die Herausforderungen des Reisens im 21. Jahrhundert bestehen. – Ein Reiseführer der anderen Art.

Mit Geld kann man besagtes Glück nicht kaufen. Allerdings: Mit Zunahme der Kaufkraft in den Industriestaaten geht ein Boom auch an touristischen Kreuzfahrten einher, der für dieses Jahr 25 Millionen Passagiere weltweit und 26 neue Riesenkreuzer erwarten lässt. Image und Zielgruppen von Kreuzfahrten ändern sich, was zur Diversifikation der Angebote führt: irgendwann mit der Queen Mary 2 auf Full Metal Cruise um die Falklandinseln – anything goes (maybe) …

So weist ferner die ungebrochene Nachfrage nach Expeditionskreuzfahrten zu entlegenen Orten der Welt auf individuelle Abenteuerlust in der Postmoderne, natürlich ungleich komfortabler als zu Zeiten des Magellan-Chronisten Antonio Pigafetta.

Cruise Ship in Glacier Bay National Park, Alaska. Credit: Matthias Jakob / First Light / Universal Images Group / Rights Managed / For Education Use Only / Encyclopædia Britannica ImageQuest

Wenngleich Ozeane und Meere als Gebiete des Handels, der wirtschaftlichen Entwicklung und Nahrungsquelle auch weiterhin zentral sein werden, so gewinnt der so genannte coastal and marine tourism (CMT), wie obige Zahlen des Teilbereichs Kreuzschifffahrt verdeutlichen, an ökonomischer und damit einhergehend auch an politischer und wissenschaftlicher Bedeutung.

Seine ökonomische Relevanz zeigt sich an Zahlen wie diesen: Bereits 2011 finden im CMT allein in Europa über 3,2 Millionen Menschen Arbeit und generieren eine Bruttowertschöpfung von insgesamt 183 Milliarden Euro, ein Drittel der gesamten maritimen Wirtschaft, zu der noch die Fischerei, die Meeresbiotechnologie, die Meeresenergie und der Meeresbodenbergbau gezählt werden. Die Zahlen für 2015 für den Tourismus im Allgemeinen sind noch weit eindrucksvoller: Einnahmen aus dem internationalen Tourismus in Höhe von 1,26 Billionen US-Dollar, als Exportkategorie wichtiger als Nahrung, Automobil- oder Maschinenbau, für 1/11 der weltweiten Arbeitsplätze verantwortlich. Als maßgeblicher Provider touristischer Kennzahlen im internationalen Rahmen sei hier die UN-Sonderorganisation World Tourism Organization erwähnt.

Um weiterhin die Möglichkeiten des Tourismus nachhaltig zum Wohle von Umwelt und Menschen auszuschöpfen, hat beispielsweise die Europäische Kommission im Rahmen der Strategie „Blaues Wachstum“ auch Maßnahmen für den Küsten-und Meerestourismus verabschiedet. Einzelstaatliche Maßnahmen, die flankierend hinzutreten, werden exemplarisch in den OECD Tourism Trends and Policies 2016 vorgestellt, an der Staatsbibliothek im Volltext via OECD iLibrary zugänglich.

Bleibt zum Abschluss die Beleuchtung der Tourismusforschung, ehedem Fremdenverkehrsforschung genannt, als noch relativ junge, interdisziplinäre Wissenschaft, die in Deutschland nur selten dauerhafte universitäre Weihen erhielt. Von ihr können wertvolle Impulse ausgehen und aktuelle Fragestellungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet werden – sofern sie noch betrieben wird. Auf der niemals abgeschlossenen Liste der Institutsschließungen und der immer währenden Abwicklung von Orchideenfächern findet sich zum Beispiel das von der FU Berlin mitunterstützte Willy-Scharnow-Institut für Tourismus. Wer hier in Berlin vor Ort ist, vermag zumindest das an der TU Berlin angesiedelte Historische Archiv für Tourismus für eigene Recherchen zu Rate ziehen.

Auf internationaler Ebene sieht es etwas besser aus. Exemplarisch seien hier im CMT-Kontext die International Coastal and Marine Tourism Society und deren Zeitschrift Tourism in Marine Environments genannt.

Neben der angedeuteten Diversifikation und den Auswüchsen des Massentourismus werden derzeit in der CMT-Forschung Großthemen wie Klimawandel und Umweltaspekte, der Einfluss neuer Technologien auf den Tourismus, Tourismus als sozioökonomische Entwicklungsstrategie sowie kulturwissenschaftliche Fragestellungen diskutiert.

Mit diesem Beitrag endet unsere Reihe zum Wissenschaftsjahr 2016*2017. Wir hoffen, Ihnen hat unsere kleine Reihe gefallen. Das Wissenschaftsjahr 2018 wird sich der „Zukunft der Arbeit“ widmen. Auch dazu werden wir wieder ein paar passende Themen für Sie aufbereiten.

Johannes Block aus Pommern – der stumme Prediger und seine sprechende Bibliothek

Auch in der Staatsbibliothek des 21. Jahrhunderts sind noch Entdeckungen möglich. So staunte Falk Eisermann, der Leiter des Inkunabelreferats, nicht schlecht, als er im Magazin auf den Namen eines alten Bekannten aus dem 16. Jahrhundert stieß. Eigentlich wollte er nur zwei Inkunabeln ausheben, um sie einer Seminargruppe als Studienobjekt zu präsentieren. Ihn interessierte vor allem eine Cicero-Ausgabe von 1465 aus der Mainzer Offizin Peter Schöffers (GW 6921), an die ein Rostocker Druck des Vinzenz von Beauvais von 1477 angebunden ist (R 358). Der Besitzvermerk Liber Johannis Block presbyteri Caminensis diocesis predicatoris machte den Fachmann für alte Bücher stutzig. Konnte es sein, dass der Kamminer Priester mit dem Prediger und Reformator Johannes Block identisch war, den Eisermann als Buchbesitzer aus der Kirchenbibliothek Barth kannte?

Der Barther Reformator Johannes Block. Bild von der Predigtkanzel der Marienkirche Barth (um 1580). Foto: Eva Wunderlich. Lizenz: CC-BY-NC-ND (3.0)

Dieser Johannes Block aus Barth ist eine rätselhafte und zu Unrecht unterschätzte Figur. Als Zeitgenosse, teilweise auch als Protegé der Wittenberger Reformatoren Martin Luther und Johannes Bugenhagen hat er die pommersche Herzogsstadt Barth reformiert. In Kirchenakten ist er aber kaum bezeugt. Leider hat er auch keine eigenen Schriften hinterlassen. Niemand hat sich die Mühe gemacht, auch nur eine seiner Predigten aufzuzeichnen. So wäre Block heute vergessen, hätte er nach seinem Tode nicht seine Gelehrtenbibliothek der Barther Marienkirche überlassen. Glücklicherweise hat Block in seinen Büchern teilweise seine Lebensstationen und Berufe notiert. Sie verraten, dass er nicht nur in Pommern gewirkt, sondern auch zu den frühesten Wanderpredigern in Preußen, im Baltikum und in Finnland gehört hat.

Ein weiteres Glück war, dass Eisermann wusste, dass der Verfasser dieses Blog-Beitrags seit 20 Jahren an der Rekonstruktion von Blocks Bibliothek arbeitet. Ein kurzer Anruf, einige gepostete Bilder und eine Autopsie des Bandes brachten schnell Gewissheit: Die beiden Blocks waren identisch. Damit war aber auch ein guter Anlass entstanden, einen Block-Blog von der Staatsbibliothek Berlin aus zu schreiben. Immerhin hatte man gemeinsam das einzige Buch identifiziert, das von Blocks Prädikantenbibliothek außerhalb Barths erhalten geblieben ist.

“Zeig mir Deine Bücher – ich erzähl’ Dein Leben!”

Diese Identifikation ist bedeutsam, weil Blocks Büchersammlung einen großen historischen Zeigewert hat. Sie ist eine der ganz wenigen intakten Privatbibliotheken der Lutherzeit und vermittelt wertvolle Einblicke in die Entstehung der evangelischen Bewegung im Ostseeraum. Aus ihr wird deutlich, wie auch fernab der Wittenberger “Zentrale” evangelische Prädikanten am Werk waren, die als Leuchttürme des neuen Glaubens eigene Ideen von “Reformation” prägten und verbreiteten.

Von dieser wertvollen Bibliothek, die von der Universitätsbibliothek Greifswald inzwischen digitalisiert wurde, sind heute noch 125 Bände erhalten. Sie überliefern, zum Teil in Sammelbänden, acht Handschriften, 50 Inkunabeln und über 220 Frühdrucke. Das ist eine stattliche Sammlung, die Anfang des 16. Jahrhunderts dem Bestand einer kleineren Klosterbibliothek entsprach. Als Berufsbibliothek war Blocks Büchersammlung sein wichtigstes Arbeitswerkzeug. Sie spiegelt, wie Block auf seiner Stellensuche von Stadt zu Stadt zog, wie er als Prädikant an Kirchen installiert wurde und wie er sich gegenüber Bettelmönchen und Weltgeistlichen auf dem “Markt der Frömmigkeit” behaupten konnte – vor und nach seinem Übergang zur Reformation. Insofern bietet seine Predigerbibliothek einzigartige Einblicke in die Denk- und Arbeitsmuster der neuen, seit dem 15. Jahrhundert nachweisbaren Berufsgruppe der Prädikanten.

