Beiträge

Erhalt uns Herr bei Deinem Wort! – Reformationspropaganda im Bild

Kolorierte Flugblatt-Illustration zum Kampflied der Reformation in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer

Dieser schablonenkolorierte Holzschnitt gehört zu den protestantischen Propagandaflugblättern der Reformationszeit. Er stammt wohl aus der Cranach-Werkstatt und wurde nach 1548 vermutlich in Magdeburg von Pancraz Kempff gedruckt. Damit stammt das Flugblatt aus der Zeit der heftigen Auseinandersetzungen um das Augsburger Interim – ein Reichsgesetz, mit dem Kaiser Karl V. nach dem Sieg über den Schmalkaldischen Bund das Reich religiös wieder einen und gleichzeitig seine Macht konsolidieren wollte.

Der Holzschnitt zeigt im oberen Bildbereich das Weltgericht mit Gottvater, Christus und dem heiligen Geist in Gestalt einer Taube in den Wolken. Darunter sinken die katholische Geistlichkeit und die Türken in die Hölle hinab, gezogen und gepiesackt von kleinen Teufeln. Links stehen Martin Luther, Johann Friedrich der Großmütige von Sachsen, bereits mit der Gesichtsnarbe aus der Schlacht bei Mühlberg (1547), sowie Landgraf Philipp von Hessen, Georg Spalatin, Philipp Melanchthon und Jan Hus als Vorläufer der Reformation. Rechts steht eine Gruppe von Frauen, unter ihnen Sibylla von Kleve-Jülich-Berg, die Frau des sächsischen Kurfürsten, und Katharina von Bora. Dazu im Hintergrund wahrscheinlich Lukas Cranach der Jüngere mit seiner Familie. Die Gruppe der Reformatoren und ihrer Angehörigen trägt eine Miene der inneren Gelassenheit zur Schau, während die höheren Mächte die Probleme lösen.

Justus Jonas (1493–1555). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Justus Jonas (1493–1555). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Den originalen Aufbau des Flugblattes kann man an dem 1858 hergestellten Faksimile eines unkolorierten, aber vollständigen Exemplars dieses Flugblattes sehen. Was im kolorierten Original der Staatsbibliothek fehlt, ist der zugehörige Text und damit Luthers Lied von 1541/42. Es war kurz nach der Niederlage des kaiserlichen Heeres in Ofen (Budapest) 1541 gegen Suleiman II. zusammen mit den andern Türkenschriften Luthers im Auftrag des sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich dem Großmütigen entstanden. Bereits der Titel erinnert an die allein auf das göttliche Wort gerichtete protestantische Glaubenslehre. In den ersten drei Strophen bittet Luther in drastischen Worten die Trinität um Beistand gegen die Bedrohung durch die Türken und das Papsttum. Zwei von Justus Jonas 1545 ergänzte Strophen nehmen diese Bitte um die tatkräftige göttliche Hilfe auf: „So werden sie erkennen doch/ das du vnser Got lebest noch/ vnnd hilffst gewaltig deiner schar/ die sich auf dich verlassen gar.“ Dieses gelassene „Sich verlassen“ auf den göttlichen Beistand zeigen dann auch die auf dem Holzschnitt abgebildeten Vertreter der Reformation.

Das Lied war in seiner ersten Strophe von Luther als Kinderlied apostrophiert worden und wurde regelmäßig in den Gottesdiensten gesungen. Es gehört zu den umstrittensten evangelischen Kirchenliedern, da hier zum Mord an den Gegnern aufgerufen wird. In den Jahren 1547/48 und 1550 wurde es immer wieder verboten, da man die Vergeltung des Kaisers fürchtete, aber auch umgedichtet und persifliert: „Erhalt uns, Herr, bei deiner Wurst, / Sechs Maß, die löschen einen den Durst,“ so lautete eine Variante aus katholischer Feder. Die außerordentliche Beliebtheit dieses lutherischen Kampfliedes zeigen auch die etwa hundert im 16. und 17. Jahrhundert publizierten Liedflugschriften, deren Lieder nach der Melodie von „Erhalt uns Herr bei Deinem Wort“ zu singen waren.

Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen (1503-1554). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen (1503-1554). Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Zum Zeitpunkt, als dieser Druck entstand, hatte sich die Welt Johann Friedrichs von Sachsen, des Auftraggebers des Luther-Liedes, völlig verändert. Bis 1547 war er der Kurfürst von Sachsen, Förderer der Reformation und Gönner Martin Luthers, mit Philipp von Hessen Führer des Schmalkaldischen Bundes, des militärischen Beistandspaktes der protestantischen Fürsten und Reichsstädte. Im Schmalkaldischen Krieg aber wurde er 1547 in der Schlacht bei Mühlberg von den kaiserlichen Truppen vernichtend geschlagen, verhaftet, seiner Kurwürde enthoben und zum Tode verurteilt. Das Todesurteil wurde in eine langjährige Gefängnisstrafe umgewandelt. Einer der großen Helden der Reformation und Kämpfer für den wahren Glauben war geschlagen und wurde nun als Märtyrer der Reformation inszeniert. Aus der Schlacht hatte er eine lange Gesichtsnarbe davon getragen, die er jetzt mit großer Würde trug. Obwohl Johann Friedrich große Besitzungen und politischen Einfluss verloren hatte, blieb er in religiösen Fragen fest und widerstand allen Versuchen der kaiserlichen Seite – darunter Nahrungsentzug und verschärfte Gefangenschaft – ihn zur Unterzeichnung des Interims zu bewegen. So inszeniert ihn inmitten seiner Mitstreiter auch dieses Blatt der protestantischen Propaganda für den neuen Glauben.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zum medialen Kampf um den wahren Glauben selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Koloriertes Flugblatt zum Luther-Lied "Erhalt uns Herr bei Deinem Wort", Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Koloriertes Flugblatt zum Luther-Lied „Erhalt uns Herr bei Deinem Wort“, Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Sofort gestrichen – Luther komponiert zu einem seiner Choräle

Das Autograph des Vaterunser-Liedes von 1539 mit Melodie-Entwurf in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“

Ein Beitrag von Christiane Caemmerer

Luther im Studierzimmer mit Laute. Lithographie 19. Jh. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Luther im Studierzimmer mit Laute. Lithographie 19. Jh. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Der Gemeindegesang gehörte zu den wesentlichen Neuerungen des protestantischen Gottesdienstes. Während bisher die Gläubigen den Worten des Priesters während der Messe und der Eucharestiefeier lauschten und nur im Rahmen der Liturgie einmal respondierten, weist ihnen Martin Luther mit Gebet und Lobgesang eine aktive Rolle im Gottesdienst zu. Für ihn war der Gemeindegesang von großer Bedeutung für die religiöse Unterweisung der Gläubigen. Hier konnten sie sich ihrer selbst und ihres Glaubens versichern. So brachte Luther seine eigene Liebe zur Musik – er war ein begeisterter Sänger und Lautenspieler ‑ in die 1523 begonnene Reform des Gottesdienstes ein. Rund 40 Lieder schrieb er seit 1523/24, wobei er häufig an alte Hymnen und Antiphonstrophen anknüpfte.

Immer noch im Dunkeln aber liegt, inwieweit Luther seine Verse auch mit Melodien versah. Die oft zunächst auf Flugblättern verbreiteten Lieder haben immer wieder unterschiedliche Melodien, was vermuten lässt, dass sie aus der Feder von Musikern aus dem Umfeld der Drucker stammten. Daneben unterstützte auch der Hofmusiker und Kantor aus Torgau Johann Walter Luther in musikalischen Fragen.

Dennoch gibt es an der Staatsbibliothek ein Zeugnis, das Luther als Liedautor und Komponist zeigt: das Autograph seines Vaterunser-Liedes. Es stammt aus der privaten Sammlung des Mitinhabers des Musikverlags Breitkopf und Härtel, Hermann Härtel (1803-1875), die 1969 von der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz erworben wurde. Auf dem stark beschnittenen Blatt schrieb Luther sein Lied nieder und versuchte gleichzeitig eine Melodie zu skizzieren, die er aber bereits hier als für den Gesang untauglich erkannt und energisch durchgestrichen hat. Das heutige evangelische Kirchengesangbuch nennt neben Luther auch den Tischsegen des Mönchs von Salzburg und eine Melodie aus dem Gesangbuch der Böhmischen Brüder von 1531 als Quellen für die Musik, und ein Vergleich der Melodien bestätigt die Ähnlichkeit.

