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Künstliche Intelligenz avant la lettre? – Automaten in der Frühen Neuzeit

Ein Beitrag aus unserer Reihe Künstliche Intelligenz zum Wissenschaftsjahr 2019

Wie die immer zahlreicheren und nicht selten in ehemaligen Apotheken, Laboratorien und Werkstätten eingerichteten Concept Stores mit ihren kuratierten, unterschiedlichste Produktgruppen vereinigenden Sortimenten dokumentieren, erweist sich das frühneuzeitliche Konzept der Kunst- und Wunderkammer als überraschend zeitgemäß. Aber womöglich hält sich die Verblüffung bei genauerem Hinsehen ja auch in Grenzen?

Zwar mag im globalisierten Informationszeitalter der von den meist fürstlichen Sammlern in Renaissance und Barock unternommene Versuch, den Makrokosmos im Mikrokosmos ihrer Kunst- und Wunderkammer abzubilden, die Welt – um einen pointierten Buchtitel zu zitieren – gewissermaßen in die Stube zu holen, zwangsläufig an seine Grenzen stoßen. Unter Modernisierungsaspekt erscheinen jedoch die zeitgenössischen kommerziellen Wiedergänger dieses frühneuzeitlichen Konzepts durchaus als folgerichtig, hat doch spätestens Horst Bredekamp in seiner vielzitierten Studie Antikensehnsucht und Maschinenglauben gezeigt, dass der nur scheinbar kuriose Mix aus Artificialia, Naturalia, Scientifica, Exotica und Mirabilia vielmehr eine Entwicklungsgeschichte repräsentiert, die von der Naturform über Antiken und andere Kunstwerke bis zum Automaten führt. Überwogen in den Kunst- und Wunderkammern des 16. und 17. Jahrhunderts noch eher schlichte Maschinenobjekte, so nahm sich das Bild im Folgejahrhundert, in dem die Automatenbaukunst eine erste Hochzeit erlebte, schon anders aus. Konkret war etwa – um nur zwei vergleichsweise frühe Beispiele herauszugreifen – ein aufziehbares Modell einer fahrenden venezianischen Gondel in der von Erzherzog Ferdinand II. von Tirol (1529 – 1595) auf Schloss Ambras eingerichteten Kunst- und Wunderkammer zu sehen, während in ihrem von Kurfürst Joachim II. von Brandenburg (1505 – 1571) gegründeten Berliner Pendant eine Trinkspiel-Automat gewordene Diana auf dem Hirsch umherrollend ihre berauschende Wirkung entfaltete. Die Rekonstruktion der Sammlungen der Brandenburgisch-Preußischen Kunstkammer, des Nukleus der Berliner Museumslandschaft, ist aktuell übrigens Ziel eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten gemeinsamen Projektvorhabens von Humboldt-Universität zu Berlin, Museum für Naturkunde Berlin und Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz.

Wie angemessen es ist, zumal vor dieser Kontrastfolie von einer Hochblüte der Automatenbaukunst im 18. Jahrhundert zu sprechen, macht das Werk Jacques de Vaucansons augenfällig – allen voran seine Vitalfunktionen nachahmende mechanische Ente, ein Canard Artificiel, mangeant, beuvant, digerant & se vuidant […] imitant en diverses manières un canard vivant. An ihre Seite gesellten sich in der zweiten Jahrhunderthälfte die Androiden-Automaten der Schweizer Uhrmacher Pierre und Henri-Louis Jaquet-Droz – Organistin, Zeichner und Schreiber –, die auf der Grundlage eines Nockenscheibenmechanismus über die Funktion verfügten, Noten-, Bild- und Textvorlagen akustisch bzw. graphisch zu reproduzieren.

Freilich sollte im Aufklärungsjahrhundert die Automatenbaukunst keineswegs darauf beschränkt bleiben, Lebewesen – im Wortsinn! – möglichst lebendig zu imitieren, denn im Gefolge des wissenschaftlich-technischen Fortschritts brach sich schließlich auch ein geradezu protokybernetischer gesellschaftlicher Steuerungsoptimismus Bahn. Besonders prominent steht für diesen Befund das 1759 publizierte und von der Mechanik der Kugeluhr inspirierte Tableau œconomique des Physiokraten François Quesnay, das als erstes makroökonomisches Multiplikatormodell zur Analyse gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge gilt.

