Stabi goes Shellac – historische Tondokumente online
Wir setzen unsere Schellack-Blogreihe fort mit zwei Beiträgen zum Komponisten Walter Kollo (1878-1940), der die Berliner Unterhaltungsmusik zwischen 1907 und 1935 maßgeblich mitbestimmt hat.
Walter Kollo (Elimar Walter Kollodziezyski) kam am 28. Januar 1878 im ostpreußischen Neidenburg als Sohn eines Kaufmanns und einer Konzertpianistin zur Welt. Seine Kaufmannslehre brach er zur Enttäuschung seines Vaters ab und trat stattdessen in die Fußstapfen seiner Mutter, die sein musikalisches Talent fortan alleine unterstützte. Er nahm ein Studium der Kirchenmusik am Fürstlichen Konservatorium von Sondershausen auf, wo er das kompositorische Handwerk unter anderem bei Carl Schröder erlernte. Nach ersten beruflichen Stationen in Königsberg und Stettin zog er 1906 mit seiner Frau, der Chansonette Mizzi Josetti, und seinem zweijährigen Sohn nach Berlin, wo die junge Familie sich in eine Mietwohnung in der Potsdamer Straße am Bülowplatz einquartierte.
Anfangsjahre in Berlin
Zu Anfang zog Walter Kollo als Pianist durch die Varietés und einfachen Lokale im proletarischen Berliner Südosten, wo er die Bühnenshows am Klavier begleitete. Im Sommervarieté in der Hasenheide lernte er den Komiker und Liedtexter Hermann Frey (1876-1950) kennen. Zwischen beiden entwickelte sich eine fruchtbare Zusammenarbeit und Walter Kollo komponierte zunächst mehrere Tanzmelodien und Couplets auf Texte seines neu gewonnenen Freundes wie „Das Schmackeduzchen“, „Immer an der Wand lang“ (beide 1907) und „Komm hilf mir mal die Rolle drehn“, um nur einige zu nennen.
Audio anhören: „Immer an der Wand lang“

Platte Homokord, 1908
Audio anhören: „Komm hilf mir mal die Rolle drehn!“

Platte Ultima, ca. 1909
Walter Kollo und Claire Waldoff
Am Kabarett zum Roland von Berlin, das in unmittelbarer Nachbarschaft zu Kollos Wohnung lag, war die damals noch unbekannte Kabarettkünstlerin Claire Waldoff (1888-1957) engagiert und Walter Kollo ließ sich im Herbst 1907 dazu überreden, für sie ein Lied zu vertonen. „Das Schmackeduzchen“ wurde für beide zur Geburtsstunde ihrer musikalischen Erfolge in Berlin.
Claire Waldoff wechselte fortan ihr Repertoire und wurde als Sängerin weltberühmt mit den zahlreichen Couplets und Operetteneinaktern, die Walter Kollo für sie komponierte. Ebenso verhalf Claire Waldoff mit ihrer ‚kessen Schnauze‘, ihrem grölenden Organ und ihrer hinreißenden Komik den Liedern und Operetten Walter Kollos zum Erfolg. Beide verband eine lebenslange Freundschaft.
Claire Waldoff faszinierte das Berliner Publikum mit ihrer rauen Stimme, die in unerwartetem Kontrast zu ihrer zarten Erscheinung stand. Ein Charakteristikum ihrer Vortragsweise war der Parlando-Stil – einer Art Sprechgesang – was ihr den Ruf des „weiblichen Otto Reutters“ einbrachte. Hören Sie hier als Beispiel zwei ihrer Aufnahmen aus dem Jahr 1911 im Alter von 26 Jahren.
Audio: „Nach meine Beene is ja janz Berlin verrückt“ und „Was liegt bei Lehmann unterm Apfelbaum?“
Kollo, Zille, Frey
Eine enge Freundschaft pflegte Walter Kollo auch mit dem Zeichner Heinrich Zille (1858-1929). Beide trafen sich im Milieu des einfachen Berliner Volkes, der Kneipe, im Grünen oder dem Tanzlokal, wo sie den derben, aber herzhaften Berliner Umgangston studierten, die Berliner Seele und den Berliner Humor, der alsbald in die Zeichnungen Zilles ebenso einfloss wie in Kollos Musik.
Auch Hermann Frey war seit 1914 mit Heinrich Zille befreundet und er steuerte die Texte zu den Volksliedern bei, die Kollo zum Leben erweckte mit eingängigen Melodien, die jeder schnell mitsingen konnte.
Hier zwei Lieder über Maxe, das Tanzgenie, und die Großstadtpflanze Wanda Schmidt, hier zu hören in der Besetzung mit Blasorchester und Refraingesang.
Audio anhören: „Schiebermaxe“ und „Ach liebe Wanda“

Platte Artiphon, 1919
Die Notendrucke sind erschienen im Kollo-Verlag. Auf dem Titelblatt eine Karikatur von Hermann Frey, gezeichnet von Zille 1917
Kollos erfolgreichste Zeit als Operetten-Komponist in Berlin begann jedoch 1910, als er als Hauskomponist am Berliner Theater in der Charlottenstraße angestellt wurde. Im nächsten Beitrag unserer Schellack-Reihe erfahren Sie dazu mehr.





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