Die Niederschrift der Verse mag nicht der erste Entwurf Luthers sein, aber das Blatt zeigt, wie intensiv der Reformator am Text gearbeitet hat. Besonders die sechste Strophe hat er immer wieder neu formuliert und sie auf der zweiten Seite noch einmal in der neuen Fassung ins Reine geschrieben. In neun Strophen werden neben der Anrede und dem abschließenden „Amen“ die sieben Bitten des Vaterunser in einer je eigenen Strophe benannt und ausgelegt. Die Strophen sind mit ihren sechs paargereimten vierhebigen Jamben als Volksliedstrophen ausgewiesen, d.h. sie sind gut sangbar und leicht zu merken.

Das Vaterunser-Lied ist eines der acht Katechismus-Lieder Luthers, in denen Luther seine Christenlehre in Lieder und Musik übertrug und so die Glaubensinhalte memorierbar machte, so dass sie sich in das Gedächtnis der Gläubigen einschrieben. Damit ergänzt er lyrisch-musikalisch seine Arbeiten am Katechismus, der 1529 in Wittenberg als Deudsch Catechismus (Der große Katechismus) und Enchiridion (Der kleine Katechismus) erschien. Hier stellt er die zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, sowie die Taufe und das Abendmahl (mit Beichte) dar und legt sie im Sinne der evangelischen Glaubenslehre aus. Der Kleine Katechismus ist bis heute Teil der evangelischen Gesangbücher.

Luther verfasste die hier vorgestellten Verse zwischen 1538 und 1539. Sie wurden zunächst als Einblattdruck unter dem Titel „Das Vater vnser kurtz ausgelegt, vnd jnn Gesang weyse gebracht“ 1539 veröffentlicht wurden. Ein Exemplar des Liedflugblatts befindet sich noch in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Im gleichen Jahr erschien das Lied mit der heute noch gesungenen Melodie in dem von Valentin Schumann herausgegebenen und gedruckten Gesangbuch „Geistliche lieder, auffs new gebessert und gemehrt, zu Wittenberg. Leipzig: Valentin Schumann, 1539“.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zu Martin Luther als Liederdichter und zur lutherischen Kirchenmusik selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen – darunter auch Johann Sebastian Bachs Autograph zum Reformationsfest 1725.

 

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539. Autograph. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539.
Autograph. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539. Autograph, Rückseite. Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Martin Luther: Vaterunser-Lied. 1539.
Autograph, Rückseite.
Handschriftenabteilung. Lizenz: CC-BY-NC-SA

Sanssouci einmal anders – Vortrag von Prof. Dr. Dorgerloh am 17.11.

Sanssouci einmal anders

Von alten und neuen Bibliotheken und was es sonst noch aus den Preußischen Schlössern und Gärten zu berichten gibt

Vortrag von Professor Dr. Hartmut Dorgerloh, Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten

Donnerstag, 17. November 2016, um 18 Uhr
Dietrich-Bonhoeffer-Saal, Haus Potsdamer Straße
Eintritt frei, Anmeldung unter freunde@sbb.spk-berlin.de erbeten

Seit der Antike sind Bibliotheken Paläste des Wissens. Wir wüssten kaum etwas über die Geschichte der Menschheit, würde sie uns nicht auf Papyrus und Papier erzählt. Und deshalb hat auch die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) mit dem Wissenschafts- und Restaurierungszentrum am Rande des Parks Sanssouci eine neue, moderne Forschungs- und Arbeitsbibliothek gebaut.

Aber auch die Schlösser beherbergen historische Bibliotheken wie die Friedrichs des Großen im Schloss Sanssouci und im Neuen Palais. Die Bücher  preußischer Könige und Königinnen sind Teil des reichen kulturellen Erbes, das von der SPSG an den historischen Orten bewahrt, erforscht und öffentlich präsentiert wird.

Der Vortrag ist eine Einladung zu einer Grand Tour zu den Schlösser und Gärten als Orte der brandenburgisch-preußischen und der europäischen Geschichte, die auch hinter die Kulissen schaut.

