201 Jahre künstliche Intelligenz: Die Kreatur des Victor Frankenstein

Ein Beitrag aus unserer Reihe Künstliche Intelligenz zum Wissenschaftsjahr 2019

Frankensteins Monster kommt langsam auch in die Jahre. Im vergangenen Jahr hätte Mary Shelleys gelbäugige, ungeschlachte, mörderische und zugleich tragisch  geschundene Kreatur ihren 200. Geburtstag gefeiert. Frankenstein; or, the Modern Prometheus (eine sehr schöne und rundum zitierfähige neuere Ausgabe ist diese hier), vielleicht einer der literarhistorisch und populärkulturell einflussreichsten englischsprachigen Romane überhaupt, wurde am 1. Januar 1818 erstmals publiziert. Das Monster,„the world’s most rewarding metaphor“ (Frances Wilson, „Frankenstein’s metaphor: The literary creation that continues to live“, Times Literary Supplement , 13.3.2018), musste als Interpretament im Lauf der Zeit für so ziemlich alles Erdenkliche herhalten: Für den Gottkomplex, die Chartistenbewegung und die Gräuel der Sklaverei, für nicht-normative Maskulinitäten auf dem Weg des Home Makers, für Nature vs. Nurture und die postnatale Depression, für Vulkanausbrüche, Tschernobyl und den Brexit. Vor allem aber ist Frankensteins Monster die wohl berühmteste und vielschichtigste Darstellung einer künstlichen Intelligenz, die die englische Literatur zu bieten hat.

Doomsday-Potenzial

Die Politikwissenschaftlerin und Frankensteinologin Eileen Hunt Botting zeigt in einem kürzlich erschienenen Aufsatz eindrücklich auf, wie frappierend die Parallelen zwischen Mary Shelleys schniefend stapfendem Ungetüm und künstlichen neuronalen Netzen im Sinne des Deep Learning sind: Das Monster ist nichts als ein von einem nächtlichen Blitzschlag zum Leben erwecktes Konglomerat aus unförmigen Haut-, Knochen- und sonstigen Geweberesten, aber während es aus der Ferne die häusliche Idylle der Familie De Lacey beobachtet, lernt es völlig von selbst, Mimik und Sprache zu lesen und zu interpretieren. Es lernt Fremdsprachen und versucht sich in einer frühen Form von Machine Translation. Es kontrolliert die proto-robotischen Bewegungen seines ungelenken Körpers und es zettelt strategische Spiele an, um unbemerkt in Interaktion mit der menschlichen Gesellschaft zu treten, deren  Mitglied es so gerne sein möchte. Die Bits und Bytes der KI des 21. Jahrhunderts haben quasi ihren Vorläufer in dem Zellhaufen, den Victor Frankenstein, ohne Zuhilfenahme irgendeines göttlichen Odems, einst zusammenkleisterte. Und die Schneise der Verwüstung, die das Monster im Lauf des Romans leider hinter sich lässt, passt zu der existentiellen Bedrohung der Menschheit, dem Doomsday-Potenzial, als das die künstliche Intelligenz des Heute und Morgen vielfach gelesen wird.

Charles Darwin avant la lettre

Frankenstein kann kultur- und literarhistorisch natürlich aus einer Vielzahl an Blickwinkeln betrachtet werden. Wesentlich für Mary Shelley, die die Story des Romans übrigens in einem katastrophal verregneten Sommerurlaub am Genfer See im „Year Without a Summer“ 1816 (der Vulkan Tambora in Indonesien war ausgebrochen, und seine Aschewolke hatte die Welt in Finsternis und Kälte gestürzt) ihrem Mann Percy und dem gemeinsamen Freund Lord Byron – beide waren berühmte und gelegentlich auf Krawall gebürstete romantische Lyriker – erzählte, waren unter anderem der Einfluss von William Lawrence und die Tradition der Gothic Novel, des englischen Schauerromans. Lawrence war zeitweise der Hausarzt der Shelleys und sorgte für diverse Skandale und Eklats, weil er in seinen Lectures on Physiology, Zoology, and the History of Man (auf Papier bei uns im Magazin, online kostenfrei bei HathiTrust) die Idee verbreitete, dass Leben durch Moleküle und chemische Reaktionen entsteht und nicht durch göttliche Intervention. Charles Darwin avant la lettre sozusagen – und mit der Lesart von „Leben“ als etwas rein Physisch-Empirischem eine wichtige gedankliche Voraussetzung für die Idee, dass Leben und Intelligenz auch künstlich erschaffen werden können.

