Unsere Beiträge zu den Wissenschaften und Forschung

Aula Leopoldina der Universität in Wrocław. - Foto: Susanne Henschel

Wilhelm Wackernagel – Persona non grata in Breslau?

Gastbeitrag von Dr. Agata Czarkowska

Bevor man über seine Breslauer Jahre erzählt, muss man einiges über die literarisch-künstlerischen Organisationen sagen, zu denen Wilhelm Wackernagel gehörte. Er war Mitglied des Breslauer Künstlervereins. Er gehörte auch einer Gesellschaft an, die als eine der bedeutendsten in Schlesien angesehen wurde, nämlich der sogenannten Zwecklosen Gesellschaft. Diese wurde 1826 durch Hoffmann von Fallersleben geschaffen, nach dem Muster der Berliner Mittwochsgesellschaft. In seinen Erinnerungen, veröffentlicht unter dem Titel Mein Leben, schreibt er:

„Ich trug lange den Plan mit mir herum, einen Verein zu gründen, der mir und Gleichgesinnten genugtun könnte. Wir kamen jeden Samstagabend zusammen. Nachdem wir gespeist hatten, eröffnete der Präsident die Sitzung. Zunächst wurde das Protocoll vom vorigen Samstag vorgelesen. Dann erzählten wir Witze, lasen Auszüge aus alten und neuen Büchern. Alles wurde besprochen, und das gab dann wieder Stoff zu neuen Erzeugnissen für den nächsten Samstag (…).“

Was wichtig ist: Hoffmann von Fallersleben betonte immer, dass sich die Zwecklose Gesellschaft von der Mittwochsgesellschaft deutlich unterschied:

„Wir machten es nicht wie die Mittwochsgesellschaft in Berlin, bei der es Gesetz war, nichts Eigenes vorzutragen. Im Gegenteil, das eigene hatte bei uns Vorrang, und nur wenn unser Vorrath erschöpft und wir noch etwas hören wollten, gingen wir zum Vortragen fremder Sachen über.“

Analysiert man die Mitgliederlisten des Vereins, stellt man fest, dass es dort sehr viele Namen gibt, die das damalige kulturelle Panorama der Stadt Breslau geprägt haben: Karl Schall, Karl Geisheim, Karl Witte, August Kopisch, Wilhelm Wackernagel. All diese Persönlichkeiten waren auch mit dem kulturellen Leben Berlins verbunden. Viele von ihnen wirkten aktiv in Berlin, obwohl sie zugleich an Breslau beruflich, künstlerisch oder persönlich gebunden waren.

Und hier kann eben Wilhelm Wackernagel als Beispiel dienen – geboren in Berlin, stammt er aus einer armen bürgerlichen Familie, die aber sehr viel Wert darauf legte, dass ihre Kinder eine gute und solide Ausbildung bekommen; schon 1819 ging sein älterer Bruder Philipp nach Breslau und später dann nach Halle. In verschiedenen Erinnerungen, seien es die seiner Geschwister oder die seiner zahlreichen Lehrer, tritt das konkrete Bild einer äußerst lebhaften und eigenen mutigen Persönlichkeit klar hervor:

„die Lehrer lobten an ihm seinen Fleiß, den er auch in seinen Hausarbeiten bewies… was sie an seinem Vertragen zu tadeln hatten, war vorlautes und kindisches Benehmen, Unruhe und Zerstreutheit. Er war ein frischer, lebendiger Knabe, der sich nicht leicht in alle Regeln fügen und seinen Sinn oft anderen Dingen nachjagen ließ…“

Im Herbst 1824 ging Wackernagel an die Berliner Universität. Das Studium der deutschen Vorzeit, vor allem der altdeutschen Sprache und Literatur, stand im Vordergrund seiner Interessen: Die Mehrzahl der Vorlesungen, die er besuchte, behandelten Werke der antiken Literatur; daneben hörte er germanistische und philosophische Vorlesungen, wobei er das Hauptgewicht doch eben auf die Philologie legte. Schnell kam er in Verbindung mit zwei Professoren, die seine Laufbahn später bedeutend prägten: Friedrich Heinrich von der Hagen, der als Professor für altdeutsche Literatur von Breslau nach Berlin zurückberufen worden war. Wackernagel wurde zu seinem Sekretär – er fertigte für ihn Kopien altdeutscher Liederhandschriften an. Ein anderer bedeutender Lehrer war Karl Lachmann: Wackernagel hörte bei ihm Vorlesungen über deutsche Grammatik, das Nibelungenlied, aber auch zum Beispiel über Sophokles. Lachmann hatte auf ihn Einfluss nicht nur im beruflichen, wissenschaftlichen Sinne, sondern auch als Mensch.

