Alexander von Gleichen-Rußwurm und seine „Sendung mit der Maus“

Alexander von Gleichen-Rußwurm, ein Urenkel Friedrich Schillers, wurde 1865 auf Schloß Greifenstein im Landkreis Bad Kissingen geboren. Nach dem Ende des 1. Weltkriegs kaufte er das Hotel Krone in Wasserburg am Bodensee, doch das Fremdenverkehrsgeschäft lief schlecht. Vom Geist der Weimarer Klassik geprägt, verfaßte von Gleichen-Rußwurm Dramen, Lyrik und kulturhistorische Darstellungen, die er im Max-Koch-Verlag veröffentlichte. Bedauerlicherweise waren seine Bemühungen, literarisch in die Spuren seines großen Ahnen zu treten, nicht in sonderlichem Maße von Erfolg gekrönt, sprich: er brauchte Geld.

Im Oktober 1925 übersandte von Gleichen-Rußwurm in einem Wertbrief eine Perlenkette zwecks Umarbeitung an einen Münchner Juwelier. Er gab an, das Schmuckstück habe einen Wert von 65.000 Reichsmark, eine Länge von 2 Metern und enthalte 234 Zuchtperlen. Die Sendung versicherte er mit 1.300 Reichsmark. Tatsächlich enthielt das Päckchen aber nur eine lebendige Maus, die der Absender in der Erwartung hineingesetzt hatte, sie werde sich in die Freiheit nagen, so eine Beschädigung des Päckchens herbeiführen, und die Versicherung würde zahlen. Doch der Plan scheiterte: Der Juwelier fand das arme Tierchen tot im Paket und erstattete Anzeige wegen Betruges. Der darauf folgende Prozeß zog sich über vier Jahre hin. Von Gleichen-Rußwurm bestritt entrüstet die Anschuldigung des vorsätzlichen Betrugs und verwies auf seinen angegriffenen Geisteszustand. Die Staatsanwaltschaft warf ihm „Flucht in die Krankheit“ vor. Mehrere Psychiater erstellten einander widersprechende Gutachten über die Schuldfähigkeit des Angeklagten. Von Gleichen-Rußwurm räumte letztlich ein, er könne nicht ausschließen, besagte Kette in eine gleichartige Kiste gepackt und diese versehentlich in einen Fluss geworfen zu haben. Er wurde zur Zahlung einer Geldstrafe von 10.000 Reichsmark verurteilt. Infolge dieser Affäre nannte man von Gleichen-Rußwurm im Volksmund den „Mäusebaron“.

Thomas Mann ließ die Episode in seinen Roman „Doktor Faustus“ einfließen. Er stellte den „Mäusebaron“ als Beispiel für die moralische Verwirrung in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg dar. Das Buch erschien im Todesjahr des letzten Schiller-Nachfahren 1947. Details hierzu sind in dem Aufsatz von Prof. Dr. Holger Rudolff nachzulesen.

Das obige Bild gehört zu unserem Bestand des Illus Bilderdienstes. In der Nachkriegszeit versorgte Illus in Ost-Berlin Zeitungen mit Bildmaterial. Der Fotograf Horst Sturm, die Theaterfotografin Eva Kemlein und der Feuilletonist Heinz Knobloch waren für Illus tätig. 1953 wurde Illus in die Zentrale Bildstelle GmbH, die zentrale Fotostelle der DDR, umgewandelt.

Das Foto Alexander von Gleichen-Rußwurms befindet sich heute unter der Signatur  Portr. Slg / Lit. kl / Gleichen-Russwurm, Alexander von, Nr. 1 in unserer Portraitsammlung. Das Original kann bestellt und in unserem Handschriftenlesesaal „Vivarium“ betrachtet werden.

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