 

Professor Dr. Hartmut Dorgerloh, geboren 1962 in Berlin, studierte Kunstgeschichte und Klassische Archäologie und arbeitete nach seiner Dissertation von 1987 bis 1990 als Konservator am Institut für Denkmalpflege der DDR. 1991 übernahm er das Referat Denkmalschutz im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg. Von 1999 bis 2001 war Hartmut Dorgerloh Gründungsdirektor des „Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte“ in Potsdam. 2002 übernahm er das Amt des Generaldirektors der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg.

 

Luther In Worms: „Ich kann und will nicht widerrufen“

Ein Schlüsselereignis der Reformation in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“

Luther verbrennt die Bannbulle (Kinderbuch von 1830). Lizenz CC-BY-NC-SA

Luther verbrennt die Bannbulle (Kinderbuch von 1830). Lizenz CC-BY-NC-SA

Die rasante Verbreitung von Martin Luthers 95 Thesen und vor allem seines „Sermon von Ablass und Gnade“ machte den Konflikt mit der kirchlichen Hierarchie unausweichlich. Als Reaktion auf die Thesen erfolgte im August 1518 das Verhör Martin Luthers durch Kardinal Thomas Cajetan auf dem Reichstag in Augsburg, im Juni 1520 die Androhung des Kirchenbanns durch Papst Leo X. Luther verbrannte diese Bulle des Papstes zusammen mit scholastischen und kanonistischen Schriften am 10. Dezember vor den Toren Wittenbergs – die Vollstreckung des Banns folgte im Januar 1521. Vor dem Reichstag in Worms sollte Luther noch im gleichen Jahr seine Lehren widerrufen, doch er blieb bei seiner Überzeugung und trotzte Kirche und Reich. Kaiser Karl V. verhängte über ihn die Reichsacht und verbot die Lektüre aller lutherischen Schriften. Auf der Rückreise nach Wittenberg ließ Kurfürst Friedrich der Weise den nun vogelfreien Luther „überfallen“ und auf der Wartburg bei Eisenach in Sicherheit bringen.

Luther auf dem Reichstag zu Worms 1521

Fast drei Monate nach der Eröffnung des Reichstags zu Worms wurde auch die Causa Lutheri verhandelt: Am 17. April 1521 stand der bereits als Häretiker verurteilte und mit dem Kirchenbann belegte Luther vor dem Reichstag zu Worms, wurde vor den versammelten Fürsten und Reichsständen verhört und letztmalig zum Widerruf aufgefordert.

Nach einem Tag Bedenkzeit und im Wissen, dass dies seinen Tod bedeuten könne, lehnte Martin Luther mit der hier gedruckten Begründung ab: „dieweil mir mein gewissen begriffen ist inn den worten gottes, so mag ich, noch will kain wort nit Corrigiern oder widerrueffen, dieweyl wider das gewissen beschwärlich und unhaylsam zu handlen, auch geferlich ist.“ Nur wenn er direkt mit den Worten der Heiligen Schrift des Irrtums überführt werden könne, wäre er zum Widerruf bereit. Und mit den Worten „Got kumm mir zuhülf. Amen. Da bin ich“ wendet sich Luther zum Gehen. Das zu dieser Schlüsselszene oft zitierte Lutherwort „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen“ findet sich in dieser Form erst auf einem Holzschnitt aus dem Jahre 1557.

Luthers Stellungnahme am zweiten Tag. Lizenz CC-BY-NC-SA

Luthers Stellungnahme am zweiten Tag. Lizenz CC-BY-NC-SA

Die Folge der Weigerung Luthers war das Wormser Edikt, in dem die Reichsacht über ihn verhängt wurde. Durch einen Schutzbrief wurde Luther noch für 21 Tage freies Geleit zugesichert, danach galt er als „vogelfrei“.

Der in Augsburg erschienene Druck gibt das Verhör Luthers in der deutschen Übersetzung von Georg Spalatin wieder und enthält ein auf 1521 datiertes Porträt Martin Luthers, das ihn mit einem aufgeschlagenem Buch – vermutlich der Bibel – und noch mit der Tonsur und in der Kutte der Augustinereremiten zeigt. Auf eine insgesamt hastige Herstellung dieses „Berichts aus Worms“ dürfte der extrem schräg geratene Abdruck in unserem Exemplar hindeuten.

Vom 3.2. bis 2.4.2017 können Sie dieses und viele weitere Objekte zu Luthers Auftritt in Worms selbst bei uns in der Staatsbibliothek in Augenschein nehmen.