Im Mai 1826 kam es in Berlin zu einer der für Wackernagel wichtigsten Begegnungen im Kontext der Breslauer Etappe: Durch gemeinsame Freunde machte er Bekanntschaft mit Hoffmann von Fallersleben. Es war klar, dass die beiden sofort Freunde werden, obwohl Hoffmann eine seltsame Erscheinung und ganz anders als Wackernagel war. Unglaublich fleißig im Sammeln, Zusammentragen von Materialien. Sensibel und emotional. Aber wie es so ist mit den Begabten, hatte er einen speziellen Charakter: Er war launisch, eigensinnig, rücksichtslos … Er war sein ganzes Leben hindurch im guten wie im bösen Sinne … ein Kind.

Als sie sich das erste Mal in Berlin trafen, überlies Hoffmann Wackernagel aus seiner Sammlung von Handschriftenfragmenten einige Stücke mit altdeutschen Predigten. Wackernagel bearbeitete diese Texte innerhalb weniger Tage, sie wurden dann dank der Vermittlung von Hoffmann in Breslau veröffentlicht.

Während der Studienzeit in Berlin wichen die Sorgen ums tägliche Brot nicht von Wackernagel, und immer wieder kam der Gedanke auf, nach Breslau zu gehen, näher an seinen Freunden zu sein. Schließlich war da nicht nur Hoffmann von Fallersleben, sondern auch der Maler Bräuer oder der Chemiker Runge, später dann Schall oder Witte. Schon im November 1827 offenbarte Wackernagel seinem Freund Hoffmann seine Existenzängste. In einem Brief schreibt er:

„mein Leben ist so kümmerlich…“

Diese Klagen gingen Hoffmann sehr ans Herz, und er griff sofort den Plan auf, Wackernagel nach Breslau zu holen, versprach ihm durch seine Vernetzungen eine Professur:

„sie müssen hie herkommen, lieber Wackernagel, müssen hier Vorlesungen an der Universität halten…“.

Eine Professur ohne Promotion? Äußerst unsicher schien das alles – nur als Promovierter konnte Wackernagel auf die Erfüllung dieser Versprechungen hoffen, deshalb hatte er nicht richtig Mut, „ja“ zu Breslau zu sagen. Denn sein Plan war eigentlich, in Berlin zu promovieren, was aber wegen Geldnot für ihn in die Ferne rückte.

Wackernagels Unentschlossenheit machte Hoffmann natürlich rasend. In einem Brief an Wackernagel lesen wir:

„ein Kerl wie sie jung und rüstig, gesund am Leib und Seele, voll redlichen Strebens, gewandt in schreiben und reden, sollte das Wort muthlos nie in den Mund nehmen und höchstens nur als Gegenstand der Grammatik eines Blickes würdigen.“

Dieser Brief von Hoffmann vertiefte Wackernagels Trostlosigkeit leider noch. Im Herbst 1827 hatte er auf Vermittlung Lachmanns Aussicht auf den bezahlten Posten eines Kustos an der Königlichen Bibliothek in Berlin. Doch daraus wurde leider auch nichts.

An Hoffmann schrieb er damals:

„Was soll ich ohne festes Einkommen thun? Um zu leben musste ich wieder wie sonst auch jetzt abschreiben und immer abschreiben… eben die Sklaverei des armen! Ich darf gar nicht mehr hoffen je aus der Tageslöhnerei herauszukommen. Ich weiß nicht was aus mir werden soll, wenn diese noth nicht bald auf die eine oder andere Art ein Ende nimmt!“

Bedenken zu Breslau hatte er leider immer noch: Was konnte ihn dort besseres erwarten als in Berlin? Hoffmanns Versprechen schien ihm äußerst vage, zumal dieser sehr angespannte Beziehungen zur germanistischen Fakultät hatte. Sein Ziel, die Promotion zu erlangen, erschien ihm auch nicht so leicht erreichbar …

Währenddessen drängte Hoffmann umso mehr – er war sich sicher, dass Wackernagel dank der Unterstützung von ihm und anderen Freunden den Doktorgrad in Breslau viel schneller erlangen würde als in Berlin. Für ihn stand fest: Wackernagel muss raus aus Berlin, sofort her nach Breslau.

