Unsere Beiträge zu den Wissenschaften und Forschung

Zwischen Kulturblüte und Apokalypse – Spanien im Mittelalter

Für den Wissens- und Kulturtransfer zwischen Orient und Okzident kommt Spanien im Mittelalter eine herausragende geschichtliche Bedeutung zu. Vom 8. bis zum 15. Jahrhundert formte sich hier in einem Gemenge unterschiedlicher Sprachen, Religionen und Denkvorstellungen eine der zentralen kulturelle Schnittstellen Europas aus. Die Auswirkungen von damals sind bis heute spürbar. Vor den heutigen Herausforderungen eines scheinbaren “Zusammenpralls der Zivilisationen” (so der Titel des umstrittenen Buches von Samuel P. Huntington) gewinnen sie neue Aktualität. Weiterlesen

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Kniga chudoschnikov – Russische Künstlerbücher der Gegenwart

Ein Beitrag von PD Dr. Viola Hildebrand-Schat (Goethe-Universität Frankfurt am Main). Zugleich ein Rückblick auf ihren Vortrag “Zur Materialität und Kontextualität des russischen Künstlerbuches der Gegenwart” im Rahmen der Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog.

Nachdem die Vertreter der russischen Avantgarde dem Buch einen neuen Auftritt verschafft, mit ihren experimentellen Ansätzen Layout und Form revolutioniert haben, sind die Entwicklungen am Buch in Russland aus dem Blick geraten. Die rigide Kulturpolitik der Sowjetunion und die Abschottung gegen marktwirtschaftlich organisierte Länder haben den künstlerischen Austausch wie auch die Rezeption russischer Kunst erschwert. Und als mit dem Ende des Kalten Krieges der Blick auf die russische Kunst wieder frei wird, treten die Entwicklungen dort zur weltweiten Globalisierung in Konkurrenz. Dennoch haben gerade diese Verläufe auch dazu beigetragen, dass von Künstlern der Gegenwart konzipierte Bücher in private und öffentliche Sammlungen gelangten und das Interesse am russischen Künstlerbuch neuen Auftrieb erhielt.

Sergei Jakunin: „Objekte und Geschichten“ von Charms, 2015, Kasten mit handschriftlichen Zitaten und Masken, geschlossen ca. 30 x 40 x 20 cm, Unikat, Besitz des Künstlers

Es wäre allerdings absurd, die gegenwärtige künstlerische Nutzung des Buches in Russland auf einen Punkt bringen zu wollen. Die Konzepte und Ausdruckformen sind vielfältig, beziehen alle Formen von Techniken und Materialien ein, bis hin zu Grenzerfahrungen, die eine Verlagerung des Buchkörpers auf den Bildschirm oder auch dessen gänzliche Selbstauflösung vorsehen.

Dabei stellt sich aber auch die Frage, ob sich für das russische Künstlerbuch spezifische Merkmale benennen lassen, etwa solche, die sich aus der Geschichte des Buches in Russland erhellen, eine möglichen Orientierung an der Avantgarde oder an spezifischen Ausprägungen des Samisdat der Sowjetzeit bekunden.

Denn die künstlerische Nutzung des Buches ist nach den Jahren der Avantgarde keineswegs zu einem Stillstand gekommen. Das Buch hat weiterhin dem künstlerischen Experiment gedient. Gerade nonkonforme Künstler haben die Möglichkeit genutzt, über in Eigenregie produzierte Bücher ihre künstlerischen Konzepte zu kommunizieren. Die von ihnen in kleinen Auflagen, häufig auch als singuläre Exemplare verbreiteten Bücher nehmen Texte auf und weisen Gestaltungsformen vor, die innerhalb der offiziellen Kulturpolitik nicht in Erscheinung treten durften. Offiziell untersagt, inoffiziell teilweise dennoch toleriert, sahen sich die Künstler mit grundlegenden Fragen konfrontiert, wie der nach der Beschaffung von Arbeitsmaterial, aber auch der nach der Distribution ihrer Arbeiten. Die Verwendung alternativer Materialien und Reproduktionstechniken hat den Büchern eine spezifische Ästhetik aufgeprägt.

Pjotr Perevezensev: Zapiski raznykh dnei (Aufzeichnungen verschiedener Tage), 2001. 10 Seiten, 21 x 18 cm, Auflage: 12 Ex.