Johann Sebastian Bachs Autograph zum Reformationsfest 1725

Unser Highlight zur Kirchenmusik in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“

Ein Beitrag von Roland Schmidt-Hensel

Johann Sebastian Bach. Kupferstich von August Weger (um 1865), nach einem 1746 entstandenen Gemälde von Elias Gottlob Haußmann. Lizenz CC-BY-NC-SA

Johann Sebastian Bach. Kupferstich von August Weger (um 1865), nach einem 1746 entstandenen Gemälde von Elias Gottlob Haußmann. Lizenz CC-BY-NC-SA

Johann Sebastian Bach (1685-1750) ist im kollektiven Bewusstsein als die „in Musik gegossene Stimme des Luthertums“ fest verankert. In der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“ vom 3.2. bis zum 2.4.2017 präsentieren wir an prominenter Stelle des Themenbereichs Kirchenmusik eine eigenhändige Komposition Bachs.

Bachs Schaffen bildet den Kulminationspunkt einer Entwicklungslinie lutherischer Kirchenmusik, die schon bald nach Luthers Thesenanschlag ihren Ausgang genommen hatte. Seit Mitte der 1520er Jahre beschäftigte sich der Reformator intensiv mit der Neuorganisation städtischer Schulen und der ihnen zugeordneten Kantoreien, die in den folgenden Jahrhunderten zu wichtigen Trägern der lutherischen Kirchenmusik werden sollten. Als „Urkantor“ gilt Luthers musikalischer Berater Johann Walter, der 1526 in Torgau eine Stadtkantorei begründete und wenige Jahre später zum Lehrer und Kantor am dortigen Gymnasium berufen wurde.

Wie Walter, so war auch Johann Sebastian Bach während seiner von 1723 bis zu seinem Tode 1750 währenden Amtszeit als Leipziger Thomaskantor zugleich Musiklehrer an der Thomasschule. Zu Bachs Aufgaben gehörte es ferner, mit dem Thomanerchor und den Stadtmusikern die Gottesdienste in der Thomaskirche musikalisch auszugestalten. Außer in Fastenzeiten gelangte hierbei allwöchentlich eine Kantate zur Aufführung. In seinen ersten beiden Amtsjahren (Trinitatis 1723 bis Trinitatis 1725) schuf Bach zwei fast vollständige Jahrgänge mit Kantaten zu allen Sonn- und Feiertagen, die rund die Hälfte aller überlieferten 200 Kirchenkantaten aus seiner Feder ausmachen. In späterer Zeit, als Bach vermehrt auf eigene bereits vorhandene Werke sowie auf fremde Kompositionen zurückgriff, verlangsamte sich der Schaffensrhythmus deutlich.

Johann Sebastian Bach: Gott der Herr ist Sonn und Schild BWV 79. Autograph, S. 1. Lizenz CC-BY-NC-SA

Johann Sebastian Bach: Gott der Herr ist Sonn und Schild BWV 79. Autograph, S. 1. Lizenz CC-BY-NC-SA

Die Kantate „Gott der Herr ist Sonn und Schild“ entstand zum Reformationsfest 1725 und ist die einzige Kantate Bachs zu diesem Anlass, deren Autograph erhalten ist. Eine weitere Bach-Kantate zum Reformationsfest („Ein feste Burg ist unser Gott“ BWV 80) ist nur in späteren Abschriften überliefert, darunter eine Handschrift von Bachs Schwiegersohn Johann Christoph Altnickol.

Bachs Schlussformel SDG = Soli Deo Gloria. Lizenz CC-BY-NC-SA

Bachs Schlussformel SDG = Soli Deo Gloria. Lizenz CC-BY-NC-SA

Anders als diese Kantate, die einen der bekanntesten Choräle Martin Luthers verarbeitet, rekurriert BWV 79 textlich nicht direkt auf Luther, sondern thematisiert ausgehend von dem Psalmvers „Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild. Der Herr gibt Gnade und Ehre, er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen“ (Ps 84,12) allgemein den Schutz Gottes für seine Kirche. Dem festlichen Anlass entsprechend ist das Orchester außer mit Streichern und Holzbläsern auch mit zwei Hörnern und Pauken besetzt.