Predigerbibliothek des Johannes Block als Teil der Barther Kirchenbibliothek. Foto: Eva Wunderlich. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

Blocks reisende Gelehrtenbibliothek bildet heute den wertvollsten Kern der 1398 erstmals erwähnten Barther Kirchenbibliothek. Sie befindet sich heute als separierter Bereich innerhalb des historischen Gesamtbestandes der Marienkirche von knapp 4000 Bänden. Diese ist die mutmaßlich älteste, am Ursprungsort enthaltene kirchliche Büchersammlung Deutschlands, wo die Bücher heute noch im gotischen Bibliotheksraum stehen, in dem die Geistlichen, Lehrer und Schüler des Mittelalters studiert und gearbeitet hatten.

St. Marien Barth, Wirkungsort Blocks als pommerscher Reformator (1534-1544/45). Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

In fast jedem von Blocks Büchern findet man Kauf- und Besitzvermerke von seiner Hand. Sie informieren über Ort und Zeit der Erwerbung, aber auch über die Kaufpreise. Dazu lassen sich vielfach Buchbinder, Sammlungskontexte (zumeist wurden mehrere Drucke in einen Band gebunden), Illuminatoren und Rubrikatoren sowie (über die handschriftlichen Anmerkungen) der Umgang Blocks mit seinen Büchern rekonstruieren. Man erhält so Auskunft über die Vertriebs- und Handelswege der Bücher und deren Verwendung. Erkennbar wird vor allem das Vertriebsnetz des Buchhandels, das sich im Falle Blocks von Italien, Südwestdeutschland und Frankreich, wo die Bücher zumeist gedruckt wurden, über Flandern, die Niederlande und das “Wendische Quartier” der Hanse (zwischen Lübeck und Stettin) bis in den nördlichen Ostseeraum zieht, wo die Bücher schließlich illuminiert, gebunden und verkauft wurden.

Besitzvermerk des Kamminer Klerikers Johannes Block (Dorpat, 1514/20) in einer Predigtausgabe der Barther Kirchenbibliothek, 4° E 13, 1r. Foto: Eva Wunderlich. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

Dramatisches Leben in einer Zeit des Umbruchs

Da Blocks Lebensweg den Handelswegen der deutschen Kaufleute im Ostseeraum folgte, wo er als Prediger wohl auch seine follower – d.h. seine Zuhörer und Anhänger – fand, lässt sich in kriminalistischer Kleinarbeit ein Geschichtspuzzle um den Wanderprediger aus Pommern zusammensetzen. Dabei bietet Blocks Prädikantenbibliothek ein von Aufbrüchen und Schicksalsschlägen gezeichnetes Lebensbild. Dieses ist beeindruckend und aufschlussreich zugleich, denn Lebensbrüche sind geradezu zum Signum der ersten Reformatorengeneration geworden – man denke nur an die großen Namen Martin Luther, Thomas Müntzer, Andreas Bodenstein (Karlstadt) und Huldrych Zwingli.

Folgen wir den Kauf- und Besitzvermerken in Blocks Büchern, so beginnt sein Lebensweg in Stolp (heute Slupsk/Polen) in Hinterpommern, wo er um 1470/80 geboren wurde. Im geistigen Umfeld des pommerschen Humanisten Bugenhagen kam Block in den 1490er-Jahren als junger Kaplan und Kleriker der Diözese Kammin (Cammin, heute Kamien Pomorski/Polen) mit dem niederländischen Schulhumanismus in Berührung – dem damals fortschrittlichsten Curriculum nördlich der Alpen. Danach zog er dann als gut ausgebildeter Prediger in Richtung der großen Handels- und Hansestädte im Osten. 1512-1513 ist er kurz in Danzig (heute Gdansk/Polen) bezeugt. Hier, auf der wichtigsten Drehscheibe des Ostseehandels, bemühte er sich erfolglos um eine Anstellung. Ab 1514 taucht er in der Hansestadt Dorpat (heute Tartu/Estland) auf. Diese Stadt bildete mit Riga und Reval (heute Tallinn/Estland) das Dreigestirn der großen, von deutschsprachigen Fernhändlern dominierten Handelsmetropolen in Livland.

Im Gebiet des heutigen Lett- und Estland lag in den 1520er-Jahren eine der religiösen “Boomregionen” Europas. Die Christianisierung war in Livland später eingeführt worden als im Heiligen Römischen Reich, so dass die Saat Luthers hier auf fruchtbaren Boden gefallen war. Nicht wenige Wanderprediger erprobten hier, unterstützt durch die deutschsprachigen Kaufleute (vor allem die Gilden der “Schwarzhäupter”), die Reformideen aus Wittenberg. In den 1530er Jahren trug man den neuen Glauben dann wieder zurück nach Deutschland. Luther hat allerdings auch Gefahren der Verbreitung “seiner” Reformation in Livland gesehen. Anfang der 1520er-Jahre schrieb er sorgenvolle Sendbriefe an den Magistrat von Riga, aus denen klar wird, dass er selbst den Einfluss Wittenbergs für begrenzt hielt. Sorge bereiteten Luther “Schwärmer” wie der Wanderprediger Melchior Hofmann, ein Kürschner aus Schwäbisch Hall, der in Livland um 1525 mehrere Bilderstürme anzettelte, so dass man ihn in Wittenberg schnell wieder fallen ließ. Doch die tatsächlichen Zusammenhänge sind schwer zu beurteilen, da die Quellenlage – vor allem in Dorpat – desaströs ist. So waren Wissenschaftler aus Estland elektrisiert, als sie auf Blocks Predigerbibliothek aufmerksam wurden. Schnell war klar, dass die Lebensgeschichte dieses “stummen Predigers” – nicht nur für Livland – einen missing link der frühen Reformationsgeschichte Europas darstellt.

Blocks Besitzvermerke zeigen, dass er erst in Livland wirklich Karriere machte. In Dorpat wurde er um 1520 als Prädikant an der Stadtpfarrirche St. Marien angestellt; gleichzeitig erhielt er eine Stelle als Prediger an der Kathedrale auf dem Domberg. Ungefähr zeitgleich trat Block unter dem Einfluss des Humanisten Erasmus von Rotterdam und des frühen Luther zur Reformation über. Das verraten seine in den Jahren 1518 bis 1524 erworbenen Bücher. Die Reformation kostete den Dorpater Prediger jedoch seine Existenz, denn im Chaos des Bildersturms von 1524/25 verlor er beide Predigerstellen. Block war offenbar zwischen die Mühlsteine des Stadtrats und des Dorpater Bischofs Johannes Blankenfeld geraten, der in Personalunion als (Erz-)Bischof von Riga, Reval und Dorpat einer der mächtigsten Herren Livlands war. Beide Akteure zerfleischten sich in ihrem Kampf um die politische Vorherrschaft in der Stadt mit ihrem riesigen Hinterland. Die Reformation, vor allem die Frage, wer den Klerus kontrollierte und von den materiellen Gütern der Kirche profitieren konnte, war zu einem Politikum geworden, über das auch der Dorpater Prediger Block stolperte – und schließlich fiel.

Schlosskirche in Wiburg/Südostfinnland, Wirkungsort Blocks 1528-1532. Foto: A. Savin (Wikimedia Commons). Lizenz: CC-BY-NC-ND (2.5)

Nach seiner Entlassung schien Blocks Karriere in Dorpat erst einmal beendet. Fünf Jahre hielt er noch in der konfessionell zerrissenen Stadt aus. In dieser Situation erreichte ihn ein Angebot des Grafen Johannes von Hoya – aus Finnland. Der Adelige residierte in der von deutschen Kaufleuten dominierten Handelsstadt Wiburg (Viipuri/Finnland, heute Wyborch/Russland) und suchte einen Prediger. Block schien ihm dafür der geeignete Mann gewesen zu sein. Ab 1528 diente er Hoya als erster evangelischer Prädikant, der in Finnland bezeugt ist. Vermutlich war er auch an der als “Kaderschmiede” berühmten Wiburger Lateinschule tätig, wozu ihn seine Bücher sicherlich befähigten. Im Ankunftsjahr Blocks in Wiburg (1528) hatte der bisherige Schulrektor, der Däne Clemens Erasmi, die Stadt in Richtung der alten Bischofsstadt Turku (Abo) verlassen. Vermutlich hat ihn Block als Schulleiter ersetzt. Erasmi nahm seinen besten Schüler Michael Agricola mit, der später in Diensten des schwedischen Königs Gustav Wasa zum Reformator Finnlands werden sollte. Dass auch Block zur Gruppe der ersten Reformatoren Finnlands – wenn auch mit einer anderen Ausrichtung – zählte, war bislang unbekannt, denn auch hier sind die Quellen für die Zeit bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts rar.