Von Quesnays (Selbst)Steuerungseuphorie war es denn auch nur noch ein kleiner Schritt zur Entwicklung eines auf Basis eigener Entscheidungen autonom agierenden Automaten: Mit dem 1769 in Wien vorgestellten Schachandroiden des kaiserlichen Hofkammerrats Wolfgang von Kempelen – von ihm ganz orientalistisch als Schachtürke bezeichnet und entsprechend ausstaffiert – war der Urahn aller Künstlichen Intelligenzen und KI-Systeme in der Welt; zumindest scheinbar. Denn von Kempelens Schachautomat war eine Mystifikation, eine Illusionsmaschinerie, in der – hinter den Zahnrädern eines dem Publikum ostentativ präsentierten Uhrwerks verborgen – ein Mensch die Spielzüge steuerte.

Ungeachtet seiner spätestens von Edgar Allan Poe vollzogenen Entzauberung hat der Schachtürke bis heute allerdings nur wenig an Faszination verloren. Vom kaum zu widerstehenden Reiz, einen Bogen vom Schachtürken zu AlphaZero und anderen KI-Systemen zu schlagen, zeugt jedenfalls nicht nur die schier uferlose Forschungsliteratur, sondern bereits auch dessen Aufnahme in die Dauerausstellung des Paderborner Computermuseums Heinz Nixdorf MuseumsForum.

Dabei dürfte sich die anhaltende Fortune des Schachtürken vor allem aus seiner Eignung als Projektionsfläche zur Verhandlung des schon 1748 von Julien Offray de La Mettrie in seiner Schrift L’homme machine ausgemessenen (Spannungs)Verhältnisses von Mensch und Maschine erklären: Als allzu menschlich und daher besonders beeindruckend erscheint der Schachtürke etwa in der fatalistischen Schilderung Karl Gottlieb von Windischs, eines Zeitgenossen von Kempelens: Die Erscheinung dieser mechanischen Figur, die mit einem denkenden beseelten Wesen das schwerste aller Spiele spielt, sich seinem belebten Gegner gleich bewegt, von dessen Willen und Spiel abhängt, gleich ihm oft gewinnt, oft verliert, kurz der kühnste Gedanke eines Mechanikers, das Meisterstück der Schöpfung in einem beweglichen Bilde nachzuahmen, war zu auffallend, um nicht die größte Aufmerksamkeit zu erregen. Eben diesen sympathisch menschlichen Zug des Androiden, gerade nicht jedes Spiel zu gewinnen, führte dagegen Edgar Allan Poe als Argument dafür an, den nach von Kempelens Tod von Johann Nepomuk Mälzel weiter betriebenen Schachtürken als Schwindel zu demaskieren: The Automaton does not invariably win the game. Were the machine a pure machine this would not be the case – it would always win.

Während der Schachtürke in Moxon’s Master, einer 1899 erschienenen Kurzgeschichte des amerikanischen Autors Ambrose Bierce, sein mörderisches Unwesen treiben sollte, dokumentiert der Crowdworking-Marktplatz Mechanical Turk, dass der von Wolfgang von Kempelen geschaffene Androide im 21. Jahrhundert als Metapher für das Hierarchieverhältnis zwischen Mensch und Maschine vollends unscharf geworden ist: Diese Online-Plattform dient nämlich dazu, definierte Aufgabenpakete zu einem festen Betrag den so genannten Turkers zur Bearbeitung anzubieten – nicht selten mit dem Ziel, Algorithmen des maschinellen Lernens durch die Tätigkeit dieser Menschen zu trainieren.

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Übrigens sind Automaten auch in Bibliotheken zu finden – und keineswegs nur Getränkeautomaten: So besitzt etwa die Staatsbibliothek zu Berlin eine herausragende Kollektion historischer Spielbilderbücher, deren charakteristische, von papiermechanischen Gestaltungselementen wie Ziehlaschen und Drehscheiben bestimmte Materialität zur Interaktion einlädt. Neben dem von Lothar Meggendorfer – dem Star der internationalen Bewegungsbuchszene des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – gestalteten Ziehbilderbuch Lustiges Automaten-Theater ist als besonders spektakuläre Erscheinungsform dieser von nur wenigen Bibliotheken und Museen systematisch gesammelten Mediengattung das in zahlreichen Auflagen erschienene Sprechende Bilderbuch mit naturgetreuen Menschen- und Tierstimmen zu erwähnen. Die Funktionsweise dieser Unterhaltung für die kleine Welt in Bild, Vers und Laut – so der Untertitel des an die ebenfalls von Wolfgang von Kempelen konstruierte Sprechmaschine erinnernden Spielbilderbuchs – ist in dem 1878 dem Sonneberger Buchhändler Theodor Brand erteilten Patent beschrieben:

