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Beethoven aktuell

Auch in der aktuellen Situation möchten wir Sie gerne über unsere Beethoven-Ausstellung ‘Diesen Kuß der ganzen Welt – Die Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin’ informieren. Um Sie ein bisschen neugierig zu machen, hier erst einmal alles, was Sie durch die vorzeitige Schließung der Ausstellung versäumt haben:

Für die Ausstellung wurden 135 Exponate zusammengetragen, darunter seine beiden berühmtesten Sinfonien, Briefe von und an Beethoven, fünf Konversationshefte und zehn musikalische Skizzen. Ausgestellt wurden die Partituren seiner berühmtesten Sinfonien, der 5. Sinfonie in c-Moll op. 67 und die in mehrere Teile gebundene Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125. Der Entstehung und dem wechselvollen Schicksal der Partitur der 9. Sinfonie war in der Ausstellung ein eigenes großes Kapitel gewidmet. Zu sehen waren die letzte seiner Klaviersonaten, Nr. 32 in c-Moll op. 111 wie auch das Klavierkonzert Nr. 5 in Es-Dur op. 73, die drei Fassungen seiner einzigen vollendeten Oper Leonore/Fidelio op. 72 und die Missa solemnis op. 123.
Das für die Wissenschaft wohl nach wie vor rätselhafteste Lebensdokument Beethovens ist sein Brief an die Unsterbliche Geliebte. An wen dieser Brief gerichtet war, ist bislang nicht geklärt.
Eine weitere Facette Beethovens zeigte die eigens für die Ausstellung geschaffene Graphic Novel „Die neue Musik“ des Berliner Künstlers Mikael Ross, der einen fiktiven Tag in der Kindheit des jungen Ludwig darstellt.

Jetzt fragen Sie sich sicher, was es Ihnen hilft, zu lesen, was Sie verpasst haben? Auch in der aktuellen Krisen-Situation gibt es viele Möglichkeiten, Beethoven ganz allgemein und auch unsere Ausstellung zu genießen. Vielleicht gehen Sie in die Digital Concert Hall unserer Kooperationspartner, den Berliner Philharmonikern, und starten z. B. den Mitschnitt vom Konzert vor dem Brandenburger Tor: Kirill Petrenko dirigiert Beethovens Neunte. Im Augenblick gibt es sogar ein kostenloses Angebot. Danach besuchen Sie unsere Ausstellung virtuell. Hier haben Sie durch die Verlinkungen zu unseren hochauflösenden Digitalisaten sogar den Vorteil, die gezeigten Werke ganz nah heranzoomen zu können – so nah dürfen Sie den Originalen nie kommen!

Das ist Ihnen zu elektronisch? Kein Problem! Im Buchhandel können Sie den Begleitband zur Ausstellung erwerben. Sie finden alle Angaben auf der Seite des Verlages, einen direkten Link mit ‘Blick ins Buch’ gibt es auch.

Die Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin. „Diesen Kuß der ganzen Welt!“
Herausgeberinnen: Friederike Heinze, Martina Rebmann, Nancy Tanneberger
ISBN: 978-3-7319-0914-9

Und wenn Sie nun ganz besonders enttäuscht sind, weil Sie jetzt wissen, welche wunderbaren Originale Sie nicht sehen konnten, haben wir noch einen letzten Trost für Sie. Im Augenblick befinden sich die kostbaren Stücke natürlich wieder in den Tresoren der Bibliothek. Die Ausstellungsaufbauten haben wir aber stehen gelassen – sobald die Bibliothek wieder geöffnet werden darf, zeigen wir Ihnen die Ausstellung noch einmal. Das ist dann tatsächlich noch einmal die Gelegenheit, der Aura des großen Künstlers in seinem handschriftlichen Vermächtnis fast so nah wie bei einem Kuss zu sein.

 

Im Rahmen des bundesweiten Programms BTHVN2020 gefördert durch
Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

 

 

Die Geschichte der Berliner Beethoven-Sammlung

Ludwig van Beethoven wurde im Dezember 1770 in Bonn geboren, die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er in Wien. Nach seinem Tod am 26. März 1827 in Wien kam sein kompositorisches Lebenswerk zur Versteigerung. Die wichtigsten Käufer waren große Wiener Verlagshäuser und private Sammler. Durch Ankäufe und Schenkungen gelangten zwischen 1841 und 1908 ein großer Teil des Nachlasses in die heutige Staatsbibliothek zu Berlin.

