Beiträge für Forschung und Kultur

Bibliotheksmagazin, Cover der Ausgabe 2/20, Sandra Caspers, Staatsbibliothek zu Berlin-PK - Lizenz: CC-BY-NC-SA-3.0

Trotz Corona – die Sommerausgabe des Bibliotheksmagazins erscheint!

Es waren erschwerte Bedingungen, unter denen die Redaktionen in Berlin und München und mit ihnen die 20 Autorinnen und Autoren das BM 2/20 realisiert haben. Umsomehr freuen wir uns, dass das Heft wie gewohnt herausgegeben werden konnte und danken allen, die aus ihrem Homeoffice daran mitgewirkt haben.

Das Bibliotheksmagazin mit Mitteilungen aus den Staatsbibliotheken in Berlin und München wird herausgegeben von Dr. h.c. (NUACA) Barbara Schneider-Kempf und Dr. Klaus Ceynowa. Es liegt im Foyer des Hauses Am Kulturforum, Potsdamer Straße 33, aus.

Einen ortsunabhängigen Zugang bietet die digitale Version des Bibliotheksmagazins als PDF-Datei zum Herunterladen:
http://staatsbibliothek-berlin.de/die-staatsbibliothek/publikationen-der-staatsbibibliothek/bibliotheksmagazin/

Kartenausschnitt: Berghaus' physikalischer Atlas. - Gotha, 1886. Signatur: 2" Kart. W 183-1

Belfast – Berlin

Zum 100. Geburtstag der Künstlerin und Kinderbuchautorin Elizabeth Shaw

Hogan, W. D.: [Robinson and Cleaver [department store] Belfast, decorated for the visit of the King and Queen to open the Ulster Parliament]. National Library of Ireland. Signatur: HOGW 184

Hogan, W. D.: [Robinson and Cleaver [department store] Belfast, decorated for the visit of the King and Queen to open the Ulster Parliament].
Image Courtesy of the National Library of Ireland. Signatur: HOGW 184

Vor hundert Jahren, am 4. Mai 1920 wurde Elizabeth Shaw in Belfast, Irland, geboren. Während die politischen und religiösen Unruhen in ihrer Geburtsstadt in dieser Zeit wieder zunahmen und im Bürgerkrieg endeten, war ihr Elternhaus liberal – in politischer, religiöser und auch pädagogischer Hinsicht. Elizabeth und ihre beiden Geschwister durften alles lesen, was sich im Haus befand: von den Zeitungen (auch der satirischen Londoner Wochenzeitschrift Punch) bis zu den Liebesbriefen der Eltern. Und an verregneten Sonntagen ließ der Vater die Kinder auch schon einmal im Schalterraum der Bank, die er leitete, Rollschuh laufen.
Zusammen mit ihrer großen Schwester und daher ein Jahr zu früh wurde Elizabeth Shaw 1924 in die protestantische Belfast Royal Academy eingeschult. Diese vornehmlich auf die Vermittlung der schönen Künste ausgerichtete Schule besuchte sie bis zur Übersiedelung der Familie nach England. (Ihre feste Absicht, Künstlerin zu werden, soll die kleine Elizabeth bereits zum Zeitpunkt der Einschulung verkündet haben, so ist aus Familienerzählungen überliefert.)
1933 zog Familie Shaw nach Bedford, und Elizabeth vermisste ihre irische Heimat. Fünf Jahre später nahm sie ein Studium an der Chelsea School of Arts in London auf, wurde jedoch Anfang 1941 zum Kriegsdienst einberufen und arbeitete zunächst als Mechanikerin in einer Telefonzentrale, später wurde sie als Schriftmalerin eingesetzt. (Einer ihrer Aufträge bestand im Aufmalen einer Notrufnummer auf die Wand eines unterirdischen Bunkers über dem Bett von Winston Churchill.) In den späten 1930er / frühen 1940er Jahre stellten sich die Weichen für Elizabeths weiteren Lebensweg: Über einen Kommilitonen kam sie in Kontakt mit der kommunistischen Bewegung, zeichnete für die linke kulturelle Monatszeitschrift „Our Time“, lernte 1942 René Graetz, einen im Londoner Exil lebenden deutschen Bildhauer und Maler kennen, den sie 1944 heiratete. René Graetz arbeitete u.a. mit Begeisterung für den 1939 auf Initiative deutscher Kommunisten in London gegründeten Freien Deutschen Kulturbund in Großbritannien (FDKB), der als Vorläufer des Kulturbundes der DDR angesehen werden kann. (Im Nachrichtenblatt „Freie deutsche Kultur“ des FDKB hinterließ auch Elizabeth Shaw 1944 eine künstlerische Spur.) In diesem Zusammenhang reifte in René Graetz der Entschluss, zusammen mit anderen Emigranten nach dem Krieg nach Deutschland überzusiedeln.
Von den vier Besatzungsmächten waren die Russen die ersten, die bereits im Herbst 1946 Einreisevisa – vor allem für kommunistische Flüchtlinge – ausstellten. Und so zog das junge Ehepaar im Oktober 1946 nach Berlin, zunächst nach Charlottenburg, dann nach Zehlendorf und schließlich 1949 – nach der Gründung der zwei deutschen Staaten und unterschiedlicher Währungen – nach Kleinmachnow, in räumlicher Nähe zu Zehlendorf und den dortigen Bekannten, aber mit der Möglichkeit, das vornehmlich in Ost-Mark verdiente Geld direkt nutzen zu können. René Graetz, dessen Malstil nicht dem sozialistischen Realismus entsprach, quälte sich vergeblich mit der Produktion des politisch Gewünschten und verlegte sich schließlich wieder auf die Bildhauerei. In Pankow fand er ein Bildhaueratelier sowie eine unweit gelegene Wohnung, und die inzwischen vierköpfige Familie beantragte erfolgreich den „Zuzug“ zurück nach Berlin. Den Kindern, Anne (*1948) und Patrick (*1950 †2006), erging es in der engen, dunklen Stadtwohnung zunächst nicht gut, und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war für Elizabeth Shaw Anfang der 1950er Jahre schwierig.