„Das sprechende Bilderbuch besteht aus einem viereckigen flachen Kasten (größtes Format 32:25 cm), in dessen Innerem mechanische Stimmen derartig angebracht sind, dass eine jede derselben vermittels je einer besonderen Schnur, welche durch eine kleine Öffnung der Wandung rechts geht, von außen durch Ziehen in Bewegung gesetzt und zum Tönen gebracht werden kann. Auf der oberen flachen Seite des Kastens ist ein Bilderbuch derart angebracht, dass dasselbe mit dem Kasten als ein Ganzes erscheint. Durch den nachgeahmten Rücken und Schnitt der Seitenwände erhält dasselbe äußerlich das Ansehen eines starken Buches. Während das Kind in dem zuoberst angehefteten Bilderbuche blättert, beschaut und liest, zieht es an den verschiedenen Schnüren und ergötzt sich an den ertönenden Stimmen.“

 

Weiterführende Literatur:

Marlen Jank: Der homme machine des 21. Jahrhunderts: von lebendigen Maschinen im 18. Jahrhundert zur humanoiden Robotik der Gegenwart, Paderborn 2014.

Bernhard Serexhe/Peter Weibel (Hg.): Wolfgang von Kempelen: Mensch-(in der)-Maschine, Berlin 2007.

Tom Standage: The Turk: The Life and Times of the Famous 19th Century Chess-Playing Machine, New York 2002.

Elly Rachel Truitt: Medieval Robots: Mechanism, Magic, Nature, and Art, Philadelphia 2015.

 

Vorschau: Im nächsten Beitrag führen wir ein Interview mit einem Wirtschaftsinformatiker zum Thema „Künstliche Intelligenz, Robotik und Maschinenethik”.

QURATOR: Digitale Kuratierung mit Künstlicher Intelligenz

Ein Beitrag aus unserer Reihe Künstliche Intelligenz zum Wissenschaftsjahr 2019

Angesichts des stark wachsenden und fragmentierten Informationsangebotes müssen Inhalte in immer kürzerer Zeit für die digitale Publikation aufbereitet und publiziert werden. Vor diesem Hintergrund beteiligt sich die Staatsbibliothek zu Berlin an dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Programm Unternehmen Region geförderten Forschungsprojekt QURATOR: Curation Technologies.

QURATOR will dazu beitragen, Kuratierungstätigkeiten und die Generierung digitaler Inhalte  durch Automatisierung hochwertiger, effizienter und kostengünstiger zu gestalten und Wissensarbeiter*innen bei der Kuratierung digitaler Inhalte zu unterstützen. Eine wesentliche Grundlage dafür bilden Methoden auf Grundlage von Sprach- und Wissenstechnologien, Maschinellem Lernen (ML) und Künstlicher Intelligenz (KI).

Welche Rolle die Staatsbibliothek zu Berlin in diesem Projekt spielt, erläutert Clemens Neudecker, Forschungsreferent in der Generaldirektion, im Interview:

Woran arbeitet die Staatsbibliothek zu Berlin im Projekt QURATOR?

Die Staatsbibliothek zu Berlin digitalisiert alle Dokumente aus ihrem urheberrechtsfreien Bestand und stellt diese online zur Verfügung. Bevor man mit digitalisierten Quellen aber genauso komfortabel arbeiten kann, wie mit digital-born Dokumenten, sind zahlreiche komplexe Verarbeitungsschritte und technische Herausforderungen zu meistern. Im QURATOR Teilprojekt „Automatisierte Kuratierungstechnologien für das digitalisierte kulturelle Erbe“ beschäftigt sich die Staatsbibliothek zu Berlin mit zwei dieser grundsätzlichen Herausforderungen: Zum einen soll die Qualität der Digitalisierung durch KI-basierte Verfahren  verbessert werden, zum anderen soll die Effizienz der Kuratierung mithilfe automatisierter Verfahren deutlich steigen. Ziel ist es, dass künftig mehr Dokumente schneller und besser erschlossen und damit auch leichter recherchierbar werden.