Leider ereilte Block in Wiburg das gleiche Schicksal wie in Dorpat. Sein Dienstherr Hoya kontrollierte von seinen Festungen Savonlinna im mittelfinnischen Seengebiet und Wiburg an der Küste einen Machtbereich, der ganz Ostfinnland (Karelien) umfasste. In dieser Funktion war der Graf schon bald in das Fadenkreuz seines Schwagers (!) Gustav Wasa geraten. Der schwedische Regent nutzte die Reformation vom westfinnischen Turku aus für eine Expansionspolitik Richtung Osten aus. Dem stand der Wiburger Graf im Weg und somit wurde auch Blocks Lage prekär.

Geleitbrief von Graf Johannes von Hoya für seinen Prediger Johannes Block (Wiburg/Finnland, 15. August 1532). Riksarkivet Stockholm, Strödda historiska handligar 1a. Foto: Riksarkivet Stockholm. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

Der Wiburger Prediger scheint die von der schwedischen Krone ausgehende Gefahr erkannt zu haben und reagierte geistesgegenwärtig: Ausgestattet mit einem Geleitbrief seines Dienstherren setzte er sich Mitte August 1532 in seine Heimat ab. Hoya hingegen musste dem politischen Druck nachgeben und ging 1533 nach Reval ins Exil. Block hingegen befand sich in seiner Heimat Pommern in relativer Sicherheit. Doch anerkannt war er noch keineswegs. Zu Beginn der Fastenzeit 1533 musste er seine erste reformatorische Predigt auf dem Friedhof des Hospitals St. Jürgen vor den Toren Barths abhalten, vor einer Zuhörerschaft aus Pestkranken und Tagelöhnern, die kein Bürgerrecht in der Stadt hatten. Mehr als eine derartige “Sondierungspredigt” war vor Einführung der Fürstenreformation in Pommern kaum möglich.

Pestspital St. Jürgen bei Barth (um 1980), erster Wirkungsort Blocks als Prediger in Pommern (1533). Foto: Chron-Paul (Wikimedia Commons). Lizenz: CC-BY-SA (4.0)

Block riskierte es tatsächlich, noch einmal nach Finnland zurück zu gehen. Hier gelang es ihm, seine Frau (er hatte sie in Liv- oder Finnland geheiratet) aus dem zusammenbrechenden Wiburg heraus zu holen. Auch seine Büchersammlung, die zu diesem Zeitpunkt etwa 90 Bände umfasste, konnte Block evakuieren. 1534 war er wieder in Pommern, wo die Herzöge mit Bugenhagens Hilfe inzwischen die Reformation eingeführt hatten. Von der Barther Marienkirche aus diente Block der Fürstenreformation als oberster Prädikant und evangelischer Pastor bis zu seinem Tode (1544/45).

Das Buch der Staatsbibliothek kommt zu Wort

Wie lässt sich die Bedeutung des Berliner Bandes aus Blocks Bibliothek nun einordnen? Der Codex kann erst nach 1514 in seinen Besitz gekommen sein. In diesem Jahr stockte Block seine Kamminer Pfründe von 4 auf 80 Mark (!) jährlich auf, wie eine kürzlich in der Staatsbibliothek entdeckte Quelle belegt. Ferner wird Block im Berliner Band als Prediger Dorpats bezeichnet (die Passage predicator[is] T[arbatensis] ist am Ende durch Ausriss kaum lesbar), so dass er es vor seiner Entlassung um 1524/25 erworben haben muss.

Pründenvermerk des Kamminer Klerikers Johannes Block. Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung, Ms. boruss. fol. 97, 28r. Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

Der Band mit den beiden Inkunabeln, den Block 1514/25 in Dorpat in einem soliden Holzdeckeleinband kaufte, war bereits “antiquarisch”, denn die beiden Drucke waren schon 40 bis 50 Jahre auf dem Markt. Block erwarb hier mit ‘De officiis’ und den ‘Paradoxa stoicorum’ zwei Lehrschriften des antiken Staatsmanns und Philosophen Cicero (Mainz, 1465), dazu den Fürstenspiegel ‘De regimine principum’ des französischen Dominikaners Vinzenz von Beauvais (Rostock, 1477). Beide Ausgaben – Cicero wie Vinzenz von Beauvais – sind über die Digitalen Sammlungen der Berliner Staatsbibliothek zugänglich.

Der Buchschmuck ist – wie damals üblich – per Hand in die gedruckten “Rohlinge” eingemalt. Der Verfasser dieses Blogs hat ähnliche Belege aus Stralsund gefunden, so dass der Band dort verkaufsfertig gemacht und mit den Livlandfahrern nach Dorpat exportiert worden sein dürfte. Hier fügte er sich in Blocks Bibliothek gut ein, die um 1515/20 vor allem aus humanistischer Gelehrten- und spezialisierter Predigtliteratur bestand. Blocks Umgang mit Cicero und Vinenz von Beauvais zeigt das Selbstbewusstsein des humanistischen Gelehrten, der schon in seiner Jugend Griechisch gelernt hatte und die griechischen Passagen in seinem Cicero lesen und verstehen konnte. Dazu glossierte er in Humanistenart den Text, indem er zwischen den Zeilen sprachliche Synonyme eintrug. Humanistisch sind auch seine Querverweise auf den Kirchenvater Augustinus und auf das historiographische Werk des in Deutschland damals populären Humanisten Enea Silvio Piccolomini.

Eingangsseite von Blocks Cicero-Druck von 1465. Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung, Inc. 1515,5, 1r. Foto: Jürgen Geiß-Wunderlich. Lizenz: CC-NY-NC-ND (3.0)

Ein Rätsel bleibt, wie und wann der Codex aus Barth nach Berlin gelangt ist. Laut Akzessionsvermerk und einem (ziemlich unsensibel) in die Eingangsinitiale gestempelten Besitzvermerk wurde der Band 1912 regulär von der Königlichen Bibliothek erworben. Die beiden wertvollen Inkunabeln – vor allem der berühmte Schöffer-Druck von 1465 – haben die Barther Kirchengemeinde wohl bewogen, den Band zu veräußern. Dass man damit auch ein Zeugnis der eigenen Vergangenheit verkaufte, war den damaligen Hütern der Kirchenbibliothek nicht bewusst. Auch deshalb ist man froh, dass der Band des “stummen Reformators” aus Pommern in Berlin erhalten geblieben ist.

Ein wissenschaftlicher Katalog der rekonstruierten Bibliothek Blocks wird vom Verfasser dieses Blogs vorbereitet. Er soll im Herbst oder Winter 2017 bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig erscheinen. Dem Katalog beigegeben sind die Beiträge einer Fachtagung mit Geschichts-, Buch- und Reformationswissenschaftlern aus Deutschland, Finnland, Estland und der Schweiz, die im September 2015 am Barther Bibelzentrum stattfand. Zu anderen “Highlights” der wertvollen Büchersammlung von St. Marien sei auf den Band “Einblicke: Bücher aus der Barther Kirchenbibliothek im Fokus” verwiesen, der im vergangenen Jahr erschienen ist.

 

 

 

“Er war immer sehr offen für Kritik – sofern die Kritik von ihm selbst kam.”

Rückblick zum Werkstattgespräch mit Prof. Dr. Peter-André Alt zur neuen Sigmund Freud-Biographie

Am 14. Februar war Prof. Dr. Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität Berlin, zu Gast in der Staatsbibliothek, um seine neue Biographie zu Sigmund Freud im Rahmen eines Gesprächs mit Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf vorzustellen.

Nach der Begrüßung der Gäste und einer Einführung in das Thema nahmen Peter-André Alt und Barbara Schneider-Kempf auf einer schwarzen Recamiere Platz und sprachen über Alts Motivation und Schreibprozess, Sigmund Freuds Persönlichkeit und die Wirkung der psychoanalytischen Erkenntnisse auf verschiedene Wissenschafts- und Kulturbereiche. Besonders beeindruckend wirkte dabei die Leistung des Literaturwissenschaftlers und Präsidenten der FU Berlin, Peter-André Alt, die Fülle an Material aus alten und neuen Quellen sowie aus der Unmenge an internationaler Forschungsliteratur auszuwerten und zu einem stimmigen Gesamtbild zu komponieren. Alt reizte dabei vor allem, dass es trotz der hohen Anzahl an bislang bereits veröffentlichten Freud-Biographien immer noch Facetten zu entdecken gibt, die in der Forschung bislang kaum Beachtung gefunden haben.
Neben vielen anderen Aspekten, die im Gespräch gestreift wurden, hob Alt einige der faszinierenden Charaktereigenschaften und Eigenheiten Sigmund Freuds hervor, wie seine eiserne Disziplin und die Fähigkeit, sich selbst immer wieder zu reflektieren und zu korrigieren. So war Freud durchaus aufnahmefähig für Kritik an seinen Thesen und Überzeugungen – allerdings nur dann, wenn die Kritik von ihm selbst kam. Anderen Kritikern gegenüber war er unerbittlich. Er brach mit langjährigen Freunden und ließ bislang geförderte Talente gnadenlos fallen, wenn sie Zweifel an Freuds Theorien äußerten.Alt schilderte zudem die breite gesellschaftliche Wirkung der psychoanalytischen Erkenntnisse, ohne die wir heute ganz anders denken und handeln würden. Bei jeder neueren biographischen Darstellung beispielsweise werden auch die familiären Prägungen ganz selbstverständlich berücksichtigt. Dagegen sei zu beklagen, dass die Psychoanalyse trotzdem nie eine angemessene wissenschaftliche Anerkennung erfahren habe. So gebe es an den Universitäten keine psychoanalytischen Fachbereiche.

