Unsere Beiträge zu den Wissenschaften und Forschung

Mittelalterliches Klosterbuch aus Werden entdeckt

Es ist wahrlich kein schönes Buch, diese Berliner Handschrift Ms. lat. fol. 334, die mir bei der Handschriftenerschließung in Berlin vor einiger Zeit in die Hände fiel: Ein zerfleddertes Pergamentbüchlein von sechs Doppelblättern, das man eher mit spitzen Fingern anfasst und instinktiv am liebsten gleich dem Restauratur übergeben möchte. Weiterlesen

Drei Perspektiven zum Hunger – Präsentation und Podiumsgespräch an der Staatsbibliothek

Die Weihnachtszeit ist traditionell die Phase des Jahres, in der Organisationen wie Brot für die Welt mit ihren Spendenkampagnen verstärkt auf das Thema Hunger aufmerksam machen. Am 30. November 2017 wurde dieses Thema auch in der Staatsbibliothek zu Berlin Gegenstand des wissenschaftlichen Austausches. In dem Werkstattgespräch „Hunger. Perspektiven aus Medizingeschichte, Kunst und Politik“ warfen Barbara Gronau, Ulrike Thoms und Michael Windfuhr drei sehr unterschiedliche Perspektiven auf dieses Phänomen.

Die Hungerkünstlerin Daisy wird nach 10 Tagen untersucht und gewogen, 1926 (Deutsche Presse Zentrale) © Stiftung Stadtmuseum Berlin-Sammlung Documenta Artistica. Reproduktion: Friedhelm Hoffmann, Berlin

Die Hungerkünstlerin Daisy wird nach 10 Tagen untersucht und gewogen, 1926 (Deutsche Presse Zentrale) © Stiftung Stadtmuseum Berlin-Sammlung Documenta Artistica. Reproduktion: Friedhelm Hoffmann, Berlin

Nach einer Begrüßung von Dr. Jochen Haug, komm. Leiter der Benutzungsabteilung, führte Barbara Gronau in das Thema ein. Prof. Barbara Gronau lehrt als Theaterwissenschaftlerin an der Universität der Künste Berlin und forscht seit 2007 zu Formen der Hungerkunst als Spektakeln moderner Askese. Hierfür arbeitet Barbara Gronau auch mit dem historischen Zeitungsmaterial der Staatsbibliothek zu Berlin.

Hungerkunst

Durch die zunehmende Urbanisierung und Industrialisierung wurde der Hunger um 1900 im Deutschen Reich zu einem allgegenwärtigen Problem. Gleichzeitig wurde er jedoch durch die aufkommende Fotografie auch immer stärker visuell erfahrbar und regelrecht in Szene gesetzt. Darüber hinaus wurde um 1900 das freiwillige Hungern in Form des Hungerstreiks als politisches Protestmittel verwendet. Hungerstreikende riskieren medial begleitet damals wie heute den eigenen Körper, um ihn als Waffe im politischen Kampf für die eigenen Ziele einzusetzen.

Die Verschränkung von freiwilligem Nahrungsverzicht und großer Öffentlichkeit lässt sich auch anhand einer besonderen Form der künstlerischen Auseinandersetzung beobachten, die Barbara Gronau bei ihrem Vortrag in den Mittelpunkt stellte: Sogenannte Hungerkünstlerinnen wie Claire de Serval und Daisy oder Hungerkünstler wie Wolly und das Duo Harry und Fastello inszenierten auf spektakuläre Weise ihren freiwilligen Nahrungsverzicht. Nach Barbara Gronau verstanden die Künstler alle das Hungern im Unterschied zum Hungerstreik als rein ästhetische Praxis. Gegen ein Eintrittsgeld konnte man den Hungerkünstlern etwa in Zirkussen, Varietés, Vereinshäusern oder Restaurants beim Nahrungsverzicht zusehen. Diese medial inszenierte Hungerkunst breitete sich in den 1920er Jahren immer weiter aus und erreichte ein wachsendes Publikum. Einen Höhepunkt erreichte der Hungerkünstler Jolly, der im Restaurant „Das Krokodil“ auftrat und insgesamt ungefähr 350.000 Zuschauer hatte.