Und tatsächlich: Am 2. 10. 1828 reiste er nach Breslau. Sofort wurde er in den Kreis der Zwecklosen Gesellschaft aufgenommen. Er selbst schrieb damals über den Kreis Folgendes:

„Die Zwecklose Gesellschaft hat sich damals so genannt, weil sie keine von jenen Sozietäten für Sprache und für Kunst und für Literatur war die so zweckvoll sind, das sie Jahrzehnte lang schießen aber nicht merken, dass die Kugel nicht trifft…“

In Breslau schloss Wackernagel sehr viele fruchtbare Bekanntschaften – mit Karl Witte dehnte er seine Studien auch auf die romanischen Sprachen aus. Durch Karl Schall wurde er Theaterrezensent der Breslauer Zeitung.

Eine seiner bedeutenden Arbeiten über die Geschichte der deutschen Glasmalerei hatte ihren Ursprung in einer Ausstellung des Breslauer Künstlervereins: Der begabte Maler Albert Höcker stellte in der Ausstellung das gläserne Bild der heiligen Jungfrau mit Kind aus. Alle – auch Wackernagel – waren davon sehr begeistert; dies führte ihn zu geschichtlichen Studien erst über die schlesische, dann über die gesamte deutsche Glasmalerei. Die deutsche Glasmalerei. Geschichtlicher Entwurf mit Belegen  erschien in Leipzig 1855.

Auch die Zahl seiner in Breslau entstandenen Dichtungen ist sehr hoch. 1829 veröffentlichte er einen kleinen Sammelband mit 13 Gedichten unter dem Titel Proben. Eine umfassende Veröffentlichung damaliger Dichtungen von Wackernagel brachte das Jahr 1830 mit der Sammlung Poesieen der dichtenden Mitglieder des Breslauer Künstlervereins. Wackernagel publizierte auch eine Reihe von Arbeiten zum Thema des deutschen Dramas, zum Beispiel Geschichte des deutschen Dramas bis zum Anfange des 17. Jahrhunderts (in: Kleinere Schriften, Bd. 2), und zum Mittelalter, wie zum Beispiel Gewerbe, Handel und Schifffahrt der Germanen (in: Zeitschrift für deutsches Alterthum, 9.1853).

Eine weitere Tätigkeit war auch eben die des Theaterrezensenten für die Breslauer Zeitung: Die erste Rezension erschien im Jahr 1829 und befasste sich mit der Aufführung von Goethes Tasso. Der Ton seiner Beiträge fiel auf. Es waren mehr literaturgeschichtliche Exkurse als lockere Rezensionen. 1829 hatte Wackernagel in der Breslauer Zeitung einige Kritiken publiziert. Unter dem Einfluss von Karl Schall hatte er in einer dieser Rezensionen einen gewissen Schauspieler des Breslauer Theaters sehr stark negativ bewertet. Dieser, wie wir in der Biographie von Wackernagel nachlesen können, hatte schon seit langem den Plan, ihn dafür „ordentlich durchzuprügeln“. Die Situation fand ihr Finale bei der Polizei. Es kam dazu, dass Wackernagel seine Tätigkeit für die Breslauer Zeitung beendete, was nicht nur seine Gegner, sondern auch seine Freunde äußerst glücklich machte.

Niemand anderes als Karl Geisheim war derjenige, der in der von ihm selbst herausgegebenen Zeitschrift Der Hausfreund einen offenen Brief an Wackernagel verfasste, in dem er auf charakteristische Weise den Fall kommentierte:

„Wie freu ich mich, wererther Freund, dass Du den Theater-Rezensenten Speritz aufgegeben und denen, die an deinen Kritiken ein Ärgernis genommen haben, den Rücken gekehrt hast. Es gibt keinen unglücklicheren Tick als den, Schauspieler und das Publikum belehren zu wollen. Nirgends wird mehr Stank für Dank geboten. (…). Die feste und tüchtige Grundlage Deiner Bildung, Deine rege und vielseitige Arbeit in Kunst und Wissenschaft, Deine allgemeine Kunstkenntnis, der Dichter in Dir, geben Dir zwar allerdings den Beruf zum Kritiker, aber mit alle dem Genannten stehst Du dem größten Teil derer entgegen, die Du zu beurteilen hast. Wie wenige meinen es ernst mit ihrer Kunst, wie Wenige wollen auch nur etwas lernen und wissen; in wie Wenigen ist ein poetischer Funke zu finden.“