Spezifische ästhetische Ausprägungen, die im Anklang an die Vergangenheit der eigenen Ausdrucksabsicht unterstellt werden, prägen nun auch das Werk des einen oder anderen Zeitgenossen. Beispielhaft können Pjotr Perevezensev oder Sergej Jakunin angeführt werden. Beide Künstler greifen für ihre Buchproduktion auf Materialien zurück, die Spuren des Gebrauchs suggerieren. Zum Teil sind es bei Büroauflösungen aufgefundenen Kontingente alter Akzidenzen, zum Teil auch ein Werkstoff, der naturgemäß an Archivmaterial erinnert.

Neben der Materialspezifik zeichnet sich auch eine thematische Orientierung ab, die als signifikant für einen Typus des russischen Künstlerbuches erachtet werden kann. So fällt auf, dass die Auseinandersetzung mit Person und Werk von Daniil Charms etliche am Buch engagierte Künstler gefangen nimmt. Dem 1905 als Daniil Ivanowitsch Juvatschow geborenen Dichter war Zeit seines Lebens die Anerkennung seiner künstlerischen Leistungen verwehrt geblieben. Erst Ende der 1990er Jahre erschien eine erste umfassende Ausgabe seiner Werke. Im Künstlerbuch setzte seine Rezeption deutlich früher ein. Künstler inszenieren seine Texte, verleihen ihnen über Bildfolgen wie Gesamtgestaltung ein besonderes Auftreten. Michail Karasik benannte den von ihm begründeten Verlag nach Charms und Sergei Jakunin stellt nahezu sein gesamtes Schaffen unter das Label „Charms-Kabinett“. Neben der Produktion von Büchern mit Charms’ Texten, inszeniert Jakunin ein eigens für den Dichter geschaffenes Ambiente, in dessen Zentrum die schreibenden Aktivitäten Charms’ stehen und das vom Buch sowie buchaffinen Elementen dominiert wird. Sie verweisen auf die vielfältigen Interessen Charms’, lassen gleichsam dessen Welt auferstehen.

Leonid Tischkov: Водолаз-Маяк (Die Taucher), Moscow: Dablus, 2009. 12 Seiten, 295 x 21 cm, Auflage: 50 Exemplare

Jakunins Buchwerk ist indes nur ein Beispiel aus einem breiten Spektrum thematischer und gestalterischer Fülle, die sich am zeitgenössischen russischen Künstlerbuch offenbart. Die Staatsbibliothek in Berlin verfügt über eine Sammlung an zeitgenössischen russischen Künstlerbüchern, deren Ausmaß sich nur ansatzweise erschließt. Die einzelnen Bücher aufzuspüren bedarf es konkreter Namen von Autoren oder Gestaltern, die am zeitgenössischen Künstlerbuch wirken. Neben Karasik, Jakunin oder Perevezensev seien unter vielen andern beispielhaft Michael Bensman, Tamara Ivanova, Leonid Sitnikov oder Leonid Tishkov aufgeführt.

Marina Spivak: Biblische Geschichten (Genesis), Kolomiagi: 1992. 32,4 x 25,4 cm, 12 gebundene Postkarten

Umfangreiche Bestände der russischen Avantgarde befinden sich in der Rara-Sammlung, eine Auswahl zeitgenössischer russischer Künstlerbücher ist Bestandteil der Sammlung Künstlerische Drucke. Beide Sammlungen werden von der Abteilung Historische Drucke betreut.

[Die Fotos wurden freundlicherweise von der Autorin zur Verfügung gestellt.]

 

Weiterführende Links:

Den Wandel sichtbar machen – Die Virtuelle Fachbibliothek Recht in neuer Optik

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang unterhielt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in Kooperation mit zahlreichen wissenschaftlichen Bibliotheken aus dem gesamten Bundesgebiet ein dezentrales System von disziplin-, regional- und materialspezifischen Sondersammelgebieten. Ziel dieser koordinierten Erwerbungskooperation war es, unabhängig von der tatsächlichen Nutzung ein möglichst vollständiges Reservoir an internationaler wissenschaftlicher Spezialliteratur aufzubauen und überregional verfügbar zu machen. Ursprünglich in der Absicht errichtet, dem kriegsbedingten Mangel an fremdsprachigen Forschungspublikationen in Deutschland mit dem Instrument der Fernleihe abzuhelfen, sollte der Strukturwandel von Publikationsmarkt und Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter eine durchgreifende Revision des Sondersammelgebietssystems erforderlich machen.

