Unsere Beiträge zu den Wissenschaften und Forschung

„Wirklich in Verfall“ – Wilhelm von Humboldt und die Königliche Bibliothek

Im Rahmen einer abendlichen Podiumsdiskussion diskutierten am Abend des 20. Juni in der Staatsbibliothek über Wilhelm von Humboldts historische und gegenwärtige Bedeutung Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz; Heinz-Elmar Tenorth, Professor für Historische Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und Jürgen Trabant, Professor für Sprachwissenschaft am Institut für Romanische Philologie der Freien Universität Berlin. Die Einführung und Moderation übernahm Heike Schmoll, bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zuständig für Bildungspolitik und verantwortlich für die Seite ,Bildungswelten‘.

Auf dem Podium: Dr. h.c. Heike Schmoll als Diskussionsleiterin, Prof. Dr. Trabant, Prof. Dr. h.c. mult. Hermann Parzinger, Prof. Dr. Tenorth

 

Als Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz erläuterte ich eingangs die besonderen Beziehungen Humboldts zur Königlichen Bibliothek:

„Meine Damen und Herren, wenn wir uns heute Abend fragen, ob Wilhelm von Humboldt denn allein als der allerorts anerkannte Bildungsreformer zu gelten hat oder ob wir ihm anlässlich seines 250. Geburtstags noch einige andere Verdienste bescheinigen dürfen, so möchte ich als Generaldirektorin der Staatsbibliothek, die zu Humboldts Zeiten ja noch als Königliche Bibliothek fungierte, gerne behaupten: ja, in gewisser Weise hat sich Humboldt sogar als Bibliotheksreformer erwiesen; wenn auch nicht flächendeckend für den gesamten Staat Preußen, so aber doch maßgeblich für die Königliche Bibliothek.

Nach Jahren der sanierungsbedingten Veranstaltungsabstinenz: unser Debut Unter den Linden!

 

Es geht, wie so gerne, ums Geld – präziser: um den Etat, um Bücher und wissenschaftliche Zeitschriften kaufen zu können. Das war vor zweihundert Jahren ebenso ein Thema wie heute und vermutlich wird der sogenannte „Erwerbungshaushalt“ ein Thema auch bleiben, solange es Bibliotheken noch gibt. Denn Bücher kosten Geld, damals wie heute; und für Bibliotheken darf es immer auch noch „ein wenig mehr“ Geld sein. Doch der Anstoß dazu muß in aller Regel von oben kommen, aus den Ministerien; die Forderungen der Bibliothekare an der Basis verhallen zumeist ungehört. In der Tat war die Erwerbungslage der Königlichen Bibliothek im 18. Jahrhundert über Jahrzehnte hinweg desolat gewesen. Unter Friedrich Wilhelm, der den Soldaten bekanntlich mehr Interesse entgegenbrachte als den Büchern, wurde sechs Jahre lang nicht ein einziges Buch für die Bibliothek erworben; und auch anschließend bestand der Erwerbungsetat ganz überwiegend aus den Einnahmen, die die Bibliothek durch den Verkauf von Dubletten erzielte. Noch im Jahr 1776 musste sie – für einen völlig sachfremden Zweck! – vierhundert Thaler bereitstellen, um vierzig Dorfschulmeister schleunigst in das neugewonnene Westpreußen zu befördern. Kein Wunder mithin, dass Wilhelm von Humboldt im August 1809 diagnostizierte, dass „einige weniger begünstigte Institute, wie z.B. die Bibliothek, wirklich in Verfall gerieten“. Deutliche Worte sind dies eines Mannes, der erst seit Mitte April, also seit vier Monaten, sein neues Amt als Direktor der Sektion für Kultus und Unterricht im Ministerium des Innern ausübte. Nunmehr, in Königsberg, Hof und Regierung residierten in jenen Tag dort, gelangt er zu der Auffassung, es sei bislang „eine wirklich erbärmliche Summe auf die Vermehrung der Bibliothek“ veranschlagt worden. Humboldt erkannte, dass eine Universität – nämlich ‚seine‘ soeben in Berlin gegründete Universität – ohne leistungsfähige Bibliothek kaum jemals erfolgreich würde wirken können und veranschlagte bei der Etatisierung der Universität von Anbeginn auch deren Literaturversorgung großzügig mit ein.

Vermutlich waren seine Vorstellungen in diesen wirtschaftlich schwierigen und militärisch kostspieligen Zeiten allzu hochfliegend, denn die 10.000 Taler, die Humboldt der Bibliothek gerne jährlich zugewiesen hätte, ließen sich beim Finanzminister Altenstein nicht durchsetzen. Am Ende wurden aus den vormals 2.000 Talern jährlich immerhin 3.500 – ein ganzes Drittel mehr, und zwar dauerhaft! Nun war Planungssicherheit gegeben und vor allem war durch die materielle Besserstellung zugleich auch der immaterielle Wert der Bibliothek deutlich herausgestellt. Was nichts kostet, ist auch nichts wert oder anders gewendet: Teuer = wertvoll, nützlich und unterstützenswert. Als Minister Altenstein 1817 vom Finanzressort zum Kultus wechselte, erhöhte er den Bibliotheksetat dann auf 4.000 Taler; Ende der zwanziger Jahre lag er bereits bei 8.000 Talern, von Sondermitteln und außerordentlichen Zuschüssen ganz zu schweigen.

Eine anspruchsvolle Veranstaltung in prachtvollem Ambiente

 

Man mag nun einwenden, dass Humboldt, als er die Mittel für die Königliche Bibliothek erhöhte, ja gar nicht an die Bibliothek als solche dachte, sondern eigentlich allein die Universität und deren Literaturversorgung im Kopf hatte. So berechtigt dieser Einwand auch ist, er ändert nichts an neuen finanziellen Wertschätzung, die der Bibliothek nun zuteilwurde. Und ganz nebenbei wurde die Königliche Bibliothek durch diese neue akademische Aufgabenbestimmung auch erstmals an eine Zielgruppe, nämlich an die universitäre Forschung und Lehre, herangeführt. Wir haben somit Wilhelm von Humboldt in doppelter Hinsicht zu danken: für die monetäre Besserstellung wie auch für die damit verbundene Verpflichtung der Bibliothek gegenüber ihrer neuen Klientel. Seit ihrer Gründung war die Bibliothek ein wenig orientierungslos gewesen und diente Theologen und Juristen, Kammerherren und Militärs, Hofbeamten und Schöngeistern als Gebrauchsbibliothek. Nun aber, kaum dass sich die Wissenschaften in Berlin überhaupt erst etablierten, hier gleich nebenan im Palais des Prinzen Heinrich, sorgte Wilhelm von Humboldt für die Verzahnung von Hochschule und Königlicher Bibliothek.