Welche Anwendungsszenarien werden konkret entwickelt?

Konkret haben wir in QURATOR mit den Arbeiten an drei Kernaufgaben begonnen:

  1. Für die Qualitätsverbesserung ist es wichtig, überhaupt erst einmal zu verstehen, wo die Probleme auftreten und welche Stellschrauben zur Verfügung stehen. So werden in einem ersten Schritt sämtliche Metadaten und Volltexte der an der Staatsbibliothek zu Berlin vorhandenen Digitalisate untersucht um durch Clustering und Profiling Problemklassen zu identifizieren. In einem nächsten Schritt werden die für die Problemklassen entscheidenden Merkmale extrahiert und spezifisch dafür Lösungen entwickelt.
  2. Die Strukturerkennung stellt einen weiteren entscheidenden Schritt in der Dokumentenanalyse dar. Hierbei geht es darum Strukturen des Layout wie bspw. Spalten, Überschriften, Marginalien und dergleichen zu erkennen und als solche zu klassifizieren. Dafür werden aktuell Convolutional Neural Networks (CNN) auf der Basis von ResNet-50 trainiert.
  3. Auch im Bereich der Eigennamenerkennnung (Named Entity Recognition, NER) nutzen wir die Möglichkeiten der KI. Während bisherige Ansätze eher statistisch oder regelbasiert arbeiten, setzen wir hierfür auf Bidirectional Encoder Representations from Transformers (BERT), ein von Google auf Millionen von Texten vortrainiertes Neuronales Netz bzw. Modell, das nun auf den Digitalisaten der Staatsbibliothek zu Berlin für die Besonderheiten der historischen Rechtschreibung im Deutschen nachtrainiert wird.

Welche Innovationen verbinden sich damit?

Die zu erwartenden technologischen Innovationen bestehen in erster Linie darin, die vielversprechenden Ansätze aus dem Bereich der KI/des maschinellen Lernens auf die besonderen Anforderungen von historischen Dokumenten zu adaptieren. Da hierbei insbesondere die Verfügbarkeit von großen Mengen von Trainingsdaten eine wichtige Rolle spielt, ist die Staatsbibliothek zu Berlin aber mit aktuell rund 2,5 PetaBytes an Daten gut gerüstet.

Aktuell arbeiten wir bereits in weiteren Forschungsprojekten mit Technologien wie Künstlicher Intelligenz – so z.B. in dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt OCR-D. Dort werden momentan im Bereich der Texterkennung (OCR) dank KI Durchbrüche erzielt, die vor wenigen Jahren noch undenkbar waren, wie bspw. die qualitativ hochwertige Verarbeitung von historischen Drucken oder sogar die automatische Erkennung von Handschriften.

Wie sieht die Bibliothek der Zukunft aus?

Vom Bücherspeicher zur Informationsinfrastruktur: Bibliotheken sind wie kaum ein anderes Feld vom digitalen Wandel betroffen. Die Digitale Transformation krempelt dabei viele etablierte Geschäftsprozesse einer Bibliothek grundlegend um. An die Stelle von unstrukturierten Daten sollen schlussendlich strukturierte Inhalte treten.

Darüber hinaus gibt es mit dem Forschungsbereich der „Digital Humanities“ seit einigen Jahren einen stark wachsenden Kreis von Forscher*innen, die mit großen Mengen von digitalisierten Beständen aus dem Kulturbereich und digitalen Methoden an neuen Forschungsfragen arbeiten. Die Staatsbibliothek zu Berlin erweitert hier konsequent ihre Kompetenzen und baut auch entsprechende Partnerschaften auf und aus.

Vorschau: „Von der Zukunft zurück in die Vergangenheit: Im nächsten Beitrag beleuchten wir die Geschichte der Automaten und den Maschinenglauben der Menschen aus der Frühen Neuzeit – sozusagen die ersten Experimente auf dem Weg zur Künstlichen Intelligenz.“

Künstliche Intelligenz in Kunst und Kultur

Ein Beitrag aus unserer Reihe Künstliche Intelligenz zum Wissenschaftsjahr 2019

Künstliche Intelligenz (KI) und Kunst sowie Kultur sind schon seit langer Zeit untrennbar miteinander verbunden: Literarische Werke wie E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann oder Mary W. Shelleys Frankenstein rekurrierten schon vor über 200 Jahren auf den Topos künstlich belebter und – mehr oder weniger – intelligenter Wesen. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich das Verhältnis von KI und Kunst nochmals verändert. In großen Blockbustern wie Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum wird Künstliche Intelligenz in einer noch nie zuvor dagewesenen Art und Weise ins Bild gesetzt. Künstliche Intelligenz wird darüber hinaus insbesondere in den Geistes- und Kulturwissenschaften zunehmend als Werkzeug zur Erschließung von Kunst genutzt und Künstliche Intelligenz ist nicht zuletzt selbst zu einer Quelle von Kunstwerken geworden.

