Ein Geschenk zum 111. Geburtstag des GW

“Am 28. November 1904 hatte der preußische Ministerialdirektor Friedrich Althoff eine Reihe hochrangiger Bibliothekare in eine ‘Kommission für den Gesamtkatalog der Wiegendrucke’ berufen, die, parallel zum ‘Preußischen’ und später ‘Deutschen’ Gesamtkatalog, die Katalogisierung des Inkunabelbesitzes in den Bibliotheken der deutschen Einzelstaaten einleiten und überwachen sollte” Weiterlesen

5.12.: Bach und Luther – Weltdokumentenerbe in Berlin

Nur am 5. Dezember zu sehen:
Autograph der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach,
Druck der 95 Thesen von Martin Luther,
M. Luthers hebräische Bibel

Anfang Oktober 2015 nahm die UNESCO gleich drei Stücke aus dem Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin in ihr Register Memory of the World auf. Wir laden alle Interessierten ein, sich dieses Weltdokumentenerbe anzuschauen:

Samstag, 5. Dezember 2015
11 bis 19 Uhr (letzter Einlass 18:30 Uhr)
Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Unter den Linden
!! Eingang Dorotheenstraße 27
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Für Presse vorab

Freitag, 4. Dezember 2015
15 Uhr – Interview-/Fototermin (bitte vorher anmelden)
Die drei Stücke liegen in Vitrinen; Fotografieren oder Filmen ist nur ohne Blitzlicht oder mit Kaltlicht und Filtern gestattet.

Honorarfreie Pressebilder
Alle drei Objekte sind in bester Qualität digitalisiert und via Internet einsehbar. Sie können alle Abbildungen für Ihre Berichterstattung nutzen, als Quelle ist stets „Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz“ anzugeben.

h-Moll-Messe von J. S. Bach : http://sbb.berlin/gbnf13
Druck der 95 Thesen von M. Luther : http://sbb.berlin/tfuq8w
Hebräische Bibel Martin Luthers : http://sbb.berlin/bj7f4w
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Seit 1992 verzeichnet die UNESCO in ihrem Register „Memory of the World / Das Gedächtnis der Menschheit“ solche Dokumente, die bedeutende kulturelle Wendepunkte markieren oder von herausragender globaler Bedeutung sind. Bereits im Jahr 2001 wurde aus dem Bestand der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz die Arbeitspartitur von Ludwig van Beethoven zu seiner Sinfonie Nr. 9, d-Moll, op. 125 in das Register aufgenommen. Jetzt folgten drei weitere Stücke, die am Samstag, 5. Dezember 2015 für die Öffentlichkeit aus den Tresoren geholt werden:

Die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach

Die h-Moll-Messe, sein letztes Chorwerk, stellte Johann Sebastian Bach kurz vor seinem Lebensende in den Jahren 1748-49 und da-mit in Vollendung seiner Meisterschaft fertig; schon im Jahr 1733 hatte er mit der Arbeit an der Messe begonnen. Bach verwendete in seiner Messe historische und moderne Satzarten, Formen und Kompositionstechniken. So bildet die Auseinandersetzung Bachs mit tradierten Mustern einerseits und die Verwendung von modernen Satztechniken anderseits in einem einzigen Werk, der h-Moll-Messe, ein Alleinstellungsmerkmal.
Diese einzige vollständige Partitur aus Bachs Lebzeiten ist mit Tinte auf Papier verfasst, Bach verwendete 99 Blätter und vier Titel-blätter, die Abmessungen betragen zwischen 33,5 x 21 cm und 36 x 23 cm. Die h-Moll-Messe besteht aus vier Teilen, der erste wurde 1733 komponiert, die Teile II bis IV vermutlich zwischen August 1748 und Oktober 1749. Eine Datierung durch den Meister selbst liegt nicht vor, sie lässt sich aber durch Schriftvergleiche ermitteln.
Nach dem Tod Johann Sebastian Bachs ging das Autograph der gesamten Messe in den Besitz seines Sohnes Carl Philipp Emanuel über, der die Handschrift im Rahmen seiner Arbeit als Musiker verwendete. Danach ging die Handschrift auf dessen Tochter Anna Carolina Philippina über. 1805 wurde sie vom Schweizer Musikpädagogen und Musikverleger Hans Georg Nägeli erworben und in der Familie weiter vererbt. Nach einer weiteren Station erwarb die Bach-Gesellschaft Leipzig 1857 das Autograph. 1861 konnte das wertvolle Autograph schließlich von der Königlichen Bibliothek zu Berlin, heute Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz erworben werden, wo sie nun dauerhaft verwahrt wird.
Die h-Moll-Messe befindet sich in Berlin in einem herausragenden Umfeld: In der weltweit größten Bach-Sammlung befinden sich neben 80% aller von Johann Sebastian Bach im Autograph überlieferten Werke auch nahezu alle Werke seiner vier komponierenden Söhne sowie das Alt-Bachische Archiv, ein von ihm selbst zusammengestelltes Musikarchiv mit Kompositionen seiner Musiker-Vorfahren.
Johann Sebastian Bach war als Komponist wegweisend, seine Werke beeinflussen die Musikgeschichte bis heute nachhaltig, wobei sich sowohl Komponisten an seinem Schaffen orientieren als auch die Werke Bachs fester Bestandteil des Konzertlebens sind.