Shaw, Elizabeth: Der kleine Angsthase. Weinheim, 2020. © Beltz Verlag

Shaw, Elizabeth: Der kleine Angsthase. Weinheim, 2020. © Beltz Verlag [Erstaufl. Berlin, 1963]

Bis 1950, als die Satirezeitschrift Ulenspiegel ein Opfer des kalten Krieges wurde und ihr Erscheinen einstellen musste, hatte die Künstlerin begeistert für das linksorientierte politische Satireblatt gearbeitet. Die Arbeit für die Zeitung Neues Deutschland, die zwar ein attraktives monatliches Fixum bot, gestaltete sich aufgrund der mangelnden Sprachkenntnisse der Karikaturistin und der gleichzeitig geforderten hohen Produktionsgeschwindigkeit schwierig. Im Laufe des Jahres 1953 zog sich Elizabeth Shaw daher allmählich davon zurück und begann, freiberuflich für verschiedene Zeitschriften sowie als Buchillustratorin zu arbeiten. Das bedeutete zunächst zwar einen finanziellen Nachteil, gab ihr jedoch gleichzeitig die Gelegenheit, unkomplizierter für ihre Kinder sorgen und sich zugleich künstlerisch weiterentwickeln zu können.
Ein erstes Kinderbuch illustrierte Elizabeth Shaw 1951 für Friedrich Wolf, der sie um Bilder für seine Tiergeschichten gebeten hatte (Berlin: Holz 1951). Danach konzentrierte sie sich jedoch vorwiegend wieder auf Karikaturen, arbeitete u.a. für den Aufbau-Verlag und dessen kulturelle Monatsschrift Aufbau sowie für die einzige Satirezeitschrift der DDR, den Eulenspiegel. Mit Portraitkarikaturen der Riege der Literaten, die am IV. Deutschen Schriftstellerkongress 1956 in Berlin teilnahmen, begann die Künstlerin ihre nur kurz währende „Portraitphase“, wie sie in ihrer Autobiographie bekannte. Zusammen mit Versen von Paul Wiens erschien der Band Zunftgenossen: Kunstgefährten noch im selben Jahr im Aufbau-Verlag. Die Deutsche Akademie der Künste wurde aufmerksam und beauftragte sie mit der Anfertigung von Portraits aller rund 40 Mitglieder.

Shaw, Elizabeth: Gittis Tomatenpflanze. Weinheim, 2017. © Beltz Verlag [Erstaufl. Berlin, 1964]

Shaw, Elizabeth: Gittis Tomatenpflanze. Weinheim, 2017. © Beltz Verlag [Erstaufl. Berlin, 1964]

Im Rahmen des Schriftstellerkongresses hatte sie auch Bertolt Brecht skizziert und dessen Gattin, Helene Weigel, kennengelernt. Nach Brechts Tod kam die Schauspielerin und Intendantin auf Elizabeth Shaw zu und bat sie, anlässlich des 60. Geburtstages von Bert Brecht einige von dessen unveröffentlichten Gedichten für Kinder zu illustrieren. Das dünne Bändchen Gedichte und Geschichten erschien im 60. Geburtsjahr Brechts (Berlin: Volk und Wissen 1958) und wurde in der Rubrik Kinderbücher als „Schönstes Buch des Jahres 1958“ ausgezeichnet. Nach dem von ihr illustrierten Band von Christian Fürchtegott Gellerts Fabeln (Berlin: Aufbau-Verlag 1956) war dies bereits die zweite Auszeichnung dieser Art.

