Flore und Blanscheflur: eine Liebesgeschichte und der „Verleger“ Diebold Lauber
Konrad Flecks Flore und Blanscheflur ist um 1220 entstanden – nach einer altfranzösischen Vorlage, wie die Namen der Protagonisten verraten. Interessanterweise wurde die wohl letzte uneheliche Tochter von Kaiser Friedrich II. Blanchefleur genannt; sie lebte als Nonne im dominikanischen Frauenkloster in Montargis und starb dort 1279. Damit hat das literarische Werk allerdings wenig zu tun, vermag aber auf die Beliebtheit des Vornamens oder sogar des Texts zu verweisen. Dessen Stoff ist ein Traum von einer Liebesgeschichte: Der heidnische König Fenix greift eine christliche Pilgergruppe auf dem Weg nach Santiago an. Eine schwangere Witwe unter den Pilgern wird zur Hofdame der ebenfalls schwangeren Frau des Königs. Beide bekommen am gleichen Tag ihr Kind: die Königin einen Knaben (Flore = zur Blume gehörend) und die gefangene Christin ein Mädchen (Blanscheflur = weiße Blume). Die Kinder wachsen gemeinsam auf und lieben sich. Doch um eine Verbindung der beiden zu verhindern, verkauft Fenix Blanscheflur an den Amiral in Babylon und Flore wird ein Grabmal gezeigt, worin sich die tote Blanscheflur befinden soll. Um aber seinen Selbstmord zu verhindern, sagen ihm die Eltern dann doch die Wahrheit, woraufhin er sich sofort auf die Suche nach seiner Geliebten macht. In Babylon erfährt er vom Jungfrauenturm, wo sich der Amiral jedes Jahr eine neue Gespielin aussucht (diejenige des Vorjahres wird getötet). Um Blanscheflur da herauszubekommen, spielt er mit dem Wächter Schach, zahlt dessen Gewinne zurück und kommt in einem Blumenkorb verborgen in den Turm, wo er zunächst im Zimmer von Blanscheflurs Freundin Klaris landet. Als er schließlich Blanscheflur gefunden hat, werden sie vom Amiral entdeckt. Der tötet sie nicht sofort, sondern beruft seinen Rat ein. Weil Flore und Blanscheflur füreinander sterben wollen, überreden die Berater den Amiral, das Paar zu verschonen. Die beiden heiraten, während der Amiral Klaris zur Frau nimmt und ihr treu bleiben will. Nach dem Tod von König Fenix gehen Flore und Blanscheflur in ihre Heimat zurück, übernehmen die Herrschaft und werden zusammen mit ihren Untertanen zu Christen.

Abb. 1: Flore mit Gefolge vor einer Stadt, Textbeginn, Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. Germ. 363, fol. 1v/2
Schon in dieser kurzen Zusammenfassung der gut 8.000 Verse wird deutlich, dass diese Geschichte alles hat, um gut zu unterhalten, und so ist sie auch das ganze Mittelalter über gerne gelesen worden. Allerdings sind nur vier Handschriften erhalten geblieben, vollständig nur zwei aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau im Elsass. Eine wird in Heidelberg aufbewahrt (Cod. Pal. Germ. 362, um 1442–1444) und ist mit 36 kolorierten Federzeichnungen geschmückt, die andere liegt in der Stabi (Ms. germ. fol. 18, um 1465–1467) und hat zwar freie Flächen für Illustrationen, diese wurden aber nicht ausgeführt.