 1841: das erste Beethoven-Autograph

1841 erwarb die Königliche Bibliothek, heute Staatsbibliothek zu Berlin, die umfangreiche Sammlung des Musikers und Sammlers Georg Poelchau (1773–1836) und mit dieser das erste Berliner Beethoven-Autograph, das Kyrie aus der Missa solemnis op. 123.

1846: 9. Sinfonie, Fidelio und zahlreiche weitere Notenhandschriften und Lebensdokumente

Nach dem Tod des Komponisten nahm der als Beethovens »Sekretär« in die Musikgeschichte eingegangene Musiker Anton Schindler (1795–1864) zahlreiche Dokumente, Erinnerungsstücke und Notenhandschriften an sich. Darunter waren die Urschrift der Oper Fidelio, von der 9. Sinfonie op. 125 die ersten drei Sätze sowie ein Teil des vierten Satzes, das Streichquartett op. 59,2, ein umfangreicher Band mit Volksliedbearbeitungen, sodann Skizzenbücher, Briefe von und an Beethoven sowie die Konversationshefte, die dem ertaubten Komponisten zur »Unterhaltung« mit seinen Gästen dienten. 1843 bot Schindler der Königlichen Bibliothek zu Berlin die Sammlung an. Nach mehrjährigen Verhandlungen ließ König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen übermitteln, dass er den Nachlass für 2.000 Taler und zusätzlich eine jährlich auszuzahlende Leibrente von 400 Talern erwerben werde. 1846 trafen die Beethoven-Autographe in Berlin ein.

1859: Fischhof-Sammlung

Über den Berliner Musikalienhändler und Verleger Julius Friedländer (1827–1882) erwarb die Königliche Bibliothek 1859 für 2.800 Taler die Autographen-Sammlung des Wiener Pianisten und Musikprofessors Joseph Fischhof (1804–1857). Neben einer großen Anzahl von Skizzenblättern gelangte so auch das sogenannte Fischhof-Manuskript in die Bibliothek, welches der Forschung als wichtige Quelle für die Biographie Ludwig van Beethovens dient.

1861: Der Nachlass Ludwig Landsberg

Aus dem Nachlass des zuletzt in Rom lebenden Musikers und Handschriftensammlers Ludwig Landsberg (1807–1858) konnten Skizzenbücher mit einem Umfang von mehr als tausend Seiten sowie Briefe erworben werden.

1863: Das Widmungsexemplar der 9. Sinfonie

Bereits 1826 hatte Ludwig van Beethoven Friedrich Wilhelm III. von Preußen eine Abschrift seiner letzten Sinfonie geschenkt. Die 190 Blatt umfassende Abschrift mit autographem Titelblatt übergab der König seiner Bibliothek.

1868/1874/1875: Schenkungen

Der aus Breslau stammende Bankier Ludwig Guttentag (1801–1881) übergab 1868 der Bibliothek u. a. die Kantatenkomposition Der glorreiche Augenblick op. 136, das Festspiel Die Ruinen von Athen op. 133 sowie die Klavierkonzerte Nr. 1 (op. 15), Nr. 2 (op. 19), Nr. 3 (op. 37) und Nr. 5 (op. 73).

Guido Richard Wagener (1822–1896), ein Marburger Anatomieprofessor, überließ der Bibliothek 1874 einige Beethoven-Handschriften aus seiner Sammlung, darunter die Violinsonate op. 30,1, die Streichquartette op. 130 und Teile von op. 135, sodann Bearbeitungen irischer und walisischer Lieder, ein Skizzenbuch sowie Briefe des Komponisten.

Als wertvolles Geschenk erhielt die Bibliothek 1875 von dem Berliner Kattunfabrikanten Joseph Wolff die Partitur der 8. Sinfonie op. 93.

1879: Nachlässe Friedrich August Grasnick und Aloys Fuchs

Gegen eine Spende von 4.000 Mark zur Unterstützung bedürftiger Musikstudierender überließ Auguste Wilhelmine Vatke der Bibliothek 1879 den Nachlass ihres Onkels, des Berliner Sammlers Friedrich August Grasnick (1798–1877). Darin waren so bedeutende Autographe von Beethoven wie der 6. Satz aus dem Streichquartett op. 130, Skizzenbücher und Briefe.

