„…sehr Trauriges führt mich heute zu Ihnen…“ – Neuerwerbungen beim Auktionshaus Stargardt zeigen Netzwerke des Musiklebens
Beim Einkauf von antiquarischen Materialien – Briefen, Dokumenten, Musikhandschriften – für den Bestand der Musikabteilung der Staatsbibliothek spielt auch der Auktionshandel eine wichtige Rolle. Dort können oft seltene Einzelstücke erworben werden, die sonst nicht im Antiquariatshandel auftauchen. Gleichzeitig ist es immer spannend zu sehen, ob Stücke, die gut in den Bestand passen würden, für einen adäquaten Preis angekauft werden können. Mancher Einkaufswunsch wird nicht real, weil in der Auktion höher gesteigert wird, als für die Erwerbung vertretbar. Der Ankauf von unikalen Einzelstücken unterliegt damit vollkommen anderen Bedingungen als moderne Bücher und Noten, für die die Preisbindung gilt.
Die Frühjahrsauktion bei Stargardt in Berlin am 28. April ergänzt den Bestand der Briefe der Musikabteilung durch den Ankauf mehrerer Stücke. Bereits vorhandene Sammlungen und Nachlässe werden dadurch gezielt ausgebaut: Briefe von Clara Wieck bzw. Clara Schumann, Felix Mendelssohn Bartholdy, Joseph Joachim und eine kleine Sammlung von Briefen von Luigi Nono konnten ersteigert werden.
Zum Nachlass Clara Schumanns, den die Bibliothek bereits seit dem 19. Jahrhundert aufbewahrt und stetig ergänzt, kam ein Brief der zwanzigjährigen, damals noch nicht verheirateten Künstlerin hinzu. Sie schrieb ihn im August 1839 in Paris an den Klavierlehrer und Komponisten Pierre Zimmermann, um über ihn an Zeichnungen und Porträts von Thalberg, Liszt, Berlioz etc. zu kommen. Zur Konzertreise nach Paris war Clara Wieck im Januar desselben Jahres aufgebrochen, zum ersten Mal allein ohne ihren Vater. Mit ihm war es zuvor aufgrund ihrer Beziehung zu Robert Schumann zum Bruch gekommen. Die junge Künstlerin musste sich Empfehlungen und Konzertmöglichkeiten wie damals üblich selbst verschaffen. Doch war die insgesamt sieben Monate dauernde Konzertreise insgesamt ein voller Erfolg.
Der zweite Brief vom 19. Februar 1879 an Sarah Seligmann in Koblenz hat einen sehr traurigen Grund: Clara Schumanns jüngster Sohn Felix war drei Tage zuvor an den Folgen einer Lungentuberkulose verstorben. „Sehr Trauriges führ mich heute zu Ihnen und Ihrem lieben Mann. Wir haben den großen Schmerz erlitten, unsern Felix am 16ten dahinscheiden zu sehen; er starb nach unsäglichen Leiden, und so mußten wir dem Himmel danken, daß er ihn erlöste, aber, das Herz blutet mir!“ Ihrer Freundin erzählte C. Schumann im Brief von den letzten Tagen ihres Sohnes und wie schwer es ihr fiele, nach diesem großen Verlust aufs Konzertpodium zu gehen. Felix Schumann, 1854 geboren, war auf Wunsch der Eltern nach dem verstorbenen Freund Felix Mendelssohn benannt worden.
Mit fast 800 Objekten ist die Sammlung an C.-Schumann-Briefen in Berlin die umfangreichste im Kalliope-Verbund.
Apropos Mendelssohn: Von ihm konnte die Musikabteilung ebenfalls einen Brief ankaufen, geschrieben im August 1841 in Berlin. Auch darin ist von schwerer Krankheit die Rede: Mendelssohn erkundigt sich einfühlsam nach dem Befinden von Erich Heinrich Verkenius bei dessen Schwiegersohn Ignaz Seydlitz. Mit Verkenius, damals wichtiger Musikmäzen und Netzwerker im Kuratorium des Kölner Komitees für die Niederrheinischen Musikfeste, war Felix Mendelssohn befreundet. Im Bestand der Musikabteilung befinden sich bereits weitere Briefe Mendelssohns an Verkenius.
Joseph Joachim, Gründungsdirektor der „Königlichen Akademischen Hochschule für ausübende Tonkunst“ in Berlin, schrieb 1888 in einem weiteren neu für die Staatsbibliothek erworbenen Brief über seinen Schüler Carl Döll. Der aus Thüringen stammende Geiger hatte vom Herzog von Meiningen, Georg II., ein Stipendium für seine Studien in Berlin erhalten. Der Brief zeigt institutionsgeschichtliche Aspekte, aber auch die Mobilität von Musikern und deren Vernetzung im Musikbereich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Joseph Joachim, der damals im Musikleben – nicht nur in Berlin – eine wichtige Rolle spielte, ist in vielen Beständen der Musikabteilung vertreten. Er war auch mit Clara Schumann befreundet.
Von besonderer Bedeutung ist schließlich die Erwerbung eines kleinen Konvoluts von sechs Briefen von Luigi Nono aus Neapel und Venedig aus den Jahren 1955 bis 1957. Darin werden Überlegungen zu Programminhalten angestellt und Kontakte vermittelt, also ebenfalls Netzwerke geknüpft für das „Münchner Kammerensemble“. Briefe Nonos verwahrt die SBB bereits durch den Nachlass Claudio Abbados, den sie 2016 zum Geschenk erhalten hat, sowie durch den Ankauf des Schott-Archivs zwei Jahre zuvor.
Der Ankauf von diesen Briefen ist für die Musikabteilung der Staatsbibliothek entscheidend, um als weltweit bedeutende Musikbibliothek primäre Quellen für Forschung, Musikwissenschaft und Kulturgeschichte dauerhaft zu sichern und zugänglich zu machen. Diese Dokumente erweitern zugleich oft Nachlässe (z.B. Schumann, Mendelssohn), sie kontextualisieren musikalische Werke, geben Auskunft zu biografischen Details und vervollständigen den Bestand von ca. 80.000 Briefen und 68.000 Musik-Autographen. Damit erfüllt die Bibliothek ihren Auftrag als Bewahrerin des nationalen und Weltkulturerbes.
Die Neuerwerbungen werden zeitnah in Kalliope erschlossen und digitalisiert.
Weitere Informationen:



SBB-PK
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