Bei diesem Anlass entstanden auch die ersten Spannungen zwischen den bisher so vertrauten Freunden. Hoffmann selbst berichtet darüber:

„…der Geldpunkt war bisher unter uns noch nie zur Sprache gekommen. Ich hatte bisher gegeben was ich versprochen. Wenn aber er leben will und nichts verdienen so ist das ein schlimmes ding.“

Dies war natürlich ein Problem. Wenn man aber den damaligen Erinnerungen der Freunde Wackernagels glaubt, benahm sich Hoffmann auch durch das Versprechen der Professur zum Schaden Wackernagels.

Was hat denn Hoffmann von Fallersleben damit zu tun? Zum Beispiel, dass sich Wackernagel mit seiner überheblichen Natur nicht mit der Situation abfinden wollte und schon Ende des Jahres 1829 als Rezensent der Breslauer Zeitung wiederkehrte, nur unter  Pseudonym. Hoffmann war derjenige, der dafür verantwortlich gewesen war, ihn nach Breslau gebracht zu haben, und er war auch derjenige, der sich um ihn finanziell kümmerte. Am 11. 01. 1830 schrieb Wackernagel in der Breslauer Zeitung, dass er nicht mehr Mitglied der Zwecklosen Gesellschaft sei und dass er dem Breslauer Künstlerverein beigetreten ist oder besser gesagt dessen literarischer Sektion, also der Literarischen Abteilung des Breslauer Künstler- und Kunstvereins. Was interessant ist: Im Sommer 1828 gründete Wackernagel seinen eigenen Verein, der – nomen est omen – den Namen Namenlose Gesellschaft trug. Mitglieder gab es nicht viele: außer Wilhelm noch sein Bruder Philipp und ein paar Freunde aus der Schweiz. . Der Verein traf sich alle zwei Wochen in der Wohnung eines der Mitglieder, wie Wackernagel schrieb,

„zur Pflege heiterer geistiger Geselligkeit, zum gemeinsamen Genüsse von Dichtungen, fremder oder eigener. Letztere wurden in schriftlichen Rezensionen durch das eine oder andere der Mitglieder beurteilt, und das dabei der Witz nicht gespart werden durfte, verstand sich von selbst.“

So endete die Breslauer Zeit Wackernagels, wohin er nie wieder zurückkehrte.

 

Frau Dr. Agata Czarkowska, Wrocław, war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2017 als Stipendiatin an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt: “Die literarischen Verbindungen zwischen Berlin und Breslau am Beispiel des Breslauer Künstlervereins”

Werkstattgespräch zu Breslauer Episoden von August Kopisch und Wilhelm Wackernagel am 1. 11. 2017

Die Ahndung von NS-Kriegsverbrechen als Anliegen der Polnischen Exilregierung (1939-1945)

Gastbeitrag von Dominika Uczkiewicz

Für Jahrzehnte stand der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess im Vordergrund der historischen und rechtshistorischen Forschungen über die Strafverfolgung der während des Zweiten Weltkriegs begangenen Kriegsverbrechen. In den letzten drei Dekaden hat jedoch die „weniger bekannte“ Geschichte der juristischen Auseinandersetzung mit den NS-Gräueln immer größeres Interesse unter den Forschern geweckt: die alliierten NS-Prozesse, die NS-Prozesse in der Bundesrepublik, die regionalen Strafverfahren in unterschiedlichen europäischen Ländern sowie die Entwicklung einer völkerstrafrechtlichen Begrifflichkeit und die Ausarbeitung von Konzeptionen zur Ahndung von Kriegsverbrechen, wie sie (vor dem Ausbruch und) während des Zweiten Weltkrieges erfolgt waren.

Einen interessanten und immer noch wenig erforschten Blick auf diese Problematik bietet die Perspektive der europäischen Exilregierungen, und besonders der polnischen, die ihre Arbeiten hinsichtlich der Ahndung und Bestrafung von Kriegsverbrechen bereits Ende 1939 begann und den ganzen Krieg hindurch konsequent fortsetzte.