Der Kopftitel des Autographs „J.J. Festo Reformationis. Gott der Herr ist Sonn und Schild.“ beginnt mit der für Bach typischen Anrufungsformel „J[esu] J[uva]“ (Jesus, hilf!). Am Ende des Werkes findet diese zu Beginn geäußerte Bitte um gutes Gelingen ihr Gegenstück in der Formel „S[oli] D[eo] G[loria]“ (Gott allein [sei] Ehre).

95 oder 87? Martin Luthers Disputationsthesen zur Klärung der Kraft der Ablässe

Nur in der Berliner Stabi: Alle drei Thesendrucke des Jahres 1517 in der Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“!

Am Abend vor Allerheiligen 1517 soll der Theologieprofessor Martin Luther 95 Thesen zu Ablass und Gnade an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen haben. Am 31.10., dem Reformationstag, gedenken deshalb die evangelischen Christen dieses folgenreichen Thesenanschlags, der im historischen Bewusstsein als Beginn der Reformation fest verankert ist. Die Vorbereitungen zum 500. Reformationsjubiläum treten auch an der Staatsbibliothek jetzt in die heiße Phase: Vom 3.2. bis 2.4.2017 präsentiert die Staatsbibliothek 95 herausragende Objekte zur Reformationsgeschichte aus ihren Sammlungen. Als kleine Appetizer stellen wir Ihnen in unserem Ausstellungsblog ab sofort jede Woche eines unserer Ausstellungsstücke vor. Den Anfang machen dabei – wie könnte es anders sein! – Martin Luthers Thesen.

Martin Luthers revolutionäres Verständnis der Rechtfertigung allein aus der Gnade Gottes, die sich nicht durch eine Eigenleistung des Menschen erzwingen lässt, empfand er selbst als große Befreiung. Der florierende Handel mit dem Ablass, der für einen Geldbetrag den Erlass der Sündenstrafen zu garantieren schien, widersprach Luthers Auffassung diametral, und so wurden die vom Mainzer Erzbischof Albrecht unterstützten Auftritte des Ablasspredigers Johann Tetzel zum Anlass für den Wittenberger Theologen, im Oktober 1517 seine fundamentale Kritik in 95 Thesen zusammenzufassen, die er dem Erzbischof zuschickte. Gleichzeitig kursierten die Thesen in Martin Luthers Umkreis, sie wurden bereits 1517 in drei lateinischen Ausgaben gedruckt und vom gelehrten Fachpublikum rezipiert. 1518 verfasste Luther dann den auch für die breite Masse verständlichen deutschen „Sermon von dem Ablass und Gnade“. Das noch junge Druckverfahren sorgte zusammen mit einer allgemeinen sozialen Unzufriedenheit und politischen Reformbereitschaft für eine rasante Verbreitung der neuen Lehre. Entgegen Luthers ursprünglicher Absicht kam es so schließlich zur Kirchenspaltung und zu langanhaltenden konfessionellen Auseinandersetzungen.

Wohl auf der Grundlage der rasch bis nach Erfurt, Nürnberg, Augsburg und Ingolstadt verbreiteten Abschriften der Disputationsthesen zur Klärung der Kraft der Ablässe entstanden im Jahre 1517 bzw. um die Jahreswende 1517/1518 drei gedruckte lateinische Ausgaben: Die Leipziger Offizin von Jakob Thanner und der Nürnberger Drucker Hieronymus Höltzel produzierten jeweils Plakatdrucke der Thesen mit zweispaltigem Druck. Von beiden Ausgaben sind heute nur noch insgesamt sieben Exemplare bekannt – die Überlieferungschance eines einzelnen Blattes war ohnehin eher gering, die über das aktuelle Geschehen hinausreichende weltgeschichtliche Bedeutung erst im Entstehen. Mit über zwanzig Exemplaren deutlich häufiger erhalten blieb dagegen die dritte 1517 erschienene lateinische Ausgabe der 95 Thesen, der auf vier Blättern im Quartformat produzierte Baseler Druck von Adam Petri, der nun auch erstmals ein eigenes Blatt mit dem Titel „Disputatio D. Martini Luther theologi, pro declaratione virtutis indulgentiarum“ voranstellt.