Als Ergebnis einer mehrstufigen Evaluation gab die DFG zum 1. Januar 2014 schließlich ihre auf den Aufbau umfassender Sammlungen zielende Erwerbungspolitik auf – zugunsten einer strikten Ausrichtung des von ihr geförderten bibliothekarischen Dienstleistungsangebots auf die konkrete Nachfrage und den aktuellen Informationsbedarf der jeweiligen wissenschaftlichen Fachcommunity. Einher ging dieser Prozess nicht nur mit der Umbenennung der Sondersammelgebiete in Fachinformationsdienste für die Wissenschaft, sondern auch mit der Integration des letztlich zur Bildung dauerhafter Strukturen führenden Finanzierungsmodells in die reguläre DFG-Förderlogik. Denn aufgrund ihrer Projektform müssen die Fachinformationsdienste für die Wissenschaft ihre Leistungsfähigkeit im Dienst der Forschung nunmehr im Dreijahresturnus unter Beweis stellen.

Zu den Pilotvorhaben in diesem Wandlungsprozess zählte die Transformation des seit 1975 von der Staatsbibliothek zu Berlin verantworteten Sondersammelgebiets Recht, das sich unter dem Leitbild der von Seiten des Wissenschaftsrats skizzierten Perspektiven der Rechtswissenschaft in Deutschland zu einem Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung weiterzuentwickeln plante. Denn das einflussreiche wissenschaftspolitische Beratungsgremium empfiehlt in besagtem Positionspapier im Wesentlichen die Aufwertung der juristischen Grundlagenfächer, die Förderung der Interdisziplinarität rechtwissenschaftlicher Forschung sowie deren stärkere Internationalisierung.

Ging es dem frischgebackenen Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung während seiner initialen Förderphase zunächst darum, die Grundstrukturen seines Serviceportfolios aufzubauen, so verfolgt das 2017 gestartete dreijährige Fortsetzungsprojekt als Kernziel den Abschluss des eingeleiteten Wandels.

Sichtbaren Ausdruck fand dieser Veränderungsprozess in der Umbenennung der Virtuellen Fachbibliothek Recht in Virtuelle Fachbibliothek <intR>² – die zentralen Webpräsenz des Fachinformationsdiensts trägt ihre Fokussierung auf den Informationsbedarf der internationalen und interdisziplinären Rechtsforschung also bereits im Namen. Unter der gewohnten Webadresse, aber auf Basis einer grundlegend modernisierten und auch für mobile Endgeräte optimierten technischen Oberfläche steht den rechtswissenschaftlich Forschenden an Hochschulen und außeruniversitären Einrichtung in Deutschland nunmehr das gesamte Spektrum der Serviceangebote der <intR>²-Familie zur Verfügung – darunter:

<intR>²Blog – ein tagesaktueller Blog-Aggregator der jüngsten Beiträge aus der internationalen rechtswissenschaftlichen Blogosphäre

<intR>²Digital – ein virtueller Lesesaal für hochspezialisierte und in Deutschland bislang kaum verfügbare Datenbanken und Zeitschriften renommierter Verlage wie Brill und Oxford University Press (zugangsbeschränkt)

<intR>²Direkt – ein personalisierter Fernleihservice (zugangsbeschränkt)

<intR>²DoD – ein kostenfreier On Demand-Digitalisierungsdienst für forschungsrelevante Quellen und Forschungsliteratur aus dem historischen Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin

<intR>²Dok – das erste rechtswissenschaftliche Open Access-Repositorium in Deutschland

<intR>²ToC – ein Zeitschrifteninhaltsdienst zur Information über neuerschienene Aufsätze aus allen Bereichen der internationalen und interdisziplinären Rechtsforschung

Sie sehen bereits an dieser Auswahl, unsere neugestaltete Virtuelle Fachbibliothek ist ein veritabler One-Stop-Shop für die internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung – oder vielmehr: ein veritabler One-Stop-<intR>²Shop.