Das Gespräch im prall gefüllten Simón-Bolívar-Saal wurde ergänzt durch zwei Lesungen aus der Biographie und eine anschließende Publikumsdiskussion.

Begleitend zeigte die Staatsbibliothek exklusiv an diesem Abend eine kleine Ausstellung mit besonderen Beständen zu Sigmund Freud, darunter wenig bekannte frühe Schriften, Erstausgaben seiner wegweisenden Werke, ein Briefautograph und eine illustrierte Ausgabe von E.T.A. Hoffmanns phantastischem Werk “Die Elixier des Teufels”, das Freud beeinflusste, sowie einige Exponate zur Freud-Rezeption.

Projekt E.T.A. Hoffmann Portal geht in die zweite Runde

Hurra – unser Folgeprojekt zum E.T.A. Hoffmann Portal ist genehmigt! Nachdem die BETA-Version des Portals nun seit Mitte Dezember online ist, neigt sich das erste Projekt zur Einrichtung des Portals (HoPo1) langsam dem Ende zu. Derzeit arbeitet unsere Entwicklerin – bis zum offiziellen Launch – kontinuierlich an der Optimierung der Funktionalitäten und der Erweiterung von Textbeiträgen und interaktiven Elementen. Parallel stellen wir aber auch schon die Weichen für unser Folgeprojekt (HoPo2), das im Januar 2017 offiziell gestartet ist und zwei neue Schwerpunkte beinhaltet: die Digitalisierung von Hoffmanniana und die Erweiterung des Angebots auf Einflüsse und Rezeption.

Während der Fokus von HoPo1 auf der Einrichtung der Infrastruktur und der Vermittlung von E.T.A. Hoffmanns Leben und Werk lag, widmet sich HoPo2 der Produktion von digitalen Inhalten und der Vermittlung von einerseits Einflüssen auf Hoffmann und andererseits der Rezeption von Hoffmann durch andere Künstler*innen und Wissenschaftsbereiche. Aktuell arbeiten wir an der Erstellung einer Liste der zu digitalisierenden Materialien und testen den eigens entwickelten Digitalisierungs-Workflow. Das Folgeprojekt hat eine Laufzeit von drei Jahren und gliedert sich in drei inhaltliche Arbeitspakete:

1 Digitalisierung der Werke Hoffmanns, seiner Einflüsse und seiner Rezeption

Geplant ist die Digitalisierung von etwa 2.000 Bänden, darunter Erstausgaben, illustrierte Drucke, Autographe, frühe Forschungsliteratur und Werke, die E.T.A. Hoffmann nachweislich besessen hat. Hinzu kommen in Auswahl Werke, die Hoffmann in seinem Schaffen beeinflusst haben, sowie Werke, die Hoffmanns Motive aufgreifen oder ganz grundsätzlich durch Hoffmann beeinflusst wurden.

2 Dokumentation der Einflüsse und der Rezeption E.T.A. Hoffmanns

Die vielfältigen Einflüsse auf Hoffmann und die Rezeption seines Schaffens sind bisher nicht zentral dokumentiert, vor allem eine medienübergreifende Zusammenstellung und Präsentation ist ein Desiderat. In enger Zusammenarbeit mit der Wissenschaft soll ein Arbeitsinstrument geschaffen werden, das die relevanten Informationen zusammenführt, diese mit digitalen Primärmaterialien verknüpft und visuell aufbereitet zugänglich macht. Das Projekt versteht sich in diesem Punkt ein weiteres Mal als Entwickler und Etablierer einer neuen Infrastruktur, auf deren Basis nach Projektende kontinuierlich weitere Inhalte verschiedener Institutionen aufgenommen werden können.

3 Aufbereitung von Inhalten für unterschiedliche Zielgruppen

Analog zu den Textbeiträgen und interaktiven Elementen, die im Projekt HoPo1 entwickelt und aufbereitet wurden, sollen nun in Kooperation mit Wissenschaft und Lehre Informationen zur Vermittlung von Hoffmanns Umfeld, seinen Einflüssen und der Rezeption durch andere Künstler*innen und Forscher*innen bereitgestellt werden. So soll beispielsweise eine Netzwerkdarstellung Hoffmanns Bekanntenkreis veranschaulichen und Personenkonstellationen verdeutlichen, eine grafisch aufbereitete Rezeptionsanalyse soll den Bezug Hoffmanns zu Persönlichkeiten wie Peter Tschaikowski, Thomas Mann oder Franz Kafka aufzeigen.

Bleiben Sie uns treu, verfolgen Sie die Entwicklungen und senden Sie uns Kritik und Anregungen!

Plastikmüll im Meer – Bedrohung für die Ökosysteme oder Grundlage neuer Lebensformen?

Ein Beitrag aus unserer Reihe Meere und Ozeane zum Wissenschaftsjahr 2016*2017.

 

Meeresforscher*innen und Naturschützer*innen schlagen Alarm. Die Zukunft der Meeresökosysteme ist in Gefahr. Im Zentrum der Aufmerksamkeit: Plastikmüll und seine schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt und Meereslebewesen. Doch nichts ist so einfach, wie es zunächst scheint.

Wenn es um menschengemachte Gefahren für das Meer und seine Bewohner geht, denken wir oft an konkrete lokalisierbare Ereignisse. Zum Beispiel sind die Bilder von katastrophalen Ölunfällen, von verendeten Fischen und von Meeresvögeln mit verklebtem Gefieder Teil des globalen umweltpolitischen Bildgedächtnisses. Viele, selbst große Havarien bleiben zwar unterhalb der medialen Wahrnehmungsschwelle, aber Namen wie Exxon Valdez oder Deepwater Horizon sind auch Jahre und Jahrzehnte nach dem Unglück noch vielen Menschen ein Begriff, werden teilweise sogar in der Populärkultur aufgegriffen und verarbeitet. Ebenso Teil des globalen umweltpolitischen Bildgedächtnisses sind beispielsweise Proteste mit kleinen, schutzlos wirkenden Schlauchbooten vor Walfangschiffen beeindruckender Größe. Durch solche Proteste und ihre Rezeption wird die Jagd auf Meeressäuger zum konkreten Ereignis, und so skandalisierbar gemacht.

Seit Jahrzehnten weisen Umweltwissenschaftler*innen und Naturschützer*innen aber darauf hin, dass die größte Bedrohung der Meeresökosysteme nicht von Havarien und von einzelnen, weitgehend erfolgreich skandalisierten Praxen wie Walfang oder Robbenjagd ausgeht, sondern vom business as usual, von der ganz alltäglichen (Über-)Nutzung der Meere und Ozeane. So wird der überwiegende Teil von Mineralölprodukten nicht durch Havarien ins Meer eingetragen, sondern Tag für Tag vom Land aus über die Flüsse, durch regulären Schiffsbetrieb oder bereits bei der Erdölgewinnung auf See. Und die größten Gefahren für die Struktur der Ökosysteme im Meer geht nicht vom Walfang aus, sondern von der allgemeinen Überfischung sowie vom Klimawandel. Letzterer führt neben der Erwärmung über einen einfachen chemischen Mechanismus zur Versauerung des Meerwassers, was winzige Kalkalgen in ihrem Bestand bedroht. Diese sind jedoch sehr wichtige Arten am Ausgangspunkt der Nahrungsketten in den Ozeanen.

 

Gefahren versus Bedrohungen – der umweltpolitische Diskurs

Lange Zeit strukturierte dieser etablierte Gegensatz zwischen konkreten, lokalisierbaren und oft erfolgreich skandalisierten Gefahren einerseits und systemischen, globalen und sich etablierten Methoden politischer Mobilisierung weitgehend entziehenden Bedrohungen andererseits weite Teile des umweltwissenschaftlichen und umweltpolitischen Diskurses. In den letzten Jahren aber ist ein Thema verstärkt in den Blick der Meeresforschung und des Umweltschutzes geraten, das diesen Gegensatz zumindest teilweise auflöst: Plastikmüll im Meer.