Ein erstes Bilderbuch, zu dem sowohl die Idee als auch die Bilder von Elizabeth Shaw stammten, erschien nur ein Jahr später, 1959, unter dem Titel Das Mädchen Max und 10x Fax bei Alfred Holz. Die Verse hatte Viktor Mika verfasst.
Mit Der kleine Angsthase (Berlin : Kinderbuchverl., 1963) begann die Künstlerin, Bilderbücher komplett selbst zu erarbeiten. Ihre Begabung, sich in Kinder hineinzuversetzen, half ihr nicht nur bei der Illustration, sondern ermöglichte ihr auch, kindgerechte Geschichten zu schreiben. Ihr Erstlingswerk mit eigenem Text und eigenen Bildern entstand in einer Situation, in der Elizabeth Shaw nicht nur der üblicherweise zugelieferten Texte überdrüssig war, sondern die Familie obendrein von Geldnöten geplagt wurde. Trotz anfänglicher Zweifel des Verlags gegenüber karikierenden Illustrationen und großen leeren Flächen im Bilderbuch erwies sich Der kleine Angsthase als ein solcher Erfolg, dass der Titel bis heute im Buchhandel erhältlich ist und in sieben Sprachen übersetzt wurde. 22 weitere eigene Bilderbücher folgten, von denen acht weitere als „Schönstes Buch des Jahres“ ausgezeichnet wurden.
Darüber hinaus erhielt Elizabeth Shaw 1975 den Kunstpreis der DDR, 1979 des Hans-Baltzer-Preis, 1981 den Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste und im selben Jahr auch den Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig.

Shaw, Elizabeth: Das kleine schwarze Schaf. Weinheim, 2017. © Beltz Verlag [Erstaufl. in Engl.: Dublin, 1985]

Shaw, Elizabeth: Das kleine schwarze Schaf. Weinheim, 2017. © Beltz Verlag [Engl.spr. Erstaufl. Dublin, 1985]

Durch ihren britischen Pass, den die Künstlerin 1954 zurückerhielt, sowie durch die Aufgabe der DDR-Staatsbürgerschaft Ende der 1960er Jahre war es ihr möglich, relativ frei zu reisen. Beinahe jährlich besuchte sie z.B. ab 1954 ihre Heimat Großbritannien. Mit der Familie fuhr sie seit 1952 gerne an die Ostsee. Zudem unternahm sie zusammen mit der Dichterin Berta Waterstradt beinahe 40 Städtereisen innerhalb der DDR. Das alles schlug sich in ihrem Werk nieder. Die Verse und Illustrationen zu den Städtereisen erschienen in unregelmäßigen Abständen in der Zeitschrift Das Magazin. 1969 arbeitete sie vorübergehend für ihren ehemaligen Arbeitgeber, die Zeitung Neues Deutschland, als Sonderkorrespondentin in Nordirland.
Als ihr Mann 1974 überraschend verstarb, waren die Kinder bereits groß, Elizabeth Shaw lebte fortan allein. Obgleich sie von der Umsetzung ihrer ursprünglichen kommunistischen Ideen im Sozialismus der DDR einigermaßen desillusioniert war, blieb sie in Berlin. Sie äußerte sich nicht politisch, ging ihrer Arbeit und ihren vielfältigen Interessen nach, begrüßte aber enthusiastisch den Fall der Mauer 1989. Freiheit war für Elizabeth Shaw stets ein sehr hohes Gut.
Nach einer Reihe von Schlaganfällen starb sie am 27. Juni 1992 in Berlin-Pankow, ihrer Wahlheimat seit 1950.

 

Shaw, Elizabeth: Wildschwein Walter. Weinheim, 2019. © Beltz Verlag [Erstaufl. Berlin, 1988]

Shaw, Elizabeth: Wildschwein Walter. Weinheim, 2019. © Beltz Verlag [Erstaufl. Berlin, 1988]

Weitere Lektüretipps:

Artshaw – Homepage der Kinder von Elizabeth Shaw für ihre Eltern
Beltz-Verlag – Autor*innenseite
The Irish Times – Artikel von Derek Scally: Elizabeth Shaw: unknown in Ireland but fondly remembered in Germany
Belfast-born artist’s story encompasses Churchill, communism and children’s books. – 03.01.2015
Rossipotti – Literaturlexikon für Kinder