Ich begrüße Professor Markschies, den ehemaligen Präsidenten der Humboldt-Universität zu Berlin

 

Bis heute ist es dabei im Wesentlichen geblieben. Noch immer ist die Bibliothek eben auch eine Universitätsbibliotheksbibliothek: an die drei Viertel unserer Leserinnen und Leser sind Studierende, Doktoranden oder entstammen dem Lehrkörper. Die Saat, die Wilhelm von Humboldt 1809 säte, ist fulminant aufgegangen: wer in Berlin wissenschaftlich arbeitet, ob akademisch eingebunden oder auch außeruniversitär, kommt an der Staatsbibliothek nicht vorbei. Und auch der Erwerbungsetat ist noch immer ein Thema. Erfreulicherweise ist es in diesem Jahr, 2017, gelungen, den Etat der Bibliothek sehr maßgeblich, aufzustocken – wir wollen hoffen, dass die Humboldt’sche Erkenntnis des Jahres 1809, den Erfolg der Wissenschaften in Berlin auch durch eine verbesserte Etatisierung der maßgebenden Bibliothek zu erreichen, auch die heutigen Entscheidungsträger auch weiterhin lenken möge. Als Generaldirektorin der Staatsbibliothek gratuliere ich Wilhelm von Humboldt sehr herzlich zu seinem 250. Geburtstag und danke von Herzen für sein so fruchtbringendes Engagement zum Besten der Königlichen Bibliothek!

Und um Wilhelm von Humboldt dauerhaft die Ehre zu erweisen, nutzte ich die Gunst der Jubiläumsstunde und benannte den Großen Festsaal des Hauses Unter den Linden für die Zukunft nach Wilhelm von Humboldt!

 

Leben wir in Zeiten des abnehmenden Lichts?

Ein Werkstattgespräch mit Eugen Ruge am Montag 26. Juni 2017

Nein, an diesem Abend war das Licht nicht abnehmend. Der Dietrich-Bonhoeffersaal war bis auf den letzten Platz gefüllt, als die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin Barbara Schneider-Kempf die geschätzt 150 Besucher zum Gespräch mit dem Schriftsteller Eugen Ruge begrüßte. Es sollte bewusst keine reine „Dichterlesung“ sein, obwohl auch gelesen wurde. Vielmehr  sollte man den Autor und seine Leben in einem Gespräch „aus dem Atelier“  kennenlernen. Zunächst stellte Frau Schneider-Kempf  Eugen Ruge kurz vor: „ Am ersten Juni dieses Monats hatte die Verfilmung Ihres Erfolgsromans In Zeiten des abnehmenden Lichts Premiere. Eine Verfilmung, von der Sie zunächst behaupteten, sie sei nicht möglich, der Roman sei nicht verfilmbar. Der Film hat bei Kritik und Publikum begeisterte Aufnahme gefunden. Lieber Herr Ruge, bestimmt haben Sie zurzeit einen vollen Terminkalender, umso mehr freuen wir uns, dass Sie heute bei uns sind“.

Die Freude war auf beiden Seiten. Der Moderator des Abends, Raimund Waligora, wissenschaftlicher Fachreferent an der Staatsbibliothek, der den Autor seit Schultagen kennt, stieg ein mit Fragen zum Lebensweg Eugen Ruges. Ruge wurde 1954 (ein Jahr und zwei Monate nach dem Tode Stalins) in dem kleinen Ort Sosswa hinter dem Ural geboren. Geburtsjahr und Ort waren nicht zufällig, sein Vater war zur lebenslänglichen Verbannung dorthin verschickt worden. In der nun ansetzenden „Tauwetterperiode“ lockerten sich die harten Lebensbedingungen allmählich. 1956 kam Eugen mit den Eltern in die DDR, die Mutter Russin (sowjetische Staatsbürgerin), der Vater bald bedeutender Historiker  im jungen Arbeiter- und Bauernstaat. Im lockeren Dialog spielten sich Waligora und Ruge gegenseitig  die Bälle zu, was auch an der Machart des Abends lag, der sich nicht detailliert an einer Fragenliste abarbeiten wollte. Dadurch gestaltete sich der gegenseitige Austausch spontan, farbig und abwechslungsreich. Zu den Themen, die angesprochen wurden, gehörten etwa Ruges Zweisprachigkeit und seine Verwurzelung in unterschiedlichen Kulturen sowie die Frage, ob sich daraus Ausgrenzungen in Kindheit und Schulzeit ergeben hätten.
Ausgeschmückt mit mancher Anekdote erzählte Eugen Ruge von einer durchaus lebenswerten, spannenden Kindheit und Jugend in der DDR, in einer erweiterten Oberschule mit mathematischem Profil. Stationen seines weiteren Bildungswegs waren zunächst: ein Mathematikstudium an der Humboldt-Universität zu Berlin und einige Jahre Tätigkeit im Zentralinstitut für Physik der Erde in Potsdam, wo auch sein Wohnort lag.

Das eher unpolitische und künstlerisch wenig ambitionierte Leben als Erdbebenforscher füllte Eugen Ruge nicht aus, 1986 wagte er den Sprung ins  kalte Wasser und wurde freier Autor. Zunächst als Mitarbeiter im DEFA-Dokumentarstudio, dann als Hörspiel und Theaterautor.  1988 fand er die DDR schließlich so reformunwillig und wohl auch -unfähig, dass er von einer Westreise nicht zurückkehrte. Erst im Jahr 1995 zog Ruge wieder in den jetzt nur noch geographischen Osten Deutschlands um.