Aber waren es wirklich 95 Thesen? Vergleicht man die drei Ausgaben der 95 Thesen im Detail, so fallen die jeweils unterschiedlichen Zählweisen ins Auge. Der Leipziger Plakatdruck ist der einzige, bei dem eine fortlaufende arabische Zählung beabsichtigt war. Unklarheiten in der Vorlage und besondere Eile bei der Fertigstellung mögen der Grund für eklatante Fehler in der Zählung sein: 42 statt 24, nach 26 wird mit 17 weitergezählt und gleich zweimal erhielt der zweite Teil einer These eine eigene Zählung (These 55 gezählt als 45 und – am Beginn des zweiten Satzes – 46 sowie These 83 als 74 und – hier mitten im Satz – 75). So kommt der Druck am Ende auf 87 Thesen. Diesen Fallstricken geht der Nürnberger Drucker Höltzel aus dem Weg, indem hier dreimal bis 25 und einmal bis 20 gezählt wird – auch hier arabisch, zusätzlich ist der Beginn jeder These mit einer Absatzmarke bezeichnet. Adam Petri in Basel wählte ebenfalls diese Variante, allerdings benutzte er römische Zahlen: i-xxv, i-xxv, i-xxv, i-xx.

 

Die drei Ausgaben von Luthers Thesen mit dem Druckjahr 1517 stellen wir ins Zentrum unserer Jubiläumsausstellung: Das 2015 in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommene Exemplar des Nürnberger Plakatdruckes zusammen mit dem Exemplar des Leipziger Plakatdruckes aus dem Besitz des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz und auch den Baseler Quartdruck. So können Sie im Original selbst noch einmal nachzählen!

Nürnberger, Leipziger und Baseler Druck

Nürnberger, Leipziger und Baseler Druck

Werkstattgespräch zur Ästhetik, Ideologie und Poetizität der deutschen Schriftmuster am 3.5.

Werkstattgespräch
„Salvator. Goethe. Radio.“ Ästhetik, Ideologie und Poetizität der deutschen Schriftmuster
Dr. Thomas Rahn, Freie Universität Berlin

Dienstag, 3. Mai
18.15 Uhr
Konferenzraum 4, Haus Unter den Linden
(Eingang Dorotheenstraße 27)
Treffpunkt: Eingangshallsbereich (Rotunde)
Anmeldung


Der Vortrag widmet sich, mit Schwerpunkt auf dem Zeitraum zwischen 1870 und 1950, der Geschichte und Gestaltung einer wenig beachteten Gattung von Werbematerial: Die Schriftmusterhefte und Kataloge der Buchdruckereien und Schriftgießereien sind nicht allein als ästhetisch ambitionierte Leistungsschau des jeweils aktuellen Schriftdesigns interessant, sie lassen auch durch ihre Textauswahl die Strategie erkennen, einzelne Schriften jeweils mit einem bestimmten Programm zu versehen, sprich: mit konkreten semantischen Feldern zu verknüpfen. Gezeigt werden soll die funktionale und inszenatorische Bandbreite der Schriftmuster zwischen kalkulierter Ideologisierung (etwa ‚deutscher‘, ‚ökonomischer‘ oder ‚idyllischer‘ Schriften) einerseits und der quasipoetischen ‚typographie automatique‘ assoziativer (und manchmal ironischer) Wortkombinationen andererseits.

 

Eine Veranstaltung aus der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.

Weitere Termine der Wissenswerkstatt

Werkstattgespräch zum frühen arabischen Buchdruck am 5.4.

Werkstattgespräch
Der frühe arabische Buchdruck in einer Welt der Handschriften: Eine kulturhistorische Annäherung
Christoph Rauch, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Dienstag, 5. April
18.15 Uhr
Konferenzraum 4, Haus Unter den Linden
(Eingang Dorotheenstraße 27)
Treffpunkt: Eingangshallsbereich (Rotunde)
Anmeldung


Christliche arabische Mönche bedienten schon im 17. Jahrhundert die Druckerpresse. Obwohl Ibrahim Müteferrika bereits ab 1729 in Konstantinopel wirkte, konnte sich der Buchdruck im islamischen Umfeld erst im 19. Jahrhundert durchsetzen. Worin liegen die Ursachen für das lange Festhalten an der handschriftlichen Überlieferung im islamischen Raum, und in welchem Kontext steht die Verbreitung gedruckter Bücher in der islamischen Wissenskultur? Am Beispiel zahlreicher handschriftlicher und gedruckter Exemplare eines sehr verbreiteten und häufig kommentierten Werkes, der arabischen Grammatik al-Kāfīya des Ibn Ḥāǧib (st. 647/1249), werden einige Merkmale der Textgestaltung und des Wissenstransfers sowohl im Zeitalter der Handschrift als auch des Buchdruckes veranschaulicht.