Jedes Jahr werden über 300 Millionen Tonnen Plastik produziert, von denen Schätzungen zufolge etwa 10 Millionen Tonnen als Plastikmüll in die Meere eingetragen werden. Davon schwimmen zu jedem Zeitpunkt wohl etwa 250.000 Tonnen an der Meeresoberfläche und sammeln sich dort, wo die Meeresströmungen Wirbel bilden. Der Rest sinkt entweder in tiefere Schichten ab oder wird, zum kleineren Teil, wieder an die Küsten gespült. Angebliche Plastikteppiche am Strand oder im Wasser, Bilder von in Plastiktüten verhedderten Schildkröten, von durch Plastikbänder erdrosselten Seelöwen oder von großen Mengen Plastik in den Mägen verendeter Pottwale lassen sich konkret verorten und sind auf klassische Weise skandalisierbar.

Sperm Whale with plastic waste. – Quelle: Britannica ImageQuest © Reinhard Dirschel, Visual Unlimited. Science Foto Library. Universal Images Group.

 

An Land und in den Flüssen, von wo er über kurz oder lang in den Meeren landet, ist Plastikmüll zudem zugänglich für klassische Formen von Aktivismus und Citizen Science. Selbst die großen Plastikmengen im Meer werden der Öffentlichkeit immer wieder als aufräumbar präsentiert, auch wenn Experten mehr als skeptisch bleiben.

Restos de Basura, Amanecer el d¡a de San Juan en la Playa de Las Arenas de Valencia, 24 Junio de 2009. Valencia, Spain. – Quelle: Britannica ImageQuest © AGE fotostock. Universal Images Group.

 

Ob Makroplastik oder Mikroplastik, Müll ist schädlich für das Leben im Meer…

Diese Form von Plastikmüll und ihre Opfer sind also sichtbar und scheinbar handhabbar. Es ist die Diskussion über diese konkrete Gefahr, die es ermöglicht, Aufmerksamkeit auch auf die systemische Bedrohung durch eine weniger lokalisierbare und schlechter abbildbare Form von Plastikmüll im Meer zu lenken, auf Mikroplastik. Salzwasser und Sonnenlicht machen Plastik spröde, so dass die Wellen es in immer kleinere Stücke zerbrechen. Ein großer Teil des Plastiks im Meer liegt als Partikel mit einem Durchmesser von unter 5mm vor, oft ist es noch deutlich kleiner. Auf Grund ihrer chemischen und physikalischen Eigenschaften nehmen diese winzigen Plastikpartikel große Mengen giftiger Chemikalien aus dem Meerwasser auf. Wegen ihrer geringen Größe werden sie außerdem von Tieren mit der Nahrung aufgenommen und oft nicht wieder ausgeschieden. Sie verbleiben in Meereslebewesen vom kleinsten Krill-Krebs bis zum Blauwal und reichern sich, zusammen mit den an sie gebundenen giftigen Chemikalien, entlang der Nahrungskette an. Die Verschmutzung geht so im wahrsten Sinne des Worten “unter die Haut”. Als zusätzlicher Stressfaktor neben anderer Verschmutzung, Überfischung, der Erwärmung und Versauerung des Meerwassers durch den Klimawandel sowie der Verlärmung der Meere durch Schiffsverkehr und technische Anlagen trägt Mikroplastik so zur Gefährdung mariner Ökosysteme bei.

 

… zugleich aber Grundlage neuer Lebensgemeinschaften

So betrachtet, ist Plastikmüll im Meer zugleich konkrete Gefahr und systemische Bedrohung. Plastikmüll löst aber nicht nur diesen im Umwelt-Diskurs etablierten Gegensatz auf, sondern stellt auch das Kategoriensystem auf die Probe, das die konzeptionelle Grundlage für einen Großteil des Umwelt- und Naturschutzes bildet. Trotz allem ist Plastikmüll im Meer nämlich nicht einfach nur schädlich. Gerade in der “blauen Wüste” des offenen Ozeans wirkt jeder feste Partikel als “Insel”, um die sich Leben sammelt. Größere Stücke Plastik werden zum Beispiel von Muscheln besiedelt und von Fischen besucht. Und selbst die kleinsten Stücke Mikroplastik werden schnell von Mikroorganismen besiedelt. So bilden sich auf dem und um den an sich schon gefährlichen und zusätzlich mit toxischen Chemikalien beladenen Plastikmüll trotz allem ganz neue, faszinierende Lebensgemeinschaften. Wissenschafter*innen nennen diese Ökosysteme Plastisphäre, eine Analogbildung zu Biosphäre: So wie aus dem Weltraum betrachtet das Leben auf der Erde, die Biosphäre, einen dünnen Film von Leben verwoben mit einem toten Steinbrocken inmitten des lebensfeindlichen Weltalls bildet, bildet die Plastiphäre einen dünnen Film von Leben verwoben mit lebensfeindlichem Plastik inmitten eines weitgehend toten Ozeans.

Es ist also schwierig, Plastikmüll im Meer klar einer Seite in Gegensatzpaaren wie natürlich/künstlich bzw. natürlich/kulturell, rein/verschmutzt, innen/außen, eigen/fremd, nützlich/schädlich oder lebensfördernd/lebensfeindlich zuzuordnen. Dies stellt etablierte Strategien für umweltbezogene Wissensproduktion und für verantwortliches Handeln infrage, die auf der konventionellen Idee einer „Reinhaltung“ von Umwelt durch konsequente Trennung von „Natur“ und „Kultur“ beruhen. Und das macht ethische und erkenntnistheoretische Fragen zum Umgang mit Plastikmüll im Meer oft schwer zu beantworten. Natürlich ist es “gut”, dafür zu sorgen, dass weniger Plastik ins Meer gelangt. Aber sollten wir – einmal unabhängig von der Frage ob es möglich ist – Plastik überhaupt wieder aus dem Meer entfernen wollen? Schließlich ist es auch Lebensraum. Sind die Lebensgemeinschaften der Plastisphäre etwa wenig wert als andere? Und unabhängig von solchen Fragen zum richtigen Handeln, nach welcher Art von Wissen über Plastik im Meer sollten wir streben? Die Frage, wie viel Plastik Meereslebewesen in sich tragen, ist oft nur um den Preis des Lebens dieser Wesen zu beantworten. Wofür ist dieses Wissen notwendig und ist es diesen Preis wert, wenn der Wissenserwerb eigentlich von der Sorge um eben diese Lebewesen geleitet ist? Ähnliche Fragen stellen sich auch für andere industrial ecosystems wie naturschutzfachlich wertvoll gewordene Sondermülldeponien oder Truppenübungsplätze und sogar unsere eigenen schadstoffbelasteten Körper. Solche Fragen sind nicht rein naturwissenschaftlich zu beantworten. Vielmehr sind hier auch die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften gefordert, einen neuen analytischen Umgang mit solchen hybriden Gegenständen zu finden.

 

Wie umgehen mit solch einem schwierigen Objekt? – Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften zeigen Perspektiven auf

Wichtige Beiträge dazu kommen unter anderem aus der sozial- und kulturwissenschaftlichen Wissenschafts- und Technikforschung, die den naturwissenschaftlich-technischen und gesellschaftlichen Umgang mit solchen Phänomenen empirisch untersucht. So zeigt der US-amerikanische Sozial- und Kulturanthropologe Stefan Helmreich in seinem mehrfach preisgekrönten Buch Alien Ocean: Anthropological Voyages in Microbial Seas (2009) aktuelle Entwicklungen in der Meeresforschung auf. Zwar ist Plastik hier nicht explizit Thema, wohl aber der produktive Kollaps und die kontinuierliche Umarbeitung von in Form von Gegensatzpaaren etablierten Kategorien. Wie der Titel bereits andeutet, diskutiert Helmreich anhand von Fallstudien insbesondere den zentralen, aber problematischen Status der Kategorie “eigen/fremd” in der Meeresmikrobiologie und im marinen Naturschutz. Ein Beispiel ist die verschränkte Umarbeitung sowohl “natürlicher” als auch “kultureller” Fragen von Zugehörigkeit und Fremdheit, wenn die Nachkommen weißer Kolonisten in freiwilliger Naturschutzarbeit die Strände von Hawai’i von “invasiven Arten” säubern. Ein anderes ist der doppelbödige diskursive Status des Lebens in der Tiefsee als fundamental “eigen” (im Sinne von irdisch und zeitgenössisch) und zugleich zutiefst “fremd”, der es Forscher*innen erlaubt, mikrobielle Lebensgemeinschaften der Tiefsee als Analoge für den (zeitlich Milliarden Jahre zurückliegenden) Beginn des Lebens sowie für (falls es existiert räumlich Milliarden Kilometer entferntes) extraterrestrisches Leben aufzufassen. Natürlich finden Sie Alien Ocean im Bestand der Staatsbibliothek.