Abb. 2: Leere Seite, Textbeginn, Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 18, fol. 6v/7
So ergibt sich die einzigartige Möglichkeit, den Text zu vergleichen wie auch die Bildverteilung zu studieren. Christine Putzo konnte ermitteln, dass beide Kodizes nach einer Vorlage in Form einer früheren Handschrift geschrieben wurden, der spätere Berliner mit einigen Anpassungen und Verbesserungen. Da ist sich die Forschung einig, dass ihn Diebold Lauber selbst geschrieben hat. Und dazu passt auch die ‚Verlagswerbung‘ vorne im Band (Abb. 3):
Item zu hagenowe vil hübscher buechere geistlich oder weltlich hübsch gemolt by diebolt louber schriber und guote lateinische

Abb. 3: ‚Verlagsanzeige‘, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz , Ms. germ. fol. 18, fol. 2v, Detail
Der Mann, der sich hier Schreiber nennt, bezeichnet sich an anderem Ort als Lehrer, also keineswegs als Leiter eines umfangreichen Publikationsunternehmens, das eben geistliche und weltliche illustrierte Bücher anbietet (von den hier ebenso genannten lateinischen sind keine bekannt). Die 80 Handschriften, die diesem Produktionszirkel zwischen 1427 und 1470 zugerechnet werden, zeugen von einem gut durchdachten System aus verschiedenen Schreibern und Illustratoren und wie man Handschriften an die Frau/ den Mann bringen kann ohne dezidiert auf Auftraggeber zu warten, dabei in gewisser Weise auf Augenhöhe mit dem gerade erst aufkommenden Buchdruck. Man verkaufte nämlich auch auf Messen, wie man aus diesen Werbezeilen, von denen es noch vier weitere gibt, erkennen kann.

Abb. 4: Ritter und Frauen im Baumgarten, Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. Germ. 363, fol. 6

Abb. 5: Leeres Feld vor V. 147, Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 18, fol. 10
Die Berliner Handschrift beginnt mit einem Register, das die einzelnen Kapitel kurz zusammenfasst und im Wesentlichen mit den Kapitelüberschriften übereinstimmt. Die Heidelberger besitzt so etwas nicht, doch kann man an den kaum variierten Bildüberschriften zum ersten Kapitel sehen (Abb. 4–5), dass man sich auch da auf Ähnliches berufen hat; wohl sind solche Register, die auch zugleich als Maleranweisungen dienen konnten, zusammen mit der Buchvorlage aufbewahrt worden. Die Heidelberger Handschrift nummeriert die Bilder, aber nicht die Textabschnitte (wobei das erste auf fol. 1v gewissermaßen als Frontispiz gilt und nicht gezählt wurde – Abb. 1), die Berliner hingegen hat auch dann nummerierte Textabschnitte, wenn keine Illustrationen vorgesehen waren (z. B. fol. 139). Vielleicht ist die Vorlage für das Register für eine noch üppigere Bebilderung präpariert worden. Die Berliner Handschrift hat tatsächlich auch Platz für 37 Illustrationen (mit einer Eingangsminiatur), also immerhin mehr als die Heidelberger.
Der eigentliche Buchbeginn zeigt gewissermaßen den Altersunterschied, der etwa 20 Jahre beträgt (Abb. 1–2): Die bunte Seite in Heidelberg erinnert in ihrer Üppigkeit an den Berliner Trojaroman der Lauberwerkstatt (Ms. germ. fol. 1, fol. 2), allerdings wirkt es so, als würde hier der Wilde Mann in der Bordüre mit seiner Keule auf den Helden der Geschichte, Flore, einhauen wollen. Der Berliner Textanfang ist da wesentlich bescheidener, weil viel mehr Text untergebracht wird und anstelle der Farben das Rubrikenrot und die Texttinte für die Dekoration der Initiale ausreichen müssen. Diebold Lauber als Schreiber dürfte auch diese Initiale gestaltet haben. Man kann hier sehen, wie so ein Buch fertiggestellt wurde: erst kam der Text, dann die Rubriken und schließlich die kolorierten Federzeichnungen. Bei den Initialen hat sich Diebold keine große Mühe gegeben, sie wirken zwar gekonnt, aber rasch hingezeichnet (z.B. fol. 10v). Offenbar musste das Manuskript schnell fertiggestellt werden, denn auf der gegenüberliegenden Seite (fol. 11) sieht man den Abklatsch der roten Farbe (man hat der Seite keine Zeit zum Trocknen gegeben), mit der die Versanfänge angestrichen wurden, auf fol. 116v ist die vorgeschriebene F-Initiale nicht ausradiert worden und ab fol. 182 sieht man noch die Reglierung des Textspiegels.