Zum Anschauen für jedermann
h-Moll-Messe von J. S. Bach http://sbb.berlin/gbnf13

von uns ausgewähltes Pressebild
S.1 der Messe, Beginn Kyrie http://sbb.berlin/jgeral

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Der Druck der 95 Ablassthesen

1517 verfasste Martin Luther 95 Thesen, die die Praxis des Ablasshandels der Kirche scharf kritisierten. Die von ihm beabsichtigte akademische Disputation blieb aus; jedoch stieß die Verbreitung der Thesen – hier spielte der noch junge Buchdruck eine wichtige Rolle – die Diskussion außerhalb der Universität an und gab der Reformationsbewegung entscheidende Impulse. Die drei bekannten Druckvarianten der Thesen – angenommen werden Auflagen von je 300 Exemplaren – wurden von keinem Drucker firmiert, keiner wagte seine Namen unter die brisante Schrift zu setzen. Nur sehr wenige von diesen Drucken der Lutherschen Thesen sind erhalten. Die Staatsbibliothek zu Berlin besitzt ein Exemplar, das von Hieronymus Höltzel in Nürnberg gedruckt wurde und heute mit der Signatur gr. 2° Luth. 54 verzeichnet ist.
1891 hatte der Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts den Druck bei einem Londoner Antiquar entdeckt, das Preußische Kultusministerium erwarb den Druck und übergab diesen im selben Jahr der Königlichen Bibliothek, heute Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz.

Zum Anschauen für jedermann
Druck der 95 Thesen von M. Luther http://sbb.berlin/tfuq8w

als Pressebild http://sbb.berlin/jgeral

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Martin Luthers Exemplar der Hebräischen Bibelausgabe

Martin Luther benutzte für seine Übersetzung des Alten Testaments ins Deutsche – er vollendete diese Arbeit im Jahr 1534 – auch diesen Wiegendruck (Inkunabel) einer hebräischen Bibel, der heute unter der Signatur 8° Inc 2840 bekannt ist. In der Inkunabel dokumentierte er mit seinen Eintragungen seine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit dem hebräischen Bibeltext.
Der Druck wurde im Jahr 1494 in Brescia in der bedeutenden jüdischen Druckwerkstatt der Familie Soncino hergestellt. Zunächst gehörte sie zwei Juden in Italien. Vermutlich vor 1519 erwarb Martin Luther sie von einem Besitzer in Süddeutschland ‚aus zweiter Hand‘ und hinterließ fortan umfangreiche Eintragungen und Benutzungsspuren. So befinden sich viele handschriftliche Einträge in den 5 Büchern Mose, hier ist etwa die Hälfte aller seiner handschriftlichen Eintragungen vorhanden. Die Sprache der handschriftlichen Einträge ist fast durchgängig Lateinisch, es finden sich auch einzelne deutschsprachige Marginalien. Die überwiegende Zahl der Eintragungen setzt sich mit Übersetzungsfragen und Verständnisschwierigkeiten auseinander. Teils verweist Luther auf biblische Parallelstellen oder fügt kommentierende Ausführungen an.
Bis zu seinem Tod im Jahr 1546 blieb die Bibel in Luthers Besitz und wurde in der Familie vererbt. 1594/95 verkaufte der Enkel Martin Luthers diese Bibel zusammen mit anderen Büchern des berühmten Großvaters an den Kurfürsten Joachim Friedrich von Brandenburg. So gehörten diese Bücher im Jahr 1661 zum Gründungsbestand der Churfürstlichen Bibliothek zu Cölln an der Spree, heute Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz.