Ein anderes interdisziplinäres Feld, das zum besseren Verständnis von kulturellen Praxen und Prozessen der Wissensproduktion rund um den Plastikmüll im Meer beiträgt, ist die sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung zum Thema “Abfall”, die so genannten Discard Studies. Viele der Bücher, die auf dem Discard Studies Blog empfohlen werden, finden Sie im Bestand der Staatsbibliothek – und sollten Sie sich für eines interessieren, das wir noch nicht erworben haben, können Sie natürlich jederzeit gerne einen Anschaffungsvorschlag machen. Im Bezug auf Plastikmüll besonders hervorzuheben ist der Sammelband Accumulation: The Material Politics of Plastic, herausgegeben von Jennifer Gabrys, Gay Hawkins und Mike Michael (2014). Er bietet eine Vielzahl aktueller sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektiven auf Plastik als Werkstoff, als Medium der Materialisierung bestimmter kultureller und gesellschaftlicher Verhältnisse, als Abfall und als Ausgangspunkt für kultur- und sozialwissenschaftliche Theoriebildung.

Eine der wenigen bisher vorgelegten sozial- und kulturwissenschaftlichen Arbeiten, die sich explizit mit dem Plastikmüll im Meer und der Plastisphäre beschäftigen ist Kim De Wolffs Dissertation Gyre Plastic: Science, Circulation and the Matter of the Great Pacific Garbage Patch (University of California San Diego, 2014). De Wolff diskutiert unter anderem den Zusammenbruch der Gegensatzpaare natürlich/künstlich, innen/außen und nützlich/schädlich, wie ihn Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen bei Versuchen erfahren, Meeresplastik und Meereslebewesen konzeptionell und praktisch zu entflechten. In den USA werden Dissertationen oft nicht gleich im Verlag veröffentlicht, sondern erst Jahre später und deutlich überarbeitet. So liegt auch Gyre Plastic noch nicht als Verlagspublikation vor. Es ist aber für jedermann auf der Open Access-Plattform der University of California verfügbar – und für registrierte Nutzer*innen der Staatsbibliothek zu Berlin zusätzlich über die lizensierte Datenbank ProQuest dissertations & theses global über die Sie die Promotionen vieler renommierten Universitäten insbesondere aus der angelsächsischen Welt zugreifen können.

 

Interessiert an diesem Thema? Kommen Sie zum Werkstattgespräch!

Auch in Deutschland beginnen Kultur- und Sozialwissenschaftler*innen, sich mit der Plastisphäre zu befassen und mit den Herausforderungen, die dieses hybride Objekt an unsere epistemischen und normativen Orientierungen stellt. So fördert etwa die VW Stiftung das Projekt Plastik als neue Lebensform von Dr. Sven Bergmann am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft der Universität Bremen.

Wenn Sie mehr über das Phänomen der Plastik-Naturen-Kulturen auf See und seine Bedeutung erfahren wollen, kommen doch Sie am Dienstag den 14.3. um 18.15 Uhr zum Werkstattgespräch in unsere Wissenswerkstatt. Dort wird Dr. Sven Bergmann unter anderem über seine ethnologische Feldarbeit mit Meeresbiolog*innen während deren naturwissenschaftlicher Feldarbeit berichten.

 

Vorschau: Bald geht die Urlaubssaison wieder los – lesen Sie pünktlich vor den Osterferien unseren nächsten Beitrag zum Thema Tourismus auf den Meeren!

Künstlerbiografien in Buch und Film

Künstlerbiografien boomen – ob Leonardo da Vinci, Pablo Picasso, Vincent van Gogh, Albrecht Dürer, Gustav Klimt, Marc Chagall oder Frida Kahlo: Unzählige biografische Darstellungen von Künstlerinnen und Künstlern sind in den letzten Jahren auf den Markt gekommen. Das Leben und Wirken von Kunstschaffenden weckt immer wieder aufs Neue großes Interesse bei einem breiten Lesepublikum. Denn die Biografie als eigenes Genre ist für den Interessierten ebenso attraktiv wie für den Spezialisten. Und so wundert es nicht, dass der Historiker Ulrich Herbert allgemein feststellt: „Biographien werden gelesen.“ (Aus: Die Biographie – Mode oder Universalie?: Zu Geschichte und Konzept einer Gattung in der Kunstgeschichte) Biografien in der Kunstgeschichte ermöglichen darüber hinaus immer auch einen alternativen Zugang zum künstlerischen Werk selbst.

Auch in den Beständen der Staatsbibliothek tummeln sich viele Künstlerbiografien, die entdeckt werden wollen. Allein in den letzten zwei Jahren haben Biografien von Peter Paul Rubens, Andy Warhol, Piet Mondriaan, Lucas Cranach der Jüngere, Franz Marc, Käthe Kollwitz, Paul Klee und vielen weiteren Künstlerinnen und Künstlern unsere Bestände bereichert. Und es kommen stets neue hinzu.

Künstlerbiografien werden aber nicht nur gelesen, sie werden insbesondere zu Zeiten der Berliner Filmfestspiele auch gesehen. Auf der diesjährigen Berlinale sind nämlich eine ganze Reihe von Künstlerfilmen vertreten. Gleich drei stehen im Wettbewerb: Der Eröffnungsfilm „Django“ (Regie: Étienne Comar) über den Jazzmusiker Django Reinhardt, der Film „Beuys“ über den gleichnamigen Künstler (Regie: Andres Veiel) und „Final Portrait“ über den Schweizer Bildhauer Alberto Giacometti (Regie: Stanley Tucci – außer Konkurrenz). Veiel verwendet für seinen Film Bilder und Tondokumente, die bisher noch nicht erschlossen wurden, und eröffnet so völlig neue Perspektiven auf einen der wichtigsten Nachkriegskünstler Deutschlands. Auch wenn Filme nicht zum Sammelschwerpunkt der Staatsbibliothek gehören, können Sie sich bei uns umfassend zu Joseph Beuys und seinem Werk informieren. Eine Grundlage für Tuccis Film über Giacometti bildet die Biografie von James Lord. Und wenn Sie selbst diese Inspirationsquelle lesen möchten, sind Sie an der Staatsbibliothek zu Berlin bestens bedient: Lords Darstellung ist bei uns in zweifacher Ausführung vorhanden.

Veiel und Tucci stehen mit ihren Werken in einer reichen Tradition. Filme über bildende Künstlerinnen und Künstler flimmern – ob als Dokumentation oder Spielfilm – immer wieder über die Kinoleinwände: Mr. Turner (2014), Renoir (2012), Goya’s Ghosts (2006), Girl with a Pearl Earring (2003), Frida (2002), Surviving Picasso (1996), Caravaggio (1986) – und diese Aufzählung ließe sich noch nach Belieben fortsetzen.

Informationen zu diesen und anderen Filmen finden Sie in der wichtigsten Anlaufstelle für Filminformationen im Internet: Der Internet Movie Database. Hätten Sie gewusst, dass es darüber hinaus auch eine eigene Datenbank zu älteren Künstlerfilmen gibt? Die Künstlerfilm-Datenbank ermöglicht online eine freie Suche nach Auseinandersetzungen mit dem Thema Kunst in Film und Fernsehen. Wenn Sie also schauen möchten, welche Filme und TV-Aufzeichnungen es früher schon über Beuys und Giacometti gegeben hat, dann werden Sie hier fündig.

Es bleibt abzuwarten, ob sich ein Künstlerfilm beim Rennen um den Goldenen Bären am Ende durchsetzen wird.

Welche Schrift für die “Heilige Schrift”? Friedrich Forssman zur Neugestaltung der Lutherbibel

Am 7. Februar 2017 präsentierte Friedrich Forssman bei uns vor großem Publikum 95 Thesen zur Neugestaltung der Lutherbibel – im Rahmen unserer gemeinsam mit Forschenden der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Universität Potsdam organisierten Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog. Vorgestellt wurde der bekannte Typograph und Buchgestalter von Dr. Thomas Rahn (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität Berlin), dessen Einführungsrede im Folgenden als Gastbeitrag veröffentlicht wird:

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Spätestens seit dem Erscheinen von Zettels Traum in der Bargfelder Arno-Schmidt-Ausgabe – ein Ereignis, das durch die Feuilletons ging – muss man den Typographen Friedrich Forssman nicht mehr vorstellen. Zettels Traum – das ist für die Gemeinde der Schmidt-Jünger ja ein heiliges Buch. Der Typograph hatte sich damit also für die Gestaltung weiterer heiliger Texte empfohlen. Nur konsequent, dass Cornelia Feyll und Friedrich Forssman nun die Neugestaltung der revidierten Lutherbibel übernahmen. Ein Schmidt-Jünger wird vielleicht einwenden, der Schritt von Zettels Traum zur Bibel sei ein Abstieg, was die Bedeutung der Texte angeht. Aber immerhin: Ein größeres Typographie-Publikum als mit der Bibel ist nun nicht mehr zu erreichen – und wer die Lutherbibel gestaltet, überarbeitet nicht allein einen Buchtyp, sondern arbeitet ganz nebenbei auch noch am Image einer ganzen Konfession.