Abb. 6: Blanscheflur auf dem Schiff des Amirals, Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. Germ. 363, fol. 48

Abb. 7: Raub der Helena und ihrer Jungfrauen, Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 1, fol. 209v
Die Verteilung der Bilder wäre anders gewesen, wie Christoph Winterer ermittelte, die Illustrationsdichte um die Turmbefreiung in Heidelberg wäre in Berlin nicht so stark und einer gleichmäßigeren Verteilung im Werk gewichen. Es ist ebenso reizvoll wie müßig, sich vorzustellen, wie die Berliner Zeichnungen ausgesehen haben könnten, doch kann man anhand des immer pragmatischen Vorgehens der Illustratoren davon ausgehen, dass Vorlagen genutzt wurden, wie es auch in der Heidelberger Handschrift der Fall ist.

Abb. 8: Klaris am Bett vom Amiral, Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. Germ. 363, fol. 164

Abb. 9: Medea schickt ihre Dienerin zu Jason, Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 1, fol. 84
Schaut man sich beispielsweise die Illustration VII an (Abb. 6), erinnert der Puschelhut der an den Amiral verkauften Blanscheflur in Farbe und Form dem der Helena in dem Berliner Trojanerkrieg (Ms. germ. fol. 1, Abb. 7 – siehe auch: Der Krieg um Troja war schon immer ein Bestseller: Konrad von Würzburg, Trojanerkrieg), der ebenfalls von Lauber produziert wurde und etwa zeitgleich – um 1445 – entstanden ist. Auch Möbel behalten in den beiden Kodizes ihre einmal gefundene Form, wie auch die Kopfkissen immer mit dem karierten Bezug bezogen sind (Abb. 8–9). Selbst das Geschirr samt Tafelzier stammt aus demselben Schrank (Abb. 10–11) – Flore scheint sich übrigens das Gewand von Jason ausgeliehen zu haben.

Abb. 10: Flore verfällt bei Tisch in Trauer, Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. Germ. 363, fol. 83v

Abb. 11: Oetas bewirtet Jason, Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 1, fol. 70
Der Stil dieser kolorierten Federzeichnungen ist leicht wiederzuerkennen: Knopfaugen mit betonter Lidfalte, Hakennasen mit einem dünnen Parallelstrich daneben, kleine, rechts nach unten gezogene Strichmünder mit einem Punkt darunter zur Betonung des Kinns sowie halbkreisförmige Ohren mit einem dicken Punkt als Ohrmuschel. Ein wenig irritierend, aber immer wiederzufinden sind die Tintenkreise, die die weiblichen Brüste kennzeichnen. Offenbar war dieser Zeichner bei beiden Manuskripten – dem Berliner Trojaroman und dem Heidelberger Flore und Blanscheflur – am Werk. Für die serielle Herstellung benötigte es Formeln, die eine schnelle Bildfindung ermöglichen. Im Zusammenspiel mit den wie Bildtitel funktionierenden Rubriken illustrieren die Federzeichnungen die Texte dennoch und mit ihren großen, locker gezeichneten Formen sind sie bis heute gut anzuschauen.
Literatur
Aderlass und Seelentrost. Die Überlieferung deutscher Texte im Spiegel Berliner Handschriften und Inkunabeln, Mainz 2004, Nr. 60.
Ulrike Spyra, Maria Effinger, Werkstatt des Diebold Lauber, 2008 (zuletzt abgerufen 17.08.26).
Christine Putzo, Laubers Vorlagen, in: Christoph Fassbender (Hg.), Aus der Werkstatt Diebold Laubers, Berlin 2012, S. 165-196.
Christoph Winterer, Zeitlupe und trügerische Aposiopese. Zum Erzählrhythmus der Bilder in Laubers ‚Flore und Blanscheflur‘, in: Christoph Fassbender (Hg.), Aus der Werkstatt Diebold Laubers, Berlin 2012, S. 197-222.
Markus Greulich, The workshop of Diebold Lauber in Hagenau (zuletzt abgerufen 17.08.26).







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