Rekord im Hungern - Hungerkünstler "Jolly" erreichte den neuen Hungerrekord mit 44 Tagen © bpk / Kunstbibliothek, SMB, Photothek Willy Römer / Willy Römer

Rekord im Hungern – Hungerkünstler “Jolly” erreichte den neuen Hungerrekord mit 44 Tagen © bpk / Kunstbibliothek, SMB, Photothek Willy Römer / Willy Römer

Die Faszinationskraft der Hungerkunst liegt, so Barbara Gronau, in ihrer Normabweichung. Hungeraufführungen werden zu Theatern der Askese mit eindeutigen Inszenierungselementen wie das letzte Abendmahl, die Einmauerung und Ausmauerung. In Zeiten der gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sollte mit der Hungerkunst das reale Verhungern in den Städten ferngehalten und dem Verhungern müssen das Hungern können entgegengestellt werden.

Hunger in der Medizingeschichte

Die Medizinhistorikerin Ulrike Thoms, eine ausgewiesene Expertin im Bereich der Körper- und Ernährungsgeschichte und Geschichte der Biomedizin, setzte dagegen einen anderen Schwerpunkt und beschäftigte sich mit der Frage „Was ist eigentlich Hunger?“ Historisch betrachtet suchten schon die sich seit dem Ende des 18. Jh. neu formierenden Ernährungswissenschaften nach Antworten auf diese Frage. Sie versuchten – oftmals basierend auf an Gefängnisinsassen oder Soldaten gewonnenen Daten –, diese durch Minimalangaben für eine gesunde Ernährung zu beantworten.

Am Beispiel des Werkes „Die Dystrophie als psychosomatisches Krankheitsbild: Entstehung, Erscheinungsformen, Behandlung, Begutachtung; medizinische, soziologische und juristische Spätfolgen“ aus dem Jahr 1952 von Kurt Gauger veranschaulichte Thoms, dass diese Normen bislang jedoch nicht vereinheitlicht wurden und zudem historisch veränderbar waren. Der Dichter, Arzt und Psychotherapeut Gauger beschäftigte sich mit den vielfältigen Symptomen der Unterernährung von Heimkehrern aus der Kriegsgefangenschaft wie Gewichtsabnahme, Wassereinlagerungen, Eiweißmangel oder verlangsamte Herztätigkeit.

So galt beispielsweise ein Patient mit 49 kg Körpergewicht bei einer Größe von ca. 1,75 m nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht als unterernährt. 1949 wurde ihm mit einem höheren Gewicht von 56 kg dagegen eine Dystrophie diagnostiziert. Gleichzeitig wies Thoms in der Diskussion darauf hin, dass die bundesrepublikanischen Ernährungsexperten der Nachkriegszeit oftmals ihre wissenschaftliche Sozialisation im Nationalsozialismus durchliefen; die nationalen Grenzwerte für Mangelernährung mithin im „Dritten Reich“ gesetzt worden sind. Sie verdeutlichte, dass Hunger kein ausschließlich medizinisches Phänomen ist, sondern – wie Ernährung allgemein – durch die Durchdringung von Natur und Kultur sowie Körper, Seele und Gesellschaft geprägt ist. Das Phänomen Hunger lässt sich, so fasst Ulrike Thoms zusammen, nicht zweifelsfrei und exakt beschreiben und wurde im Laufe der Geschichte völlig unterschiedlich interpretiert.

Politische Aspekte des Hungers

Rice terraces, Bali, Indonesia, Southeast Asia, Asia - Quelle: Britannica ImageQuest © Robert Harding Productions / Robert Harding World Imagery / Universal Images Group Rights Managed / For Education Use Only

Terrassensysteme zum Reisanbau sind beispielsweise durch billige Konkurrenzprodukte aus den USA gefährdet. Bild: Rice terraces, Bali, Indonesia, Southeast Asia, Asia – Quelle: Britannica ImageQuest © Robert Harding Productions / Robert Harding World Imagery / Universal Images Group – Rights Managed / For Education Use Only

Die dritte und letzte Perspektive bot an diesem Abend Michael Windfuhr, stellvertretender Direktor des Instituts für Menschenrechte und Mitbegründer des Food First Information and Action Network. Laut dem jährlichen Welternährungsbericht der Vereinten Nationen vom Oktober 2017 sind aktuell rund 815 Mio. Menschen chronisch unterernährt. Gleichzeitig wird weltweit so viel Nahrung produziert wie noch nie zuvor. Hunger ist Michael Windfuhr zufolge aber kein Resultat einer zu geringen Nahrungsmittelproduktion, sondern in erster Linie ein Effekt fehlender Ressourcen wie etwa dem Zugang zu Land, zu Wissen oder die Möglichkeit, ein ausreichendes Einkommen zu erwirtschaften.