Die strafrechtliche Verfolgung der für die „unschuldigen Opfer der Besatzung“ Verantwortlichen wurde in den ersten Beschlüssen der polnischen Exilregierung vom Herbst 1939 angekündigt und im Februar 1942 in das offizielle Regierungsprogramm aufgenommen. Entsprechend arbeiteten die polnischen Juristen und Diplomaten seit den ersten Kriegsmonaten auf innen- und außenpolitischer Ebene an der Entwicklung einer Strategie in Hinblick auf die NS-Kriegsgräuel. Diese erfolgte in drei Richtungen:

  1. Erfassung der Dokumentation von Völkerrechtsverstößen der Wehrmacht und der NS-Verwaltung sowie Sicherung des Beweismaterials für die künftigen Strafverfahren;
  2. Durchführung von internationalen Propagandaaktionen, deren Ziel es war, die im besetzten Polen verübten Kriegsverbrechen offenbar zu machen, ihre straf- und völkerrechtliche Verfolgung anzukündigen und diesbezüglich die Unterstützung der Alliierten zu gewinnen;
  3. Erarbeitung der Rechtsgrundlagen für die künftigen Kriegsverbrecherprozesse.

Fortsetzung und Koordination dieser Arbeiten spiegelten sich in der Struktur der polnischen Exilregierung wider. Bei den meisten Ministerien im Kabinett von Ministerpräsident Władysław Sikorski entstanden spezielle Dokumentationsstellen oder Abteilungen „für deutsche Angelegenheiten“. Im Mittelpunkt dieser Struktur standen das Innenministerium mit dem Ende November 1939 eingerichteten „Register der Verbrechen“, welches im Jahr 1941 um eine separate „Kartei der Deutschen in Polen“ erweitert und im November 1943 in das Büro für Kriegsverbrechen, unter dem Vorsitz von Dr. Jerzy Litawski, verlegt wurde; das von Edward Raczyński geleitete Außenministerium mit dem Netz der diplomatischen Vertretungen, welche ständig in die Übermittlung von Berichten aus okkupierten Territorien, Flüchtlingsfürsorge, Einleitung von Rettungsmaßnahmen wie in die internationalen Informationsaktionen der Exilregierung involviert waren; die Zentrale für Information und Dokumentation (ab September 1940 Ministerium für Information und Dokumentation unter Leitung von Prof. Stanisław Stroński), von der alle offiziellen Berichte, Weißbücher, Presse- und Radiomitteilungen über Ausmaß und Skala der NS-Kriegsgräuel verfasst und in polnischer, englischer und französischer Sprache veröffentlicht wurden; das Justizministerium, das bereits im Frühjahr 1942 auf den Tagungen der interministeriellen Konferenz zur „strafrechtlichen Verantwortung der Deutschen für die auf dem besetzten Territorium begangenen Verbrechen“ mit der Erarbeitung eines Dekrets des Präsidenten der Polnischen Republik zur strafrechtlichen Verantwortlichkeit für Kriegsverbrechen begonnen hatte, welches letztlich am 30. März 1943 verabschiedet wurde (Dekret Prezydenta RP z 30. marca 1943 r. o odpowiedzialności karnej za zbrodnie wojenne).