Künstliche Intelligenz im Film

„Morpheus: What is real? How do you define ‘real’?
If you’re talking about what you can feel, what you can smell, what you can taste and see,
then ‘real’ is simply electrical signals interpreted by your brain.“
(Matrix, 1999, Quelle: https://www.imdb.com/title/tt0133093/quotes/qt0324251)

Filmszene aus Matrix, Bild: MATRIX, THE (1999). – Quelle: Britannica ImageQuest @ ROADSHOW FILM LIMITED / Album / Universal Images Group

Nicht erst seit dem überraschenden Kinoerfolg von Matrix ist KI ein gängiger Topos im Film. Bereits im Stummfilmklassiker Metropolis von 1927 wird der Roboter Maria zur Filmikone schlechthin und prägend für die Filmgeschichte. Mit KI ausgestattete Roboter tauchen danach auch im Tonfilm regelmäßig auf. Immer wieder stellt sich dabei die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Maschine wie zum Beispiel Ridley Scotts stilbildendes Werk Blade Runner aus dem Jahr 1982 zeigt. Lange Zeit dominierten dabei Dystopien, in der Künstliche Intelligenz die Menschheit bedroht (2001: A Space Odyssey, 1968; Terminator, 1984) oder gar – wie in der Matrix-Trilogie – bereits die Macht über die Menschen gewonnen hat. In neueren filmischen Auseinandersetzungen (A.I. – Künstliche Intelligenz, 2001; I, Robot, 2004; WALL-E, 2008; Her, 2013; Ex Machina, 2014) wird der KI zunehmend ein eigenes Bewusstsein zugesprochen und es werden mitunter große Fragen verhandelt, wie etwa welche Rechte eine KI eigentlich hat.

Die Darstellung von Künstlicher Intelligenz im Film gibt damit Aufschluss über die aktuelle gesellschaftliche Diskussion über KI. Gleichzeitig beeinflussen Filme und andere Kunstwerke diese Diskussionen, indem sie die Vorstellungen über KI formen und verändern. Am Ende bleibt die Darstellung von KI aber vor allem eines: Eine unterhaltende Fiktion.

Künstliche Intelligenz als Werkzeug der Geistes- und Kulturwissenschaften

Inzwischen lässt sich gut beobachten, dass KI zunehmend auch von Kultureinrichtungen wie Museen eingesetzt wird, um die eigenen Bestände – meist Fotosammlungen – zu erschließen. So nutzte beispielsweise das MoMA gemeinsam mit dem Google Arts & Culture Lab Machine Learning, um Kunstwerke auf Ausstellungsfotografien zu identifizieren und mit den Kunstwerken zu verknüpfen: Ein Algorithmus suchte in über 30.000 Ausstellungsfotografien in Abgleich mit den 65.000 Bildern der Online-Sammlung nach passenden Treffern.  20.000 Matches kamen dabei heraus und bieten nun den Besucher*innen der Online-Sammlungen umfassende Informationen nicht nur zum Objekt, sondern auch zum jeweiligen Kontext, in dem das Kunstwerk über die Jahre hinweg ausgestellt wurde (hier am Beispiel von Paul Cezannes The Bather https://www.moma.org/collection/works/78296?).

Auch das Metropolitan Museum of Art möchte seine digitalen Bestände durch die Zuhilfenahme von KI weltweit noch stärker vernetzen. Dafür sind nicht nur sämtliche Daten frei verfügbar, sondern es wurden im Rahmen eines Hackathons in Zusammenarbeit mit Microsoft und dem MIT erste KI-Prototypen entwickelt. Der Prototyp Storyteller zeigt beispielsweise passende Gemälde aus der Met Sammlung zu einer gesprochenen Geschichte oder einem Gespräch an. Mit dem Prototyp My Life, My Met werden Instagram-Fotos von Mahlzeiten mit passenden Gemälden aus der Sammlung verknüpft.