In der Sammlung Grasnick war auch ein Großteil des Nachlasses des berühmten Wiener Musiksammlers Aloys Fuchs (1799–1853) enthalten, den Grasnick nach dessen Tod erworben hatte. Fuchs galt als Experte für Musikhandschriften. Er hatte Beethoven persönlich kennengelernt, als er als junger Sänger 1811 bei der Aufführung der C-Dur-Messe op. 86 unter dessen Leitung mitwirkte.

1880: Der Brief an die Unsterbliche Geliebte

Im Jahr 1880 gelang es, den Rest der Sammlung Anton Schindlers zu erwerben, darunter Briefe, Dokumente und Erinnerungsstücke, die dieser 1846 zurückbehalten hatte. Zwischenzeitlich war die Sammlung an den Porzellanfabrikanten August Nowotny bei Karlsbad verkauft worden. Spitzenstück dieser Sammlung war der berühmte Brief an die Unsterbliche Geliebte, deren Identität bis heute nicht geklärt ist.

1901: Autographen-Sammlung von Domenico Artaria

Die Musikaliensammlung des Wiener Musikverlegers Domenico Artaria (17751842) kam mithilfe des Bonner Musikwissenschaftlers Erich Prieger (1849–1913) nach Berlin. Der Kaufpreis von 200.000 Mark wurde zunächst von Prieger vorgestreckt, der preußische Staat muss diese hohe Summe erst bereitstellen. Zur Sammlung Artaria gehörten etwa 2.000 Blatt autographes Material von Ludwig van Beethoven, darunter Teile der 9. Sinfonie op. 125 sowie der Missa solemnis op. 123, außerdem Blätter zu Streichquartetten, Kammermusik und Skizzenbüchern.

1908: Abschluss der großen Beethoven-Erwerbungen

Durch die mäzenatische Stiftung des Berliner Bankiers Ernst von Mendelssohn-Bartholdy (1846–1909) kamen die Sinfonien Nr. 4., 5. und 7., das Leonoren-Skizzenbuch, die Ouvertüre sowie das 1. und 2. Finale zur Oper Fidelio, sechs Streichquartette, das Septett op. 20, das Streichquintett op. 29, das Trio op. 97 und mehrere Skizzenbücher in die Bibliothek. Mit dieser Stiftung war die Beethoven-Sammlung in Berlin zur weltweit größten Sammlung ihrer Art angewachsen.

1941: Teilung der Sammlung

In der Königlichen Bibliothek hatten die Bestände den Ersten Weltkrieg unbeschadet überstanden. Doch der Zweite Weltkrieg und die Verlagerung von wertvollen Kulturgütern aus der Hauptstadt seit 1941 an vermeintlich sichere Orte des Landes führten dazu, dass auch die Beethoven-Sammlung der inzwischen Preußischen Staatsbibliothek geteilt wurde. Nach dem Krieg lagen die Verlagerungsorte in unterschiedlichen Besatzungszonen auf deutschem Boden sowie aufgrund neuer Grenzziehung auf polnischem Staatsgebiet. Die Sammlungsteile in den amerikanischen und der französischen Besatzungszonen wurden in den 1960er Jahren nach Berlin (West) in die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz überführt. Teile der Sammlung, die sich in der sowjetischen Besatzungszone und somit ab 1949 auf dem Staatsgebiet der DDR befanden, kehrten nach Berlin (Ost) in das Stammhaus der Bibliothek Unter den Linden zurück. Alle zum Schutz vor Zerstörung nach Schlesien in das Schloss Fürstenstein (heute Książ) und später ins Kloster Grüssau (heute Krzeszów) verlagerten Bestände gelangten nach 1945 nach Krakau an die Biblioteka Jagiellońska.