Zum Anschauen für jedermann
Hebräische Bibel Martin Luthers http://sbb.berlin/bj7f4w

Von uns als Pressebild ausgewählt http://sbb.berlin/jgeral

“Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin …” – Weitere Vorträge zur Materialität von Schriftlichkeit

Mit einem geradezu faustischen Programm startete in dieser Woche eine Serie von Vorträgen, mit denen unsere etablierte Veranstaltungsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit – Bibliothek und Forschung im Dialog in loser Folge flankiert werden soll. Selbstverständlich ist damit keinesfalls auf eine wie auch immer geartete Beteiligung Mephistos an der Konzeption dieses neuen Formats angespielt, sondern vielmehr auf dessen Themenprofil, denn von der Philosophie ging es stracks auf das Feld der Rechtswissenschaften. Ob es uns freilich gelingen wird, die frisch begründete Reihe mit Beiträgen zu medizinischen und theologischen Inhalten fortzusetzen? Ein Blick in das „geheimnisvolle Buch, von Nostradamus’ eigner Hand“ würde vermutlich die Antwort verraten. Aber lassen Sie sich doch lieber überraschen, denn der nächste Termin ist bereits für Mitte Februar 2016 geplant!

Den Auftakt jedenfalls markierte am vergangenen Dienstag der Berliner Kunst- und Medientheoretiker Stefan Heidenreich mit einer Analyse der Dissertation als Format akademischer Datenverarbeitung. Auf Quellenbasis von an der Philosophischen Fakultät der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin verteidigten Doktorarbeiten aus den Jahren 1817 bis 1883 rekonstruierte der Referent unter Einsatz von Verfahren des distant reading den Wandel der Dissertation von einer lateinisch verfassten Ritualschrift zur wissenschaftlichen Textsorte, wie wir sie heute kennen. Dabei nahm die im Vortrag vorgestellte quantitativ-statistisch angelegte Untersuchung, die im Übrigen selbst im Rahmen eines an der Leuphana Universität Lüneburg angesiedelten Promotionsvorhabens durchgeführt wird, vor allem die Materialität der Dissertationsschriften in den Fokus – konkret etwa deren Format, Seitenzahl und Kapitellänge.

Bereits zwei Tage später – also am gestrigen Donnerstag – widmeten Dr. Patrizia Carmassi (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel) und Prof. Dr. Gisela Drossbach (Ludwig-Maximilians-Universität München/Universität Augsburg) den zweiten Themenabend der Materialität kanonistischer Rechtshandschriften des deutschen Mittelalters. Anlass für diesen Dialog zwischen den Perspektiven von Kodikologie und rechtshistorischer Forschung gab das Erscheinen der Akten der von den beiden Referentinnen an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel veranstalteten Tagung Rechtshandschriften des deutschen Mittelalters: Produktionsorte und Importwege. Eingeladen hatten der Fachinformationsdienst für internationale und interdisziplinäre Rechtsforschung gemeinsam mit der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin.

Neben dem unmittelbaren wissenschaftlichen Ertrag für die Vermessung von historischen Sammlungskontexten und Transferprozessen mittelalterlicher Rechtscodices gab der Gemeinschaftsvortrag zugleich anregende Impulse, das Potential der Forschung zu materialen (Text)Kulturen in interdisziplinärer Perspektive weiter auszuloten – zumal mit Blick auf zwei aktuelle wissenschaftspolitische Debatten. Denn zum einen sollte die “Wiederentdeckung” der Objekte  im Zuge des material turn der Geistes- und Kulturwissenschaften eminent dazu beitragen können, die Position der – wie der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands warnt – von ihrer Marginalisierung bedrohten Historischen Grundwissenschaften zu stärken. Zum anderen aber dürfte das Paradigma des new materialism gerade auch die von Seiten des Wissenschaftsrats geforderte Aufwertung der juristischen Grundlagenfächer und transdisziplinäre Öffnung der Rechtswissenschaften rasant befördern. Die anbrechende Epoche der “Neuen alten Sachlichkeit” hat insofern also die Chance, zu einem veritablen Goldenen Zeitalter etwa der Rechtsarchäologie und -ikonographie zu werden. Und vielleicht wird man schon in wenigen Jahren von den Angehörigen der juristischen Fakultäten sagen: “Hier ist das Wohlbehagen erblich, Die Wange heitert wie der Mund, Ein jeder ist an seinem Platz unsterblich, Sie sind zufrieden und gesund.