Eine Veranstaltung aus der Reihe Die Materialität von Schriftlichkeit.

Weitere Termine der Wissenswerkstatt

„Jewish Kabbalah and Magic in Ashkenaz“ – Werkstattgespräch am 17.3.

Werkstattgespräch
Jewish Kabbalah and Magic in Ashkenaz – Examples from the Hebrew Manuscript Collection of Staatsbibliothek zu Berlin
Werkstattgespräch in englischer Sprache mit Agata Paluch,
2015 Stipendiatin im Stipendienprogramm der SPK

Donnerstag, 17. März
18.15 Uhr
Schulungsraum im Lesesaal, Haus Potsdamer Straße
Treffpunkt: Eingangshalle (I-Punkt)
Anmeldung

 

„Scholars of early modern Eastern European Jewry have suggested that by the 16th century, the speculative kabbalah (i.e. a strand of Jewish mysticism) became part and parcel of the educational curriculum of the Jewish intellectual elite, even among those of its members who were antagonistic to this esoteric lore, but whose critique of it often reveals extensive knowledge of the subject. At the same time, and especially in the course of the 17th century, the so-called ‘practical kabbalah’, associated with magic and a talismanic approach to ritual, was attracting numerous followers. These two strands of the mystical tradition permeated early modern Eastern Europe, but while the theoretical kabbalah of the elites exerted limited influence on the Jewish masses, popular magical traditions and practices did infiltrate the elitist kabbalah to a large extent.

On this basis, I suggest that the universal spread of the speculative doctrines of kabbalah in the early modern era may well have been facilitated by the wide dissemination of much more concrete magical and mystical practices, drawn out of an old stock of religious performance techniques, such as the invocation of angelic names, manipulation of the divine name, talismanic divinatory practices, and the like. This magical strand of the early modern kabbalah, with its special interest in the mystical dimension of language, was a latter-day development out of much earlier traditions. The lecture will attempt to demonstrate the significant role that magical rituals played in introducing the speculative doctrines of kabbalah into East-Central European Jewish culture, drawing examples from the Hebrew manuscripts collection of Staatsbibliothek zu Berlin, and other libraries.“

Poster zur Veranstaltung als Pdf

Weitere Termine der Wissenswerkstatt

Stipendienprogramm der SPK an der Staatsbibliothek zu Berlin

Kunst und Politik im Einblattdruck / Flugblatt. Werkstattgespräch am 7.3.

Werkstattgespräch
Kunst und Politik im Einblattdruck / Flugblatt
Christiane Caemmerer (Staatsbibliothek zu Berlin)
Präsentation der Einblattdrucke von PalmArtPress mit Wolfgang Nieblich (Herausgeber) und Catharine Nicely (Verlegerin)

Montag, 7. März
18.15 Uhr
Simón-Bolívar-Saal, Haus Potsdamer Straße
Anmeldung

In ihrem Vortag stellt Christiane Caemmerer das Medium Einblattdruck/ Flugblatt in seinem Wandel von der Reformationspropaganda Lucas Cranachs über die futuristischen Manifeste und die Flugblattgedichte Johannes R. Bechers bis zu den Blättern der Kommune 1 mit einem kurzen Ausflug in die Gegenwart vor.
Mit dem Projekt bildende Künstler und Autoren im modernen Einblattdruck zusammenzuführen, greifen die Einblattdrucke von PalmArtPress im 21. Jahrhundert die Traditionen dieses frühen publizistischen Mediums auf zu berichten, aufzuklären und zu polemisieren.

 

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Vortragsreihe Die Materialität von Schriftlichkeit.

Weitere Termine der Wissenswerkstatt

Poster zur Veranstaltung als Pdf

Der Simón-Bolívar-Saal ist nicht barrierefrei zugänglich. Bitte  informieren Sie uns vorab, falls Sie Unterstützung benötigen: pr@sbb.spk-berlin.de