Digitale Lektüretipps 31: Von Blauwalen, Bricketts und Backsteinen – dicke Bücher, die Sie digital schon immer mal lesen wollten

Ein Beitrag aus unserer Reihe Sie fehlen uns – wir emp-fehlen Ihnen: Digitale Lektüretipps aus den Fachreferaten der SBB

Es ist, bei allen Mühen und Schwierigkeiten, momentan doch vielleicht auch eine Zeit der Einkehr und Kontemplation. Eine Zeit, in der Kino, Theater, Oper, Rockkonzert, Club, Yogasession und gepflegter High Tea im Landhotel als Zerstreuungsventile ausfallen und man endlich mal wieder zum Lesen kommt. So richtig zum Lesen. Vielleicht ist es eine Zeit, in der man sich auch mal an einen der ganz großen Brocken der Weltliteratur wagen möchte.

„Blauwale“ (Uwe Tellkamp, Der Turm), „Bricketts“, „Ziegelsteine“ – seit jeher ging von wirklich dicken Büchern und vom Episch-Uferlosen in der Literatur eine halb berückende, halb schauerliche Faszination aus, für Autor*innen ebenso wie für Leser*innen. Gilgamesch war noch harmlos, aber das mutmaßlich erste wichtige Werk der (abendländischen) Weltliteratur, die Geschichte von Odysseus und den Sirenen, von Hektor, Achill und dem Fall Trojas, war bereits ein monumentales Epos. Mit Vergil ging es weiter, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit wurde es nicht besser. Der viktorianische Roman machte es dann kaum unter tausend Seiten (Vanity Fair, Middlemarch, David Copperfield – alles tonnenschwere, aber extrem unterhaltsame Romane, unbedingt lesen!), Thomas Manns Joseph-Tetralogie füllt gefühlt einen halben Regalmeter, und mit Proust, Musil und Anthony Powell kann man auch gut und gern fünfzig Wochenenden oder ebenso viele lange Winterabende verbringen. Und schließlich korreliert auch in der Gegenwartsliteratur ein (zumindest als solches gewolltes und vermarktetes) großes Statement für die Ewigkeit gerne mit der Seitenzahl – seien es postmoderne Monumentalwerke wie die Romane von Thomas Pynchon und David Foster Wallace oder eher brachiale Blockbuster-Epen à la Frank Schätzing (Limit: 1.328 Seiten) oder Stephen King (The Stand: 1.227 Seiten).

Die Länge und Dicke von Büchern ist übrigens durchaus in den Orbit der literaturwissenschaftlichen Forschung gerückt: Carlos Spoerhase entwarf eine „Ästhetik der Skalierung“, die generell die Faktoren Dimension, Umfang und Quantität in der ästhetischen Produktion in den Blick nimmt (vor drei Jahren gab es eine vielbeachtete Fachtagung dazu); Julika Griem hat aus Perspektive der Gender-Forschung die femininen Neapel-Sagas von Elena Ferrante (rund 1.700 Seiten) mit der vielbändigen maskulin-markanten autobiographischen Nabelschau des Norwegers Karl Ove Knausgaard verglichen. Allem gemein bleibt: Länge und Dicke machen in der Perzeption vieler ein Buch zum Monument; große, erhabene, universelle Themen und Stoffe ergeben ein magnum opus, und das erfordert die große Leinwand zur vollkommenen Entfaltung.

Aber zurück zu den sonderbaren Zeiten, in denen wir momentan leben. Auch die dicken Wälzer der Weltliteratur kann man online von zuhause aus lesen, sofern sie urheberrechtsfrei sind. Also: Musil, Zettels Traum und David Foster Wallace sind eher schwierig zu greifen, alles etwas Ältere ist kein Problem. Es folgt ein äußerst subjektiv-selektives Best-Of.