Anschließend nahm Michael Windfuhr das Publikum mit auf eine ganz persönliche Reise durch seine Biografie sowie aktuelle Entwicklungen der globalen Ernährung. Sein Bericht reichte von der Besetzung von landwirtschaftlichen Flächen durch Landlose in Brasilien über die Sojaanbaugebiete in Argentinien und die Reisterrassen auf Bali bis hin zur Berliner Markthalle 9 als Sinnbild für die neue Esskultur in Europa. Er zeigte auf, wie vielschichtig die Ursachen für Hunger sind und plädierte eindrücklich dafür, den Kampf gegen Hunger in erster Linie als Einsatz für Gerechtigkeit und Wissen zu verstehen. Im Kern aller Anstrengungen muss es deswegen sein, den Zugang Ressourcen sicherzustellen und nicht, die globale Nahrungsmittelproduktion weiter zu erhöhen.

In der anschließenden lebhaften Diskussion zwischen Podiumsgästen und Publikum wurde einerseits die Vielschichtigkeit des Phänomens Hunger deutlich. Andererseits zeigte sich, wie fruchtbar ein interdisziplinärer Zugriff auf dieses Thema ist, bietet doch jede Perspektive neue Erkenntnisgewinne und kann die jeweils anderen Ansätze produktiv ergänzen.

Sie haben jetzt das Nachsehen – unser Podiumsgespräch zum kreativen Potential von Bibliothekslesesälen nun auch auf Video

Autoren schreiben keine Bücher: nein, sie schreiben Texte, die zu gedruckten Objekten werden. Mit dieser pointierten Kurzformel sensibilisiert der französische Buchhistoriker Roger Chartier dafür, dass Texte erst in Druckereien, Verlagen, Buchhandlungen und gleichermaßen an der Ladenkasse sowie in Feuilleton und Lesesessel zu Büchern gemacht werden. Doch sind nicht auch wissenschaftliche ebenso wie literarische Texte – ganz im Sinne der critique génétique – das Produkt sozialer Beziehungssysteme?

Dieser Frage, die letztlich auf die Dekonstruktion des romantischen Geniekults und zumindest auf die Relativierung der Vorstellung vom schöpferischen Individuum zielt, ging am vergangenen Dienstag ein prominent besetztes Podium nach. Auf diesem nahmen neben Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin und Moderatorin des Gesprächs, die folgenden Gäste aus Wissenschaft, Literaturbetrieb und Berliner Gründerszene Platz:

  • Anke te Heesen
    (Professorin für Wissenschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin)
  • Martina Löw
    (Professorin für Planungs- und Architektursoziologie an der Technischen Universität Berlin)
  • Judith Schalansky
    (Freie Schriftstellerin und Buchgestalterin)
  • Lea Schneider
    (Lyrikerin, Übersetzerin und Mitglied des Berliner Lyrikkollektivs G13)
  • Tobias Kremkau
    (Coworking Manager des St. Oberholz in Berlin und Mitgründer des Instituts für Neue Arbeit)
  • Stephan Porombka
    (Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der Universität der Künste Berlin)

Strukturiert wurde das gemeinsame öffentliche Nachdenken von der Leitthese, Bibliothekslesesäle seien gerade aufgrund ihrer charakteristischen Gleichzeitigkeit von Konzentration und Austausch Räume der Kreativität und gewissermaßen Coworking Spaces avant la lettre. Dabei kamen die disziplinierenden Effekte des Schreibens in Gemeinschaft und durchaus auch in Konkurrenz zu den übrigen Anwesenden ebenso zur Sprache wie die schöpferischen Impulse aus bloßem Zufall gepflückter Lesefrüchte. Sind Lesesäle ausschließlich Räume textueller bzw. buchbezogener Kreativität? Oder können sie auch künstlerische Schaffensprozesse stimulieren?