August Strindberg macht in seinem autobiographischen Roman Einsam den möglichen typographischen Anteil an der besonderen Gestimmtheit einer Bibellektüre zum Thema. Der Autor reflektiert über die unterschiedliche Atmosphäre und Wirkung zweier Bibeln aus seinem Besitz. Die eine Bibel aus dem 17. Jahrhundert, schwarz eingebunden und schwarz im Druckbild, scheint ihn vor allem zu Textstellen zu führen, in denen es um Fluch und Zorn geht. Die andere Bibel aus dem 18. Jahrhundert dagegen “sieht aus wie ein Roman, und zeigt einem meist die schöne Seite; das Papier selbst ist heller, die Typographie fröhlicher, und es lässt mit sich reden […]” (August Strindberg, Werke in zeitlicher Folge: Frankfurter Ausgabe, Bd. 10, S. 42).

Wer – wie ich – seine Bibellektüre einst mit einer alten Fraktur-Taschenbibel der Württembergischen Bibelanstalt gestartet hat und nun einen Blick in die Lutherbibel 2017 tut, wird Strindbergs kontrastierende Assoziationen gut nachvollziehen können. Feyll und Forssman haben durch ihre typographische Reformation dem Text ein offenes Gesicht gegeben. – Gute Imagearbeit. Jetzt müssen die Katholiken erst einmal gleichziehen.

Nun liegt – das gilt auch für den heiligen Text – der Teufel im Detail. Max Caflisch beginnt seinen Aufsatz Über die Probleme der Bibeltypographie mit der Bemerkung, dass der typographische Laie wohl leicht imponierende Titelblätter, verzierte Initialen und Illustrationen von Prachtbibeln, d.h. das Spektakuläre im Gedächtnis behalte, der Fachmann sich dagegen mehr für das Beiwerk der Normalbibel interessiere, d.h. für all das, was funktionieren muss, aber optisch nicht dominieren darf. Die Bibel als Buchtypus ist ja gekennzeichnet durch einen Apparat von Gliederungs- und Verweismarkierungen.

Funktional besitzt der Bibeldruck der Normalbibel einen Sonderstatus, der beim gestalterischen Einsatz der paratextuellen Elemente berücksichtigt sein will. Einerseits ist die Bibel ein Text, in dem – ob aus historischem, theologischem oder glaubenspraktischem Interesse – Stellen nachgeschlagen werden. Andererseits muss das Buch eine intensive, unabgelenkte Lektüre ermöglichen. Die Typographie der Bibel muss also – um hier die Typologie der Lesearten in Willberg/Forssmans Standardwerk Lesetypographie aufzugreifen – zwischen den eigentlich konträren Gestaltungsansprüchen des konsultierenden Lesens und denen des linearen Lesens vermitteln können. Die Gestaltung sollte ebenso den weiten Spielraum zwischen so unterschiedlichen Rezeptionsweisen wie einer dezidiert wissenschaftlichen und einer dezidiert frommen Lektüre lassen. Oder: Wie Carl Keidel es vor 50 Jahren und wohl schon damals altfränkisch klingend in seinem Aufsatz Die Bibel als Aufgabe der Buchgestaltung ausdrückt: “Wir müssen eine Bibel schaffen, die der Universitätsprofessor genauso liebhat wie die Bauersfrau.” (Entwürfe zur Bibel, S. 8)

Zu den Besonderheiten der Bibeldrucktradition zählt es, dass sich bloße Leseausgaben des Bibeltextes, die vom editorischen Beiwerk weitgehend befreit sind, nicht als bedeutender Alternativtypus durchsetzen konnten. Das liegt wohl auch daran, dass die sichtbare editorische Aufbereitung des Textes bereits mehr als ein bloßes Funktionselement darstellt, sie ist als historisches typographisches Dispositiv der Bibel nämlich auch eine Markierung, welche die Autorität des Textes selbst unterstützt. Ebenso ist die Norm, den kompletten Bibeltext – d.h. eine Textmenge, die nach Keidels Rechnung 10 x den Wahlverwandtschaften entspricht – in nur einem Buch unterzubringen, nicht nur praktisch motiviert. Wenn das eine Buch immer als ein Buch erscheint, lässt sich darin auch eine unhintergehbare Würdeform erkennen.

Wer sich an die Neugestaltung der Lutherbibel macht, hat es also mit divergierenden Funktionsansprüchen, aber auch mit konservativen Lesererwartungen zu tun. Wie dabei die Teufel im typographischen Detail auszutreiben sind und wie man reformiert, was sich immer auch gleich bleiben muss, wird uns Friedrich Forssman nun gleich berichten. Zuvor aber noch der Hinweis auf einen ästhetisch-glaubenspraktischen Service der Deutschen Bibelgesellschaft. Diese bietet von Prominenten gestaltete Bibelschuber an. Man kann zum Beispiel die Edition Margot Käßmann, Uschi Glas, Jürgen Klopp oder Harald Glööckler kaufen. Nachdem der Protestantismus den Heiligenkult einst verabschiedet hat, führt ihn die Deutsche Bibelgesellschaft jetzt wieder ein; jeder kann zwischen sich und dem Gotteswort nun qua Schuberprogramm eine selbstgewählte Fürbittinstanz installieren. Auf dem Glööckler-Schuber etwa erwartet der Modedesigner, mit Taubenwirbel über dem Haupt, gerade seine Himmelfahrt. Wem das zu dick aufgetragen oder ikonographisch zu heikel ist, kann aber auch die bildlose Leder-Bibelhülle Wittenberg erwerben.

Friedrich Forssman wird nicht müde zu betonen, dass ein Buch von innen nach außen durchgestaltet werden muß – und er liefert als Typograph immer wieder die überzeugendsten Umsetzungen dieser Regel. Jetzt wollen wir natürlich gleich auch wissen, in welchen Schuber er nach Maßgabe dieses Gestaltungsprinzips die Lutherbibel 2017 stecken würde.

Friedrich, wir freuen uns auf Deinen Vortrag!

Text: Dr. Thomas Rahn

 

Nur in Berlin: Die einzige Luther-Ausstellung mit allen drei Thesen-Drucken von 1517

„BIBEL – THESEN – PROPAGANDA.
Die Reformation erzählt in 95 Objekten“

Daten zur Ausstellung
3. Februar – 2. April 2017
+ zum Evangelischen Kirchentag 24. – 28. Mai 2017
dienstags-samstags 11-19 Uhr, sonntags 13-18 Uhr

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Haus Potsdamer Straße 33 / Kulturforum, 10785 Berlin
freier Eintritt
Katalog 20 €, original gefaltetes Faksimile des Nürnberger Thesen-Drucks und Erläuterungen 8 €, beide zusammen 25 €

Blog zur Ausstellung

Honorarfreie Abbildungen von Ausstellungsobjekten

Thesendrucke in der Digitalen Bibliothek der Staatsbibliothek:
der Nürnberger Thesendruck (im Besitz der Staatsbibliothek)
der Leipziger Thesendruck (im Besitz des Geheimen Staatsarchivs)

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Zu den Quellen!

„Es ist der Staatsbibliothek zu Berlin Privileg und Freude, aus der Fülle der eigenen Beständen diese Ausstellung zusammenstellen zu können, die sich ganz und gar auf zentrale zeitgenössische Dokumente der vor 500 Jahren einsetzenden Reformationsbewegung konzentriert“, führte Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin zu der ab dem 3. Februar 2017 geöffneten Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda. Die Reformation erzählt in 95 Objekten“ aus. Und weiter: „Wer der damaligen Zeit nahe kommen will, sollte sich mit den hier gezeigten handschriftlichen und gedruckten Quellen jener Bewegung befassen, die  Martin Luther mit seinen Werken auslöste und in der Folge die christliche Welt tiefgreifend veränderte.“

95 Thesen lösen die Reformation aus

Einer der wesentlichen Auslöser der Reformationsbewegung ab dem Ende des Jahres 1517 war die Verbreitung der 95 Thesen Martin Luthers, in denen er seine fundamentale Kritik zum Ablasshandel niedergeschrieben hatte. Seine Thesen über den Ablass sandte er am 31. Oktober 1517 dem Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg, zugleich kursierten in Luthers Umfeld einige Abschriften. Noch im selben Jahr 1517 wurden drei Ausgaben der in Latein abgefassten Thesen gedruckt: Zwei Plakatdrucke entstanden in Nürnberg und in Leipzig, eine kleinere Ausgabe auf vier Blättern in Basel. Luther selbst war über die rasche Verbreitung seiner Thesen nicht glücklich, denn er hatte diese zunächst in einem kleinen Kreis von Theologen diskutieren wollen, wozu es jedoch aufgrund der rasanten Entwicklung nie kam. Um dem Volk, für das er die Materie für zu schwierig hielt, seine Ansichten näher zu bringen, verfasste er 1518 „Ein Sermon von Ablass und Gnade“ – dieses Buch erfuhr innerhalb eines Jahres 18 Ausgaben.