Fangen wir doch mit einem Roman (wenn man ihn denn so nennen kann) an, der in Zeiten einer Pandemie spielt. Das Setting von Giovanni Boccaccios Il Decamerone (c. 1353) ist ein schickes Landhaus in den Florentiner Hügeln während der Pestepidemie – zehn junge Damen und Herren erzählen sich muntere Geschichten, während unten im Tal Krankheit und Tod wüten. Das Buch besteht aus 100 kurzen Erzählungen, liest sich trotz der knapp 700 Jahre Distanz maximal kurzweilig, und ist in Italienisch und Deutsch natürlich digital verfügbar. Die Staatsbibliothek verwahrt in ihrer Sammlung Hamilton übrigens stolz ein Autograph. Knapp 500 Jahre später ist in Italien ein weiteres großartiges dickes Buch erschienen, Alessandro Manzonis I promessi sposi oder Die Verlobten, auf dem Papier ein verstaubter Historienschinken und eine vielgeschundene Schullektüre, de facto aber ein Werk voller subtiler Leidenschaft, das Umberto Eco angeblich zu seinen zehn Lieblingsbüchern zählte. In den meisten Ausgaben kommt das Werk auf 800 bis 1000 Seiten, online finden Sie es italienisch in drei Bänden hier, hier und hier sowie deutsch hier.

Wir bleiben in der Romania – das wichtigste Werk der romanischen Literaturen (Vorsicht: steile These) stammt von Cervantes, heißt im Original El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha, handelt unter anderem von Windmühlen, der schönen Dulcinea und dem Pferd Rosinante und liegt bei knapp 900 Seiten. Auf Deutsch gibt es das Buch natürlich auch online. Für beide Ausgaben greifen wir auf das digitale Angebot der spanischen Nationalbibliothek in Madrid zurück. Aus der französischen Literatur greifen wir nur drei Highlights heraus, wenigstens sind aber alle drei unfassbar lang. Ein Monster von einem Buch ist Madeleine de Scudérys zehnbändiges Opus Artamène, ou le grand Cyrus (1649-1653), das insgesamt auf nichts weniger als 13.000 Seiten kommt. Es handelt sich um einen Schlüsselroman, der aktuelle Personen, Verwicklungen und Intrigen der Zeit fiktionalisiert darstellt und – man glaubt es kaum – in zeitgenössischen Adelskreisen viel gelesen wurde. Bei Gallica, der Digitalen Bibliothek der französischen Nationalbibliothek, gibt es die Bände eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun und zehn online. Mit Sicherheit sehr viel fesselnder ist Victor Hugos Meisterwerk Les Misérables, das auf rund 2.000 Seiten ein umfassendes Panorama des Frankreich des 19 Jahrhunderts entwirft und in dem Hugo mit Figuren wie Fantine, Cosette, Bischof Myriel und Jean Valjean eine Saga für die Ewigkeit geschaffen hat. Online bei Gallica in fünf Bänden hier, hier, hier, hier und hier. Eine deutsche Übersetzung gibt es bei Projekt Gutenberg. Proust darf hier natürlich auch nicht unerwähnt werden: Die sieben Bände der Recherche du temps perdu mit reichlich infusions du tilleul, dem legendären Lindenblütentee, und den sinistren Machenschaften des Baron de Charlus gibt es ebenfalls bei Gallica: 1, 2, 3, 4, 5, 6 und 7.

Tolstoi – Krieg und Frieden ist natürlich auch ein spektakuläres dickes Buch, das man jetzt wirklich mal lesen könnte – und den gesammelten Dostojewski überspringen wir hier mal und greifen stattdessen wahllos drei mehr oder minder skurrile Wälzer aus der deutschen Literaturgeschichte heraus. Herzog Anton Ulrich von Braunschweig hat in der Stadt an der Oker ein gleichnamiges, ziemlich großartiges Museum, in dem u.a. ein Vermeer hängt; ansonsten regierte er und schrieb nicht enden wollende, schwülstige Barockromane, die er gerne in der Antike spielen ließ. Die Römische Octavia (1677 ff.) mit ihren 8.000 Seiten gibt Stoff auch noch für die nächsten paar Pandemien, und manche Germanist*innen halten den Roman für wichtig, aber Spass sollte man hier weiß Gott keinen erwarten. Trotzdem hat die Bayerische Staatsbibliothek das Buch liebevoll digitalisiert, in mundgerechten Portionen: erstens, zweitens, drittens, viertens und fünftens. Jean Paul ist ganz klar ein kanonischer Autor, aber auch ihn ereilte irgendwann die Hybris: neben dem Siebenkäs und den recht verdaulichen Flegeljahren schrieb er den Titan (1800-1803), einen „Kardinal- und Kapitalroman“, der in 35 „Jobelperioden“ und 146 “Zykel“ unterteilt ist. Das muss man mögen, aber nach einer gewissen Einlesephase sind die 900 Seiten nicht der schlechteste Zeitvertreib. Johann Gottfried Schnabels Insel Felsenburg – oder abgekürzt die „wunderliche Fata“ (ab 1731) – schließlich ist eine aufklärerische Robinsonade, in deren ursprünglich 2.000 Seiten sich reichlich Anspielungen an Thomas More und Daniel Defoe finden, das von Ludwig Tieck redigiert, gekürzt und lesbar gemacht wurde, und in dem eine Figur vorkommt, die doch allen Ernstes Concordia Plürs heißt.