Doppelgänger-Topos und Transhumanismus

Literarhistorisch betrachtet steht Frankenstein in der Tradition der Gothic Novel, des Schauerromans, der mit Horace Walpoles eher kindlich-plakativem Castle of Otranto (1764) seinen Anfang nahm und sich dann mit William Godwins mühsamem Caleb Williams (1794), Matthew Gregory Lewis’ fürchterlichem The Monk (1796), den klischeetriefenden, aber kompromisslos unterhaltsamen Romanen von Ann Radcliffe und dann später Charles Maturins grandiosem und tragischem Melmoth the Wanderer (1820) sowie James Hoggs bluteinfrierenden und spektakulär lesenswertem The Private Memoirs and Confessions of a Justified Sinner (1824) zu allerlei Höhen aufschwang. Gothic Novels funktionieren nach einem bestimmten Schema, und es gibt diverse gemeinsame Nenner, die sie, wenn man ein paar davon gelesen hat, so vertraut machen wie neuzeitliche Horrorfilme: Es geht normalerweise um religiöse Transgression, allerlei Perversitäten, vermoderte Burgen, bedrohte Jungfrauen, Mord und Totschlag (zumindest manchmal), sadistische Mönche, den wandernden Juden und das Motiv der Verfolgung. Letzteres geht oft einher mit dem Doppelgänger-Topos: Der eine Doppelgänger verfolgt den anderen, so bei Frankenstein, Melmoth, Caleb Williams und Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „William Wilson“. Was hat das alles mit künstlicher Intelligenz zu tun? Ganz zentral ist das mal subtile, mal sehr manifeste Gefühl der Bedrohung durch eine Art Mensch, die zwar aussieht wie ein Mensch, aber keiner ist: „Transhumanismus“ in einer Zeit, in der man noch nicht an Roboter dachte.  Maturins Melmoth ist ein entmenschter Wiedergänger, Hoggs Gil-Martin ein menschenähnlicher Teufel, Poes einer Wilson mutmaßlich das Hirngespinst des anderen Wilson. Alle machen uns Angst. Noch deutlicher wird es dann bei Robert Louis Stevensons Mr Hyde aus „The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ (1886): Mittels „Transcendental Medicine“ macht sich Dr Jekyll selbst zu einer Art Transhomunculus, sein Alter Ego Hyde übertrifft ihn nicht nur an (gänzlich künstlicher) Intelligenz, sondern auch an Skrupellosigkeit und Enthemmtheit bei Weitem. Die Reihe ließe sich fortsetzen bei H. G. Wells’ The Island of Doctor Moreau (1896), in dem auf recht haarsträubende Art Pumas und andere wilde Tiere zu künstlich intelligenten Menschen gemacht werden – die Geschichte ist insgesamt eher unerfreulich und geht erwartungsgemäß nicht gut aus.

Frankenstein Complex

Aber nochmal kurz zurück zu Frankenstein. Mary Shelleys Stoff hat über die Jahre und Jahrzehnte zahllose Bearbeitungen in allen medialen Formen erlebt. Richard Brinsley Peakes Theaterstück  Presumption, das erstmals Frankensteins später unvermeidlichen Diener Fritz (oder Igor) einführte, war 1823 die erste. Bemerkenswert unter den Bearbeitungen der letzten Jahre ist Robert Harris’ Roman The Fear Index (2011) – noch nicht bei uns im Bestand, aber hoffentlich bald – in dem im Sinne eines „Frankenstein Complex“ die Parallele zu einer künstlichen Intelligenz gezogen wird, die eigentlich Hedgefonds-Investments perfektionieren soll, aber außer Kontrolle gerät und ihre Schöpfer zerstört. Isaac Asimovs „Laws of Robotics“, die Regeln formulieren, mit denen künstliche Intelligenzen in Schach gehalten werden sollen, um einen „Frankenstein Complex“ (der Begriff stammt von Asimov) zu verhindern, werden hier klar durchbrochen.

Lektüretipps

Abschließend noch ein paar Hinweise zum Weiterlesen: Eine umfassende annotierte Faksimileausgabe von Mary Shelleys Werken ist in der Reihe Pickering Masters erschienen und steht bei uns im Lesesaal. Literatur zur Gothic Novel finden Sie bei uns zuhauf – wenn Sie nur ein einziges Werk zum Thema lesen wollen, nehmen Sie bitte David Punters The Literature of Terror, ein wirklich inspirierendes Buch. Ein Best-Of zur Frankenstein-Literatur in der Stabi finden Sie hier. Wenn es mehr zum Thema Künstliche Intelligenz in der englischsprachigen Literatur sein soll, starten Sie hier. Und zum Schluss noch eine Empfehlung: Lesen Sie Ian McEwans Machines Like Me and Peope Like You, dieses Jahr frisch publiziert. Es lohnt sich.

 

Vorschau: Im nächsten Beitrag wenden wir unseren Blick wieder dem KI-Forschungsprojekt Qurator zu – erste Ergebnisse aus den Bereichen Texterkennung, Layoutanalyse und Eigennamenerkennung sind vielversprechend!

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