Heute sind nur noch sieben Exemplare der Thesendrucke aus Nürnberg und Leipzig bekannt, zwei davon werden in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aufbewahrt: Das Geheime Staatsarchiv besitzt einen Druck aus Leipzig, die Staatsbibliothek zu Berlin einen aus Nürnberg. Nur bis zum 19. Februar werden – zum ersten Mal überhaupt – die beiden Plakatdrucke zusammen mit dem Baseler Druck gezeigt, auch letzterer gehört zum Bestand der Staatsbibliothek.

Der Nürnberger Plakatdruck der Staatsbibliothek zu Berlin wurde im Jahr 2015 in das UNESCO-Register „Memory of the World“ aufgenommen und damit zum Weltdokumentenerbe erklärt. Von diesem Exemplar erschien zur Ausstellung ein Faksimile, das auf jene praktische Handgröße gefaltet ist, wie es die Faltspuren des Originals aus dem Jahr 1517 zeigen.

Ausstellung in sechs Kapiteln

Die Staatsbibliothek zu Berlin stellt mit 95 Objekten die Reformationsbewegung in großer formaler Breite und inhaltlicher Tiefe vor, von ihren Anfängen vor 500 Jahren bis hin zur Manifestation der lutherischen Kirche zunächst in Europa, später auch auf anderen Kontinenten.

>> „Ich kann und will nicht widerrufen“ – Schlüsselereignisse

Neben den anfangs drei, ab dem 21. Februar zwei gezeigten Drucken der 95 Thesen (Nürnberger und Baseler) ist in diesem Kapitel auch der eigenhändige Briefentwurf Luthers vom November 1518 gezeigt, den für den Rektor und die Professoren der Universität Wittenberg an Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen fertigte und in dem um Schutz für ebendiesen Martin Luther gebeten wird. Zu sehen ist ein Druck der päpstlichen Bulle, mit der Papst Leo X. im Jahr 1520 Luther den Bann androhte.

>> „Das Wort sie sollen lassen stahn“ – Die Heilige Schrift

Nachdem Martin Luther im Jahr 1521 Zuflucht auf der Wartburg gefunden hatte, begann er mit der Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche, es folgte das Alte Testament, 1534 lag die Bibel komplett in Deutsch vor. Im Ausstellungskapitel über die Bibel werden neben außergewöhnlich schön ausgestalteten Exemplaren auch Übersetzungen aus dem Deutschen in andere Sprachen gezeigt, darunter in das Sorbische wie auch in eine Variante der Hindustani-Sprache und ins Chinesische.

Die handkolorierten Bibeln, gar mit zusätzlicher individueller Bildausstattung und auf Pergament gedruckt, wurden als Luxusprodukte hergestellt und blieben aufgrund ihrer Preise in der Regel dem Hochadel vorbehalten. Aus der Wittenberger Cranach-Werkstatt stammen vier sorgfältig produzierte Prachtbibeln, von denen in der Ausstellung zwei gezeigt werden. Eine dieser zweibändigen Bibeln entstand im Jahr 1541, im Jahr 1659 kam diese als Geschenk zum Großen Kurfürsten von Brandenburg, dem Gründer der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin.

>> „Erhalt uns Herr bei deinem Wort“ – Theologie und Propaganda

Der Buchdruck machte die rasante Verbreitung der reformatorischen Schriften möglich  und beförderte zugleich den Einsatz von Flugblättern. Eins in der Ausstellung ist ein lutherisches Propagandablatt von 1556, das sich gegen die katholische Kirche richtet und den Sieg Christi, der allein mit den Worten den Antichristen niedergerungen habe, feiert. Luther hatte bereits in den 1520er Jahren das Papsttum als Personifikation des Antichristen bezeichnet. Auch nach der Etablierung der beiden Konfessionen in den 1550er Jahren blieb diese Vorstellung erhalten und die Parteien beschuldigten sich fortlaufend gegenseitig, den Teufel zu repräsentieren.

>> „Und wenn die Welt voll Teufel wär‘“ – Streit und Krieg

Das konfessionelle Zeitalter von der Reformation bis zum Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) war von theologischen Streitigkeiten und immer wieder aufflammenden kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt, vor allem innerhalb der reformatorischen Bewegung selbst. Das anonym verfasste Blatt „Cucina opiniorum  – die Glaubensküche“ (23×34,5cm) stellt die Vertreter der Konfessionen in einer Küche dar, in der jeder sein eigenes Süppchen isst.

>> Vom Himmel hoch da komm ich her“ – Kirchenmusik

In diesem Kapitel ist unter anderem eines der wenigen Autographen Martin Luthers zu sehen, mit dem auch seine kompositorischen Interessen überliefert sind: Luther entwarf ein Katechismuslied, „Vaterunserlied“, und skizzierte dazu eine Melodie, die er jedoch wieder verwarf. Die Spuren im Autograph zeugen von seiner intensiven Textarbeit. Zur lutherischen Kirchenmusik sind des Weiteren Autographe von Bach, Telemann und Mendelssohn zu bewundern.

>> „Die Wittenbergisch Nachtigall die man jetzt höret überall“ – Rezeption

Für Deutschland und mindestens für Nordeuropa war die Reformation ein historisches Großereignis. 1648 besiegelte der Westfälische Frieden die konfessionelle Spaltung Europas. Bis heute ist die Rezeption der Reformation in der Literatur, bildenden Kunst und Musik von immenser Bedeutung, und Luther wurde zum Sinnbild der Reformation schlechthin. Ein häufiges Bildmotiv wurde die Darstellung Luthers mit dem Schwan, ein Sinnbild der Reinheit des Reformators.

Mit dem rasanten Anstieg der Buchproduktion ab dem 16. Jahrhundert begann auch eine bildungspolitische Ära: So setzte sich vor allem Melanchthon dafür ein, dass möglichst viele Menschen in die Lage versetzt wurden zu lesen. Die zunehmende Anzahl der gedruckten Bücher ließ wiederum den Wunsch wachsen, diese auch schön auszugestalten, die Bücher in einem möglichst preiswerten, dennoch ansprechenden Einband aufzubewahren. In Wittenberg entstand in dieser Zeit der figurale Einbandstil, von dem einige Beispiele in der Ausstellung zeugen, darunter ein Buch aus dem Jahr 1581: Es zeigt auf dem Vorderdeckel negativ geprägt und farbig gestaltet die Ganzkörperfigur Martin Luthers, auf dem Hinterdeckel Philipp Melanchthon. Ein mosaik-Heft aus dem Jahr 2016 sowie der Playmobil-Luther führen den Ausstellungsbesucher ins Heute.

“Mit herzlichen Grüßen, Ihr Wilhelm Furtwängler”

Die Musikabteilung konnte jüngst über ein Berliner Antiquariat eine wichtige Ergänzung zum Nachlass des Dirigenten Wilhelm Furtwängler (1886-1954) erwerben: es handelt sich um den wohl vollständigen Briefwechsel Furtwänglers mit dem Verleger Fritz Oeser (1911-1982) vom Brucknerverlag Wiesbaden. Dabei tauschen sich die Briefpartner hauptsächlich über die Revisionen an der 2. Sinfonie in e-Moll (WF 119) sowie am Symphonischen Konzert für Klavier und Orchester (WF 114) von Wilhelm Furtwängler aus, außerdem werden die beiden Sinfonien Nr. 3 in Cis (WF 120) und Nr. 1 in h-Moll (WF 110b) in der Korrespondenz aufgegriffen.

Die Korrespondenz beginnt mit einem Brief Furtwänglers vom 31. Dezember 1950, in dem Furtwängler seine Absicht äußert, von der Universal Edition Wien zum Brucknerverlag wechseln zu wollen. In 148 originalen Textzeugen fächert sich dann die Beziehung des Dirigenten und Komponisten zu seinem Verleger auf, die fast vier Jahre andauerte. 50 Briefe von Wilhelm Furtwängler und einige Telegramme und Kurzbriefe der Sekretärin Henriette Speiser an Oeser sind überliefert sowie 60 Original-Briefdurchschriften von Oeser an Furtwängler. Dabei entsteht das Bild einer fruchtbaren Arbeitsbeziehung, die den Komponisten Furtwängler ins Zentrum rückt: Sichtbar wird, wie viel Arbeitskraft Wilhelm Furtwängler in die Komposition und Revision seiner Werke vor dem Druck steckte, aber auch welche Bedeutung die Aufführung seiner eigenen Werke für ihn hatte. “Ich werde im Laufe des nächsten Jahres sehr wenig dirigieren, habe aber die Absicht, in der zweiten Hälfte der Saison mehrere Aufführungen meiner eigenen Sachen zu veranstalten”, schrieb Furtwängler im Februar 1951. Einer der letzten Sätze an Oeser zeugt von der schweren Erkrankung des Dirigenten, Mitte November 1954 schrieb er aus Clarens: “Leider laboriere ich augenblicklich an einer Bronchitis, die mich seit einigen Tagen sogar ins Bett fesselt.” Er sollte sich von dieser Krankheit nicht mehr erholen und verstarb Ende des Monats.

[Beitrag veröffentlicht von Jessica Ermes]