Die DDR war Geschichte, für Ruge aber künstlerische und wissenschaftliche Herausforderung. Es entstanden neue Prosatexte, eigene dramatische Versuche (seine Theaterstücke wurden auf über 50 deutschen Bühnen gespielt), wissenschaftliche Bearbeitungen von Texten seines Vaters und schließlich der Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts, ein Werk, das inzwischen in 29 (!) Sprachen übersetzt wurde, und für das Ruge unter anderem 2011 den Deutschen Buchpreis zugesprochen bekam.
Diese auch als „DDR-Buddenbrooks“ bezeichnete Familiensaga spiegelt die Spätzeit der DDR aus der Perspektive von vier Generationen wider, die alle beim 90. Geburtstag des überzeugten Kommunisten Wilhelm Powileit  zusammentreffen. Ruge führt so vom Mexikoemigranten zur Zeit des Faschismus bis zum eher unpolitischen Urenkel verschiedene Lebenswege und Haltungen zur DDR montageartig zusammen.

Da es sich ja um keine Dichterlesung im engeren Sinne handelte, bei der ein Werk vorgestellt und diskutiert wird, las Ruge auch nicht aus einem der schon bekannten Romane, sondern brachte eine kleine Erzählung zu Gehör, die nach seinem eigenem Zeugnis auf einer wahren Geschichte beruht. Sie wurde bisher nicht veröffentlicht, trägt den Arbeitstitel SALOMO und handelt von den Verfolgungsphantasien und Ängsten eines jungen  Literaten, der Probleme mit den staatlichen Behörden hat. Von der panischen Angst erfüllt, abgehört zu werden, vernichtet er seine technischen Geräte, lässt sich ganze Zähne ziehen und läuft zuletzt in einem selbstgebastelten faradayschen Käfig durch die Straßen… Aber mehr sei hier nicht verraten.

Leben und Werk Ruges sowie die vorgetragene Kurzgeschichte boten genug Anknüpfungspunkte, um nun auch das Publikum in das Werkstattgespräch einzubeziehen. Es machte von der Gelegenheit, Fragen an den Autor zu stellen, regen Gebrauch und nahm auch die Möglichkeit zur Buchsignierung dankbar an.

 

[Raimund Waligora / Jens Prellwitz]

 

 

Berliner Theaterlandschaft im Wandel – Castorf und Peymann an der Staatsbibliothek

Das Berliner Theater befindet sich im Wandel. In diesen Tagen wird zum letzten Mal eine Inszenierung von Frank Castorf, der die Theaterlandschaft der Hauptstadt geprägt hat wie kaum ein zweiter, in der Volksbühne zu sehen sein. Die Zeichen stehen auf Abschied – das wird nicht nur durch die Abnahme des Schriftzuges OST auf dem Dach der Volksbühne deutlich. Chris Dercon, früherer Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London, wird als Nachfolger von Castorf der Volksbühne ein ganz neues Gesicht verleihen. Seine Vision ist die eines Mehrspartenhauses für Theater, Tanz, Musik, Mode und vieles mehr. Dercon erhielt dafür bereits im Vorfeld harte Kritik. Wie sich das Haus verändern wird, wird sich jedoch erst in den nächsten Monaten zeigen.

Frank Castorf hinterlässt auf jeden Fall ein großes Erbe. Schon früh ging er – damals noch in der DDR – ans Theater. Auch wenn er immer wieder in Westdeutschland inszenierte, Frank Castorf war und ist immer mit der Volksbühne im Osten Berlins verbunden. Bereits seit 1992 ist er dort als Intendant tätig. Castorf wurde mehrmals von der Theaterzeitschrift „Theater heute“ zum Regisseur des Jahres gewählt und hat durch seine experimentelle Ästhetik das Theater der Bundesrepublik maßgeblich geprägt. Sein „postdramatisches Theater“ ist für Publikum wie Schauspielerinnen und Schauspieler immer anstrengend und herausfordernd. Stundenlange Provokationen, eine lediglich als Inspirationsquelle und manchmal bis zur Unkenntlichkeit veränderte literarische Vorlage sowie der intensive Einsatz von Kamera und Leinwand sind klare Anzeichen für einen „echten“ Castorf. Seine letzte Inszenierung von Goethes Faust wurde von der Kritik begeistert aufgenommen. Mit Baumeister Solness nach Henrik Ibsen wird die Ära Castorf an der Volksbühne am 1. Juli 2017 schließlich beendet.

Doch nicht nur Frank Castorf verlässt die Volksbühne, auch Claus Peymann am Berliner Ensemble überlässt ab der Saison 17/18 das Ruder am Brechtschen Traditionshaus Oliver Reese, der von Frankfurt nach Berlin übersiedelt. Auch Peymann hat das Theater in der Hauptstadt über lange Jahre mitgestaltet. Nach Stationen als Schauspieldirektor in Stuttgart und Bochum sowie der Direktion des Burgtheaters Wien wurde Peymann 1999 Intendant des Berliner Ensembles. Auch Peymann liebt die Provokation und machte sich mit umstrittenen Inszenierungen wie Thomas Bernhards „Heldenplatz“ einen Namen.  Am 2. Juli 2017 wird er sich als Intendant verabschieden und seinem Nachfolger das Feld überlassen. Der Generationswechsel in der Berliner Theaterlandschaft ist nicht aufzuhalten. Es werden neue Stücke, neue Ensembles und ganz neue Konzepte für das Theater in Berlin folgen. Es bleibt abzuwarten, was sich daraus alles entwickeln wird.

Die Staatsbibliothek hat traditionell einen großen Theaterbestand. Ob das nun Primär- und Forschungsliteratur oder gar unser umfangreiche Bestand an Theaterzetteln ist. Theater hatte und hat immer einen besonderen Stellenwert in der Bibliothek. Selbstverständlich darf da auch die aktuelle Literatur zu Castorf und Peymann nicht fehlen. Hier eine kleine Auswahl:

 

Literatur zu Frank Castorf:

Der Verlag „Theater der Zeit“ hat bereits im vergangenen Jahr Castorf ein eigenes Arbeitsbuch mit vielen spannenden Aufsätzen von renommierten Theaterschaffenden und TheaterwissenschaftlerInnen gewidmet. Wenn Sie mehr über die Ästhetik von Castorf wissen möchten, dann werden Sie hier sicher fündig:

http://stabikat.de/DB=1/XMLPRS=N/PPN?PPN=86244120X

Gespräche mit Frank Castorf haben wir gleich mehrfach im Bestand:

http://stabikat.de/DB=1/XMLPRS=N/PPN?PPN=278877273

Der Titel „Republik Castorf: die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz seit 1992: Gespräche“ herausgegeben von Frank Raddatz befindet sich ebenfalls im Bestand, ist aber momentan noch in Bearbeitung.