Als Schutzpatron schwebte jedenfalls von den ersten Minuten an Michel Foucault über der Diskussion – und dies keineswegs nur mit Blick auf die angesprochenen Aspekte von Disziplinierung und Selbstregulierung. Denn einig war sich das gesamte Podium in der Einschätzung, dass Bibliothekslesesälen oder anderen nichtkommerzialisierten, mit kulturellen Bedeutungsgehalten aufgeladenen und insofern inspirierenden gesellschaftlichen Gegenräumen – Michel Foucault spricht in diesem Zusammenhang von “Heterotopien” bzw. “lokalisierten Utopien” – auch und gerade im Zeitalter der Digitalisierung eine große Zukunft beschieden ist.

Bereits in naher Zukunft – dies sei Ihnen mit Freude beschieden – wird ein Videomitschnitt des Gesprächsabends auf unserem Youtube-Kanal veröffentlicht. Ganz gleich, ob Sie sich die Aufzeichnung im Lesesaal oder im Coworking Space, alleine oder in Gesellschaft ansehen: Wir wünschen anregende Unterhaltung!

Um Ihnen bis dahin die Wartezeit etwas zu verkürzen, möchten wir Ihnen zum Schluss noch einige Ap­pe­tit­häp­pchen bzw. Gus­to­stü­ckerl servieren – in Form von O-Tönen, die wir in Hans Scharouns Leselandschaft, dem ikonischen Lesesaal unseres Hauses Potsdamer Straße, für Sie erlauscht haben:

 

„Vor dem Hintergrund meiner zwei liebsten Vorbilder stelle ich mir mit einiger Verzweiflung die Frage – und sitze dabei als winziger Mensch in der Stabi zwischen Hunderten, die in ihren Laptops und Büchern vergraben tätig sind und anscheinend schon irgendeinen Leitfaden für ihre Arbeit gefunden haben, und raufe mir die Haare, was nur sieht, wer aufschaut – wie, frage ich mich, bringt man um alle Welt den Eifer auf, wirklich gut zu schreiben? Und wie verwandelt man ihn in die Praxis?“ (Ann Cotten)

 

„Meine letzten beiden Bücher sind zum größten Teil in der Berliner Staatsbibliothek am Potsdamer Platz entstanden. So ist mir diese Bibliothek zu einem fast mystischen Ort geworden, jenem nämlich, wo schon zweimal etwas Großes, Schweres gelungen ist. […]

Inzwischen halte ich öffentliche Bibliotheken für den perfekten, den logischen und naturgemäßen Arbeitsplatz für Schriftsteller. […]

Ich liebe die Stabi, mit geringeren Worten kann ich es nicht sagen. Sie ist mein Ruhe- und mein Kraftzentrum, die perfekte Mischung aus Gesellschaft und Konzentration, aus Unpersönlichkeit und Geborgenheit, aus Lust, Sucht und Qual.“ (Eva Menasse)

 

„Undenkbar, dass ich ohne diesen Ort auch nur eines meiner Bücher geschrieben hätte. Es vergeht kaum eine Woche, in der ich mich nicht hierher begebe.“ […]

Manchmal schiele ich auf den Nachbartisch, lese die abenteuerlich anmutenden Arbeitstitel der im Entstehen begriffenen Forschung und ertappe mich dabei zu überlegen, wer das alles lesen soll. Doch […] dann […] weiß ich wieder, dass das letztendlich gar nicht so wichtig ist. Die Hauptsache ist, dass wir weitermachen. Hier, in der Staatsbibliothek.“ (Judith Schalansky)

 

„Morgens fahre ich zum Arbeiten meist in die Staatsbibliothek, weil ich mich dort besser konzentrieren kann als zu Hause, da schmiere ich mir nur immer zu viele Brote zwischen dem Schreiben oder wasche Wäsche. […]

„Verena sagt, es gibt viele von uns hier, Schriftstellerinnen.“ (Stefanie de Velasco, in: Zitty 2017/33, S. 78)