1951: Diebstahl der Konversationshefte

Der Kalte Krieg riss eine weitere Lücke in die Beethoven-Sammlung, die erst Jahre später wieder geschlossen werden konnte: Der damalige Leiter der Musikabteilung (Ost), Joachim Krüger-Riebow (1910– nach 1961), ein Hochstapler und mutmaßlicher Doppelagent, nutzte seine Position, um wertvolle Autographe – darunter alle damals vorhandenen 137 Konversationshefte – zu stehlen, er übergab die Hefte an das Beethoven-Haus in Bonn. Nach langen Verhandlungen zwischen Bonn und der DDR, die mit Unterstützung der Akademien der Künste in den beiden Teilen Berlins geführt wurden, kamen die Konversationshefte im Mai 1961 wieder in die Berliner Sammlung Unter den Linden.

1977: Zimelien kommen aus Krakau zurück

Unter spektakulären Umständen kam das Hauptautograph der 9. Sinfonie op. 125 nach Berlin (Ost) zurück: Die polnische Regierung übergab anlässlich eines Staatsbesuches der DDR-Regierung wertvolle Autographe von Bach, Mozart und Beethoven, darunter das Hauptautograph der 9. Sinfonie und das 3. Klavierkonzert. Die übrigen nach Krakau gelangten Berliner Autographe – etwa die 7. Sinfonie Ludwig van Beethovens- werden bis heute in der Jagiellonischen Bibliothek in Krakau verwahrt und sind der Forschung zugänglich.

1992: Staatsbibliotheken Ost und West vereint

Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung fanden auch die wegen ihrer Auslagerungen nach dem Krieg auf die beiden deutschen Staaten verteilten Bestände des Beethoven-Nachlasses wieder zusammen. Beide Berliner Staatsbibliotheken wurden 1992 zur Staatsbibliothek zu Berlin unter dem Dach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz organisatorisch vereinigt. Seit 1997 sind die Bestände der Musikabteilung alle wieder im Gebäude der Staatsbibliothek Unter den Linden vereint, seit 2013 lagern sie in neu errichteten Tresormagazinen unter besten konservatorischen Bedingungen.

Heute: Beethoven bewahren, digitalisieren und weiter sammeln

Die Staatsbibliothek zu Berlin kann heute aufgrund der hohen Preise für Beethoven-Autographe nur noch selten aktiv sammeln. Zuletzt konnte 2014 ein bisher unbekanntes Billet von der Hand des Komponisten aus dem Jahr 1824 erworben werden. Da die wertvollen Autographe nur noch selten im Original gezeigt werden dürfen, spielt neben deren guter konservatorischer Betreuung auch die Digitalisierung eine wichtige Rolle. Die Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek ist vollständig digital erfasst und wissenschaftlich erschlossen, via Internet steht sie kostenfrei allen Menschen zur Verfügung.

 

Die virtuelle Beethoven-Ausstellung

https://staatsbibliothek-berlin.de/die-staatsbibliothek/abteilungen/

musik/sammlungen/bestaende/l-van-beethoven/

Staatsbibliothek entsendet „Götterfunken“ nach Wien und Bonn

„Keine Institution der Welt besitzt und pflegt so viele Kompositionen, Briefe, Konversationshefte und anderes Handschriftliches von Ludwig van Beethoven wie die Staatsbibliothek zu Berlin“ erklärt Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf, und weiter „diese unikalen Schätze wollen wir im Beethoven-Jahr 2020 möglichst vielen Menschen zugänglich machen. Im Finale der 9. Sinfonie singt der Chor von weltumspannender Brüderlichkeit und gegenseitiger Inspiration – mögen viele Besucher in Wien und Bonn sich diesen Gedanken freudig anschließen und sich von der originalen Handschrift Beethovens faszinieren lassen.“

Unter den herausragenden Exponaten des Beethoven-Jahres 2020 ist die Originalpartitur der Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125. Seit dem Jahr 1901 gehört die nahezu vollständige Partitur der einst Königlichen Bibliothek, heute Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Dank des Umstandes, dass die Partitur in sechs Teile gefasst ist – einen Hauptband der Sätze I bis III mit 137 Seiten sowie fünf schmale Bände des Finalsatzes mit 67 Seiten – ist es der Staatsbibliothek möglich, mehrere Leihgaben parallel zu entsenden. So können schon zum Beginn des Jubiläumsjahres viele Menschen an dem UNESCO-Weltkulturerbe teilhaben. Nachdem die Staatsbibliothek zu Berlin schon im Lauf des Jahres 2019 sämtliche Materialien ihrer überaus reichen Beethoven-Sammlung in bester Auflösung und gut erschlossen online verfügbar machte, folgen nun Ausstellungen mit den seltenen Gelegenheiten, Beethovens Schaffen nahe zu kommen.