Ein Blick in die Geschichte der Volksbühne bietet der Titel „Zehn Jahre Volksbühne“:

http://stabikat.de/DB=1/XMLPRS=N/PPN?PPN=360571727

Wenn Sie mehr über das Leben Castorfs erfahren möchten, können Sie sich in dieser Biografie informieren:

http://stabikat.de/DB=1/XMLPRS=N/PPN?PPN=352865822

 

Literatur zu Peymann:

18 Jahre war Claus Peymann Intendant beim Berliner Ensemble. Diese Zeit hat er nun auch in einer zweibändigen Veröffentlichung mit Fotos und Materialien festgehalten: Ferbers, Jutta/Peymann, Claus: „Das schönste Theater. Bertolt-Brecht-Platz 1: Direktion Claus Peymann 1999-2017: Erinnerungen und Bilanz. Ein Foto- und ein Materialienband.

Autobiographisches von Peymann finden Sie im Titel „Mord und Totschlag“. Interviews, Briefe und andere Dokumente geben ein facettenreiches Bild vom langjährigen Intendanten des Berliner Ensembles.

Auf diese beiden Titel können Sie ebenfalls gespannt sein. Verfolgen Sie unsere Neuerwerbungen. Bald werden die Titel für Sie zur Verfügung stehen.

Und schließlich sollten bei „Peymann von A bis Z“ alle Fragen beantwortet werden können:

http://stabikat.de/DB=1/XMLPRS=N/PPN?PPN=566030470

 

Wenn Sie vom Theater immer noch nicht genug haben, dann stöbern Sie doch mal im neuen Portal des Fachinformationsdienstes für darstellende Kunst:

http://www.performing-arts.eu/

Mit nur einem Klick können Sie hier sämtliche relevante Datenbanken, Bestände von Bibliotheken, Museen und Archive und vieles mehr durchsuchen.

Nachlässe digital – internationale Konferenz in der Staatsbibliothek

Nachlässe – digital
Koop-Litera International – Konferenz 2017
20.-22. Juni 2017
Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Dietrich-Bonhoeffer-Saal der Staatsbibliothek

 

Koop-Litera ist ein Netzwerk von Institutionen, die schriftliche Nachlässe und Autographen verwalten. Nach den Veranstaltungen in Mersch/Luxemburg (2011) und Bern/Schweiz (2014) findet 2017 die internationale Konferenz dieses Verbundes in der Staatsbibliothek zu Berlin statt. 100 Vertreter von Einrichtungen aus Deutschland, Österreich, Luxemburg, der Schweiz und anderen Ländern werden sich hier treffen, um über das Thema Nachlässe, einem Kernbestand des kulturellen Erbes, im digitalen Zeitalter in allen seinen Facetten zu diskutieren. Die 20 Vorträge und 3 Workshops widmen sich der Frage, wie die Digitalisierung die Forschung mit Ihren Fragestellungen und Prozessen verändert und was die digitale Transformation für die Erwerbung, Erschließung und Vermittlung von Nachlässen bedeutet.

Tagungsprogramm und weitere Informationen

Songs are unlike literature…

Kurz vor Ablauf der Frist hat Bob Dylan am 4. Juni 2017 in Los Angeles seine Nobelpreis-Lesung aufgezeichnet und damit alle Verpflichtungen erfüllt, die mit der Auszeichnung verbunden sind. Bob Dylan ist damit der 109. Träger des Literaturnobelpreises und gleichzeitig erste hauptberufliche Musiker, der mit der international bedeutendsten Ehrung für literarische Leistungen ausgezeichnet worden ist.

In seiner Lesung spricht Bob Dylan über seine musikalischen Wurzeln, die tief in den Genres Country, Western, Rock’n’Roll und Rhythm’n’Blues liegen, und über sein Idol Buddy Holly, den „elder brother“ und den „archetype“ gleichermaßen. Ein wenig hört man aus Dylans alter Stimme noch den Trotz und den Eigensinn des 17-jährigen Jungen aus Hibbing, Minnesota heraus, wenn er sich an die Anfänge erinnert:

„When I started writing my own songs, the folk lingo was the only vocabulary that I knew, and I used it.“

Neben seinen musikalischen Einflüssen reflektiert Bob Dylan in seiner Lesung aber vor allem über die Literatur, die ihn geprägt hat, und die – mal eher unterbewusst und mal ganz explizit – in seine Songtexte eingeflossen ist. Dazu zählt er die traditionellen Lektürestoffe der Oberschule, die er aufgesogen hat und die ihm schon früh „a way of looking at life and understanding of human nature, a standard to measure things by” gegeben haben.

Über diese Werke können Sie sich ausgiebig in den Beständen der Staatsbibliothek informieren – sei es über zahlreiche Ausgaben der Werke selbst oder über die reichlich vorhandene Forschungsliteratur bspw. zur Stoff- und Motivgeschichte oder zur Rezeption. Namentlich führt Dylan Abenteuergeschichten wie Miguel de Cervantes‘ große Ritterroman-Parodie Don Quijote an, die im Jahr 2002 von einhundert Schriftstellern zum besten Buch der Welt gekürt wurde, aber auch Sir Walter Scotts Historienroman über den Kreuzritter Sir Wilfred of Ivanhoe, die Geschichte des schiffbrüchigen Robinson Crusoe von Daniel Defoe, in der die Gattung der Robinsonaden ihren Ursprung hat, Jonathan Swifts Satire Gulliver‘s Travels, der als Jugendbuch weltberühmt wurde, und schließlich Charles Dickens‘ A Tale of Two Cities, in der die Lebensgeschichten von Dr. Manette und dessen Familie in den Wirren der Französischen Revolution und des noblen Londoner Eigenbrödlers Sidney Carson erzählt werden. Ganz besonders beeinflusst fühlt sich Bob Dylan aber von drei Werken der Weltliteratur:

 

Herman Melville: Moby Dick – “Quotable poetic phrases that can’t be beat.”

…ein Seefahrerroman voller biblischer Allegorien, antiker Mythen, britischer Legenden und zoologischer Exkurse zum Thema Walfang, der davon erzählt, wie unterschiedlich Menschen auf dieselben Erfahrungen reagieren, und den Dylan in verschiedenen seiner Songs – man denke etwa an „Bob Dylan’s 115th Dream“ aus dem 1965er Album Bringing It All Back Home – verarbeitet hat.