Gehen wir noch auf eine andere Insel: Auch in England finden sich im Kanon oder an dessen Rande reichlich magna opera, die Stoff für diverse kontaktarme Tage und Wochenenden bieten. Edmund Spensers The Faerie Queene (1590 ff), ein allegorisch-märchenhaftes Versepos zu Ehren von Königin Elisabeth I., war ursprünglich auf zwölf Bücher angelegt; es erschienen letztlich sechs. Gute Quelle für dieses und andere Werke der englischen Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts ist übrigens die umfassende digitale Sammlung Early English Books Online (EEBO), via Nationallizenz verfügbar. The Faerie Queene ist eines der einflussreichsten und wichtigsten Gedichte (oder überhaupt Werke) der englischen Literatur, und wenn man sich an den archaischen Stil gewöhnt hat, sind die Geschichten von der Ritterin Britomart, dem „Bower of Bliss“ und dem „Blatant Beast“ (siehe Abbildung oben) durchaus unterhaltsam. Oder man greift zu einer der vielen selektiven Nacherzählungen, die im Lauf der Jahrhunderte erschienen sind. Andere wichtige Langgedichte wie Miltons Paradise Lost oder Wordsworths The Prelude sind allemal lesenswert. Hingewiesen sei hier aber noch auf eine Skurrilität am Rande, den Poly-Olbion von Michael Drayton (1612), eine Art anfiktionalisierte Landeskunde in 15.000 Versen, das die Freuden der englischen Grafschaften feiert und jüngst in einer mustergültigen Online-Edition der University of Exeter erschienen ist. Und wenn es in Sachen Lang-Lyrik noch etwas wirklich Unterhaltsames sein soll: Lord Byrons Don Juan (1819 ff.), online wie so vieles zugänglich über die digitale Bibliothek HathiTrust, erzählt in 17 Cantos und Tausenden von Versen die mitunter haarsträubenden Abenteuer des legendären Hallodris und hat in den letzten 200 Jahren nichts von seinem satirischen Biss und seinen Slapstick-Qualitäten verloren.

Auch im Feld der Romane hat England, außer den schon kurz erwähnten viktorianischen Wälzern, beeindruckend elephantinische Werke hervorgebracht. Samuel Richardsons Hauptwerk Clarissa, or the History of a Young Lady (1748) braucht in der Penguin-Ausgabe für seine knappe Million Wörter ein Großformat und 1.536 Seiten. Der Briefroman, in dem es um wenig anderes geht als die Verwicklungen der tugendhaften Titelheldin mit dem Tunichtgut Robert Lovelace, liest sich – so hört man – auch heute noch spannend. Und abschließend sei noch auf den vermutlich wichtigsten englischsprachigen (in diesem Fall: irischen) Roman der Moderne verwiesen. James Joyces Ulysses (1922), seit kurzem ebenfalls als Online-Edition greifbar. Bei Joyce ist es nicht so sehr die Länge, sondern vielmehr die polyglott-virtuose Komplexität und Vielschichtigkeit, die das Werk in den Olymp der wirklich titanischen Lektürestoffe erhebt. Auch hier: Nicht nur harter Stoff, sondern über weite Strecken ein anarchisch-humoriges Lesevergnügen.

Das soll es in Auswahl erst einmal gewesen sein. Wenn die Staatsbibliothek wieder geöffnet hat, bekommen Sie alle genannten Werke natürlich auch gedruckt bei uns; bis dahin: Viel Spass beim Distant Reading!

 

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