 

Leihgaben nach Wien und Bonn

Nach Wien, in die Ausstellung „Beethoven. Menschenwelt und Götterfunken“ der Österreichischen Nationalbibliothek, wird in diesen Tagen eines der fünf Faszikel des Finalsatzes entsendet. Wien war der wesentliche Ort im Leben und Schaffen Ludwig van Beethovens, eben dort wurde 1824 seine 9. Sinfonie uraufgeführt. Ab dem 19. Dezember kann das Publikum eine Doppelseite des berühmten Finales betrachten. Zu sehen ist jener Höhepunkt, auf dem Beethoven die beiden musikalischen und ideellen Hauptthemen – Freude und weltumspannende Brüderlichkeit unter den Menschen – in kontrapunktischer Verflechtung gleichzeitig erklingen lässt. Zwischen dem Notensystem notierte er die Textzeilen „Freude schöner Götterfunken“ und „Seid umschlungen Millionen“.

Im Finale seiner Sinfonie Nr. 9 lässt Ludwig van Beethoven den Chor “Seid umschlungen, Millionen” und “Freude schöner Götterfunken” intonieren, gut erkennbar unten auf der Seite

In der Bundeskunsthalle in Bonn, dem Ort seiner Geburt und Jugendjahre, sind seit heute in der Ausstellung „Beethoven.Welt.Bürger.Musik“ ein weiteres Faszikel des Finalsatzes der 9. Sinfonie sowie von der Hand des Komponisten 19 weitere Stücke zu sehen, etwa die Missa solemnis, eines seiner Konversationshefte, ein annotierter Kalender sowie das Orchesterwerk Wellingtons Sieg.

 

In Berlin „Diesen Kuß der ganzen Welt!“ ab 11. März 2020

 Die Staatsbibliothek zu Berlin wird in ihrem Haus Unter den Linden vom 11. März  – 30. April 2020 die Ausstellung „Diesen Kuß der ganzen Welt!“ zeigen. Zum ersten Mal werden dann alle Sätze seiner berühmtesten Sinfonie, der Neunten, gleichzeitig ausgestellt sein. Der Hauptband sowie vier Faszikel des Finalsatzes werden nebeneinander aufgeschlagen und erlauben so einen tiefen Einblick in die Erschaffung dieses Meisterwerkes.

Zur Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek gehören viele weitere große Werke – etwa die Sinfonien Nr. 4, 5, 7 und 8, die Klavierkonzerte 1-3 und 5, die Oper Leonore/Fidelio, die Missa solemnis – wie auch der Brief an die Unsterbliche Geliebte, 380 weitere Briefe und mit 137 nahezu alle seiner überlieferten Konversationshefte. Vieles davon wird in der Ausstellung vorgestellt.

 

 HINTERGRUND

Das Autograph der 9. Sinfonie von L. v. Beethoven

Im Frühjahr 1824 hatte Ludwig von Beethoven (1770-1827) die Arbeit an seiner 9. Sinfonie abgeschlossen. Die Partitur lag als ein Packen von mehr als 200 unbeschnittenen Notenblättern vor. Das Papier war nicht durchweg von einheitlichem Format: Zwar hatte Beethoven seine Komposition zum überwiegenden Teil auf 16-zeiligem Notenpapier im Querformat niedergeschrieben; für einige Abschnitte des Finalsatzes aber, in denen das Solistenquartett, der Chor und das groß besetzte Orchester zusammenwirken, musste er auf Blätter im Hochformat mit 23 Notensystemen zurückgreifen.

Sein Manuskript war eine Arbeitspartitur, die mit ihren überaus zahlreichen, auch heftigen Streichungen, Rasuren, Überschreibungen und Verweisungen augenfällig die Spuren des Kompositionsprozesses trägt. Für Aufführungszwecke stellten versierte, mit Beethovens Handschrift und seinen Notierungsgewohnheiten vertraute Kopisten Abschriften her. Die erste Aufführung der Sinfonie fand am 7. Mai 1824 in Wien statt.