 

Erich Maria Remarque: All Quiet on the Western Front (Im Westen nichts Neues) – “This is a book where you lose your childhood”

…ein Roman über die grausamen Erlebnisse eines jungen Soldaten im Ersten Weltkrieg, der als Antikriegsroman in die Weltliteratur eingegangen ist, und der Bob Dylan so tief erschüttert hat, dass er nach der Lektüre “never wanted to read another war novel again – and I never did.“ Dylan sieht hier erzählerisch eine Parallele zu Charlie Poole (1892–1931), einem Songschreiber aus North Carolina, der ähnliche Kriegsschrecken in seinem Song “You ain’t talking to me” verarbeitet. Pooles Song hat Dylan übrigens erst in jüngerer Zeit zu einem eigenen Stück inspiriert: „Ain’t Talkin‘“, erschienen auf dem Album Modern Times (2006).

 

Homer: The Odyssey – “You too have come so far and have been so far blown back.”

…eine der einflussreichsten Dichtungen der Welt über die Irrfahrten des Odysseus, die den Stoff für zahlreiche Bearbeitungen gab und, wohlgemerkt, vom wiederum gleichsam mythischen Dichter Homer einem Sänger in den Mund gelegt wurde. Auch einige der berühmtesten Countrysongs rekurrieren auf den Stoff, darunter „Homeward Bound“ von Simon & Garfunkel, Curly Putmans „Green Green Grass of Home“ über den Heimattraum eines Mannes in der Nacht vor seiner Hinrichtung, das durch Interpreten wie Tom Jones und Elvis Presley internationale Erfolge feierte, und „Home on the Range“, dessen Textgrundlage ein Gedicht des Heimatsuchenden Brewster M. Higley ist.

 

And you want your songs to sound good…

Dylan erläutert, er müsse ein Werk nicht verstehen, um sich davon beeinflussen zu lassen. Es muss ihn aber emotional bewegen. Als Beispiel führt er eine Zeile des vielfach als rätselhaft geltenden englischen „metaphysical poet“ John Donne (1572–1631) an und kommentiert: „ I don’t know what it means, either. But it sounds good. And you want your songs to sound good.”

Für Bob Dylan sind Songs nicht wie Literatur. Warum hat er dann den Nobelpreis für Literatur bekommen, könnte man fragen. Kritikerstimmen waren zur Genüge zu hören. Oder wieso hat er den Preis nach fast zweiwöchiger Funkstille angenommen? – Weil Songs mehr sind als Literatur, so wie Shakespeares Theaterstücke mehr sind als Texte. Sie müssen gesungen, gespielt, aufgeführt werden: “But songs are unlike literature, they meant to be sung, not read. The words in Shakespeare’s plays were meant to be acted on the stage, just as lyrics in songs are meant to be sung, not read on a page.”

“And I hope some of you get the chance to listen to these lyrics the way they were intended to be heard: in concert or on record or however people are listening to songs these days”

In diesem Sinne ist auch die Nobelpreis-Lesung von Bob Dylan mehr: Man muss sie anhören und dem Klang von Dylans Stimme lauschen…

Stimmen der Bibliothek: Digitalisierung der Bibliotheken

Bibliotheken sind seit Jahrhunderten etablierte Spieler im Bereich der Wissenssammlung und -katalogisierung und sehen sich im digitalen Zeitalter einer Reihe von Herausforderungen gegenüber.

Im Podcast “Forschergeist” des Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V. spricht Tim Pritlove mit Ralf Stockmann, Leiter des Referates „Innovations-Management – Online-Bibliotheksdienstleistungen“ an der Staatsbibliothek zu Berlin über traditionelle und zukünftige Rollen von Bibliotheken.

Thematisch wird ein weiter Bogen gespannt: der Zugang zu Wissen und Forschung, die Erschließung und Katalogisierung von Quellen, das Aufbereiten und Verfügbarmachen der Daten, die Bewahrung und Archivierung der gewonnenen Informationen, das Verhältnis der Bibliotheken zu Wissensprojekten wie Wikipedia und Suchmaschinen.

Auch denkbare Zukunftsfelder für eine digitale Transformation von Bibliotheken werden gestreift: die Möglichkeiten der Analyse von Big Data (Kataloge als Objekt von Forschung) oder die Anwendung neuer Methoden des maschinellen Lernens und der künstlicher Intelligenz.

Seine Musik brachte Kinderaugen zum Leuchten

Der komplett erschlossene Nachlass (55 Nachl 111) des Komponisten Gunther Erdmann ist jetzt in der Staatsbibliothek

Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Vielleicht werden sich einige, die ihre Kindheit in Ostdeutschland verbracht hatten, an Lieder wie etwa „der kleine freche Spatz vom Alexanderplatz“ von Gunther Erdmann (1939-1996) erinnern. Der bis zur Wende gefeierte Komponist mit dem dichten dunklen Haar und dem markanten Rauschebart hat fast sein ganzes Leben für die Kindheit und Jugend komponiert. Doris Winkler vom Chorverband Berlin ist es zu verdanken, dass der Nachlass von Gunther Erdmann, der auch ein Stück Musikgeschichte der DDR ist, gerettet werden konnte und nun in der Musikabteilung für die Nachwelt zugänglich ist. Besonders beeindruckt der umfangreiche kompositorische Teil des Nachlasses, der neben zahlreichen persönlichen Dokumenten auch Fotos und Tonträger enthält: Sein Œuvre umfasst Instrumental- und Filmmusik, Sololieder, Revuen und eine Kinderoper. Es war sein Hauptanliegen, Chormusik v.a. für junge Leute zu schreiben. Dabei sollte der 1939 im Thüringischen Oberdorla bei Mühlhausen geborene Erdmann zunächst die Schuhwerkstatt des Vaters übernehmen, übte aber viel lieber Cello und Klavier in der Volksmusikschule und zog schon bald als Korrepetitor beim „Republik-Ensemble der Deutschen Volkspolizei“ durch die DDR, wie die im Nachlass erhaltenen Berichtshefte und Lehrlingszeugnisse aus dem Weißenfelser Schuhkombinat „Banner des Friedens“ belegen.

Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/H,46) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

1966, nach dem Studium an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“, übernahm er als musikalischer Leiter fast 20 Jahre erfolgreich zusammen mit der Choreographin und Tänzerin Anni Sauer das Kinder- und Jugendensemble „Musik und Bewegung“ am „Haus der Jungen Talente“ in Berlin. Über diese Arbeit, die er stets mit seinem kompositorischen Grundsatz „so einfach wie möglich, so kompliziert wie nötig“ zu erfüllen suchte, schrieb Erdmann im Januar 1985: „Kinder haben eine unglaubliche Phantasie. Sie sind nicht nur aktive Zuhörer, sie können gar nicht passiv sein und urteilen durch ihre Anteilnahme. Jedes Kind ist musikalisch. Es genügt nicht nur, Kompositionen für Kinder zu schreiben, man muß sich selbst mit ihnen beschäftigen, muß ihre Wünsche, Träume, Freude und Traurigkeit genau kennen. Das ist die beste Basis zur Schaffung neuer Musik für Kinder.“ Dabei versuchte Erdmann, den Bewegungsdrang von Kindern geschickt mit der Artikulation von Sprache und Klängen zu verquicken.

Einige Werke aus seinem Nachlass sind heute zwar als Ergebnis einer ideologischen Vereinnahmung durch die SED-Machthaber durchaus kritisch zu sehen. Andere Werke wirken hingegen erstaunlich zeitlos, entspringen stets der Erlebniswelt des Kindes. Abzählreime finden sich neben Kalauern, Zungenbrechern oder Kurzgeschichten und Gedichten von Eva Strittmatter, Sarah Kirsch, James Krüss etc. Ebenso bediente Erdmann auch das traditionelle Kinderlied aus Deutschland (neben dem Liedgut aus „sozialistischen Brüderländern“) im gemäßigt modernen Tongewand.

Notenhandschrift „Aj-lju-lju“ aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/A,296 (1)) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Notenhandschrift „Aj-lju-lju“ aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 Nachl 111/A,296 (1)) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Anfang der 1980er Jahre kam sein Interesse für jiddische Folklore hinzu. Neben der Pentatonik reizte ihn die eigenartige Melange aus heiterer Lebensfreude und tiefem Schmerz, die in seinem Zyklus „Tumbalaleika“ oder in der Motette „Ghetto“ erfahrbar wird. 1990 komponierte er sein letztes Chorwerk „Die Welt ist ein Käfig voller Narren“. Nach dem Mauerfall wurde es ruhiger um den Komponisten; er vereinsamte sogar zunehmend − ein Schicksal, das er mit vielen Komponisten der untergegangenen DDR teilte.

[Text von Jean Christophe Gero]

Notendruck „Die Welt ist ein Käfig voller Narren“ aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 NB 18046-1) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Notendruck „Die Welt ist ein Käfig voller Narren“ aus dem Nachlass Gunther Erdmann (Signatur: 55 NB 18046-1) || Staatsbibliothek zu Berlin – PK || CC BY-NC-SA 3.0

Italienisch-deutsches Symposium und Forschungsforum der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft am 1.-2. Juni 2017

E.T.A. Hoffmanns Stadterkundungen und Stadtlandschaften

Italienisch-Deutsches E.T.A. Hoffmann Symposium
sowie
Forschungsforum der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft

 

1. und 2. Juni 2017
Staatsbibliothek zu Berlin
Simón-Bolívar-Saal
Haus Potsdamer Straße 33
10785 Berlin

 

Die Teilnahme ist kostenfrei. Um Anmeldung bis zum 25.05.2017 wird gebeten.

Das ausführliche Programm und weitere Informationen finden Sie auf der Veranstaltungs-Webseite der Staatsbibliothek zu Berlin.

 

Das Symposium wird organisiert von Dr. Tiziana Corda, Gremiumsmitglied der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft, und Jörg Petzel, Vize-Präsident der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft, in Kooperation mit der Staatsbibliothek zu Berlin.

Dem Symposium schließt sich das Forschungsforum der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft an. Es dient zur Förderung des Forschungsnachwuchses und wird organisiert von Dr. Kaltërina Latifi, Präsidentin der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft.

 

Kontakt:

Dr. Tiziana Corda
E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft

Christina Schmitz
Staatsbibliothek zu Berlin

E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft
Webseite: www.etahg.de

 

Zum Symposium

Das literarische Werk des Italien-Verehrers E.T.A. Hoffmann gehört zum Kanon der Weltliteratur und dessen Bedeutung zeigt sich in der internationalen Rezeption und den vielen Übersetzungen ins Englische, Italienische, Französische, Russische bis hin ins Koreanische und Chinesische. Die anhaltend starke Rezeption Hoffmanns in Italien ist an den vielen Übersetzungen, den jährlich publizierten wissenschaftlichen Arbeiten und auch an den Schuleditionen ablesbar. 2002 fand in Mailand unter der Leitung von Sandro M. Moraldo eine Hoffmann-Tagung unter dem Aspekt „E.T.A. Hoffmann und Italien“ statt, deren Schwergewicht auf der unaufgelösten Spannung der einander widersprechenden Italien-Bilder in Hoffmanns Werk lag. Die geplante Tagung vom 1. bis 2. Juni 2017 mit renommierten italienischen sowie deutschen Germanisten und Romanisten setzt einen völlig anderen Akzent und fokussiert sich auf den Hauptaspekt der Stadterkundungen in Hoffmanns literarischem Gesamtwerk, mit dem Schwerpunkt der Städte Rom, Mailand, Venedig und Berlin. Diese italienisch-deutsche Tagung ist ein Baustein zu einer fruchtbaren europäischen Kooperation und bestärkt zugleich das kulturelle Erbe beider Länder.

Die preußische Hauptstadt Berlin mit ihrem rasanten Bevölkerungswachstum wurde um 1800 zum beliebten Reiseziel und die Großstadt als Lebensraum eigener Ordnung und Qualität ins Bewusstsein gerückt. Die Motive Tumult, Gewimmel, Unordnung sind Bestandteile der Großstadterfahrung. Die Großstadt erscheint als Mikrokosmos und als Bündelung der Vielfalt auf kleinem Raum. Stadterfahrung bedeutet auch literarisch orchestrierte Grenzüberschreitung, das Fremde, die Nacht, die Spelunken und Restaurants, Panoramen und Liebhabertheater. Die Stadt bot nun neue Räume, die einer Gesellschaft im Umbruch als Parallelwelten wechselnde Identitäten ermöglichten. In Hoffmanns Berliner Erzählungen finden wir unter anderem Gespensterhäuser („Das öde Haus“), Weinkeller („Die Brautwahl“), Gartenlokale („Ritter Gluck“, „Aus dem Leben dreier Freunde“) mit bürgerlichem Publikum und ihren grotesk wirkenden Außenseitern.