Doch nicht nur in Museen wird KI verwendet: Besonders große digitale Bildbestände eignen sich für den Einsatz von KI. So ist das Fotoarchiv der New York Times mit geschätzten 5 bis 7 Millionen Fotos ein enormer historischer Schatz mit großem Wert für die Zeitgeschichte. Sämtliche Bilder werden aktuell digitalisiert und mittels KI-Tools von Google analysiert: Gedruckte und handgeschriebene Texte (meist mit Informationen zum Aufnahmedatum, Aufnahmeort und Veröffentlichungshinweisen) auf beiden Seiten des Fotos werden erkannt und extrahiert. Außerdem sorgt die Bilderkennung für eine Kategorisierung und damit für eine einfachere Auffindbarkeit. KI sorgt in diesem Fall also erst für einen digitalen Zugang zum historischen Bildarchiv.

Künstliche Intelligenz als Quelle von Kunst

The Next Rembrandt by ING Group (CC BY 2.0), via flickr; Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/; Quelle: https://www.flickr.com/photos/inggroup/25681990573/in/photostream/

Die wohl spannendsten Entwicklungen im Bereich Kunst und KI sind sicherlich die, in denen mit Hilfe von KI selbst Kunst erschaffen wird. War und ist Kunst lange mit einer menschlichen schöpferischen Tätigkeit verbunden, werfen Kunstwerke – erschaffen von KI – nicht nur rechtliche Fragen zum Urheberrecht auf. (Vgl. Die Maschine als Urheber? Gastbeitrag von Dr. Robert Heine und Julia Schafdecker) Vielmehr werden ganz grundsätzliche gesellschaftliche Annahmen rund um das Verhältnis von Original und Reproduktion in Frage gestellt. Dies zeigt beispielsweise das Projekt The Next Rembrandt. Hier hat KI einen scheinbar echten Rembrandt hervorgebracht. Über Trainingsdaten in Form von echten Rembrandt-Porträts und Trainings in der Maltechnik Rembrandts (inkl. Berechnung der Pinselstrichstruktur) konnte ein neuer „Rembrandt“ im 3D-Druck erschaffen werden.

Auch das AICAN (Artificial Intelligence Creative Adversarial Network) arbeitet mit KI. Auf Basis unzähliger Trainingsbildern – insgesamt über 100.000 Kunstwerke der westlichen Kunst aus über fünf Jahrhunderten –   wurde die Software dazu gebracht, selbstständig kreativ zu werden und eigene Kunstwerke (Digitaldrucke auf Aluminium oder Leinwand) zu erschaffen. AICAN ist eine Softwareinitiative, die von Ahmed Elgammal, Professor für Informatik und Gründungsdirektor des Art and Artificial Intelligence Lab der Rutgers Universität, ins Leben gerufen wurde.

Der Berliner Künstler Roman Lipski arbeitet ebenfalls mit einer KI namens A.I.R., entwickelt von Florian Dohmann, an seinen Kunstwerken. KI funktioniert hier als Inspirationsquelle: Die KI analysiert seine bisherigen Bilder, setzt diese neu zusammen und macht so dem Kunstschaffenden neue Vorschläge. Der Münchner Künstler Mario Klingemann nutzt hingegen für seine so genannten Neurographien Deep-Learning-Algorithmen, mit denen er halb-autonome Bilder und Filme entstehen lässt.  Seine Werke wurden schon im Museum of Modern Art New York, Metropolitan Museum of Art New York oder dem Centre Pompidou Paris gezeigt.

Obvious “Edmond de Belamy”, Bild: Christie’s, Quelle: https://www.christies.com/img/LotImages/2018/NYR/2018_NYR_16388_0363_000 (edmond_de_belamy_from_la_famille_de_belamy).jpg, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73886038

Dass KI-Kunst schon längst den etablierten Kunstmarkt erreicht hat, wurde spätestens 2018 deutlich: Beim Aktionshaus Christie’s wurde das Porträt „Edmond de Belamy” für 432.500 Dollar versteigert. Das Porträt wurde mittels KI erschaffen. Das französische Künstlerkollektiv Obvious hatte die Idee dazu und trainierte die KI mit 15.000 klassischen Porträts vom 14. bis zum 20. Jahrhundert. Signiert wurde das Bild übrigens mit einem Ausschnitt aus dem Algorithmus.

