„Frühe Schriften der von Martin Luther initiierten Reformation“ – Übergabe der UNESCO-Urkunde an die Staatsbibliothek

Am Abend des 17. März überreichte die deutsche UNESCO-Kommission den beteiligten deutschen Bibliotheken und Archiven die Urkunden über die Aufnahme der von ihnen bewahrten Zeugnisse des schriftlichen Kulturerbes in das  Weltdokumentenerbe „Frühe Schriften der von Martin Luther initiierten Reformation“.

Im Refektorium des Lutherhauses in Lutherstadt Wittenberg sprachen zu den Vertreterinnen und Vertretern der gewürdigten Institutionen der Vizepräsident der deutschen UNESCO-Kommission, Prof. Dr. Christoph Wulf, der Justizminister und Reformationsbeauftragte des Landes Rheinland-Pfalz, Prof. Dr. Gerhard Robbers, der Direktor des Staatsarchivs Bremen und stellv. Vorsitzende des Memory of the World-Nominierungskomitees, Prof. Dr. Konrad Elmshäuser , Frau Prof. Dr. Irene Dingel (Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz) sowie der Vorstand und Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Dr. Stefan Rhein. Die Wortbeiträge wurden musikalisch umrahmt durch Mitglieder der Wittenberger Hofkapelle unter der Leitung von Thomas Höhne.

Beim Festakt in Wittenberg war die Staatsbibliothek vertreten durch Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf (mittig). - Foto: Cornelia Kirsch

Die Urkunde der UNESCO, unterzeichnet von Generaldirektorin Irina Bokova.

Ausgewählte Schriften Martin Luthers sind in das Weltregister des Dokumentenerbes der UNESCO aufgenommen worden. Die 14 Schriften, darunter aus den Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin ein Handexemplar Luthers der Hebräischen Bibelausgabe sowie ein Plakatdruck der 95 Ablassthesen, ferner die Bibelübersetzung und seine Schrift an die Ratsherren zur Einrichtung von Schulen, sind Meilensteine der Reformation. Sie stehen für verschiedene Facetten der Reformation und sind in ihrer inhaltlichen Aussage und historischen Überlieferung einzigartig und unersetzbar. Über die Aufnahme der ihnen anvertrauten Dokumente freuen sich: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Anhaltische Landesbücherei Dessau, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Herzogin Anna Amalia Bibliothek – Klassik Stiftung Weimar, Forschungsbibliothek Gotha, Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Universitätsbibliothek Heidelberg, Stadtbibliothek Worms und Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. Der Antrag wurde maßgeblich vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte Mainz erarbeitet.

 

BUSONI. Freiheit für die Tonkunst!

Am 1. April feiern wir den 150. Geburtstag des vor allem als Klaviervirtuose und Komponist bekannten Künstlers Ferruccio Dante Michelangelo Benvenuto Busoni (1866-1924). Das Staatliche Institut für Musikforschung, die Staatsbibliothek zu Berlin und die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin würdigen das Leben und Werk Busonis vom 4. September 2016 – 8. Januar 2017 im Kulturforum mit der Ausstellung BUSONI. Freiheit für die Tonkunst!

6_Busoni_London November 1919

Die Staatsbibliothek zu Berlin besitzt den Nachlass von Ferruccio Busoni. Der Komponist, Klaviervirtuose, Dirigent und Musiktheoretiker zählt zu den herausragenden Künstlerpersönlichkeiten seiner Epoche. Neben Komponisten wie Arnold Schönberg, Igor Strawinsky, Béla Bartók und Paul Hindemith gilt er als Wegbereiter der Neuen Musik. In vielen seiner Kompositionen streift er die Atonalität der zeitgenössischen Avantgarde, seine Ästhetik kulminiert in der Vision einer freien Musik. Sein nachhaltiger Einfluss auf die Kunst und die Musik des 20. Jahrhunderts macht ihn zu einer der zentralen Figuren der Moderne.

Der sehr umfangreiche Nachlass Busonis, der ab 1925 in mehreren Partien in die heutige Staatsbibliothek zu Berlin kam, gehört zu den kostbarsten musikgeschichtlichen Schätzen der Stadt. Er umfasst rund 15 Tausend verschiedene Stücke, darunter sind 9.000 Briefe von und an Buson, mehr als 350 eigene Kompositionen sowie Bearbeitungen anderer Werke, über 200 Schriften, rund 600 Fotografien, 500 Autographe, 650 Konzertprogramme und 3.000 Kritiken. In der Musikabteilung kann nach all diesen Materialien recherchiert und mit diesen gearbeitet werden.
Die mehr als 9.000 Briefe sind online über die Datenbank Kalliope recherchierbar, das internationale Verbundsystem zum Nachweis von Nachlässen und Autographen. Zu Busonis Korrespondenzpartnern gehörten Arnold Schönberg, Stefan Zweig, George Bernard Shaw, Harry Graf Kessler, Max Oppenheimer, Umberto Boccioni, Jakob Wassermann, Bruno Cassirer, James Simon und Ludwig Rubiner.

Trotz Busonis Bedeutung und der zunehmenden Rezeption liegt sein Einfluss auf die neuere Musik- und Kompositionsgeschichte noch immer weitgehend im Dunkeln. Unter seinen mehr als 300 eigenen Kompositionen stehen die zum Klavier im Zentrum. Sein herausragendstes und zugleich am häufigsten gespieltes Werk ist “Fantasia contrappuntistica” (1910), von diesem sind im Nachlass mehrere Fassungen zu finden.
Zwei seiner insgesamt fünf Opern, “Die Brautwahl” (1912) und “Doktor Faust” (1924/25, vervollständigt von Philipp Jarnach), kommen zunehmend zur Auführung, in den letzten Jahren u.a. in Salzburg, München und Berlin.