Die Präsidentin des italienischen Germanistikverbandes, Prof. Elena Agazzi aus Bergamo, wird Hoffmanns Gespensterhäuser und seinen Außenseitern mit ihrem Vortrag über „Das öde Haus“ in einem neuen Licht erscheinen lassen. Dr. Klaus Deterding (Berlin) wird Hoffmanns Berliner Innenstadt-Zeichnung „Der Kunz‘sche Riß“ mit dessen Poetik in Verbindung setzen und Dr. Elena Giovannini (Bologna) interpretiert Hoffmanns Erzählung „Aus dem Leben dreier Freunde“. Ein Desiderat der Forschung sind sicherlich E.T.A. Hoffmanns Frauengestalten und Weiblichkeitsentwürfe, die im Vortrag von Dr. Giulia Ferro-Milone erörtert werden. Auch der sich seit den Befreiungskriegen gegen Napoleon ausbreitende Antijudaismus/Antisemitismus in Preußen, den auch Hoffmann in seinen Berliner Erzählungen „Die Brautwahl“, „Die Irrungen / „Die Geheimnisse“ thematisierte, wird in einem Beitrag von Jörg Petzel kritisch beleuchtet. Prof. Matteo Galli aus Ferrara, Herausgeber der italienischen Hoffmanns Gesamtausgabe, wird über das Thema “(Un-)sichtbare Städte: l’effet du réel bei Hoffmann“ referieren.

Im Gegensatz zu Berlin hat E.T.A. Hoffmann Italien und seine Städte nie persönlich erleben können. Mangels eigener Erlebnisse und Erfahrungen arbeitete er mit zeitgenössischen Quellenwerken, deren Extrakt ein exaktes Grundgerüst seiner in Italien spielenden Erzählungen bietet. Im Kontrast zu Hoffmann und seinem Werk kommen während dieser wissenschaftlichen Tagung auch italienische und deutsche Dichter zu Wort, die lange oder zeitweilig in Rom, Venedig oder auch Mailand lebten, wie Alessandro Manzoni, Ludwig Tieck und Friedrich Rückert. Die Stadterfahrungen in den Werken dieser Autoren werden in einigen Vorträgen thematisiert werden. Den einführenden Festvortrag „Unter dem Vulkan. Goethe, de Sade, E.T.A. Hoffmann“ hält der renommierte italienische Germanist Prof. Patrizio Collini aus Florenz. Der Romanist und Komparatist Prof. Joachim Küpper (Berlin) wird die Darstellung italienischer Städte in Alessandro Manzonis Roman „Il promessi sposi“ / „Die Brautleute“ interpretieren. Der bekannte Tieck-Experte, Prof. Dr. Walter Schmitz, wird „die Stadtbilder und die Entdeckung der Stadt“ in Ludwig Tiecks Werk erhellen. Die Rom-Gedichte von Hoffmanns Zeitgenossen Friedrich Rückert werden vom Marburger Germanisten Prof. York Gothart Mix einer neuen Sicht unterzogen. Hoffmanns Erzählungen „Prinzessin Brambilla“ sowie „Signor Formica“, die in Rom lokalisiert sind, werden, unter dem Einbezug von Karneval und Stadtbevölkerung, im Vortrag von Dr. Tiziana Corda analysiert. Den abschließenden Vortrag unserer Tagung hält Prof. Claudia Albert (Berlin), die den Bogen von Hoffmanns Capriccio „Prinzessin Brambilla“ zu Heinrich Manns Novelle „Branzilla“ spannen wird.

Laokoongruppe. Rom, Vatikanische Museen

Laokoons Autopsie

In der Reihe Werkstattgespräche der Staatsbibliothek fand am 24. April 2017 der sehr gut besuchte und äußerst hörenswerte Vortrag von Prof. Dr. Luca Giuliani, Rektor am Wissenschaftskolleg und Professor für Klassische Archäologie an der Humboldt-Universität, mit dem Titel „Laokoons Autopsie“ statt.

Bekanntermaßen war Laokoon Priester aus Troia, der kurz vor der mythischen Eroberung der Stadt durch die Griechen mit seinen Söhnen Opfer eines Angriffs zweier Schlangen geworden sein soll. Der Stoff ist früh – im Homer nachfolgenden sogenannten epischen Kyklos – in der antiken Literatur bezeugt und wird mehrfach und variantenreich von Späteren aufgegriffen. Ihre klassische Ausprägung findet die Geschichte dann bei Vergil im 2. Buch seiner Aeneis. Aus Laokoons Mund stammt der in Büchmanns geflügelte Worte – das Danaergeschenk! – eingegangene Vergilsatz Quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes. Insgesamt besaß der Mythos aber keine ausgeprägte Verbreitung. Folgerichtig gibt es nur wenige und durchweg unbedeutende Exponate der antiken bildenden Kunst, die uns bekannt sind – bis auf die eine Ausnahme der Laokoongruppe. Diese lobte bereits der ältere Plinius in seiner Universalenzyklopädie über alle Maßen, und seine Worte halfen, das in der Renaissance wiedergefundene Kunstwerk zu identifizieren. Papst Julius II. erwarb es kurz darauf und ließ es im vatikanischen Belvedere aufstellen.

Ihre zumindest aus deutscher Perspektive eigentliche Berühmtheit fand die Skulptur aber erst durch Johann Joachim Winckelmann. Er sah in ihr eine Versinnbildlichung des antiken Griechentums und ersann die bekannten Worte von der edlen Einfalt und der stillen Größe für die Beschreibung des Kunstwerkes. Winckelmann und die Auseinandersetzung mit ihm bis zum Ende des 18. Jahrhunderts waren dann der eigentliche Gegenstand von Prof. Giulianis Vortrag. Erstaunlicherweise hatte Winckelmann keine Kenntnis von der Originalmarmorplastik in den vatikanischen Sammlungen, als er 1755 in Dresden seine Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerei und der Bildhauerkunst zur Veröffentlichung brachte. Er stützte sich vielmehr auf eine Miniaturreproduktion aus Bronze.