Polskie zakładniczki w drodze na egzekucję w lesie koło Palmir

Polish women led to mass execution in a forest near Palmiry village. – Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Palmiry_ostatnia_droga.jpeg. – Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Alle diese Arbeiten und Bestrebungen waren darauf gerichtet, die NS-Verbrechen offenbar zu machen und die Unterstützung der Alliierten und der neutralen Staaten bei der Forderung nach Verfolgung der Kriegsverbrecher zu gewinnen. Hinsichtlich der NS-Grausamkeiten betrieb die Polnische Exilregierung von den ersten Kriegswochen an mit großem Nachdruck aktive innen- und außenpolitische Propaganda. Damit versuchten die polnischen Diplomaten, die Regierungsvertreter anderer Länder einzubeziehen – so wurde im April 1940 ein Beschluss der französischen, britischen und polnischen Regierung (Deklaracja rządów Polski, Wielkiej Brytanii i Francji potępiającej metody okupanta niemieckiego / Declaration on German Atrocities in Poland) verabschiedet, in dem die Ministerpräsidenten Sikorski, Chamberlain und Daladier „die Verantwortung der Deutschen“ für die in Polen begangenen Kriegsverbrechen feststellen und eine „Entschädigung für das der polnischen Bevölkerung angetane Unrecht“ zusichern. Im Dezember 1940 veröffentlichten die Exilregierungen Polens und der Tschechoslowakei eine gemeinsame Protestnote (The Times, 12th November und 20th December, 1940) gegen den verbrecherischen Charakter der deutschen Besatzung, und ein Jahr später, im November 1941, während der vom Polnischen Außenministerium organisierten Konferenz der okkupierten Länder, legten sie das Projekt eines Abkommens zur Verfolgung und Verurteilung von NS-Kriegsverbrechern vor. Aufgrund dieses Entwurfs bereiteten die Vertreter der Regierungen Belgiens, Griechenlands, Norwegens, Jugoslawiens, Luxemburgs, der Niederlande, der Tschechoslowakei, Polens und von France Libre den Text einer gemeinsamen Erklärung zur Verfolgung von Kriegsverbrechern vor. In der am 13. Januar 1942 im Londoner St. James‘s Palace abgeschlossenen Erklärung (Declaration signed at St. James’s Palace) formulierten die Signatarländer als ihr gemeinsames Ziel und ihre gemeinsame Forderung die Verurteilung „aller schuldigen und für die Kriegsverbrechen verantwortlichen“ Täter und die Einrichtung einer effektiven internationalen Strafgerichtsbarkeit. Sowohl die Erklärung von St. James’s wie unterschiedliche Initiativen der Sikorski-Regierung und anderer Exilregierungen, die auf eine Beschleunigung der Festlegung von technischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für die internationale Ahndung von NS-Kriegsverbrechen zielten, wurden von den USA und Großbritannien mit großer Reserve betrachtet und dadurch ihrer Erfolgschancen in großem Maße beraubt. Ihre ersten Entscheidungen über die Details der Strafverfolgung von NS-Kriegsverbrechern trafen die Großmächte erst im Jahr 1945, ohne die europäischen Exilregierungen an Verhandlungen darüber zu beteiligen. Zu diesem Zeitpunkt, also im Jahr 1945, war auch eine der Hauptforderungen der war crimes policy der europäischen Exilregierungen, nämlich die NS-Verbrechen aufzuhalten und die verfolgten Gruppen, vor allem die jüdische Bevölkerung der okkupierten Territorien, vor einer totalen Vernichtung zu retten, nicht mehr realisierbar.

In Anbetracht der Diskrepanz zwischen der passiven und zurückhaltenden Haltung der Westalliierten gegenüber der Frage der Bestrafung von NS-Kriegsverbrechern einerseits und den intensiven Bemühungen der europäischen Exilregierungen um eine internationale Verurteilung der NS-Verbrechen andererseits, kann der Blick auf den Entstehungsprozess der Kriegsverbrecherpolitik der Alliierten in den Jahren 1939-1945 aus der Perspektive der okkupierten Länder und ihrer politischen Vertreter im Exil die bisherigen Forschungen zur Geschichte der Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen um wichtige Erkenntnisse bereichern. Als besonders beachtenswert erweisen sich in dieser Hinsicht die Arbeiten der polnischen Exiljuristen und Diplomaten, die seit Ende 1939 das Problem der Verfolgung und Bestrafung von NS-Verbrechern als vorrangig betrachteten und bereits in den ersten Kriegsjahren danach strebten, die Prinzipien der Kriegsverbrecherverfolgung zusammen mit Vertretern der europäischen Exilregierungen und der alliierten Großmächte auszuarbeiten.

Ausgewählte Literatur

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Frau Dominika Uczkiewicz, Willy Brandt Zentrum für Deutschland- und Europastudien, Universität Wrocław, war im Rahmen des Stipendienprogramms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahr 2016 als Stipendiatin an der Staatsbibliothek zu Berlin. Forschungsprojekt: “Polnische Exilregierung und die Frage der Bestrafung von NS-Kriegsverbrechen”

Projektpräsentation “Langer Weg nach Nürnberg : Polnische Exilregierung und die Frage der Bestrafung von NS-Kriegsverbrechen” am 11. 5. 2016