Zum Nachhören: RBB Kulturradio brachte am 30. März eine knapp 1/2-stündige Sendung über Ferrucio Busoni, bis zum 6. April kann dieser Beitrag in der RBB Mediathek angehört werden.

Auf der Website der Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin finden Sie
* die ausführliche Ankündigung der Ausstellung,
*
wesentliche Lebensdaten Busonis
sowie
* umfangreiche Informationen zu seinem Nachlass und seinem Werk.

In memoriam Doreen Massey und John Urry – zwei Protagonist*innen des spatial turn im März verstorben

In diesem Monat sind in kurzem Abstand zwei vielrezipierte britische Protagonist*innen des spatial turn verstorben, am 11. März die Geographin Doreen Massey (*1944) und am 18. März der Soziologe John Urry (*1946).

Als spatial turn wird eine geographische und sozialwissenschaftliche Forschungsrichtung bezeichnet, die sich seit den 1980er Jahren in einem intensiven Dialog zwischen der Humangeographie und soziologischen Theorien entwickelt hat. In der Humangeographie eröffnet dieser Dialog mit konstruktivistischen und praxistheoretischen Ansätzen neue Perspektiven auf das zentrale geographische Konzept “Raum”. Der Blick verschiebt sich weg von einem physisch geprägten und tendenziell positivistischen Verständnis von Raum, in dem konkrete Orte der Hintergrund für menschliches Handeln sind, hin zu einem Verständnis von Raum als genuin sozialer Kategorie, in dem Orte durch soziale Praxen produziert werden. Diese Anbindung der Humangeographie an aktuelle Entwicklungen in den Sozialwissenschaften stellt eine der bedeutendsten theoretischen Verschiebungen in der Geographie seit dem Zweiten Weltkrieg dar. In den übrigen Sozialwissenschaften lenkt diese “raumkritische Wende” die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung von lokaler Spezifizität auch für moderne und postmoderne Gesellschaften. Damit stellt sie die überkommene These der soziologischen Klassiker in Frage, dass durch Beschleunigung Räumlichkeit unwichtig werde. Dies eröffnet unter anderem Möglichkeiten zur Analyse von räumlicher Ungleichheit und ihrer Überschneidung mit anderen Achsen von Ungleichheit wie race, class und gender.

Doreen Massey war eine der meistgelesenen und meistzitierten Geograph*innen der letzten Jahrzehnte. Weltweit ist sie vor allem für ihre herausragenden Beiträge zur geographischen Theoriebildung bekannt. Ihre Artikel und Monographien gaben wichtige Impulse für die Raumtheorie (u.a. For Space, 2005), die Wirtschaftsgeographie (u.a. Spatial divisions of labour, 1984/1995) und die Globalisierungsforschung (u.a. World City, 2007). Zudem gilt sie als eine Mitbegründerin der feministischen Geographie (u.a. Space, place, and gender, 1994). Massey, die nach dem Studium zunächst bei einem Think Tank arbeitete, blieb jedoch Zeit ihres Lebens auch der Angewandten Geographie verbunden (u.a. Rethinking the Region, Ko-Herausgeberin mit John Allen und Allan Cochrane, 1998). In Großbritannien wurde sie außerdem als public intellectual wahrgenommen, als eine der führenden Stimmen eines politisch engagierten, öffentlichkeitswirksamen Verständnisses von Sozialwissenschaft.

John Urry war vor allem ein außergewöhnlicher Kommunikator. Als Soziologe, der oft mit Humangeograph*innen und Wissenschaftsforscher*innen zusammenarbeitete, trug er viel zur Rezeption geographischer Forschung in den Sozialwissenschaften bei (u.a. Social Relations and Spatial Structures, Ko-Herausgeber mit Derek Gregory, 1985), aber auch zur Rezeption aktueller soziologischer Theorieentwicklung in der Kultur- und Wirtschaftsgeographie (u.a. Economies of Signs and Space, Ko-Autor mit Scott Lash, 1994) sowie zur Rezeption der Wissenschaftsforschung in der Allgemeinen Soziologie (u.a. Global Complexity, 2003). Urry war zudem ein wichtiger Protagonist der sozialwissenschaftlichen Mobilitätsforschung (u.a. Sociology Beyond Societies, 2000). In den letzten Jahren galt sein Interesse vor allem gesellschaftlicher Transformation in Zeiten des Klimawandels und der Finanzkrise. Dabei war es ihm besonders wichtig, spezifisch soziologische Erkenntnisse in die öffentliche Debatte einzubringen (u.a. Climate Change and Society, 2011; Offshoring, 2014, deutsch als Grenzenloser Profit, 2015).

Mehr über Leben und Werk von Doreen Massey und John Urry erfahren Sie auf den offiziellen Nachruf-Websites der Open University (Massey) und der Lancaster University (Urry).

Selbstverständlich finden Sie in der Staatsbibliothek die wichtigsten Werke von Massey und Urry sowie allgemeine Literatur zum spatial turn. Einen guten Einstieg für weitere Informationen zum spatial turn bietet eine Sammelrezension deutschsprachiger Reader von Ulrike Jureit auf H / SOZ / KULT. Auch die beiden dort besprochenen Bände finden Sie natürlich im Bestand der Staatsbibliothek.