Nachdem er in Rom das Original gesehen hatte, korrigierte Winckelmann 1764 dieses Manko stillschweigend mit seiner zweiten, erheblich realistischeren Beschreibung in der Geschichte der Kunst des Altertums. Dem Pathos, der Physiognomie des Schmerzes schenkt er nun die gebührende Beachtung, die auch dem Laien nicht verborgen bleiben kann. Freilich hatte der Text von 1755 bereits seine Wirkung entfaltet und wurde von Lessing 1766 in seiner Schrift Laokoon oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie weiter theoretisch untermauert – mit einer erheblichen Wirkung auf die nachfolgende Zeit des Sturms und Drangs sowie der deutschen Klassik. Am Ende stand dann Goethe, der die Dichotomie von Form und Inhalt in der Schönheit des Grauens zusammenführte.

Das eigentlich sichere Fundament der Autopsie musste bei der Laokoongruppe allerdings später relativiert werden. Die ohne rechte Arme bzw. Hände aufgefundene Skulptur wurde – wie man seit dem Fund des abgeknickten Laokoonarmes zu Beginn des letzten Jahrhunderts definitiv weiß – von einem Schüler Michelangelos mit dem sieghaft in die Höhe gestreckten Arm falsch ergänzt. Die Fehler wurden 1960 korrigiert. Eine neue Debatte entbrannte, die bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Eine aktuelle Ausstellung im Winckelmanninstitut der HU legt davon ein mehr als beredtes Zeugnis ab:

http://www.laokoon.hu-berlin.de/

An den Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion an. Wer wollte, konnte die Gespräche dann bei einem Glas Wein ausklingen lassen.

Wiedererwerbung der Druckausgabe der Dayak-Bibel von 1858

Ein Beitrag von Thoralf Hanstein.

Im Februar 2017 konnte die Staatsbibliothek einen Kriegsverlust ersetzen, der auch in anderer Hinsicht den Bestand der Bibliothek bereichert.

Alles begann 1840 mit der Reise von August Hardeland zu der bis dahin nur wenig erschlossenen „Ausseninsel“ Borneo, genauer zu den indigenen Stämmen der Ngaju-Dayak in Zentral-/Süd-Borneo. Niederländisch-Indien konzentrierte sich zu dieser Zeit hauptsächlich auf die Insel Java, und erst langsam wurden weitere Inseln des Archipels dem Kolonialreich einverleibt.

Der in Kirchenkreisen nicht unumstrittene Hardeland (s. „Hardelandkonflikt“) war für die Rheinische Mission als Missionar tätig. Einem neuen Ansatz seiner Missionsgesellschaft folgend, sollte er sich auf Borneo u.a. um die Ausbildung von „Nationalgehülfen“, also von einheimischen Hilfslehrern, kümmern. Zusammen mit Friedrich Becker fertigte er eine Übersetzung des Neuen Testaments in die dortige Lokalsprache an, und nach Beckers Tod im Jahre 1849 im Alleingang eine Übersetzung des Alten Testaments (Surat brasi Djandji idjä solake). Da die Ngaju-Dayak keine Schrift hatten, benutzte Hardeland das lateinische Alphabet. Er fertigte auf die Drucklegung ausgerichtete, eigenhändige Manuskripte an. Nach seiner Rückkehr nach Europa wurde anhand dieser Vorlage eine Druckfassung des Alten und Neuen Testaments 1858 in Amsterdam besorgt. Ein Jahr später reiste Hardeland erneut als Missionar nach Südafrika – und nahm dabei seine Manuskripte mit, wie man dem Autograph entnehmen kann:

Auf dem Schmutzblatt der Handschrift ist folgender Vermerk eingeklebt: „Het eigenhandig Handschrift van Aug. Hardeland. Zijne vertaling van het Oude testament in de taal der Dajaks van Zuid-Borneo. Bij zijn vertrek van Z.O. Afrika ten geschenk gegeven aan Millies“.

Auf Seite 1 dann folgender Eintrag: „This translation was given by Hardeland to Prof. Millies, and in 1858 was printed at Amsterdam. From Prof. Millies … , Utrecht. May 1870…Brugge“.

Dieser 309seitige Autograph des Alten Testaments fand seinen Weg in die Bestände der Staatsbibliothek und wird unter der Signatur Ms. or. fol. 4319 im Handschriftenmagazin der Orientabteilung aufbewahrt.

Besitzt eine Bibliothek einen solchen Autograph, der auch noch als Basis zur Drucklegung diente, so ist es nur verständlich, dass auch dieser Druck zu den Beständen gehören sollte. Bis zum 2. Weltkrieg waren zwei Exemplare des zweibändigen Druckwerks des Alten Testaments in der damals noch Preußischen Staatsbibliothek verzeichnet – danach werden sie als Kriegsverlust geführt. Der Autograf selbst kam erst zu DDR-Zeiten in den Bestand der Deutschen Staatsbibliothek (Berlin-Ost), und erhielt daher nach der Wiedervereinigung die Akzessionsnummer acc.ms.or.1991.38. Jetzt ist es gelungen, diese Druckausgaben antiquarisch in den Niederlanden zu erwerben, sodass Autograph und Druck (Signatur 4 A 55114-1 und -2) wieder unter einem „Bibliotheksdach“ vereint sind.

Ms. or. fol. 4319, S. 1

Quellen und weiterführende Literatur:

Karl Böhmer: Beobachtungen zu den ersten Hermannsburger Missionarskursen im Hardelandkonflikt. in: Jobst Reller: Ausbildung für Mission: Das Missionsseminar Hermannsburg von 1849 bis 2012. LIT Verlag Münster 2016, S. 149-164;

Jan Lodewyk Swellengrebel: In Leijdeckers voetspoor : anderhalve eeuw bijbelvertaling en taalkunde in de indonesische talen. in: Verhandelingen van het Koninklijk Instituut voor Taal-, Land- en Volkenkunde. Teil I: 1820-1900. Leiden: Brill, 1974, 68.

Bildquelle: Carl Schwaner: Borneo. Beschrijving van het stroomgebied van den Barito en reizen langs eenige voorname rivieren van het zuid-oostelijk gedeelte van dat eiland door Dr. C. A. L. M. Schwaner. Amsterdam, 1854. Titelbild von Band 2. (nach Auguste van Pers und Heinrich von Gaffron, lithographiert bei C. W. Mieling).