Ob Hype, Zukunftsvision oder Marketing-Aktion: Die Beispiele zeigen, dass KI längst in Kunst und Kultur angekommen ist. Ob KI die Kunst- und Kulturlandschaft in Zukunft dominieren wird, bleibt abzuwarten. Klar ist aber, dass KI auch diesen Lebensbereich beeinflussen wird. Fragen nach Kunst und Kreativität im Zusammenspiel mit eigener Subjektivität sowie neue Konzepte der Autorschaft, die die Wahrnehmung und die Produktion von Kunst beeinflussen, werden auch in Zukunft eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Diskurs über Künstliche Intelligenz spielen.

 

Referenzen:

Aufzeichnung: Digitaler Salon – Zahlen, die malen, Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG),  verfügbar unter: https://youtu.be/t74HlOVFW-I

Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld: Digitaler Humanismus: Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, München: Piper 2018. http://stabikat.de/DB=1/XMLPRS=N/PPN?PPN=1019191635

Fiorella Battaglia und Nathalie Weidenfeld: Roboethics in film: [Workshop “RoboEthics in Film” held in Munich on the 28th and 29th of February 2014], Pisa: Pisa University Press 2014. http://stabikat.de/DB=1/XMLPRS=N/PPN?PPN=799896292

Regelmäßige Informationen über KI in Kunst und Kultur: https://kulturimweb.net/

 

Vorschau: Im nächsten Beitrag stellen wir unser neues Projekt QURATOR vor – dabei geht es um Künstliche Intelligenz für die Wissensarbeit!

Episodes

Stimmen der Bibliothek: Künstliche Intelligenz, Robotik und Maschinenethik

Ein Beitrag aus unserer Reihe Künstliche Intelligenz zum Wissenschaftsjahr 2019

Ein Interview mit Prof. Dr. Oliver Bendel (informationsethik.net)

Künstliche Intelligenz (KI) wird zum Bestandteil unseres Arbeits- und Lebensalltags: Intelligente Objekt- und Mobilitätssteuerung, kooperative Roboter in der Industrie, KI bei der Sprachsteuerung mittels Assistenten, bei der Analyse unseres Online-(shopping-)Verhaltens oder als Bestandteil (teil-)autonomer Fahrzeuge. Manches fährt erkennbar daher, Einiges bleibt für viele von uns schwer zu erkennen und zu durchdringen.

Zu verbreiteten Lösungen in Produktion und Logistik treten vermehrt Szenarien und Anwendungen aus dem Service- und Dienstleistungsbereich hinzu: KI im Personalmanagement, bei der Verbrechensbekämpfung oder in Medizin, Pflege und Therapie, ergo Bereichen mit starken sozialen Interaktionen sowie besonderen Anforderungen an Datenschutz und Privatheit.

Wo stehen wir im Bereich der KI und sozialen Robotik, welche Auswirkungen kann dies auf die Gesellschaft bringen und welche Bedeutung spielen hierbei ethische Grundsätze?

Hören Sie im Interview mit Oliver Bendel, Professor für Wirtschaftsinformatik, Roboterphilosoph und Sachverständiger des Deutschen Bundestages, wie KI-Entwicklungen unser Leben bestimmen (werden) und wie sie Gegenstand in Forschung und Lehre sind.

Das Gespräch wurde am 21. Mai 2019 von Heinz-Jürgen Bove, Fachreferent für Sozialwissenschaften an der Staatsbibliothek zu Berlin, durchgeführt.

Weiterführende Links:

Gesichtserkennung am Südkreuz
Sozialkredit-Systeme
Stanford Robo Cop
Uncanny Valley
Boston Dynamics
Einstein-Born-Briefwechsel
Ron Arkin
Berliner Kolloquium Pflegeroboter
Armin Grunwald
Susan Leigh Anderson & Michael Anderson
Paro
Operationsroboter
Robear (Rieken)
Pepper
Enquetekommission KI des Bundestages
Uni-Klinikum Halle testet Pflegeroboter
Google Duplex
Goodbot, Liebot, Bestbot
Cleverbot
Google Assistant
Hiroshi Ishiguro
Joi (Blade Runner)
Gatebox
Mann heiratet Hologramm

 

Vorschau: Im nächsten Beitrag knüpfen wir an die historischen Vorläufer zur KI an, über die wir im Juni schon berichtet haben, und beleuchten die Thematik im literarischen Werk von E.T.A. Hoffmann.