Nach Beethovens Tod befand sich die Original-Partitur der 9. Sinfonie im Besitz seines Gehilfen und Sekretärs Anton Schindler. Nach eigenem Bekunden hatte er sie im Februar 1827, wenige Wochen vor dem Tod Beethovens, von diesem als Geschenk erhalten. Jedoch war das Werk unvollständig: Vorhanden waren nur die Sätze 1 bis 3, vom Finalsatz hingegen nur ein kleinerer Teil.

Aus der ohnehin schon fragmentarischen Partitur sandte Schindler im September 1827 zwei Blätter nach London an den Komponisten Ignaz Moscheles, der in Wien mit Beethoven befreundet gewesen war. Beide Blätter gelangten 1956 in das Bonner Beethoven-Haus. An einen unbekannten Empfänger wurden, vermutlich ebenfalls durch Schindler, drei Blätter aus dem Finalsatz weitergegeben. Sie liegen heute in der Bibliothèque Nationale in Paris.

Im Jahr 1846 vermachte Schindler seine überaus wertvolle Beethoven-Sammlung der Königlichen Bibliothek zu Berlin (heute Staatsbibliothek zu Berlin), der Preußische Staat zahlte ihm dafür eine Leibrente. Die 137 Blätter des Hauptkorpus – fünf Blätter fehlten, s. o. – wurden in der Bibliothek mit rotem Halbleder eingefasst.

Die ersten drei Sätze der Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125 von Ludwig van Beethoven sind, eingebunden in rotes Leder, im Hauptband vereint; dieser wird durch fünf Faszikel des Finales, dem vierten Satz, ergänzt || Abbildung aus der Digitalen Bibliothek der SBB-PK

Die die Partitur ergänzenden Teile des Finalsatzes fanden sich in Beethovens Nachlass, der zu großen Teilen 1827 vom Wiener Verleger Domenico Artaria ersteigert wurde. 1901 gelang es der Berliner Bibliothek, auch diese hochbedeutende Musikhandschriftensammlung zu erwerben. So kamen, zusammen mit allen anderen Beethoven-Objekten, nun auch die fehlenden Abschnitte des Finalsatzes nach Berlin, die insgesamt 67 Blätter waren in fünf Faszikeln gefasst und wurden in eben dieser Aufteilung ebenfalls in rotes Halbleder eingebunden.

Zum ersten Mal seit Beethovens Tod war im Jahr 1901 das Autograph seiner 9. Sinfonie mit den insgesamt 204 Blättern in einem Hauptband und fünf Faszikeln fast vollständig an einem Ort vereint. Doch schon nach vier Jahrzehnten wurde die Sinfonie erneut geteilt: Um die kostbaren Bestände vor Schäden durch den Zweiten Weltkrieg zu schützen, teilte die Bibliothek sie 1941 in drei Partien und brachte sie an weit auseinanderliegende Orte. In den Osten kehrten 1946 vom Finalsatz die Faszikel I-III in das Haus Unter den Linden der Bibliothek zurück, der Hauptband folgte 1977. Die Faszikel IV und V kamen 1967 in die Staatsbibliothek der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nach West-Berlin. Somit verlief bis zur Wiedervereinigung Deutschlands die wahrhaft symbolische Teilung mitten durch den Chorgesang des Finales. Die Sinfonie war zu einem Monument des Kalten Krieges geworden, da der „Schnitt“ mitten durch die Doppelfuge des Schlusssatzes ging, mit der Beethoven die musikalischen und ideellen Hauptthemen – Freude und weltumspannende Brüderlichkeit unter den Menschen – in kontrapunktischer Verflechtung gleichzeitig erklingen lässt.

Im Gefolge der deutschen Wiedervereinigung wurden die beiden Berliner Staatsbibliotheken 1992 unter dem Dach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zusammengeführt. Damit fanden – 50 Jahre nach ihrer zweiten Teilung – im Haus Unter den Linden der Hauptband und die fünf Faszikel des Finalsatzes der 9. Sinfonie wieder zueinander.

Das Autograph der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven gehört zu den kostbarsten Schätzen des musikalischen Erbes der Menschheit. 2001 erklärte die UNESCO dieses Herzstück der großen Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz zum Weltdokumentenerbe.