Beethoven, Für Elise, enthalten in: "Eine Sammlung ausgewählter Klavierstücke fürs Haus", Band II (C.F. Kahnt, Leipzig, 1907), DMS 49121, Lizenz: CC-BY-NC-SA-3.0

Nicht nur “FÜR ELISE”

Dass Beethovens Musik ausgerechnet im Jahr seines 250. Geburtstages Menschen mobilisieren würde, um sich gegenseitig Mut zu machen und das Gemeinschaftsgefühl in Zeiten der weltweiten Corona-Krise zu stärken, hätte niemand geahnt.
Punkt 18 Uhr öffneten sich am 22. März 2020 die Fenster und wer kein Instrument spielte, der sang einfach mit. Von den Balkonen ertönte „Freude, schöner Götterfunken“, aber nicht nur dieses Schlüsselwerk Beethovens kam zu Gehör.
Die elfjährige Johanna meiner Nachbarsfamilie spielte den Ohrwurm „Für Elise“. Das Finale der Neunten Sinfonie ist für die junge Klavierschülerin zu schwer und sie spielte einfach das, was sie am besten konnte – jenes Klavierstück a-Moll, das allein schon wegen seines Titels der ambitioniert recherchierenden Musikfachwelt Rätsel aufgibt. Aber was ist dran an dieser Klavierkomposition, die es zu einer beträchtlichen Popularität brachte?

Die Zuschreibung des Werkes basiert auf zwei Skizzenvorlagen: Die erste Quelle beinhaltet eine 16taktige Skizze der Melodie, die aus dem Jahr 1808 stammt. Sie befindet sich im Skizzenbuch Landsberg 10, das in der Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin verwahrt wird. Die zweite Quelle – der ausgearbeitete Entwurf – befindet sich im Doppelblatt BH 116 des Beethoven-Hauses Bonn und ist dem Jahr 1810 zuzuordnen. Eine vollständige autographe Niederschrift des Klavierstückes „Für Elise“ gibt es nicht. Sie gilt als verschollen bzw. ist deren Existenz nur durch eine Fußnote in der Erstveröffentlichung von 1865 bei C. F. Kahnt überliefert. Der Beethovenforscher Ludwig Nohl (1831–1885) hatte eine Kopie von dem Originalmanuskript angefertigt, das sich in Münchner Privatbesitz befand. Nohl erhielt das Privileg für die Herausgabe des Werkes und gilt damit als Schlüsselfigur bei der Entdeckung des Werkes. Den entscheidenden Hinweis auf die Widmungsempfängerin gab er in seiner Briefausgabe (1867), die neben anderen Gelegenheitskompositionen auch das Klavierstück a-Moll enthält: „Für Elise am 27 April zur Erinnerung von L. v. Bthvn.“ Aber stammt diese Überschrift von Beethoven?

Das gefällige und leicht spielbare Klavierstück mit dem Beinamen Für Elise eroberte durch zahlreiche Ausgaben ab den 1890er Jahren die Welt der Hausmusiksalons, der Klavierschulen und Konzertsäle und niemand zweifelte an der Adressatin namens „Elise“. Erst durch eine Studie des Musikwissenschaftlers Max Unger im Jahr 1923, worin dieser behauptet, Nohl könnte sich verlesen haben, entstand die Frage nach der „wahren“ Widmungsträgerin. Aus „Elise“ wurde „Therese“, aber die wissenschaftlichen Belege sprechen gegen diese Annahme. Hängt die Popularität des Klavierstücks a-Moll vielleicht auch mit dem Mythos der Zueignung zusammen? In einer ominösen Geschichte liegt das Potential zu einem Mythos, der eine starke Faszination ausstrahlt. Hierbei handelt es sich um Phänomene mit alltagstauglichem Charakter, die sich über Epochen und Generationen hinwegsetzen. Da die wissenschaftlichen Disziplinen keine unmittelbaren Beweise liefern konnten, bleibt ein Mythos bestehen. Mythos. Elise – oder ist Elise ein Mythos? Das Ergebnis ist vieldeutig, wobei eines feststeht: Wenn das Geheimnis um den Namen eines Tages aufgrund neu aufgefundener Quellen gelüftet werden sollte, wird das Ergebnis an der außerordentlichen Popularität des Klavierstücks Für Elise nichts ändern. Beethovens Werk wird auch weiterhin großen und kleinen Klaviervirtuosen und -virtuosinnen nahe gebracht werden.

Ergänzend zur Beethoven-Ausstellung der Staatsbibliothek zu Berlin ist im Michael Imhof Verlag der Begleitband erschienen, der die Entstehungsgeschichte der Berliner Beethoven-Sammlung erzählt und in dem die Berliner Beethoven-Bestände unter die Lupe genommen werden.